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Der Zar fährt in die Revolution

Aus den unveröffentlichten Erinnerungen des Stabsoffiziers und Zugkommandanten N. N.

Diese Memoiren sind in der Stadt Mogilev geschrieben, wo sich das Zarenhauptquartier befand, und im Zarenzug selbst, in den Stunden, da die Nachrichten von der Revolution dort eintrafen. Aus diesen Aufzeichnungen geht hervor, mit welcher Selbstbeherrschung, Ruhe und Kraft der Zar auf die sich überstürzenden Ereignisse reagierte und die ihm richtig erseheinende Lösung fand.

Es ist vielleicht notwendig, vorher zu erklären, wie der Kaiser bewacht und beschützt wurde und wie der Sicherheitsdienst der Bewachung funktionierte. An der Spitze stand der Palaiskommandant in der Suite Seiner Majestät, Generalmajor Wojeikof, dem folgende Einheiten unterstanden:

1. Sonderabteilung unter der Leitung von Oberst Ratko; seine Aufgabe bestand darin, jeden Tag die schriftlichen, telegraphischen oder telephonischen Nachrichten der Gendarmerieabteilungen von ganz Rußland zu sammeln und dem Palaiskommandanten vorzulegen.

2. Die Schutzagentur unter der Leitung des Generals Spiridovitch, die für die Sicherheit des Kaisers bei seinen auswärtigen Aufenthalten, Spaziergängen und Besuchen in Ortschaften zu sorgen hatte. Dafür stand ihm eine Reihe von Agenten in Zivil zur Verfügung, die man jeweils vorausschickte, um die Gegend, die Gebäude und selbst den Weg gewissenhaft zu untersuchen und zu bewachen.

3. Die Hofpolizei unter der Leitung des Obersten Gerardi, die die kaiserliche Residenz und ihre Tore bewachte.

4. Schließlich Militäreinheiten, die dem Palaiskommandanten persönlich unterstanden, ferner die persönliche Kosakengarde des Zaren, das kombinierte Infanterieregiment, das persönliche Eisenbahnregiment, eine Artilleriebrigade für den Schutz der kaiserlichen Residenz und des kaiserlichen Hauptquartiers und eine Eska-drille von Flugzeugen.

Für diese Einheiten, deren Offiziere und Mannschaften unbedingt verläßlich waren, war ich Generalstabsoffizier.

Der Dienstsitz des Palaiskommandanten, der diesen ganzen Sicherheitsdienst vereinigte, war seine Kanzlei unter der wechselnden Leitung des Staatsrates Rimarev, des Obersten Rostowcev und Geheimrates Birükov. Während der Reisen und beim Aufenthalt im Zarenhauptquartier hatte ich beim Palaiskommandanten diese Herren zu vertreten.

Der Oberbefehlshaber der gesamten Streitkräfte in dem Rieserlreiche war der Kaiser. Er hatte diesen Oberbefehl dem Großfürsten Nikolai Nikolajevitsch abgenommen, um allein für diesen schweren und schicksalsvollen „zweiten Vaterlandskrieg“, wie man ihn genannt hat, verantwortlich zu sein. Der enorme Mechanismus, der die Leitung von fünf Fronten vereinigte, und zwar die Nord-, die Westfront, die rumänische, die Süd- und die kaukasische Front, befand sich in der Stadt Mogilev im Hauptquartier des Oberbefehlshabers.

Er zerfiel in zwei Teile:

1. Der Hauptstab des Generalquartiermeisters, der die operativen Bewegungen leitete und sich im Gebäude der Gouvernementsregierung befand.

2. Das Amt des diensthabenden Generals Konziarovsky, dem alles übrige unterstand. Dieses Amt befand sich in einem großen Gebäude, schräg gegenüber dem Stab des Generalquartiermeisters, außerhalb des Gitters, das das Palais einsäumte. Diese zwei Teile bildeten den Stab des Oberbefehlshabers und standen unter dem Oberkommando des Chefs des Stabes, General Alexeief, der jeden Tag um 11 Uhr dem Kaiser die Lage an den Fronten zu berichten hatte und dann die notwendigen Weisungen erhielt.

26. FEBRUAR 1917 Im Zarenhauptquartier in Mogilev am Dnjepr

Obwohl die Sonderabteilung schon ein paar Tage lang Unruhen in Petrograd gemeldet hatte, war die Stimmung am Morgen dieses Tages nicht schlecht. In allen Abteilungen der zwei erwähnten Teile des Stabes des Oberbefehlshabers lief die Arbeit in gewohntem Tempo weiter. Weder in der' Bevölkerung noch im Stadtverkehr war Außergewöhnliches zu bemerken.

