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Zeitgeschichte

Der revolutionären Tradition auf der Spur

1945 1960 1980 2000 2020
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In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg - für das Bürgertum eine Belle Époque -trat die Arbeiterbewegung ihren langen Marsch in die Institutionen an. Sie wuchs zu einer mächtigen Gegenkultur heran, die ihre Kraft aus dem Glauben an die Revolution zog und sich einen eigenen Kosmos der Erinnerung schuf, der in Österreich um das Jahr 1848 kreiste. An jedem 13. März, Jahrestag des Aufstands in Wien, zogen Tausende auf den Zentralfriedhof, um vor dem dort aufgestellten Obelisken der "Märzgefallenen" zu gedenken. Dass die Erinnerungskultur der Revolution einen anderen Blick auf das lange 19. Jahrhundert eröffnet, demonstriert der Historiker und FURCHE-Autor Wolfgang Häusler in seinem Buch "Ideen können nicht erschossen werden". Ausgestattet mit enzyklopädischem Wissen und einem kunsthistorisch geschulten Auge hat sich Häusler auf Spurensuche begeben und in den einst habsburgischen Landen viele Denkmäler gefunden, die an die revolutionäre Tradition erinnern. Wenige sind so groß wie der genannte Obelisk, viele stehen auf Friedhöfen, wo die Gefallenen im Kampf für Demokratie und Freiheit begraben liegen. Etliche sind gut versteckt wie der Gedenkstein im Volksgarten, der an die Gründung des Wiener demokratischen Frauenvereins 1848 erinnert. Wieder andere sind zu sprachlichen Monumenten geworden wie das Wort "Völkerbastille", das der Dichter Moritz Hartmann 1849 erstmals auf Österreich münzte. Die weitaus größten Denkmäler fand Häusler in Ungarn, Tschechien und der Slowakei, wo sie den Befreiungskampf der im Habsburgerreich eingesperrten Völker glorifizieren. Der Nationalismus betrat in diesen Ländern 1848 die politische Arena -und zeigte sogleich sein wahres Gesicht, als die Ungarn gewaltsam gegen Slowaken und Serben vorgingen, die in ihrem Teil des Reiches lebten und dieselbe Freiheit für sich reklamierten. (Christian Jostmann)

Ideen können nicht erschossen werden Revolution und Demokratie in Österreich 1789 -1848 -1918. Von Wolfgang Häusler Molden 2017,256 Seiten, geb., € 29,90

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg - für das Bürgertum eine Belle Époque -trat die Arbeiterbewegung ihren langen Marsch in die Institutionen an. Sie wuchs zu einer mächtigen Gegenkultur heran, die ihre Kraft aus dem Glauben an die Revolution zog und sich einen eigenen Kosmos der Erinnerung schuf, der in Österreich um das Jahr 1848 kreiste. An jedem 13. März, Jahrestag des Aufstands in Wien, zogen Tausende auf den Zentralfriedhof, um vor dem dort aufgestellten Obelisken der "Märzgefallenen" zu gedenken. Dass die Erinnerungskultur der Revolution einen anderen Blick auf das lange 19. Jahrhundert eröffnet, demonstriert der Historiker und FURCHE-Autor Wolfgang Häusler in seinem Buch "Ideen können nicht erschossen werden". Ausgestattet mit enzyklopädischem Wissen und einem kunsthistorisch geschulten Auge hat sich Häusler auf Spurensuche begeben und in den einst habsburgischen Landen viele Denkmäler gefunden, die an die revolutionäre Tradition erinnern. Wenige sind so groß wie der genannte Obelisk, viele stehen auf Friedhöfen, wo die Gefallenen im Kampf für Demokratie und Freiheit begraben liegen. Etliche sind gut versteckt wie der Gedenkstein im Volksgarten, der an die Gründung des Wiener demokratischen Frauenvereins 1848 erinnert. Wieder andere sind zu sprachlichen Monumenten geworden wie das Wort "Völkerbastille", das der Dichter Moritz Hartmann 1849 erstmals auf Österreich münzte. Die weitaus größten Denkmäler fand Häusler in Ungarn, Tschechien und der Slowakei, wo sie den Befreiungskampf der im Habsburgerreich eingesperrten Völker glorifizieren. Der Nationalismus betrat in diesen Ländern 1848 die politische Arena -und zeigte sogleich sein wahres Gesicht, als die Ungarn gewaltsam gegen Slowaken und Serben vorgingen, die in ihrem Teil des Reiches lebten und dieselbe Freiheit für sich reklamierten. (Christian Jostmann)

Ideen können nicht erschossen werden Revolution und Demokratie in Österreich 1789 -1848 -1918. Von Wolfgang Häusler Molden 2017,256 Seiten, geb., € 29,90