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Der Zar fährt in die Revolution

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Aus den unveröffentlichten Erinnerungen des Stabsoffiziers und Zugskommandanten N. N. (Fortsetzung und Schluß)

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Aus den unveröffentlichten Erinnerungen des Stabsoffiziers und Zugskommandanten N. N. (Fortsetzung und Schluß)

Was bisher geschah (vgl. „Die Furche”, Nr. 52/1958); Am 26. Februar 1917 trafen im Zaren- hauptąuartier in Mogilew die ersten Nachrichten von Unruhen in Petersburg ein. Man hielt sie anfangs für die üblichen Volkskundgebungen gegen Mängel der städtischen Versorgung und nahm sie nicht sonderlich ernst. Trotzdem fuhr der Zar mit den gebräuchlichen Sicherungen am 28. Februar mit dem Zug (Lit. A und Lit. B) in Richtung Zarskoje Selo ab, um im Zentrum der Unruhen selbst nach dem Rechten zu sehen. Aber schon in Wischni-Wolotschok und Bologoje (vgl. die Karte im vorigen Blatt) erfuhr man, daß dpr.Zug auf der weiteren vorgesehenen Route nicht mehr ungefährdet sein v/ürde. ln Malaja Wischera würde die Entscheidung fallen …

1. MÄRZ 1917

Der kaiserliche Zug Lit B in Malaja Wischera

In dunkler Nacht fuhren wir um 1.50 Uhr ganz langsam in die Station Malaja Wischera ein. Ich stand auf den Waggonstufen mit der Pistole in der Hand, hinter mir Hauptmann Nolde mit sechs Mann unserer Zugwache. Auf dem Bahnsteig standen einzelne Personen, unter ihnen der Stationschef. Als der Zug stehenblieb, besetzte Hauptmann Nolde mit vier Soldaten die Lokomotive, während ich mit zwei Mann zum Stationschef trat. Ich fragte ihn, nachdem ich mich als Kommandant des Zuges Lit B vor- gestellt hatte, ob er meinen Befehlen folgen werde. Er bejahte dies und übergab mir ein Telegramm von Bologoje von Hauptmann Kuhn. Das Telegramm wurde von General Zabel dechiffriert und lautete:

„Der Kommandant fordert die Durchfahrt nach Zarskoje Selo.”

Als ich nach diesem Befehl den Zug weiterfahren lassen wollte, kam ein Offizier des Regimentes Zabel, Oberleutnant Gerlach, und meldete, die Stationen Tosno und Ljubanj seien von den Aufständischen besetzt, die sich schon auf dem Weitermarsch nach Malaja Wischera befinden dürften. Er sei selbst in Petrograd gewesen, wo er beobachten konnte, daß alles entwaffnet wurde und die ganze Garnison auf der Seite der provisorischen Regierung stehe. Daraufhin fuhr ich nicht weiter, sondern erwartete den Zug Lit.A, um dem Palaiskommandanten persönlich die Situation zu erklären. Der StäiiOnschcf hatte mij- noch ein Telegramm mit folgendem Inhalt vorgewiesen:

„Benachrichtigen Sie die Kommandanten der Lit-Züge, daß sie nach Petrograd auf den Nikolajer Bahnhof geleitet werden.”

