Checkpoint für Himmelsstürmer

Kommenden Samstag startet die achte Expedition zur Internationalen Raumstation ISS. Die drei Astronauten wurden von russischen Weltraummedizinern auf ihr Abenteuer vorbereitet. Ein Lokalaugenschein aus Moskau.

Für die drei wird es ein heroischer Moment - und ziemlich ungemütlich: Kommenden Samstag, 18. Oktober, um 7 Uhr 37 Mitteleuropäischer Sommerzeit, werden der Spanier Pedro Duque, der Amerikaner Michael Foale und der Russe Alexander Kaleri, hineingedrückt in die engen Sitze einer Sojus-Kapsel, in den Orbit jagen. Ihr Ziel: die internationale Raumstation ISS. Läuft alles nach Plan, wird das Gefährt am 20. Oktober um 9 Uhr 11 andocken und die siebte ISS-Crew - Edward Lu und Juri Malentschenko - aus ihrer sechsmonatigen Isolation befreien. "Cervantes" heißt das Abenteuer, das den Spanier Duque zum zweiten Mal in die Weiten des Weltraums führt. Nach zehn Tagen kehrt er dann mit der scheidenden Besatzung zurück zur Erde.

Wenn Pedro Duque vom Kosmodrom Bajkonur in der kasachischen Steppe abhebt, wird tausende Kilometer entfernt in Moskau ein junger Mann wehmütig. "Es war immer mein Traum, Kosmonaut zu werden", gesteht der 28-jährige Sergej Rjasanskij. Anders als viele Menschen, die kurzzeitig mit dem Weltraum-Virus infiziert wurden, ist der blonde Russe bereit, für seinen Traum bis an die Grenzen zu gehen: Er fährt auf dem Rad-Ergometer, simuliert durch "Sky-Diving" das Gefühl der Schwerelosigkeit, übt das Navigieren von Jets und Sojus-Raketen und paukt Physik, Astronomie, Ingenieurwesen und Englisch. "Wir müssen im Notfall einfach alles wissen", ist er sich bewusst.

Texaner in Moskau

Zwischendurch hilft Rjasanskij seiner Doktormutter Inessa Koslowskaja am staatlichen Institut für Biomedizinische Probleme (IBMP) in Moskau dabei, seine Kollegen für ihren Aufenthalt auf der ISS vorzubereiten. Heute hat sich ein Amerikaner in das nüchtern eingerichtete Labor gewagt. "Das ist Grant Scheffner aus Houston/Texas", erklärt Koslowskaja und zeigt auf den schwitzenden Athleten, der sich gerade in waagrechter Lage mit seinem Belastungs-Anzug müht. Auf der ISS werden ihm solche Qualen täglich blühen: Um dem Verlust von Muskel- und Knochenmasse in der Schwerelosigkeit vorzubeugen, müssen die Kosmonauten zwei Stunden pro Tag trainieren. Dennoch können sie nach ihrer Rückkehr aus dem All nur mit 80 Prozent ihrer früheren Leistungsfähigkeit rechnen. Für Mitleid mit müden Himmelsstürmern ist Inessa Koslowskaja zu lange im Geschäft: Seit 1977 leitet sie am IBMP die Abteilung für sensomotorische Physiologie und Gegenmaßnahmen (siehe Interview).

Auch Anatolij Grigorjew, Direktor des 1963 gegründeten Instituts mit 700 Mitarbeitern, weiß, dass Nachsicht auf der Erde im Weltraum zur Katastrophe führt. Dort steht den Kosmonauten keine helfende Hand mehr zu Verfügung, sondern nur noch die beschränkte Hilfe der Telemedizin: "Wir bieten EKG, EEG, Röntgenbilder und Untersuchungen mit dem Computertomographen an", erzählt Grigorjew. Bei schweren Erkrankungen müssten Expeditionen jedoch abgebrochen werden.

