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Der Schatten Chinas

Obwohl in Genf die Atomexperten über die technischen Möglichkeiten der Kontrolle von Atomexplosionen verhandeln, obwohl der Kreml seine nicht abreißenwollende Korrespondenz über die Gipfelkonferenz fortsetzt, ist es doch deutlich spürbar, daß seit einiger Zeit die sowjetische Außenpolitik nicht mehr so selbstbewußt sicher und folgerichtig agiert. Man weiß auch genau, seit wann ein leises Schwanken in den Aktionen der Sowjetdiplomatie bemerkbar ist. Seit jenem berühmten Artikel in der „Volkszeitung“ von Peking, mit welchem der Streit des Ostblockes mit Jugoslawien von neuem aktiviert wurde. Es ist verblüffend, zu sehen, daß plötzlich die chinesischen Kommunisten zu den Gralshütern der reinen Leninschen Lehre und zu den Verfechtern des proletarischen Internationalismus sowie des monolithischen Blockes der kommunistischen Staaten geworden sind. In seiner Ablehnung Titos geht Peking viel weiter als Moskau und jeder andere kommunistische Staat — bis zur unprovozierten Beleidigung und Boykottierang der diplomatischen Vertretungen Titos in China. Der sonst so elastische Mao Tse-tung und sein Premierminister, der Aristokrat Tschu En-lai, die bisher unbekümmert in der chinesischen Innenpolitik ihren eigenen kommunistischen Weg gingen, sind jetzt plötzlich zu den orthodoxesten Leninisten aufgerückt.

Der Kreml steht offenbar unter chinesischem Druck. Wir wollen damit nicht sagen, daß der Begriff „Druck“ im buchstäblichsten Sinne des Wortes verstanden werden muß. Es sind, keine Anzeichen vorhanden, daß etwa zwischen Moskau und Peking irgendwelche Unstimmigkeiten herrschen. Es ist sogar unwahrscheinlich, daß die Chinesen mit Drohungen oder auch nur Unfreundlichkeiten operieren. Es wird in Wirklichkeit wohl so sein, daß zwischen Moskau und Peking Gespräche geführt werden. Die objektive Lage ist eben so, daß man im Kreml versuchen muß, den chinesischen Wünschen und Ansichten möglichst gerecht zu werden. CHINA IST KEIN SATELLIT

Die Welt hat sich lange über das russischchinesische Verhältnis getäuscht. Als die Kommunisten in China siegten, war die allgemeine Meinung in der westlichen Welt, daß der Kreml einen neuen Satelliten erworben haue. Die wenigen gegensätzlichen Meinungen einzelner Spezialisten verklangen im allgemeinen Rauschen des Blätterwaldes. Selbst als 1952 Mao und seine große Delegation mit Stalin in Kreml monatelang feilschten, blieb man bei der Theorie, daß China so etwas wie eine sowjetrussische Kolonie geworden wäre. Erst die Enthüllungen Chruschtschows auf dem XX. Parteitag zeigten, daß es damals beinahe zum Bruche zwischen Stalin und Mao gekommen war, bis schließlich Stalin auf der ganzen Linie nachgeben mußte. Eine aufmerksame Lektüre des damals publizierten Vertrages zeigte das sehr deutlich. Für Stalin persönlich wird das wohl ein sehr schweres Erlebnis gewesen sein.. Es jst | ja offenbar, daß Statin s'egWn. Träumen sich als der größte Herrscher Rußlands glaubte, als Herrscher, der die kühnsten Pläne aller russischen Zaren, einschließlich Peter des Großen, verwirklichte. Dieser russische Supernationalismus steht dabei nicht in Widerspruch zu seiner kommunistischen Psychologie. Denn mit seinem Programm wollte er auch zeigen, daß die Zaren, gestützt auf den feudalen Adel und die Händlerkaste, ihr großartiges imperiales Programm nicht verwirklichen konnten und erst der Kommunismus-Leninismus in der Lage. w,ar, ies, ,zu tun.Mj;„ fiiflwäqser,I(Qe- j nauigkejt.J,Stalin alles d#s registrieren. w,as, Rußland je an Territorien, Recht und Interessen besessen hat, was je ein russischer Zar für Rußland beansprucht hatte. Das alles hat er in den Verträgen während und nach dem Kriege für die Sowjetunion beansprucht und erreicht.

