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Den Blick gen Westen richten

Die Höhe der Hilfsleistungen der USA für den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg ist enorm. Das Programm besiegelte aber auch die Teilung des Kontinents in West und Ost und somit die politische Ausrichtung der europäischen Staaten.

D ass Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg großzügige ausländische Hilfe zuteilwurde, ist wegen der Strategie, die die Siegermächte nach dem Ersten Weltkrieg verfolgten, erstaunlich. Man wollte damals die Verliererstaaten durch hohe Reparationszahlungen wirtschaftlich klein halten und somit einen Wiederausbruch des Krieges verhindern. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde teilweise diese Strategie vertreten.

Die Vorläufer-Ideen

Bereits vor dem Marshall-Plan gab es Ideen für den Wiederaufbau Europas. Zum einen erarbeitete 1944 US-Finanzminister Henry Morgenthau jun. einen gleichnamigen Plan und zum anderen der Franzose Jean Monnet. Ersterer sah vor, Europa mit jenen Mitteln wiederaufzubauen, die von Deutschland in Form von Reparationszahlungen geleistet würden. Der Plan Monnets war ähnlich und sah die französische Übernahme der deutschen Kohle-Gebiete im Ruhr- und Saarland vor. Diese Pläne wurden 1946 verworfen.

Der beginnende Kalte Krieg trug wesentlich dazu bei, dass sich die USA entschlossen, Europa aktiv beim Wiederaufbau zu unterstützen. Die in der Geschichte oft zitierte Truman-Doktrin (12. März 1947) legte den Grundstein für die damalige amerikanische Außenpolitik. Präsident Truman erklärte in seiner Rede vor dem amerikanischen Kongress, dass die USA "allen Völkern, deren Freiheit von militanten Minderheiten oder durch einen äußeren Druck bedroht ist", Beistand gewähren müsse. Ziel war es, den sich ausbreitenden Machtbereich der kommunistischen UdSSR einzudämmen.

Die Jahre nach 1945

Die Bevölkerung Österreichs, vor allem jene in den Städten, litt nach Kriegsende unter einer enormen Nahrungsmittelknappheit. In den Kriegswirren des Frühjahres 1945 konnten die Felder nicht mehr bestellt werden, es fehlte an Saatgut, Düngemitteln und Arbeitskräften, und somit fiel die Ernte in diesem Jahr besonders schlecht aus. Die landwirtschaftliche Produktion erreichte 1945 nur ein Drittel der frühen Kriegs- und Vorkriegsjahre. 1947 wurde Österreich als das Land mit der am schlechtesten ernährten Bevölkerung Europas eingestuft. Der Normalverbrauch wurde mit 1700 Kalorien/Person angenommen, trotzdem konnten die Bauern den Nahrungsmittelbedarf Österreichs nur zu 40 Prozent decken. Vor dem Start des Marshall-Planes half die US-Armee mit Lebensmittellieferungen (GARIOA, Government and Relief in Occupied Areas) und auch die UNRRA-Hilfe (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) wurde größtenteils von den USA finanziert.

Österreich bekam die Marshall-Hilfe als Grants (Zuschüsse). Auch nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Form von Völkerbund-Anleihen Hilfe für Österreich, die jedoch weniger großzügig ausfiel. Das damals als nicht lebensfähig geltende Land sollte damit über Wasser gehalten werden. Die erste Völkerbund-Anleihe unter Bundeskanzler Ignaz Seipel betrug 611 Millionen Goldkronen (zirka 800 Millionen Schilling), und war mit elf Prozent verzinst. Österreich erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg rund 1,6 Milliarden Dollar an amerikanischer Wirtschaftshilfe - davon entfiel zirka eine Milliarde auf den Marshall-Plan. Hätte Österreich wie für die Völkerbund-Anleihe einen Zinssatz von elf Prozent leisten müssen, wären dafür jährlich Tilgungsraten von 176 Millionen Dollar oder 4,58 Milliarden Schilling angefallen. Die Schuldenfalle wäre vorprogrammiert gewesen.

Väter des Marshall-Planes

Bereits 1946 war auf amerikanischer Seite klar, dass der Wiederaufbau Europas einen Plan benötigt. In der Abteilung für deutsche und österreichische Wirtschaftsangelegenheiten des Außenministeriums waren sich die Ökonomen Charles P. Kindleberger und Walt W. Rostow einig, dass die europäische Wirtschaft nur durch die Kooperation zwischen den Ländern und nur durch die stärkere Integration (West-)Deutschland wieder auf die Beine kommen würde. Im Falle Österreichs sollte die Einheit des Landes gewahrt werden. Maßgeblich an der Ausarbeitung unter Außenminister George C. Marshall beteiligt waren auch William L. Clayton und George F. Kennan.

Auf der österreichischen Seite war es vor allem die Vorarbeit der jungen Ökonomin Margarethe Ottillinger, die in ihrer Arbeit unter Bundesminister für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung Peter Krauland Konstitutionspläne für einzelne Industriebranchen sowie einen generellen Kernplan erstellte. Diese Pläne erleichterten die Verhandlungen mit dem CEEC (Committee on European Economic Co-operation), das den österreichischen Bedarf an Marshall-Hilfe festlegte. Ottillinger wurde im November 1948 von den Sowjets an der Zonengrenze in Enns gefasst und der Spionage bezichtigt, sie verbrachte die Jahre bis 1955 in sowjetischen Gefängnissen.

George C. Marshalls Idee war, die europäische Wirtschaft durch die Lieferung von Kohle, Baumwolle, Nahrungs- und Düngemitteln sowie Maschinen wieder anzukurbeln. Ende Juni 1947 konnten die notleidenden Länder Europas ihren Bedarf an Hilfsleistungen auf einer Konferenz in Paris vorbringen. Auch Polen und die Tschechoslowakei wollten am Marshall-Plan teilnehmen, wurden aber von Moskau zurückgehalten, das selbst von Beginn an vom Marshall-Plan nicht ausgeschlossen wurde. 16 Länder erhoben in Paris einen Bedarf von 30 Milliarden Dollar. Schlussendlich wurden Mittel im Wert zwischen 14 und 16,2 Milliarden Dollar bewilligt.

Das Ende der Konferenz besiegelte die Teilung Europas, lediglich Österreich konnte, als auch von der Roten Armee besetztes Land, bundesweit am Marshall-Plan teilnehmen.

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