Es war also hohe Gefahr. - Nach 15 Minuten kam der Zug Lit A. Ich begab mich in den Wagen der Suite, um dem Palaiskommandanten zu berichten. Auf Grund meines Berichtes entschloß er sich, die Route zu ändern und nunmehr zu versuchen, über den Umweg Bologoje-Dno nach Zarskoje Selo zu gelangen. Sollte man aber in Dno bestätigt hören, daß Zarskoje Selo von den Aufständischen eingeschlossen sei, müßten die Züge nach Pskov (Pleskau) in das Hauptquartier der Nordfront umgeleitet werden. Für die Durchführung dieses Planes mußte die Bewilligung des Zaren eingeholt werden. Der Kommandant begab sich zum Kaiser. Die anderen Personen der Suite waren durch die Gespräche aufgewacht und sehr erregt. Auch Graf Frederiks, Generaladjutant Nilof und General Dolgoruky waren erwacht und aufgestanden. Nach zehn Minuten kam der Kommandant vom Kaiser und meldete, daß dieser mit der Routenänderung einverstanden sei. Die Lokomotiven wurden auf der Drehscheibe umgewendet und die neuen Anordnungen für die Fortsetzung der Fahrt verlautbart. Dem Vertreter des Palaiskommandanten in Zarskoje Selo wurde telegraphisch die Aenderung der Route mitgeteilt. Nach einer Besprechung des Palaiskommandanten mit General Zabel bekam Oberleutnant Gerlach den Auftrag, mit dem nächsten Zug nach Zarskoje Selo zu General Groten zu fahren, damit dieser die Durchfahrt des Kaisers durch die Station Dno sichere. Auf Grund des neuen Befehles begann die Umstellung der Züge in der Richtung nach Bologoje. In dieser Zeit verlautete gerüchtweise, daß sich Patrouillen der Aufständischen schon auf zwei Werst der Station Malaja Wischera genähert hätten, so daß ich unsere Patrouillen in die Richtung von Ljubanj sandte, um zu verhindern, daß unsere Fahrt gestört würde.

Auffallend war, daß bei allen gemeldeten Kundgebungen nie ein Wort gegen den Kaiser fiel. Ich sprach darüber mit General Zabel und berichtete dann dem Palaiskommandanten: Nach den Aussagen des Oberleutnants Gerlach wurde in keiner Situation der Kaiser’ genannt. Nur die Regierung des Kaisers wurde bekämpft, während vereinzelte Plakate, die gegen die Person des Kaisers gerichtet waren, vom Volke selbst herabgerissen wurden. Es wäre also ins Auge zu fassen, die Kaiserzüge direkt nach Petrograd zu leiten und dort durch die Anwesenheit des Zaren die Lage zu klären. Der Wunsch der Duma, den Zaren nach Petrograd zu dirigieren, könnte vielleicht auch den Hintergedanken gehabt haben, in dieser Zeit eine Aktion gegen die Kaiserin und die Kinder in Zarsköje Selo zu starten, da dort nur eine kleine Garnison sei. Der Palaiskommandant konnte sich meinen Gedanken nicht anschließen.

Von Malaja Wischera aus fuhr der Zug Lit A vor meinem. Der Zug Lit A fuhr um 3.35,-Uhr ab, Lit B um 20 Minuten später. Um 7 Uhr wären wir in Bologoje, um 13 Uhr in Staraja Rusa. An diesem Vormittag erhielten wir keine Nachrichten, da uns ja alle Aemter auf der anderen Strecke wähnten. Um 16.45 Uhr holten wir in der Station Dno den Zug Lit A ein. Ich begab mich sofort zum Palaiskommandanten und sah am Fenster des Zuges den Zaren. Sein Gesicht war ruhig. Ich begegnete dem Oberst Gamzin, der mir bestätigte, daß die Stimmung im Zuge ruhig sei. Man hatte eine Meldung erhalten, daß heute um 15 Uhr der Dumavorsitzende Rodzianko dem Kaiser entgegengefahren sei. Der Palaiskommandant befand sich im Telegraphenamt, da beschlossen worden war, nun doch nicht nach Zarskoje Selo, sondern nach Pskov, zum Stab der Nordfront, zu fahren. Also begab ich mich dorthin zu ihm. Er war guter Laune und befahl lächelnd, daß der Zug Lit B nicht mehr vorausfahren solle: es gehe alles viel besser, seit der Zug Lit A vorausfahre .,. Seine zuversichtliche Stimmung schien berechtigt. Denn es war anzunehmen daß Rodzianko aus Petrograd mit dem Vorschlag einer Regierungsbildung, allenfalls mit gewissen Forderungen, kommen werde. Es ging also — so schien es uns noch immer — nicht eigentlich um „Revolution”.