Wie immer begab sich der Kaiser in Begleitung des Palaiskommandanten um 11 Uhr zum Stab des Oberbefehlshabers, der sich neben dem kaiserlichen Palais befand, wo ihm der Chef des Stabes, General Alexeief, den täglichen Rapport über die Lage an den Fronten gab. Um 12.30 Uhr wurde das Frühstück serviert, dem alle Militärattaches der Alliierten beiwohnten. Um 15 Uhr unternahm der Kaiser den üblichen Spaziergang in die Umgebung von Mogilev. Um 12.30 Uhr frühstückte ich im Speisezimmer der Suite mit den anderen Mitgliedern des Zarenhauptquartiers. Wir besprachen die eben eingetroffenen Meldungen von den Vorkommnissen in Petrograd und den Gegenmaßnahmen. Eine ausgesprochene Revolutionsbewegung in Rußland war nicht eigentlich sichtbar, es schien sich, nach den Berichten der Sonderabteilung, lediglich um Unruhen wegen Brotmangels in Petrograd zu handeln, die sich erst in den letzten Stunden zu gewisser politischer Bedeutung ausgeweitet hatten.

Was war denn eigentlich geschehen?

An verschiedenen Stellen der, Stadt, in den Fabrikvierteln, auf großen Straßen und Plätzen, wie auf dem Newskij Prospekt, auf den Plätzen von Znamenskaja und Kazanskaja, auf der Liteinajastraße usw., hatten Ansammlungen von 2000 bis 3000 Personen, hauptsächlich Frauen, eine Preisherabsetzung für Brot und lebenswichtige Bedarfsartikel gefordert. Bei einigen Kundgebungen tauchten rote Fahnen auf, die aber sofort von Polizei und Militär beschlagnahmt wurden. Die Deputierten der Duma hatten sich zum größten Teil in stummer Opposition gegen die Regierung gestellt. Dazu kamen noch Redner, die die Menge zum Widerstand aufriefen.

Um 21 Uhr ging ich wie gewöhnlich mit dem Abendreferat zum Palaiskommandanten, der im 1. Stock im Zimmer neben den Zarenräumen wohnte. Der General war beim Kaiser, und ich mußte warten. Inzwischen kam auch der Herzog von Leuchtenburg. Nach einer halben Stunde kam der Palaiskommandant, der uns mitteilte, daß über Auftrag des Kaisers die Abfahrt nach Zarskoje Selo am 28. Februar um 2.30 Uhr angetreten wird. Er beauftragte mich, die üblichen Telegramme für diesen Fall vorzubereiten, was bald geschehen war. Nachher sprach der General telephonisch mit General Alexeief und dessen Vertreter, General Groten, der sich in Zarskoje Selo befand, und verständigte den Ingenieur Jeschof, den Inspektor der kaiserlichen Züge. Nach einer halben Stunde, in der wir plauderten, wurden wir entlassen.

Von dieser Unterhaltung hatte ich den Eindruck gewonnen, daß weder der Palaiskomman-dant noch der Kaiser die Ereignisse in Petrograd als ernst ansahen, obwohl der Kaiser seine Abfahrt nach Zarskoje Selo vorverlegt hatte. Man hielt die Unruhen lediglich für eine Folge der Verzögerung, durch die die Züge mit Mehl für die Hauptstadt aufgehalten worden waren, und hoffte, daß der Militärbefehlshaber des Petrograder Bezirkes, General Hobalov, die Lage bereinigen werde.