DIE STJLLE KAPITULATION

Als die mehr als dreimonatigen Verhandlungen mit Mao zu Ende gegangen waren, hatte Stalin praktisch sein neu erworbenes asiatisches Imperium verloren. Wenn man den damals publizierten Vertrag aufmerksam liest, so sieht man klar, daß die stalinischen Verträge mit Tschiangkaischek in Fetzen gerissen waren. Es war schon aus dem Text dieses Vertrages klar, daß in absehbarer Zeit die Sowjetunion auf die Rechte in der Mandschurei, in Sinkiang und auf Port Arthur werde verzichten müssen. Indessen ging es noch weiter. Besonders symptomatisch war -der Absatz über die Innere Mongolei. Auf die Mongolei hatte das zaristische Rußland seit dem vorigen Jahrhundert einen wachsenden Anspruch. Es förderte die Selbständigkeitsbewegung der Mongolen unter ihrem lebendigen Gott, dem Bogdo-Lama. 1912, als China Republik wurde, erklärte sich die Mongolei für unabhängig und seitdem war die völkerrechtliche Lage dieses Landes im Herzen Asiens ziemlich unklar. Man wird aus den vielen Verträgen nicht recht klug, ob nun das seitdem in beständiger Revolution befindliche China diese Unabhängigkeit je anerkannt hat und wie das eigentliche Verhältnis zur Mongolei war. Tatsächlich hatten aber, obwohl sie mit der Mongolei einen intensiven Handel betrieben, die Chinesen im Lande nichts mehr zu sagen. Ein russischer Ge,npi;?Jkons£il und diplomatisßyjifc.faß in ,ie$(mongolischen Hauptstadt, die heute Ulan-Bator heißt, und eine russische Garnison schützte ihn, bis Generalkonsul und Garnison in den Wirren der russischen Revolution verschwanden. Als der Bürgerkrieg in Sibirien zu Ende ging, flüchtete der baltische Baron und weißrussische General tlngern-Sternberg mitsamt den Resten seiner Armee nach der Mongolei.

Die Legende will wissen, daß dieser Baron dem damals noch jugendlichen göttlichen Oberhaupt der Mongolei seine eigene Leidenschaft beibrachte, nämlich das Wodkatrinken, welches ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Die Roten stießen nach, vernichteten die weißrussischen Truppen und blieben vorerst in der Mongolei. Den Bogdo-Lama ließen sie ruhig als nominelles Oberhaupt bestehen und ließen ihn auch weiterhin Wodka trinken, bis er schließlich an Alkoholismus starb. In der Zwischenzeit hatten sie in der Mongolei genau nach russischem Vorbild eine Partei und eine Jugendbewegung organisiert, die sich national-revolutionäre Partei nannte. Sie sollte der Vorläufer einer kommunistischen Partei sein, denn vorläufig hatte ja die Mongolei keine Industrie, kaum ein Handwerk, keine Bahnen und demzufolge auch keinerlei Arbeiterproletariat. Erst die Russen erzogen jetzt sehr schnell die Erben Dschingis-Khans zu einem modernen Nationalismus. Langsam wurde das mongolische Gemeinwesen umorganisiert, bis es unter dem Titel einer mongolischen Volksrepublik unter russischen Instruktoren und Fachleuten ein sowjet-

