"Dass nie ein Mensch einem Zweck geopfert wird"

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Albert Schweitzer: Bis zum dreißigsten Lebensjahr für Kunst und Wissenschaft und dann für ein "unmittelbares menschliches Dienen" gelebt

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Albert Schweitzer: Bis zum dreißigsten Lebensjahr für Kunst und Wissenschaft und dann für ein "unmittelbares menschliches Dienen" gelebt

Eine Person sollte im Bach-Jubiläumsjahr nicht vergessen werden: Albert Schweitzer, vor 125 Jahren im Elsaß geboren, war neben seinen vielen Begabungen auch einer der bedeutendsten Kenner des Orgelwerkes von Johann Sebastian Bach. Eine zu "Klang gewordene Gotik" war für Schweitzer die Musik Bachs. 1912 brachte er eine fünfbändige Ausgabe sämtlicher Orgelwerke Bachs in New York heraus, mit der er sich bedeutende und bleibende Verdienste als Musiker erwarb.

Als ältester Sohn eines protestantischen Pastors studierte Schweitzer zuerst Theologie und Philosophie und machte sich später als Professor mit seiner Leben-Jesu- und Paulus-Forschung einen Namen. Eine Art Berufungserlebnis zeigte ihm aber sehr bald seine eigentliche Aufgabe: "An einem strahlenden Sommermorgen in Günsbach - es war im Jahre 1896 - überfiel mich der Gedanke, dass ich mein Glück nicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen dürfe, sondern etwas dafür geben müsse." Daraufhin beschloss er, bis zum dreißigsten Lebensjahr für Wissenschaft und Kunst zu leben. Dann wollte er sich "einem unmittelbaren menschlichen Dienen weihen".

Im Herbst 1904 fand er auf seinem Schreibtisch in einem Heft der Pariser Missionsgesellschaft die Notiz, dass in der Mission in Äquatorialafrika ein Arzt fehle. Sofort war ihm klar, dass dort sein zukünftiges Aufgabengebiet liegen würde. Zielbewusst begann er ein Medizinstudium, neben dem er aber noch seine theologische Lehrverpflichtung an der Universität ausübte. Bei seiner Familie und bei Freunden stieß sein Entschluss auf völliges Unverständnis.

1910 legte Schweitzer seine letzte medizinische Prüfung ab. 1913 begann er unter äußerst primitiven Bedingungen seine Tätigkeit im Urwaldspital Lambarene in Gabun. Um ihm die Trennung von seiner geliebten Orgelmusik zu erleichtern, schenkten ihm Freunde ein Klavier mit Orgelpedalen. Aber vorher hatte er noch in Europa durch Buchhonorare und Orgelkonzerte einen beträchtlichen Teil des Geldes verdient, das für den Bau seines Spitales erforderlich war. In der durch den Ersten Weltkrieg verursachten Zwangspause in einem französischen Internierungslager fand er Zeit, seine schon im Jahr 1900 begonnene Kulturphilosophie zu vollenden. 1923 erschien das Werk "Kultur und Ethik".

Als Resümee seiner Suche nach der Wahrheit in der Philosophie schreibt Schweitzer: "Die bisher aufgestellten Prinzipien des Sittlichen sind unbefriedigend. Dies wird darin offenbar, dass sie sich nicht zu Ende denken lassen, ohne zu Paradoxien zu führen oder an ethischem Gehalt zu verlieren." Was Schweitzer in der Philosophie vergeblich sucht ist die "reine Ethik der tätigen Hingebung", wie er sie im Urwald persönlich praktiziert, aber für die allem Anschein nach keine philosophischen Grundlagen vorhanden sind. Noch auf der Suche nach dieser Grundlage fährt Schweitzer einmal mit einem kleinen Dampfer auf dem Fluß Ogowe durch eine Herde von Nilpferden, und das Wort "Ehrfurcht vor dem Leben" steht vor ihm. Ein Auftrag, der ihm zum obersten Prinzip wird und ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr verlässt.

"Ethik sollte enthusiastisch sein" Nun postuliert er: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." Und er spricht von der "Ethik des Erlebens der ins Grenzenlose erweiterten Verantwortung gegen alles, was lebt". Er kritisiert auch herkömmliches christliches Denken als "Religion des Erwarten des Weltendes" statt einer "Religion des die Welt umgestaltenden Wirkens". Ethik sollte "irgendwie enthusiastisches Handeln sein. Humanität besteht darin, dass nie ein Mensch einem Zweck geopfert wird."

Absolut konsequent ist Albert Schweitzer in seiner Aufforderung an die Menschen, das Postulat der Ehrfurcht vor dem Leben praktisch umzusetzen: "Außergewöhnliche Hingabe von Leben an Leben musst du leisten. Lass dir ein Nebenamt, in dem du dich als Mensch an Menschen ausgibst, nicht entgehen. Es ist dir eines bestimmt, wenn du es nur richtig willst. Miteinander müssen wir alle wissen, dass unser Dasein seinen wahren Wert erst bekommt, wenn wir etwas von der Wahrheit des Wortes: Wer sein Leben verliert, der wird es finden in uns erleben."

1951 wird Albert Schweitzer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 1952 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Im September 1965 stirbt er in Lambarene.

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