Der Kaiserzug fuhr um 17.05 Uhr ab, unser Zug einige Minuten später. Nach Pskov kamen wir um 19.53 Uhr und stellten uns hinter den schon eingelangten Kaiserzug. In der Nähe stand auch der Zug des Oberbefehlshabers der Nordfront, General Russky. Beim Palaiskommandanten erfuhr ich, daß der Zar telegraphisch von Rodzianko verständigt wurde, er habe wegen einer geänderten Situation von Petrograd nicht wegkönnen. Diese Nachricht wirkte entmutigend. Vom Stationskommandanten erfuhr ich, daß von sieben Militärzügen, die nach der Station Luge abgefertigt wurden, vier Züge dort ankamen, während drei Züge aufgehalten wurden. Außerdem wurde bekannt, daß der Chef der Nordwestbahnen, Waluiev, getötet worden war. Man wollte ihn in seinem Amt ergreifen, aber er ging, rechtzeitig gewarnt, sofort weg, wurde aber vier Werst von der Station entfernt von seinen Arbeitern auf dem Zagoradni- Prospekt erschossen.

Um 23.30 Uhr wurde ich zum Palaiskommandanten gerufen; ich erhielt ein Telegramm des Kaisers zur Weitergabe an den Chef des Stabes der Nordfront, General Danilof, der es sofort nach Petrograd absenden solle. Es war der Vorschlag für den Dumavorsitzenden, eine Konstitutionsregierung zu bilden. Ich führte den Befehl aus.

2. MÄRZ 1917

Der kaiserliche Zug in der Station Pskov

Am Morgen wurde bekannt, daß sich der Kaiser entschlossen habe, in das Hauptquartier nach Mogilev zurückzufahren und hier in Pskov nur die Antwort Rodziankos abzuwarten.

Zeichen von Unruhe waren nicht zu bemerken. Ich sprach mit eben von Petrograd angekommenen Reisenden, die mir sagten, dort sei nichts Besonderes los, nur würden alle entwaffnet. Auf den Straßen sehe man viel Militär, hauptsächlich Patrouillen und kleinere Abteilungen. Meine Frage nach der Duma beantworteten sie: „Man sagt, die Soldaten gehen alle zur Duma. Aber warum? Gott weiß.” Dann und wann gebe es auch Schießereien auf den Straßen der Newaperspektive, auf der Liteinaja und in den Vorstädten.

Um 15 Uhr kam die Nachricht, daß zwei Deputierte der Duma, Gutschkof und Schulgin, auf dem Wege zum Zaren seien. Ihre Ankunft wurde für 21 Uhr erwartet.

Es war 21.30 Uhr, als sich die Garnitur aus Petrograd neben den Kaiserzug stellte. Man kann sich keinen größeren Gegensatz vorstellen: hier der Zarenzug, dunkelblaue Luxuswagen mit weißen Dächern, besetzt von dem uniformprächtigen Gefolge — dort die grün bekränzte, mit roten Fahnen gezierte Lok, ein Dienst-, ein Salonwagen. Schluß. Unsere Offiziere traten näher heran, um zu sehen, was sich da abspielen werde. Aus dem Dienstwaggon sprangen einige Soldaten. Eine Ehrenbezeigung ersparten sie sich, ihre Gewehre trugen sie unsoldatisch, ihre Mützen ttaren mit roten Rosetten, die Brust mit roten Bändern verziert. Auf der hinteren Plattform des Salonwagens stand ein Zivilist mit einem Paket Druckschriften, die er zu verteilen begann. Die Deputierten stiegen aus dem Salonwagen. Der Militärkommandant der Station Pskov begrüßte die Deputierten Gutschkof und Scliulgin, unterhielt sich ziemlich lange mit ihnen und teilte ihnen mit, was ihm der Kommandant der Nordfront aufgetragen hatte. Hernach kam sein Adjutant, Hauptmann Graf Scheremetjey, zu den Deputierten und lud sie zum Generaladjutanten Russky ein. In diesem Moment erschien der Flügeladjutant des Zaren, Mordwinof, und bat sie in den Zug des Zaren.