ähnlicher Staat wurde. Die Sowjetunion hatte formal auch die Unabhängigkeit dieser Republik anerkannt. In Wirklichkeit war sie ein russischer Vasallenstaat, in dem tatsächlich viel geschaffen wurde, auf das die Russen mit Recht stolz sein können. Ulan-Bator, einst nicht mehr als ein großes Dorf von zerfallenen Lehmhütten mit nur einigen steinernen Gebäuden, in welchen russische Aemter und russische Truppen, Banken und Handelsgesellschaften untergebracht waren, ist heute eine Großstadt, mit Theater, Kinos und anderem. Das Ziel der russischen Politik war klar. Neben der Inneren Mongolei befindet sich das Gebiet von Ussuri. Daselbst wohnt ein den Mongolen verwandter Stamm. Dieses Gebiet stand einwandfrei unter chinesischer Oberhoheit. Doch seit Anfang des Jahrhunderts sickerten dort russische Siedler und russische Kaufleute ein. Aus diesem Gebiet machten die Sowjets die offiziell unabhängige Volksrepublik Tanu-Tuwa. Die Entwicklung ging hier schneller. 1941 annektierte der Kreml sang- und klanglos diese kleine Republik und gliederte sie als autonomes Gebiet der Sowjetunion an. Das Schicksal der Mongolei schien damit vorausbestimmt. Nachdem die Macht und der Einfluß der Feudalfürsten gebrochen worden war, nachdem die lamaistische Geistlichksit, die bisher eigentliche Herrscherin, weit zurückgedrängt worden war, sollte die Mongolei in schneller Entwicklung industriell und verkehrstechnisch Sibirien angeglichen werden, um schließlich mit der zur Sowjetunion gehörigen buratmongolischen autonomen Republik zu einem der sowjetischen Bundesstaaten werden. Wenn das bis Kriegsende noch nicht geschehen war so hatte dies einen ganz bestimmten Grund. Der Kreml scheute vor diesem Schritt, um die asiatischen Völker nicht vor den Kopf zu stoßen, die in einer solchen Annexion das Erwachen des zaristischen Imperialismus gesehen hätten. Für den Kreml war es wichtiger, in den Augen der Asiaten als Befreier von kolonialem und halbkolonialem Joch und uneigennütziger Helfer dazustehen. Die Mongolei schien ja sowieso ganz in sowjetischer Hand zu sein. Insbesondere nach 1932, als es so aussah, daß Japan nach der Errichtung seines Satellitenreiches in der Mandschurei Miene machte, auch in die Mongolei vorzudringen. Damals schloß die Sowjetunion mit der mongolischen Volksrepublik ein enges Bündnis, als dessen Folge der eigentlichen mongolischen Armee russische Artillerie- und Genieabteilungen zugeteilt wurden und diese so zu einem Bestandteil der fernöstlichen Armee der Sowjetunion wurde.

Der Vertrag von 1952 mit Mao machte alle russischen Zukunftspläne in der Mongolei zunichte. Der entsprechende Passus unterstreicht die Unabhängigkeit der mongolischen Volksrepublik und verpflichtet beide Parteien, diese LInabhängigkeit zu respektieren, zu fördern und zu stützen. Bis dahin gab es in Ulan-Bator einen einzigen diplomatischen Vertreter, den sowjetischen Botschafter. Jetzt zog natürlich auch ein rotchinesischer Diplomat ein. Damit nicht genug: Die Russen hatten erst kürzlich die erste Eisenbahn der Mongolei von der Grenze bis Ulan-Bator fertiggestellt. Prompt begannen die Chinesen einen neuen Bahnbau ebenfalls von der Grenze bis zur mongolischen Hauptstadt. Das ist wie ein Symbol dessen, daß russische und chinesische Einflüsse jetzt in der Mongolei parallel laufen.