27. FEBRUAR 1917 Im Zarenhauptquartier in Mogilev

Am Morgen des 27. Februar klangen die Nachrichten, die nachts telephonisch und telegraphisch zum Vertreter des Obersten Ratko, Oberstleutnant Semenof — er hatte an diesem Tag Dienst im Hauptquartier —, gelangt waren, schon bedeutend ernster. Trotzdem veränderte sich die übliche Tätigkeit im Hauptquartier in keiner Weise. Das übliche Referat des Generals Alexeief an den Zaren fand wie gewöhnlich um 11 Uhr statt, woran sich das Frühstück schloß. Bei den Offizieren und Beamten des Sicherheitsdienstes war eine gewisse erregte Stimmung unverkennbar. Grund hierfür bildete eine Nachricht, nach der Petrograd eine provisorische Regierung erwarte. Um 14 Uhr ging ich zum Palaiskommandanten, den ich aber nicht antraf. Im Palais war alles ruhig. Am Abend, um 19 Uhr, als wir uns zum Abendessen im Speisesaal der Suite versammelten, kam der Oberst Newdachow zu mir und teilte mir mit, daß vor zehn Minuten die Volksmenge in Petrograd das Gebäude des Sicherheitsrates gestürmt habe. Ob das dem Palaiskommandanten bekannt sei? Ich erkundigte mich sofort telephonisch und hörte, daß der Palaiskommandant diese Nachricht schon erhalten habe. Um 21.30 Uhr war ich wieder im Palais im Zimmer des wachhabenden Beamten, weil ich mich dort mit dem Kommandanten der Eskadrille, dem Oberstleutnant Pawlenko. treffen wollte, um mit ihm gemeinsam zum Palaiskonimandanten zu gehen. Da aber von Petrograd laufend alarmierende Nachrichten von schweren Unruhen eintrafen, beschloß ich, nicht länger auf den General, der sich noch immer beim Kaiser befand, zu warten und- ihn mit den Nachrichten zu verschonen. Ich ging nun in den Speisesaal der Suite, wo ich auch den Kommandanten des Eisenbahnregimentes, General Zabel, traf. Dort erhielt ich um 23.30 Uhr den Befehl vom Palaiskommandanten, überbracht vom wachhabenden Beamten Teofilin, dem General Zabel mitzuteilen, daß die Abfahrt des Kaisers von Mogilev erst stattfinden werde, wenn die gesamte Begleitung des Kaiseis in die kaiserlichen Züge eingestiegen sei.

Von der Zeit an, als der Kaiser das .Oberkommando über alle Armeen übernommen hatte, erfolgten öfter Reisen an die1 Fronten, nach Zarskoje Selo und zurück ins Hauptquartier. Für diese Zwecke standen zwei kaiserliche Zugsgarnituren zur Verfügung, die sich am kaiserlichen Debarkader, in der Station Mogilev, am anderen Ende der Stadt, ungefähr eineinhalb Werst vom Hauptquartier entfernt, befanden. Sie standen immer in Bereitschaft und führten den Namen Lit A und Lit B. Der Kaiser, die Persönlichkeiten der Suite, das Dienstpersonal und die Zugwachen hatten in diesen Zügen ihre bestimmten Plätze. Die Uebersiedlung des ganzen Begleitpersonals geschah innerhalb eineinhalb Stunden.

Ich übergab den Befehl an General Zabel, sammelte meine Sachen und meldete mich in Felduniform beim Palaiskommandanten im Palais. Es war 1 Uhr. Die Besetzung der Kaiserzüge war um 0.30 Uhr beendet worden.

28. FEBRUAR 1917 Im Zarenhauptquartier in Mogilev

Die beiden Zarenzüge, in voller Bereitschaft, mit dem ganzen Begleitpersonal des Zaren, erwarteten am kaiserlichen Debarkader die Ankunft des Zaren. Im Zuge Lit A nahmen die Persönlichkeiten der Suite, die mit dem Kaiser fuhren, Platz. Der Minister des Hofes, Generaladjutant Graf Frederiks, der Flaggkapitän, Generaladjutant Nilof, der Palaiskommandant, Generalmajor an der Suite S. M. Wojeikof, der Vertreter des Hofmarschalls, der Generalmajor an der Suite S. M. Fürst Dolgoruky, und die Flügeladjutanten S. M., Scheremetiev und Mord-vinof. Im Zug Lit B nahmen Platz: der Leiter des historischen Teiles im Hauptquartier, Generalleutnant Dubensky, der Vertreter“ ÜesZere-mohienmeisters im Hauptquartier, Baron Stäckei-' berg, der Kommandant des persönlichen Eisenbahnregimentes, Generalmajor Zabel, mit seinem Adjutanten, Hauptmann Nolde, die Obersten Nevdachow und Semenov und ich.