Inzwischen hatten sich bei den Zügen etwa hundert Reisende und Einwohner angesammelt, die vor dem Kaiserzug Hurra schrien. Der Chef der Schutzagenten, Oberst Newdachow, dessen Mannschaft den Zug auf den Stationen zu schützen hatte, glaubte, daß die Kundgebungen den Kaiser beunruhigen würden, und wollte schon den Befehl geben, die Menge zu zerstreuen, doch verwehrte ihm das Flügeladjutant Mordwinof im Auftrag des Kaisers. Um 23 Uhr, als die Rufe der Menge bei dem Deputiertenwagen lauter wurden, begab sich der Deputierte Gutschkof aus dem Waggon des Kaisers auf die hintere Plattform seines Waggons und sagte zur Menge:

„Unser Vater, der Zar, ist mit uns vollkommen einverstanden und wird alles, was notwendig ist, tun.”

Auf diese Worte hinauf ertönte noch kräftigeres Hurrarufen. Nachher ging Gutschkof wieder in den Kaiserzug.

In der Erwartung einer endgültigen Entscheidung über die Weiterfahrt begab ich mich in den Dienstwagen des Kaiserzuges, um den Palaiskommandanten zu erwarten. Man sprach von einem Ministerwechsel, von einer konstitutionellen Regierung: niemand aber dachte an eine Vorbereitung zur Abdankung des Zaren. Später sollte sich herausstellen, daß die Abdankung schon vorbereitet, die Dokumente schon abgefaßt und auch die Thronfolge schon geregelt war, bevor die Deputierten zum Kaiser kamen. Auf Befehl des Zaren war das alles geheimgehalten worden.

Bis um 1.15 Uhr wartete ich auf den Palaiskommandanten. Dann kam er auf mich zu und sagte:

„Alles ist zu Ende, und alles ist unterschrieben. Der neue Zar ist Michael Alexandrowitsch (der Bruder Nikolaus’ II.).”

Tief erschüttert kehrte ich in den Dienstwagen zurück, wo meine Nachricht eine unbeschreibliche Wirkung auslöste.

Ich war damit der erste Mensch in ganz Rußland gewesen, der diese Nachricht offiziell erfahren hatte, da sie mir der Palaiskommandant als erster mitgeteilt hatte.

3. MÄRZ 1917

Der Kaiserzug in der Station Pskov

Den genauen Zeitpunkt der Unterschrift der Abdikation des Kaisers konnten wir nicht erfahren. Man wußte nicht, geschah sie am 2. März vor Mitternacht oder in den frühen Morgenstunden des 3. März. Der Palaiskommandant war selbst sehr erschüttert, als er mir die Nachricht mitteilte. Später habe ich wohl von ihm Einzelheiten darüber erfahren, wie sich alles abgespielt hatte.

Als die Deputierten Gutschkof und Schulgin in den Waggon eintraten, befand sich außer dem Kaiser noch der Minister des kaiserlichen Hofes, Generaladjutant Graf Frederiks, dort. Die Haltung der Deputierten war sehr korrekt, wie alle Anwesenden bestätigten. Sie legten dem Kaiser einen Bericht über die allgemeine Lage vor.

„Ich habe meines schon getan”, sagte der Kaiser, „ich habe die Abdikation für mich und meinen Sohn unterschrieben.” Gutschkof erwiderte, daß es zur Beruhigung des Volkes wünschenswert wäre, wenn er seinen Sohn, den Thronfolger, zum Kaiser, und den Großfürsten Michael Alexandrowitsch zum Regenten ernennen würde. Der Kaiser aber blieb bei seinem Entschluß und überreichte den Abdikationsakt an’den Deputierten Gutschkof. So geschah eines der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte Rußlands.