Mao und seine Leute erreichten etwas, was seit Jahrhunderten keine chinesische Regierung durchsetzen konnte: sie führten nämlich chinesische Truppen nach Sinkiang und besetzten die Städte dort mit ihren Garnisonen. Die Wüste Gobi galt bisher als unüberwindliches Verkehrshindernis zwischen China und seiner westlichen Provinz. Jetzt wurden durch diese Wüste Straßen gebaut und eine Eisenbahn ist im Entstehen. Wie als Abschluß dieser Entwicklung gab nach dem Koreakrieg die Sowjetregierung ihren Stützpunkt in Port Arthur mit dem dortigen Kriegshafen preis. Knapp fünf Jahre nach dem Abschluß des Moskauer Vertrages waren sämtliche russischen Interessen in China liquidiert.

Nicht publiziert wurde das damals abgeschlossene Parteiabkommen zwischen' der russischen und chinesischen Kommünistenpartei. Doch heute ist es im wesentlichen bekannt. Peking sicherte sich auch parteipolitisch völlige Selbständigkeit. Ebenso wurde Peking als weltrevolutionäres Zentrum für ganz Asien, mit Ausnahme der rein mohammedanischen Staaten, anerkannt. Nordvietnam und Nordkorea sind also nicht russische, sondern chinesische Satelliten. Es fragt sich, ob die im Westen gültige Anschauung über den Krieg in Korea richtig ist. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die Initiative zum Krieg gegen Korea und Indochina von Moskau ausging. Für Moskau waren diese Kriege nur eine Belastung seiner Außenpolitik. Die Initiative ging vielmehr von Peking aus und der Kreml mußte vertragsmäßig der chinesischen Politik sekundieren.

Man würde sich aber täuschen, wenn man annehmen wollte, daß das Vorgehen Chinas eine Verärgerung des Kremls zur Folge hatte. Dazu ist die Bundesgenossenschaft Chinas für die Sowjetunion zu wichtig. Denn diese deckt nämlich beinahe die ganze asiatische Grenze des Sowjetreiches und erst dadurch wird die strategische Lage des heutigen Rußlands so außerordentlich günstig. Ganz abgesehen von der russischen Theorie, daß die zukünftige Entwicklung der ganzen Welt von der Herrschaft über den Stillen Ozean abhängt. Nach der Niederwerfung Japans wird der Stille Ozean von den Vereinigten Staaten Amerikas dominiert. Die Sowjets haben keine Aussicht, ohne Mitwirkung Chinas diese Herrschaft den USA streitig zu machen. Damit allerdings, mit rein rationellen Erwägungen, sind die russisch-chinesischen Beziehungen noch nicht restlos geklärt. Es gibt dabei nämlich etwas, für das der Europäer keine Erklärung zu finden vermag. Rußland traf mit China zusammen, als Europa noch weit davon entfernt war, irgendwelchen Handel mit dem Reich der Mitte aufzunehmen. Zwischen Russen und Chinesen entwickelten sich Beziehungen von beinahe mystischem Charakter. Erklärlicher ist das Verhältnis der Chinesen zu den Russen. Der Russe ist nämlich für den Chinesen der einzige weiße Mann, der keine Rassenvorurteile kennt. Europäer und Amerikaner sah er während zweier Jahrhunderte nur als hochmütige Rassenmenschen, die nur geschäftlich und kaum privat mit den Chinesen verkehrten. Er sah keinen Europäer oder Amerikaner körperliche Arbeit leisten. Es gab in der zaristischen Zeit natürlich auch hochmütige und arrogante russische Offiziere und Beamte. Doch neben dem chinesischen Kuli tauchten in den chinesischen Hafenstädten zu Tausenden die zerlumpten Gestalten russischer Vagabunden auf, die ein gleiches Leben führten. wie ihre chinesischen Klassengenossen. Noch näher fühlte sich der Chinese gegenüber den Russen, wenn er zu Hunderttausenden als Arbeiter nach dem fernöstlichen Rußland kam. Dazu noch eine charakteristische Einzelheit für die chinesischsowjetischen Beziehungen. Die Sowjets leiden an einem empfindlichen Arbeitermangel in ihren sibirischen und fernöstlichen Gebieten. Früher haben sie dagegen unzählige chinesische Kulis aufgenommen, jetzt aber ist die russisch-chinesische Grenze von der Sowjetunion aus für solche Arbeitsuchende hermetisch gesperrt. Eine chinesische Invasion in ihr Gebiet wünschen die Russen nicht. Bezeichnend ist, daß man eine solche Politik in Peking nicht weiter übel nimmt. So wie in früheren Jahrhunderten verlorene oder gewonnene Schlachten, beiderseits zerstörte Städte im Grunde genommen das gegenseitige Verhältnis nicht tiefer beeinflußten.

