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„... daß Du gehst den letzten Weg"

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Gedenkdiener Markus Ebenhoch setzt im Jüdischen Museum von Vilnius durch das Aufarbeiten der Vergangenheit ein Zeichen des friedlichen Miteinander für Gegenwart und Zukunft. Argumente statt Agitation.

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Gedenkdiener Markus Ebenhoch setzt im Jüdischen Museum von Vilnius durch das Aufarbeiten der Vergangenheit ein Zeichen des friedlichen Miteinander für Gegenwart und Zukunft. Argumente statt Agitation.

Ein überaus wichtiger Bereich der litauischen Kultur - nämlich der jüdische - ist mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Wüten der Nationalsozialisten sowie willfähriger Kollaborateure vollständig untergegangen. Rund 212.000 jüdische Menschen wurden in ganz Litauen ermordet. Mehr als 50.000 Jugendliche und Kinder. Eine Todesrate von 94 Prozent, die höchste in ganz Kuropa. Nicht einmal 8.000 litauische Juden überlebten den höllischen Holocaust im ehemaligen Weltzentrum der jüdischen Diaspora.

Im Staatlichen Jüdischen Museum Litauens erinnert die Dauerausstellung „Katastrofa" mit Fotografien, Texterläuterungen und Originaldokumenten an die Massaker. In prägnant übersichtlicher Zusammenstellung vermitteln die Exponate die jüdische Geschichte bis zum Zweiten Weltkrieg, die unsagbare Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Mörder und die spezielle Ausprägung des Genozids in Litauen. Tiefer als in jedem anderen Museum berührt die hier mit einfach-konventionellen Mitteln, ganz ohne High-Tech-Brimborium dargestellte Botschaft der Vergangenheit. „My heart is crying", formulierte eine Besucherin im Gästebuch.

Litauens Jerusalem

Museales Gedenken an die Vernichtung des „litauischen Jerusalems" innerhalb von nur zwei Jahren nach dem Einmarsch deutscher Truppen 1941, mit der jäh eine ins 14. Jahrhundert zurückreichende jüdische Tradition ausgelöscht wurde. Wilne, der jiddische Name für die litauische Hauptstadt, hatte sich zum Zentrum des religiösen und wissenschaftlichen Judentums entwickelt. Wilne war ebenso Mittelpunkt der modernen hebräischen Literatur wie auch des jüdischen Buchdrucks. Als eine der stärksten Persönlichkeiten und einflußreichsten Gelehrten gilt bis heute der Wilner Babbiner Elijah Ben Salo-mon Salman (1720-1797), der als „Gaon von Wilne" bereits zu Lebzeiten zur Legende geworden war. Zum 200. Todestag findet im September dieses Jahres in Vilnius eine Konferenz und Gedenkveranstaltung statt, wozu sich bislang bereits mehr als 900 Interessenten aus der ganzen Welt angemeldet haben.

Und in Wilne hatte sich auch eine der ersten jüdischen Arbeiterbewegungen gebildet (1897). Nach den Wirren des Ersten Weltkrieges, von denen auch die jüdische Gemeinde in Wilne arg betroffen war, brachte die Zwischenkriegszeit zahlreiche Neuerungen. So wurde 1925 das Jüdische Wissenschaftliche Institut (YIVO) mit Hauptsitz in Wilne gegründet, wo eine Bibliothek mit mehr als 100.000 Büchern, ebenso vielen Manuskripten und eine Theatersammlung eingerichtet wurden.

Rund 60.000 Jüdinnen und Juden lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in Wilne, 215.000 nichtjüdische Personen. Die „Endlösung der Judenfrage" der Nazi-Maschinerie traf die jüdische Bevölkerung in Litauen mit unvorstellbarer Grausamkeit. Innerhalb von nur vier Monaten (Juli bis Oktober 1941) waren etwa 80 Prozent der jüdischen Menschen ermordet worden. Mehr als 180.000 Männer, Frauen und Kinder. Anfang September 1941 wurden im sterbenden Wilne rund 40.000 Juden in zwei Ghettos getrieben, wo tödliche Selektionen nach „produktiven" und „unproduktiven" Personen begannen.

Trotz aller Qualen, trotz aller Angst und allen Elends entwickelten sich innerhalb und außerhalb des Ghettos Widerstandsgruppen, die jedoch erfolglos blieben. Der Widerstandsgeist manifestierte sich nicht zuletzt in einer ausgeprägten Liedkultur. „Sag niemals, daß Du gehst den letzten Weg" ist nur ein Beispiel eines Kampfliedes, das von Wilne den Weg in Ghettos und Lager anderer Länder fand. Am 23. September 1943 wurde das Wilner Ghetto aufgelöst. Von den rund 60.000 „Wilne"-Juden überlebten etwa 2.000 bis 3.000 das entsetzliche Morden der deutschen Nationalsozialisten und von deren österreichischen Helfern (wie Franz Murer, als „Schlächter von Vilnius" zu trauriger Berühmtheit gelangt) sowie den litauischen Kollaborateuren. Von den 113 Synagogen in Wilne - die berühmte „Große Synagoge" wurde von Napoleon mit Notre Dame verglichen - ist eine einzige übriggeblieben. Heute leben in ganz Litauen etwa 6.000 jüdische Menschen, wobei vor allem die Jungen hier keine Zukunft sehen und emigrieren.