Der Kaiser hatte den Entschluß des Thronverzichtes, wie erwähnt, schon am 2. März gefaßt und seinen Stab beauftragt, alle Dokumente für diesen Fall vorzubereiten. Als ich den Palaiskommandanten um di r vermiuthch Gründe für den Entschluß des Zaren fragte, sagte er mir: „Wie konnte er nicht auf den Thron verzichten, wenn alle fünf Frontkommandanten, und zwar der Nord-, der West-, der Süd-, der rumänischen und der Kaukasusfront, dessen Oberkommandant der Großfürst Nikolaj Nikolajewitsch war, ihm ein Telegramm fol- denden Inhaltes sandten: ,Wir bitten kniend, vom Thron zu abdizieren.’?”

Ein anderer Grund war ein Gespräch des Zaren mit dem Leibarzt Botkin über die Krankheit seines Sohnes, des Thronfolgers Alexej Nikolajewitsch, der an Hämophilie (Bluterkrankheit) litt. Die Erkrankung, sagte der Arzt, sei lebensgefährlich. Die Gefahr könnte vorüber sein, wenn der Kranke ohne übermäßige Anstrengungen und Erregungen das 21. Lebensjahr erreichen würde.

Das sind die beiden Gründe, warum der Zar für sich und seinen Sohn abgedankt hat.

Um 1.45 Uhr wurde ich zum Palaiskommandanten gerufen, der mir ein Telegramm mit folgendem Inhalt zur Expedition übergab:

„Petrograd. An Se. Majestät! Ich hoffe auf baldiges Wiedersehen, Niki.”

Das war das erste Telegramm des Kaisers nach der Abdankung an seinen Bruder, den Großfürsten Michael Alexandrowitsch, in dem er ihn zum erstenmal als Seine Majestät ansprach.

Um 2 Uhr fuhr der kaiserliche Zug nach Mogilev, und nach 20 Minuten folgte ich ihm. Bewundernswert erschien mir die Selbstbeherrschung des 80jährigen Ministers des kaiserlichen Hofes, Generaladjutant Graf Frederiks, als ihm die Deputierten berichteten, daß sein Haus in Petrograd erstürmt wurde und man nicht wisse, wohin die Gräfin entführt wurde. Der Graf wurde blaß und sagte nur: „Meine arme Frau!” Er war wieder vollkommen beherrscht, als ihm die Deputierten versprachen, mit allem Nachdruck für die Auffindung der Gräfin Sorge zu tragen.

Am nächsten Tag herrschte in meinem Zug trübe Stimmung. Die Abdankung als solche erregte die Herren vielleicht weniger als der Gedanke an die Folgen, die sich daraus für jeden einzelnen ergeben mußten. Um 23 Uhr kamen wir nach Mogilev. Auf der ganzen Fahrt funktionierte der Sicherheitsdienst in der üblichen Weise, die Gendarmerie und die Polizei waren auf ihren Posten. Auffallend war das Fehlen der Wehrmachtseinheiten, die sonst die Strecke zu bewachen hatten. Wir wurden wie gewöhnlich von den Zügen in unsere Wohnungen geführt. Ich wohnte dem Hause des Gouverneurs gegenüber, im Gebäude des Amtes des diensthabenden Generals des Stabes. Als ich beim Palais vorüberfuhr, sah ich am Eckhaus eine große rote Fahne hängen.