Seitdem China nach Jahrhunderten wieder eine zentralistische Regierung hat und schon darum an innerer Stärke gewaltig gewann, hat das Pendel der russisch-chinesischen Beziehungen in den letzten drei Jahren stark zugunsten Chinas ausgeschlagen. Dafür sind viele Gründe maßgebend. Einer davon ist, daß die Chinesen besser über Rußland informiert sind und mehr die Verhältnisse im Kreml kennen als umgekehrt die Russen über China und über Peking. Das erklärt sich ganz einfach. An mehreren russischen Hechschulen wird Chinesisch gelehrt und die Russen besitzen einige tausend chinesisch sprechender Funktionäre. Sie besitzen darüber hinaus eine beträchtliche Anzahl guter China-Spezialisten. Die Chinesen dagegen verfügen über Zehntausende russisch sprechender Personen und über Zehntausende gebildeter Leute, die Rußland sehr gut kennen. Diese Spezialisten hatte die Sowjetregierung noch dazu selbst geliefert. In der Zeit von 1922 bis 1928 unterhielten die Russen nämlich zahlreiche Schulen und Hochschulen speziell für die Chinesen, an deren Spitze die bekannte chinesische Sun-Yatsen-Universität in Moskau stand. Viele Tausende von Chinesen wurden hier ausgebildet und sollten dem russischen Einfluß in China dienen. Heute stehen diese Leute ganz Peking zur Verfügung. Außerdem, wie einst bei den Verhandlungen zwischen Mao und Stalin, sind die Chinesen-als Verhandlungspartner durch ihre unendliche Geduld allen anderen weit überlegen. Einst klagte der Schreiber dieser Zeilen dem damals berühmten Sowjetdiplomaten Adolf Joffe über die Schwierigkeiten bei den Verhandlungen mit den Russen. Joffe, der einst Botschafter in Berlin, dann der erste Sowjetbotschafter in China, später in Japan und schließlich in Wien war, meinte dazu, er könne die Schwierigkeiten der Europäer gut verstehen. Er habe selbst ungefähr dasselbe empfunden beim Verhandeln mit den Chinesen. Ein chinesischer Diplomat habe ihm kurz den Grund hierzu so erklärt: „Die Chinesen denken eben in Jahrhunderten, die Russen in Jahrzehnten und die Europäer bestenfalls in Jahren.“ Unter diesen Umständen sei es nicht weiter verwunderlich, daß der chinesische Einfluß in den letzten Jahren innerhalb der kommunistischen Staatenwelt immer mehr zunahm. Heute ist es deutlich sichtbar, daß der Schatten des gewaltigen China über die sowjetische Außenpolitik fällt und sie mehr und mehr in ihren Bann zwingt.