Österreicher im Orbit

Für Walerij Poljakow stand eine solche Variante nie zur Debatte. Bei seiner Rückkehr zu Mutter Erde am 21. März 1995 hatte der russische Kosmonaut 439 Tage auf der Raumstation MIR hinter sich gebracht - bis heute Rekord. Trotz dieser Zeit in der Schwerelosigkeit war bei Poljakow kein Muskelschwund festzustellen. Den Verdienst für dieses Wunder heftete sich die Österreichische Gesellschaft für Weltraummedizin (ASM) an die Brust: Im Gefolge des Projekts "Austromir", das Franz Viehböck als erstem Österreicher von 2. bis 10. Oktober 1991 die Pforten der MIR geöffnet hatte, wurde der Beschluss gefasst, die entwickelten Geräte weiter einzusetzen. So trainierte Poljakow im Projekt "Russischer Langzeitflug" mit einem Dynamo-Ergometer made in Austria - mit Erfolg.

Angesprochen auf die russisch-österreichische Zusammenarbeit im All sind beide Seiten bis heute voll des Lobs: "Das war unsere längste und erfolgreichste Kooperation", beteuert Inessa Koslowskaja. Ebenso euphorisch ist Norbert Vana vom Atominstitut der Österreichischen Universitäten in Wien, der seit zwölf Jahren gemeinsam mit dem IBMP Experimente zur Strahlenbelastung im Weltraum durchführt: "Sehr entgegenkommend." Schon im November werden neue Mess-Dedektoren aus Wien auf die ISS gebracht und sollen helfen, die Raumstation gegen die hundertfach erhöhte Strahlung im All abzuschirmen.

Beim Namen Koslowskaja gerät Franz Gerstenbrand, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für restaurative Neurologie und Neuromodulation in Wien, ins Schwärmen: "Die Russen haben uns in tiefer Freundschaft ihr Knowhow gegeben", erzählt er. Gemeinsam habe man einen Schuh entwickelt, der die Nerven in den Fußsohlen stimulieren und das bei Weltraumaufenthalten auftretende Bed-rest-Syndrom verhindern soll.

Nur der Physiologe Helmut Hinghofer-Szalkay zeigt sich beim Gedanken an Moskau deprimiert: "Wir haben jahrelang gemeinsam die Blutdruckregulation im All untersucht. Doch jetzt haben wir kein Geld mehr." Mangels Förderungen steht sein Institut für Adaptive und Raumfahrt-Physiologie in Graz vor dem Aus.

In Moskau hat man sich an knappe Kassen längst gewöhnt. Auch das Jurij Gagarin Kosmonauten Trainings-Zentrum, 30 Kilometer nördlich von Moskau, könnte eine modernere Ausstattung gut gebrauchen. Umso erfreuter ist man, wenn neben den 50 Kosmonauten und Astronauten pro Jahr auch ein Weltraumtourist zum Training kommt - und der russischen Raumfahrtbehörde Rosawiakosmos am Ende 20 Millionen Dollar hinterlässt.

Menschen auf dem Mars

Derzeit beherbergt das Zentrum - benannt nach Jurij Gagarin, der am 12. April 1961 als erster Mensch in den Weltraum vorgedrungen war - Simulatoren für Sojus-Raketen und die (mittlerweile versenkte) Raumstation MIR, einen "Swimming-Pool" für Unterwasser-Übungen und zwei Zentrifugen zur Nachahmung des Starts. "Zudem bieten wir Überlebenstraining für alle Landesituationen", erklärt Alexander Podolskij, Psychologe und ehemaliger Jet-Pilot. Nicht nur für die Kosmonauten, auch für die Sojus-Kapsel selbst ist die Rückkehr zur Erde eine Strapaze: "Die hier hat 3.000 Grad Celsius überstanden", sagt Podolskij und legt seine Hand auf das zerschundene Geschoß.

Geht es nach den Weltraumforschern, dann müssen Mensch und Maschine bald noch größere Hürden überwinden: Während die europäische Raumfahrtbehörde ESA davon träumt, im Rahmen des "Aurora"-Programms 2030 erstmals Menschen zum Mars zu schicken, hat man in Moskau schon das Jahr 2015 für den mehr als zwei Jahre dauernden Flug zum Roten Planeten im Visier.

Insgeheim hofft auch Jungkosmonaut Sergej Rjasanskij, bei diesem Abenteuer dabei zu sein. "Aber auch wenn ich es nur im Fernsehen mitverfolgen könnte, wäre ich schon überglücklich."

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