4. MÄRZ 1917 Das Hauptquartier Mogilev

An diesem Morgen hatten sich viele Soldaten von den Einheiten des Hauptquartieres ohne Erlaubnis auf dem Stadtplatz eingefunden, da irgendwie bekannt wurde, daß dort die Revolution proklamiert werden sollte. Der Sache wurde durch einen Befehl des Chefs des Stabes, General Alexejew, die Spitze abgebrochen, indem er alle Einheiten der Garnison Mogilev um 10 Uhr auf den Hauptplatz beorderte. Dort fand dann weiter nichts anderes statt als die Verlautbarung der Abdankung des Zaren und der Aufstellung der provisorischen Regierung. Der Zuruf des Kommandierenden an die Leute: „Zum letzten Male zum Gedenken an unseren bisherigen Oberkommandierenden, den Kaiser, ein Hurra!” fand wenig Widerhall. Ebenso schwach aber war auch das Hurra auf die provisorische Regierung … War es Angst vor der Zukunft? War der Gedanke der Revolution doch noch nicht so populär?

Im Palais erfuhr ich von der völligen Aende- rung der Lage. Die Deputierten Gutschkof und Schulgin waren nach Petrograd zurückgekehrt, wo sich Großfürst Michael Alexandrowitsch strikte weigerte, den Thron zu besteigen. Die Vollmacht ging deshalb an die Staatsduma mit dem Fürsten Lvof an der Spitze über.

„Der Kaiser und wir alle fahren nach England, willst du mit uns fahren?” fragte mich der Palaiskommandant. Da ich erst mit meiner Familie, die in Zarskoje Selo weilte, darüber reden wollte und keine definitive Antwort geben konnte, sagte er: „Nun, wie du willst.” Er befahl mir, alle Geschäftsstücke der Kanzlei des Palaiskommandanten in Ordnung zu bringen. Als ich auf dem Weg in die Kanzlei den Hof betrat, begegnete ich einem Beamten, der ein Paket mit bedruckten Blättern trug. Der wachhabende Hofpolizist bat ihn um ein Exemplar, und ich blieb bei ihm, um es zu lesen. Auf der einen Seite stand die Abdankungserklärung:

„Wir in Gottesgnaden Nikolaj II., Kaiser und Selbstherrscher von Rußland, König von Polen, Großfürst von Finnland usw., haben es für gut befunden, auf unseren Thron zu verzichten.”

Auf der anderen Seite das Manifest von der Thronbesteigung:

„Wir Michael II., Kaiser und Selbstherrscher vcm Rußland, steigen auf den Thron unserer Vorahnen usw.”

Das früher erwähnte Telegramm des Kaisers an seinen Bruder und die Herstellung dieser Druckschrift zeigen, daß der Kaiser bestimmt mit der Machtübernahme seines Bruders gerechnet hatte. Als ich mit dem Durchlesen des Manifestes fast fertig war, erschien ein Offizier, der laut Befehl der provisorischen Regierung das Paket beschlagnahmte und den Druck weiterer Exemplare einstellte. Von da an dürfte die ganze Macht des Hauptquartiers aus den Händen des Kaisers an General Alexejef übergegangen sein, der jetzt die Weisungen und Befehle- von der provisorischen Regierung bekam.

Der Kaiser selbst ging an diesem Morgen wie gewöhnlich zum Hauptstab, um sich über den Stand der Fronten zu informieren. Das Frühstück nahm er aber allein ein, während die Militärattaches der Alliierten mit General Alexejef in der Garnisonsmesse frühstückten. Auch den Morgenspaziergang unternahm der Kaiser allein, ruhig, aber sehr ernst, in seinem kleinen Garten.

Ich war an diesem Tag oft im Palais und beobachtete. Alles war wie sonst, und doch anders. Der Doppelposten stand wie früher beim Eingang, der Sicherheitsdienst funktionierte normal, aber es war doch eine andere Atmosphäre, und jeder war mit sich selbst beschäftigt.