Es scheint, daß Peking es an der Zeit findet, stärker hervorzutreten. Den Moskauer Advokaten Chinas ist es nicht gelungen, China in die UNO zu bringen oder seine diplomatische Anerkennung durch die europäischen und amerikanischen Mächte zu erlangen oder das Handelsembargo zu Iockern. Die innerchinesische Entwicklung ist jedoch so weit gediehen, daß insbesondere das Handelsembargo ein immer größerer Hemmschuh für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Chinas wird. Es sind berechtigte Vermutungen vorhanden, daß man in Peking im Laufe der nächsten Jahre mit einer ernsten Verknappung der Lebensmittel rechnet. China läuft Gefahr, ebenso wie einst Rußland durch eine schwere Zeit der Folgen der Agrarperiode zu gehen. Aehnlich wie im vorrevolutionären Rußland lebte bisher auch die chinesische Stadt vom Hunger der Bauern.'Der chinesische Bauer hatte nichts zu essen. Er mußte die Pacht in natura dem Großgrundbesitzer, dem Inhaber der Wasserrechte und dem Dorfwucherer bezahlen. Das war der Reis, den die Stadt verzehrte. Die Revolution hat zu einem großen Teil den Großgrundbesitz verteilt, den Dorfwucher vernichtet und den Bauer vom Wasserzins befreit. Das Resultat ist, daß der Bauer sich jetzt sattißt, eine oder zwei Schalen Reis mehr, und verkauft erst dann einen etwaigen Ueberschuß an die Stadt. So ist der Zeitpunkt vorauszusehen, daß die bevölkerungsmäßig zunehmende Stadt Not leiden wird. Genau vor demselben Problem stand einst Stalin 1927. Die Lösung besteht in einer Verbesserung der landwirtschaftlichen Technik. Diese kann jedoch nur in einem Großbetrieb modern entfaltet werden. Also muß kollekti-visiert werden. Das Tempo der Kollektivisierung wurde jetzt in China verstärkt. Doch damit nicht genug. Denn wenn kollektivisiert wird und wenn die Landwirtschaft sich moderner Methoden bedient, dann gibt das Dorf überschüssige Arbeitskräfte ab. Für sie müssen jedoch Arbeitsplätze beschafft werden. Also muß auch die Industrialisierung verstärkt werden. Kollektivisierung der Landwirtschaft und Industrialisierung bedingen einander. Die chinesischen Kommunisten brauchen dazu Maschinen, Waren, die sie dem Bauern verlockend anbieten können. Nur mit einem gewaltigen Aufgebot an Kapital kann eine solche Operation mit wenig Blutvergießen durchgeführt werden. Die Sowjetunion und der ganze Ostblock kann diesen gewaltigen Bedarf der Chinesen nicht aufbringen. So steht der Schatten Chinas auch über der Sowjetwirtschaft. Das veranlaßte die Chinesen zu ihrer neuen Aktivität. Sie wollen zum mindesten bei den Vorbereitungen zur Gipfelkonferenz mitsprechen, wenn möglich selbst dazu beigezogen werden. Peking hat sich direkt in die Verhältnisse des europäischen Ostblocks eingemischt und Moskau nach sich gezogen. Soll der Ostblock die Ziele der Chinesen verwirklichen helfen, dann muß er als eine monolithisch kraftvolle Einheit den westlichen Mächten gegenüberstehen. Mit der Weisheit des Chinesen ist Mao bereit, dem Kreml nach außen hin die Führung dieses einheitlichen Blocks zu überlassen, während er selbst nur als drohender Schatten im'Hintergrund bleibt. Die selbständige Politik Titos, der sich auch Kommunist nennt, wird damit zur aktuellen Gefahr. Sie wirkt auf die europäischen Satelliten auflockernd, vermindert die außenpolitische Stoßkraft. Tito muß darum bekämpft werden, damit die außenpolitische Stoßkraft des Ostblocks bewahrt wird.

Man weiß nicht, ob dieser Schatten Chinas auf der sowjetischen Außenpolitik unerwartet kam oder nicht. Deutlich sichtbar dagegen sind seine Folgen. Die Sowjetregierung setzte nach kurzem Zögern ihre bisherige Politik fort. Sie strebt anscheinend weiter der Gipfelkonferenz entgegen. Doch mit weniger Elan, mit einer verzögernden und hinhaltenden Taktik. Sie will die bisher gesponnenen Fäden nicht abreißen lassen und dabei Zeit gewinnen, um mit den Chinesen ins reine zu kommen. Für die nächsten Jahre ist das entscheidend, was sich heute zwischen Moskau und Peking abspielt.

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