Bei meinem Eintritt in das Zimmer des Palaiskommandanten waren seine Sachen schon gepackt. Auf meine Frage, ob der General noch Befehle für mich habe, antwortete er:

„Jawohl, ich ernenne dich zum Kommandanten des Zuges Lit B.“

Dann setzte er fort:

„Es steht nicht gut in Petrograd, Schießerei an allen Straßen, die Hälfte der Garnison ist für die Regierung, während die andere Hälfte auf der Seite der Duma steht.“

Ich entgegnete, daß mit der Ankunft des Kaisers sich alles beruhigen würde, aber der General schüttelte den Kopf und äußerte seine Unzufriedenheit über den Vorsitzenden der Duma, Rodzianko, und den Mangel an wirksamen Mitteln für den Befehlshaber des Militärbezirkes von Petrograd, General Habalov, um über die Unruhen Herr werden zu können. Ich trat ab und begab mich zum kaiserlichen Debarkader, um den Zaren und den Palaiskommandanten zu erwarten.

Um 1.25 Uhr erschien der Zar in Begleitung des Palaiskommandanten und des wachhabenden Adjutanten und begab sich in den Zug Lit A. Ich trat zum Palaiskommandanten und berichtete ihm über den Zustand meines Zuges Lit B. Er gab mir den Befehl, die Zugwache auf zehn Mann zu verstärken, drei Mann auf die Lokomotiven zu schicken und mit meinem Zug vor dem Zug Lit A zu fahren.

In diesem Moment trat zu dem Kaiser der Generaladjutant Iwanov und blieb ungefähr 20 Minuten. Als er herauskam, wurde bekannt, daß er am frühen Morgen mit dem Georgierbataillon und einer Kompanie des infanteriekombinierten Garderegiments im Sonderzug auf der Eisenbahnlinie Moskau—Vindava—Ribrnsk nach Zarskoje Selo, wo sich die Kaiserin mit den Kindern befand, abzufahren habe. Das Georgierbataillon war eine Eliteeinheit, in der alle Offiziere und Soldaten Kavaliere des Ordens des heiligen Georgs für Tapferkeit waren. Zur Verstärkung war ;hm noch eine Kompanie' des infanteriekombinierten Garderegimentes zugeteilt. Dieser Auftrag, unter dem Kommando des bekannten tapferen Generals Iwanov, hatte das Ziel, die Benützbarkeit der Strecke für die Kaiserzüge, die sich auch nach Zarskoje Selo begaben, aber eine andere Marschroute hatten, zu sichern. Das war der Schutz vor Revolutionstruppen, die möglicherweise von Petrograd uns entgegengeschickt würden und die wir dadurch vielleicht umstimmen könnten. Die Entsendung des Generals Iwanov auf eine andere Strecke war eine Vorsichtsmaßnahme für den Fall, daß der General zu Kampfhandlungen gezwungen würde. Dann könnten die Kaiserzüge ungehindert nach Zarskoje Selo gelangen. Da ein solcher Zusammenstoß mit den Revolutionstruppen nur in der Nähe von Petrograd stattfinden konnte und die Eisenbahnlinie Moskau—Ribinsk, die General Iwanov zu fahren hatte, ferner die Nikolajer Linie, auf der die Zarenzüge fahren, bei der Hauptstadt dicht zusammenkommen, war es klar, daß die erfolgreiche Durchführung der Aufgabe des Generals Iwanov die freie Durchfahrt auf der danebenliegenden Strecke gewährleisten würde.

Die Abfahrt der Züge war angeordnet: Mein Zug Lit B um 4 Uhr und Lit A um eine Stunde später. Die Richtung war vorgeschrieben:

Orscha, Wiasma, LihosläwI. Die Fahrt nach dem normalen Fahrplan.

Der Morgen verging ruhig, und die Fahrt wurde nirgends behindert. Auf der Strecke befanden sich wie üblich die bewachenden Einheiten und die Gendarmerie in den Stationen. Beim Vorbeifahren der Kaiserzüge schrien die Truppen hurra. Wo der Kaiser saß, wußten sie nicht. Das Eisenbahnpersonal mit dem Ingenieur, der die Züge auf der ihm unterstehenden Strecke begleitete, wechselte sich pünktlich ab, die Stationen wurden zeitgerecht erreicht und verlassen. Während der ganzen Fahrt merkten wir kein Zeichen einer Aufregung, auch nicht in den durchfahrenen Städten.

