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Das habe ich den Kollegen in Osterreich nie vergessen

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Via furche begann vor mehr als 30 Jahren ein Gedankenaustausch Polen -Osterreich: Der jetzige Außenminister war prägend mit dabei.

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Via furche begann vor mehr als 30 Jahren ein Gedankenaustausch Polen -Osterreich: Der jetzige Außenminister war prägend mit dabei.

diefurche: Herr Minister... bartoszewski: An Herr Minister muß ich mich erst gewöhnen.

diefurche: Was man nicht alles werden kann, wenn man vor ßO Jahren auch in der FlJRCHE ein bißchen mitgearbeitet hat

bartoszewski: Meine Österreich-Kontakte haben bei meinem ersten Österreich-Besuch im November/Dezember 1963 begon nen. Ich war Gast der furche, durfte unter dem Vorwand für die polnischen Behörden, eine Redaktionspraxis zu machen, ausreisen. Der damalige Chefredakteur Kurt Skalnik hatte mich eingeladen. Die Redakteure der damaligen furche waren meine ersten intellektuellen und politischen Reiseführer durch Osterreich. Über die Furche habe ich auch Kontakte mit anderen katholischen Medien aufgebaut und zu Intellektuellen, die mit dem katholischen Milieu verbunden waren.

Eine Besonderheit meiner Biographie: Der erste Artikel über Bartoszewski ist in der Furche erschienen, geschrieben von einem hfm - Horst Friedrich Mayer! (siehe Faksimile, Anm. d. Bed.) Er hat damals über meine Bolle als katholischer Meinungspublizist und Oppositioneller in Polen geschrieben, sehr vorsichtig natürlich, aber doch so, daß man erkennen konnte, daß ich eine alternative Persönlichkeit in der Bepublik Polen bin.

Über die furche bekam ich auch Kontakt zu Kardinal König, mit dem ich seit damals vertrauliche Verbindung habe. Später habe ich auch Erhard Busek, damals noch Kommunalpolitiker, kennengelernt. Ihn und seine Studiengruppen habe ich in Polen betreut, desgleichen die Gruppenreisen der furche-Leser nach Polen. Sehr gut war ich mit Bichard Barta, dem Chefredakteur der katholischen Nachrichtenagentur kath-press befreundet.

Über Barta, Skalnik und Hubert Feichtlbauer hatte ich freundschaftlichste Verbindungen mit der Arbeitsgemeinschaft katholischer Journalisten entwickelt. Es war ein Zeugnis der Solidarität und rührendster Nächstenliebe, als ich - durch kommunistische Entscheidung 1979 nicht nur unterdrückt, sondern auch mit einer hohen Geldstrafe wegen meiner Lehrtätigkeit im Geiste historischer Wahrheit belegt - von katholischen Journalisten Österreichs eine Summe gespendet bekam, die voll meine Unkosten deckte, also die Strafe, und von der ich noch einiges an andere schlimm behandelte katholische Intellektuelle in Polen verteilen konnte. Das habe ich den österreichischen Kollegen nie vergessen. Da haben wir gespürt, wir sind nicht allein; wir leben woanders, sind unterdrückt,, aber diese Leute, obwohl sie gut und bequem leben, können das begreifen und verstehen - nicht wie andere in der Welt, die -solange sie lustig und gut leben -keine Ahnung haben oder haben wollen. Und das war dieselbe Linie, die die österreichische Öffentlichkeit danach oft noch eingehalten hat, bis zur letzten Probe Nachbar in Not.

diefurche: Wie ist Ihr Stand in einer Regierung mit postkommunistischen Kräften?

bartoszewski: Polen ist ein souveräner Staat. Und der neue Premierminister (Oleksy, Anm.d.Red.) kommt aus einer postkommunistischen Partei, die - wenn man vergleichen will - der PDS in der Bundesrepublik Deutschland ähnlich ist. Das ist eine Partei, die ihre Wurzeln nicht leugnet, die aber eine andere Partei geworden ist.

Wie mein Premierminister kommt auch ungefähr die Hälfte der Regierungsmitglieder aus so einer Partei. Und dieser Premier hat in der Regierungserklärung betont, daß die primären Ziele Polens der Weg in die EU und in die NATO sind. Und diese Zielsetzung des Premierministers akzeptiere ich voll und ganz, obwohl ich weltanschaulich ganz anders ausgerichtet bin und aus einer ganz anderen Ecke komme, mit einer ganz anderen Biographie, was für alle Polen klar ist und für alle Europäer.

Hätte ich dem Premier sagen sollen, ich nehme diese Ziele nicht an? Ich nehme sie an, und noch mehr, weil ich auf Vorschlag und mit voller Akzeptanz von Staatspräsident Walesa Außenminister geworden bin. Und darin sehe ich eine gewisse Garantie für den Konsensus, für die einheitliche Meinung der polnischen Bevölkerung und Wähler. In einer

Demokratie kann sich ein Außenminister nur am Willen der Wähler ausrichten. Andere Prüfsteine gibt es nicht. Und rechts von der Regierung steht eine Opposition, die eine katholische oder christliche ist, die noch mehr abendländisch gesinnt ist als die anderen, und auch die will selbstverständlich nach Europa.

diefurche: Was könnte den Konsens mit Ihrem Regeirungschef zerstören? Bartoszewski: Das müssen wir in den Sternen lesen. Ich stehe nur zur Durchsetzung dieser politischen Ziele in der Außenpolitik zur Verfügung. Ich bin kein Berufspolitiker, keine Partei kann mich zwingen, mich für eine bestimmte Politik zu opfern. Das ist meine private Gewissensentscheidung.

diefurche: Stehen Sie al. polnischer Außenminister unter starkem Konkurrenzdruck der anderen Reform-Staaten^

Bartoszewski: In der freien Marktwirtschaft muß man sich mit Konkurrenz abfinden. Das sind die Begeln des Spiels. Und da können politische Wege gewählt werden, wie man will. Manche wollen einen rascheren Beitritt zur EU. Das ist nicht unsere polnische Sache. Wir wünschen allen unseren Nachbarn Erfolg. Es gibt nicht nur einen Platz im Abteil. Wir wollen gemeinsam in die EU; aber wenn Tschechen oder Ungarn glauben, daß sie die Bedingungen schon erfüllen, werden wir niemanden überzeugen wollen, anders zu handeln. Wichtig sind momentan freie Grenzdurchgänge, freier Handel und Kommunikation, die Transportfragen, neue Eisenbahnlinien, die Schaffung von Info- und Mikrostrukturen - das müssen wir leisten.

Der Außenminister kann da Kontakte vorbereiten, die Öffentlichkeit stimulieren und sie über Notwendigkeit und Nutzen informieren. Und diesbezüglich laufen verschiedene Kanäle über Wien, Prag, Budapest und Preßburg.

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