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Der lörmärz hat schon begonnen

1945 1960 1980 2000 2020

Die 46. Frankfurter Buchmesse war keine der Superlative, aber ein Indikator für die politische Entwicklung.

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Die 46. Frankfurter Buchmesse war keine der Superlative, aber ein Indikator für die politische Entwicklung.

Noch haben zu viele zuviel zu verlieren. Nimmt man die diesjährige 46. Frankfurter Buchmesse als Zeitbarometer, so wurde genau das am heftigsten diskutiert, was sich im Ergebnis der österreichischen Nationalratswahlen politisch manifestiert hat: die Bereitschaft zu grundlegenden Veränderung steigt in dem Maße, in dem die Menschen keine Zukunftsperspektive mehr erkennen können. Wie lange deshalb der Grundkonsens der bestimmenden politischen Kräfte nach dem Zweiten Weltkrieg noch hält, war einer der Hauptdiskussionsgegenstände in Frankfurt.

Denn vor allem für die Deutschen stand diese Buchmesse im Schatten der Bundestagswahl vom kommenden Sonntag. Die Folgen der Wiedervereinigung beschäftigen Politiker und Intellektuelle gleichermaßen. Nach den gegenseitigen Vorwürfen von Ost und West tritt man jetzt in die Phase der Vergangenheitsbewältigung mit der Ausgangsfrage: Was ist schiefgelaufen nach 1989? Das Verständnis zwischen „Ossis“ und „Wessis“ ist allerdings kaum gestiegen - eher im Gegenteil. Ein Frankfurter Publizist etwa, der 68er-Generation angehörend, versteht nicht, wie man heute eine Partei wie die PDS wählen kann, eine Partei, von der er meint, sie hätte keinerlei Konzepte zur Gestaltung der Zukunft dieses Staates anzubieten. Auf der anderen Seite versteht ein Angestellter eines Ostberliner Wirtschaftsverlages nicht, wieso sein Ost-Diplom nicht anerkannt wurde und er, um einen West-Abschluß zu bekommen, zwei Jahre auf einen Ausbildungsplatz warten müßte. Soviel Zeit hat er aber nicht! Darüber hinaus ist für ihn schwer einzusehen, daß für die gleiche Arbeit in Ost und West noch immer verschiedene Löhne bezahlt werden. Deshalb kann er sich gut vorstellen, daß die PDS im deutschen Bundestag verbleibt, weil die Menschen in der früheren DDR sich betrogen fühlen und die PDS jene Partei ist, die der Enttäuschung Ausdruck verleiht.

So kam es etwa auch dazu, daß seit 1992 in Ost und West zwei verschiedene Bestsellerlisten geführt werden. Mitbetreiber dieser Entwicklung war der Ostberliner Aufbau Verlag, der auf einer Pressekonferenz die Gründe dafür erläuterte. Seiner Meinung nach gebe es „im Schatten der Mauer“ zwei verschiedene Lesegemeinschaften und vor allem auch Leseerfahrungen. Die Ostdeutschen wollen einen Autor zum Angreifen, hier dauert die Autogrammstunde nicht selten länger als die Lesung. Es gibt ein spezifisches Verhältnis zum Buch und dem Autor, der in der DDR oft Lebenshilfefunktionen übernommen hat und damit zu einem Lebensbegleiter wurde. Verbitterung hat deshalb die Tatsache ausgelöst, daß der dritte 1 eil von* Erwin Strittmatters „Laden“-Trilogie, von der in den ersten sechs Monaten nach Erscheinen 100.000 Exemplare verkauft wurden,

in den Bestsellerlisten nicht aufschien, weil über 90 Prozent davon im Osten verkauft worden waren. Im übrigen will der Aufbau-Verlag aber als gesamtdeutscher, ja internationaler Verlag verstanden werden, doch mit Rücksichtnahme auf sein „ Stammpublikum “.

In einem Pressegespräch am Vortag der Verleihung des angesehenen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels meinte deshalb der diesjährige Preisträger, der 1923 in Madrid geborene Buchenwald-Häftling Jorge Semprün, daß nur Deutschland in Europa die zwei Gedächtnisse habe, das nationalsozialistische und das sta- linistische, und weiter: „Deutschland muß das für Europa aufarbeiten.“ Semprün selbst war ja Mitglied des ZK der spanischen Exil-KP und koordinierte den Widerstand gegen Franco, bis er 1964 wegen Abweichung ausgeschlossen wurde. Von

1988 bis 1991 war er spanischer Kulturminister unter Felipe Gonzalez. Über sich selbst sagt er, daß er alles nur halb war, ob Autor oder Politiker, das einzige, was er in seinem Leben ganz war, war KZ-Häftling. Semprün ist auch einer der wenigen, der den Krieg im ehemaligen Jugoslawien noch thematisiert, der sonst auf der Buchmesse nur mehr eine geringe Rolle spielte. Für ihn ist er eine Folge des Vakuums nach dem Zusammenbruch des Kommunismus.