Um 16 Uhr bekam der Kommandant des persönlichen Eisenbahnregiments, General Zabel, von Oberst Jürgens desselben Regiments ein Telegramm folgenden Inhaltes:

„Es existieren sieben aufständische Einheiten. Die Familien der Offiziere sind nach Zarskoje Selo transportiert worden. Die 4. Kompanie des Eiseabahnregiments ist. in Petrogra geblieben, um das Material zu bewachen.“

Dieses Telegramm war am 27. Februar um 17 Uhr aufgegeben worden. Um 17 Uhr kamen wir nach Rgef. Hier erwartete uns der Chef der Gendarmerieabteilung, General Fursa, der folgendes meldete:

„Ich fuhr um drei Uhr nachmittags von Petrograd hierher. Die ganze Garnison dort steht auf Seiten der provisorischen Regierung, deren Proklamation in den Abendstunden erwartet wird. Das neue Kabinett besteht aus folgenden Personen: Rodzianko, Milükow, Bobrinky, Grigorowitsch, Poliwanow, Ke-rensky, Bublikow. In Petrograd über der Newa begann man die Bäckereien und Geschäfte zu plündern. Auch auf der Sennaja und im Gastini Dwor. Das Arsenal, das Sicherheitsamt, das Amt der Gendarmeriedivision und einige Bezirksämter sind von der Menge gestürmt und demoliert worden. Das Gebietsgericht brennt. Erschlagen wurde General Manikowsky und ein höherer Polizeibeamter. Ein anderer, Schalferof, wurde von der Menge während einer Kundgebung bei der Kathedrale von Kazan geschlagen. Prozessionskolonnen auf dem Newsky-Prospekt: an der Spitze Kosaken mit Maschinengewehren und Infanterie mit Gewehren mit Bajonett auf, hinter ihnen die Volksmenge, die ,Nieder mit dem Krieg!' rief und beleidigende Ausdrücke gegen die Kaiserin gebrauchte. Auf den Häusern klebten Plakate mit ähnlichem Inhalt. Der Finnische Bahnhof ist von Aufständischen besetzt, die Bahnpolizei und Gendarmerie wurde entwaffnet und verhaftet. Die Straßenbahn wird allenthalben aufgehalten und die Wagen umgestürzt. In den Straßen wird überall geschossen, während Panzerwagen durchfahren. Die Fuhrleute Streiken. Alle Offiziere, denen man begegnete, wurden entwaffnet. Zwei Betaillonskommandanten der Regimenter Preobrajensky und Keksgolin wurden getötet, ein Kompanieführer des Pavlov-Regimentes hat Selbstmord verübt.“

Nach den Berichten des Generals Fursa waren allerdings noch sämtliche Bahnhöfe der Hauptstadt von Truppen, die der alten Regierung die Treue hielten bewacht, und der Eisenbahnverkehr funktionierte klaglos. In Lihoslawl langten wir um 20 Uhr an. Die ersten Nachrichten, die wir vom Chef des Verkehrsdienstes erhielten, besagten, daß aus dem kaiserlichen Debarkader in Zarskoje Selo ein Zug abgefahren sein soll, der in Tosno angehalten und sofort zurückgeleitet wurde. Tosno war wahrscheinlich von aufständischen Truppen besetzt, aber der Eisenbahnverkehr war nicht gestört. Aus der Station Bologoje wurde telephonisch gemeldet, daß eine

Verordnung bestehe, die Zarenzüge auch gegen den Willen des Kaisers nicht nach Zarskoje Selo, sondern nach Petrograd auf den Nikolajer Bahnhof zu führen. Der Chef des Verkehrsdienstes sagte mir auch, daß im Moment unserer Abreise von der Station Lihoslawl ein Salonwagen mit dem Assistenten des Chefs der Nikolajer Bahn, Ing. Kern, aus Petrograd angekommen sei, um den Zarenzug Lit A zu begleiten. Schließlich zeigte er mir folgendes Telegramm:

„Petrograd, Centr. Nr. 6932 vom 28. Februar 1917, 13.50 Uhr, erhalten am 28. Februar, 9.55 Uhr. Zahl der Wörter 137. Militärisches. An alle Chefs des Verkehrsnetzes. Laut Vorschlag des Kabinetts der Staatsduma habe ich heute das Verkehrsministerium übernommen und verkünde den folgenden Befehl des Vorsitzenden der Duma: Eisenbahner! Die alte Regierung, die den Zerfall aller Teile der Staatsregierung bewirkt hat, ist kraftlos geworden. Die Staatsduma hat die Aufgabe übernommen, eine neue Regierung zu bilden. Ich wende mich an euch im Namen des Vaterlandes, denn von euch hängt jetzt die Rettung der Heimat ab. Sie erwartet von euch mehr als nur die Erfüllung der Pflicht, sie verlangt eine Heldentat. Der Verkehr der Züge muß ununterbrochen mit doppelter Energie fortgesetzt werden, die Schwachheit, die technischen Mängel des russischen Eisenbahnnetzes müssen durch eure grenzenlose Energie und Liebe zu eurer Heimat überwunden werden mit Bedacht auf die Wichtigkeit des Transportes für die Armeen und die Ernährung des Hinterlandes. Der Vorsitzende der Duma, Rodzianko. 1917, 28. Februar. Als Mitglied Ihrer Familie werden Sie- wissen, wie auf diesen Aufruf zu antworten ist, Sie werden die Hoffnung unserer Heimat erfüllen. Alle Dienstleute müssen auf ihren Posten bleiben. Der Deputierte der Duma, Bublikow.“