Gratwanderung

Hier setzt der aus Vorarlberg stammende Gedenkdiener Markus Eben-hoch an: „Daher ist es umso wichtiger, im Bereich des Museums umfangreiche Arbeit zu leisten, um für die Verbliebenen die jüdische Kultur aufrechtzuerhalten, die jüdische Kultur wiederzubeleben. Und ich als ,neutraler' Österreicher habe hier viele Möglichkeiten, Positives beizutragen. Auch ein Zeichen des Niemais-Vergessens zu setzen, und zu zeigen, daß wir Österreicher nun anders denken als unsere in Wilne, Theresien-stadt, Auschwitz mordenden Land-leute von damals". Der 20jährige Ebenhoch wirkt im Rahmen des Gedenkdienstes, des österreichischen Äquivalents zur deutschen „Aktion Sühnezeichen", im Jüdischen Museum von Vilnius. Seine tiefgreifenden Kenntnisse der litauischen und jüdischen sowie litauisch-jüdischen Geschichte ermöglichen ihm einen behutsamen Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart. Oftmals ist es eine Gratwanderung ohne Seil zwischen positivem Wirken und fataler Verletzungsgefahr, kommt doch im größten baltischen Staat erschwerend hinzu, daß „in Litauen mit der jüdischen Geschichte zu arbeiten, heißt, nicht nur an die Vernichtung des litauischen Judentums zu erinnern, sondern auch den Mord an der Vergangenheit durch die sowjetische Okkupation aufzuarbeiten" (Efraim Zu-roff, Leiter des Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem).

Doch Ebenhoch, der noch bis Ende September im Einsatz ist, ist es mit persönlichem Engagement und sensibler Offenheit gelungen, das Vertrauen der jüdischen und nichtjüdischen Menschen in Litauen zu gewinnen. Einen Schwerpunkt seiner Tätigkeit sieht er in der „Arbeit mit Schulklassen und Jugendvereinen. Täglich werde ich damit konfrontiert, wie wenig oder Falsches die Jugendlichen über den Holocaust wissen. In Schulen stoße ich durchwegs auf großes Interesse an Vorträgen, Filmvorführungen und Museumsbesuchen. Diese Aufklärungsarbeit im Sinne von Bewußtseinsveränderung gehört zu meinen wichtigsten, wenn auch schwierigsten Aufgaben. Als nichtjüdischer und von Österreich bezahlter Gedenkdiener kann ich jedoch hier freier agieren als die anderen Mitarbeiter des Museums."

Ebenso wichtig nimmt der Handelsakademie-Absolvent seine Mitarbeit bei museumsinternen Angelegenheiten, Archivarbeiten, Übersetzungen und die Werbung für das Museum, das 1989 in einem typischen litauischen grünen Holzhaus, im Volksmund „Grünes Haus" genannt, eingerichtet wurde.

„Die heikelsten Punkte hier sind der mehr oder weniger latent vorhandene Antisemitismus und das Verschweigen, daß litauische Kollaborateure an Greueltaten beteiligt waren. Ein brisantes Beispiel stellt der Fall Alexander Lileikis dar. Der ehemalige Chef der litauischen Sicherheitspolizei wird der Mitwirkung bei der Errichtung der zwei Ghettos sowie der Teilnahme an den Massenerschießungen während der Nazi-Okkupation beschuldigt. Nachdem ihm im Vorjahr aufgrund von Untersuchungen des Wiesenthal-Zentrums die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt worden ist, kehrte er nach Litauen zurück.

Kollaborateure

Mit dem Argument, daß der 92jähri-ge Lileikis zu krank sei, um ernsthaft verhört zu werden, wird von staatlicher Seite versucht, einer breiteren Diskussion aus dem Weg zu gehen. Wegen der angespannten politischen Situation und der finanziellen und rechtlichen Abhängigkeit vom litauischen Staat vermeidet das Jüdische Museum tunlichst, Fotos von litauischen Kriegsverbrechern auszustellen oder eine offizielle Stellungnahme zum Thema Lileikis abzugeben. Deshalb reagieren auch die Museumsmitarbeiter sehr vorsichtig", zeigt Ebenhoch für seine Kolleginnen und Kollegen Verständnis. „An diesem Punkt können gerade wir Gedenkdiener und Österreicher ansetzen und bei den zahlreichen Führungen durch das Museum, das auffallend wenig von Litauern besucht wird, auf diese aktuelle politische Problematik hinweisen, ohne daß dabei für das Museum ein Risiko entsteht. Und für die hier arbeitenden Juden sind wir Gedenk -diener ein Funken Hoffnung. Hoffnung, daß der letzte Rest der jüdi sehen Kultur erhalten bleibt. Hoffnung, die die junge jüdische Generation nicht mehr hat."

Ob bei Angestellten im Kulturministerium oder im Österreichischen Iesesaal oder im Kaffeehaus: „Markus, der Österreicher" ist aufgrund seines enormen Einsatzes überall im besten Sinne bekannt. Und er trägt dazu bei, das „Licht, das einst von Wilne, dem Jerusalem Litauens, ausging, nicht erlöschen zu lassen" (Rachel Kostanian, Wissenschaftliche Leiterin des Jüdischen Museums).

Der deutsche Botschafter in Litauen, Ulrich Bosengarten, schrieb nach seinem Besuch des Jüdischen Museums (August 1996) folgende Worte ins Gästebuch: „Tief beeindruckt und auf eine bessere Zukunft hoffend, an der wir gemeinsam wirken wollen."

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