Doch man hat sich an diesen Krieg längst gewöhnt. FURCHE-Autor Ivan Ivanji verhehlt seine Enttäuschung über den Westen nicht. Er meint, man hätte nicht mit Über- schall-Flugzeugen über die fälschlich als Heckenschützen bezeichneten Mörder und die Granatwerfer hinwegfliegen, sondern sie von Kampfhubschraubern aus beschießen sollen. Er weiß allerdings, daß das nicht ohne Verluste zu machen gewesen wäre. Er würde sich nicht mehr wundern, wenn Slobodan Milosevic, vorausgesetzt er beendet bald den Krieg, den Friedensnobelpreis bekäme. Den haben schon einige für die Beendigung jener Kriege erhalten, die sie selbst angezettelt haben. Auch der berüchtigte Verbrecher „Arcan“, der seine eigene Familie längst in die Schweiz gebracht hat, wird wahrscheinlich ungeschoren davonkommen.

DAS GROSSE VERGESSEN

Typisch für die Verdrängung des Mordens mitten in Europa ist, daß der vor drei Jahren neu installierte Ost-West-Treffpunkt, der einst im Mittelpunkt des Interesses stand, im nächsten Jahr von einem Nord-Süd- J’reffpunkt abgelöst werden wird. Schon heuer wurden dort eher exotische Themen abgehandelt, so etwa die Frage an den estnischen Autor Mikei Mutt, „wie man sich als Schriftsteller eines 1,7 Millionen Volkes fühlt“. Nichts gegen Estland und seine Sprache, die der im damaligen Reval (heute Tallinn) aufgewachse- ne Robert Gernhardt als die schönste der Welt bezeichnete, aber es ist doch Zeichen für die Abstumpfung gegenüber der Not in Bosnien.

Daran konnte auch die vom Wie ser-Verlag initiierte und auf der Messe präsentierte „Bosnische Bibliothek“ nichts ändern. Angesichts der Bedrohung durch die Briefbombe an die Klagenfurter Adresse des engagierten Verlegers Lojze Wieser war man auch im „Lager“ der Österreicher verständlicherweise mit sich selbst beschäftigt. Minister Rudolf Schölten bemerkte daher gleich bei der Präsentation des Österreich-Standes, daß die Appelle für die Offenheit und Freiheit der Kunst nicht länger unter Banalität eingereiht werden dürfen. Lojze Wieser meinte im Gespräch mit der FURCHE, daß für ihn das Problem die Polizei sei, die aus ungeklärten Gründen nicht rasch und entschieden genug (re)agiere. Ihm wurde nahegelegt, sich „nicht so aufzuregen“, da ohnehin nichts pas- sjert sei.

Doch Schölten hatte auch eine gute Nachricht: Deutschland ist es gelungen, den festen Ladenpreis für Bücher in die EU zu retten. Damit können auch wir bei unserem Beitritt die Preisbindung beibehalten und die aus Deutschland importierten Bücher müßten durch die Angleichung zwischen D-Mark und Schilling etwas billiger werden. Zu befürchten ist allerdings, daß diese Verbilligung, wenn überhaupt, ähnlich wie beim Benzinpreis, mit deutlicher Verzögerung an den Konsumenten weitergegeben wird.

Kritikern, die dem Minister vorwarfen, daß es sich beim „Komitee Frankfurt ‘95“, das die Planung für Österreich als Schwerpunktland bei der Buchmesse im nächsten Jahr durchführen soll, um eine „Seilschaft von Freunden“ handle, hielt Schölten entgegen, er würde sich freuen, wenn diese Kritiker recht behielten. Für alle, die bei der Präsentation des von Adolf Krischanitz entworfenen, zwei Millionen Schilling teueren Österreich-Pavillons (siehe FURCHE 26/1994) dabei waren, bot die Vorstellung der Absichten für das kommende Jahr nichts wesentlich Neues.

Das Frankfurter Barometer zeigte also nach außen hin noch relativ ruhiges, wenn auch kühles Herbstwetter an, doch wer daran klopfte, konnte den Zeiger schon in Richtung auf ein nicht mehr allzu fernes Sturmtief wandern sehen.

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