Die Ankunft in Wischni-Wolotschok erfolgte um 21.45 Uhr. Vom Gendarmerieoberstleutnant erfuhr ich, daß neue Verordnungen vom derzeitigen Kommandanten des Bahnhofes, Oberleutnant Grekov, ausgehen. Dabei zeigte er mir folgendes Telegramm:

„Nr. 10.465 aus Petrograd Nikolajer. Abteil. 83, abgeschickt am 28. Februar 1917 um 15.15 Uhr. Expreß: An alle Chefs des Verkehrs-, Bewegungs- und Telegraphendienstes. Laut Befehl der provisorischen Regierung ordne ich an, daß mir alle Vorstände der , baknr und poMtekgtaphisjchen Aemttn{d&ri Nikolajer Bahnlinie alle Militärzügel Wäg'gon-zahl, Belegschaft und .Bewaffnung, t.&a-Tauf-Petrograd gerichtet sind, melden; dieser Befehl bezieht sich auch auf die Züge, die mit Kriegsmaterial beladen sind. Alle diese Züge dürfen nur auf Befehl der provisorischen Regierung von ihrem derzeitigen Aufenthalt abfahren. Der Militärkommandant des Nikolajer Bahnhofes, Oberleutnant Grekov.“ Als Kommandant des Zuges Lit B, der 20 Minuten vor dem Zug Lit A zu fahren hatte, entschloß ich mich nach der Abfahrt von Wischni-Wolotschok (21.50 Uhr), den General Zabel, Ing. Ertel, Baron Stackelberg und Oberst Nevdachow zu einer Lagebesprechung einzuladen. Ich teilte ihnen mit, daß der Aufenthalt des kaiserlichen Zuges und die Aenderung der Marschroute nur auf Befehl des Palaiskommandanten erfolgen könne, der dazu die Einwilligung des Kaisers einholen müsse. Es sei zu bedenken, daß die Station Tosno, laut Bericht, von Aufständischen besetzt sei, vielleicht auch Malaja Wischera. Da ein Befehl der provisorischen Regierung bestehe, die kaiserlichen Züge nach Petrograd und nicht nach Zarskoje Selo zu leiten, bestehe die Gefahr einer Gefechtsberührung mit den Aufständischen, der unsere schwache Besatzung nicht gewachsen sei. Wir stünden also vor der Entscheidung, ob wir ohne ausdrücklichen Befehl des Palaiskommandanten noch weiterfahren dürfen. Die allgemeine Meinung war, daß man sofort den Palaiskommandanten fragen müsse; General Zabel schlug vor, meinen Bericht durch seinen Offizier des persönlichen Eisenbahnregiments, Hauptmann Kuhn, der sich auf der nächsten Station befand, dem Palaiskommandanten übergeben zu lassen. Mein Bericht lautete:

„Auf Grund verschiedener Meldungen besteht ein Auftrag der provisorischen Regierung, die kaiserlichen Züge von der Station Tosno nach dem Nikolajer Bahnhof zu leiten. Wenn wirklich die Durchfahrt nach Gatschina gesperrt wäre, beabsichtigte ich, den Zug in Tosno aufzuhalten. Bitte um Ihren Befehl, der mir in der Station Malaja Wischera zu übergeben wäre, und zwar chiffriert mit dem Schlüssel, den Hauptmann Kuhn besitzt.“ In der Station Bologoje, wo wir um 22.50 Uhr eintrafen, übergab ich dem Hauptmann Kuhn meinen Bericht an den Palaiskommandanten und bat ihn noch, dem General zu sagen, es sei gefährlich, bis Tosno weiterzufahren. Ich bäte um bestimmten Befehl, der mich in Malaja Wischera erwarten solle.

(Schluß in der Neujahrsnummer)

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