Da kam beispielsweise vom oberen Stock ein General, der Befehlshaber einer Einheit im Hauptquartier, herab und sagte zu seinem Begleiter, einem Oberst: „Ich bin mit meinem Regiment schon auf die Seife der provisorischen Regierung übergegangen.” Stürmischen Schrittes erschien der energiegeladene alte Prinz Peter von Oldenburg, ganz entsetzt von den letzten Ereignissen. Ein Offizier fragte mich, was mit den Epauletten, auf denen die Initialen des Zaren zu sehen sind, zu geschehen habe. Ein Hofdiener sagte ganz laut zu einem andern: „Jetzt hat es keinen Sinn mehr, zu dienen, man muß nach Hause fahren.” Das waren im großen und ganzen die Eindrücke, die ich in diesen Tagen gewann, lieber den Kaiser sagte mir der Palaiskommandant: Lieh verstehe nicht, was für eine Natur er hat. Er ist ruhig, ist aber am Mor- gen unglaublich schnell in seinem Garten spazierengegangen.” Die Stimmung beim Abendessen im Speisezimmer der Suite war ganz fürchterlich. Man erfaßte erst jetzt so ganz, was eigentlich geschehen war und wieviel sich damit ändern würde. Die Offiziere des Sicherheitsdienstes erkannten, daß ihre bisherige Tätigkeit überflüssig geworden war. Sie wollten zum größten Teil zur Wehrmacht zurück, und zwar zur kaukasischen Front. In der Stadt fanden allerorten auf den Plätzen Versammlungen statt, wo viel von Freiheit und Gleichheit zu hören war. In der Nacht war von der Front ein Regimentskamerad, Oberst Markosof, vom Kosakenregiment gekommen, der mir sagte: „Was ist geschehen? Jeden Abend bete ich mit meinem Regiment kniend zu Gott, und wir singen: Gott schütze den Zaren, und hier höre ich von Thronverzicht?” Sehr aufgeregt erzählte er mir, daß diese Nachricht einen erschütternden Eindruck auf die in den Stellungen eingesetzten Truppen gemacht habe; kein Mensch habe an ein so umwälzendes Ereignis gedacht.

5. MÄRZ 1917 Das Hauptquartier Mogilev

Früh am Morgen fuhr ich über Auftrag des Palaiskommandanten zur Station Mogilev, um bestimmte Gerüchte zu überprüfen. Eine Abteilung aus Petrograd unter dem Kommando eines Unterleutnants war angekommen und hatte die gesamte Gendarmerie entwaffnet. Ich machte dem Palaiskommandanten, der seine Sachen fast gänzlich verpackt hatte und sehr deprimiert war, Meldung. Er kam eben vom Kaiser. In Abänderung des letzten Beschlusses fährt morgen der Kaiser nach Zarskoje Selo, sagte er, und es tue ihm leid, daß er selbst nicht mitkommen könne. Am Abend kam Baron Stackeiberg und erzählte mir, er habe den Geheimerlaß der provisorischen Regierung an General Alexejef gelesen, der Verfügungen über das Hauptquartier treffe, so über den Minister des kaiserlichen Hofes, Graf Frederiks, der das Hauptquartier zu verlassen habe und in die Krim fahren müsse, ferner über den Palaiskommandanten, General Wojejkof, der sich auf seine Besitzungen im Gouvernement Pensa zu begeben habe. Die Abfahrt erfolge am nächsten Tag. Baron Stackeiberg fügte hinzu, der Palaiskommandant habe den Wunsch geäußert, ich möchte ihn begleiten. Ich antwortete, daß mir die Begleitung sehr angenehm sei, weil ich den Palaiskommandanten schätze und ihm gerne meine Dankbarkeit für seine Güte und sein herzliches Benehmen mir gegenüber beweisen möchte.

6. MÄRZ 1917 Im Zarenhauptquartier in Mogilev

Um 14 Uhr fuhren wir mit einem Normalzug nach Pensa. Die Fahrkarten waren bis Wjazma gelöst. Am Bahnhof zeigte man mir den Salonwagen, der für den Minister des Hofes, Graf Frederiks, bestimmt war. Als ich in Wjazma aus- stieg, um die Anschlußfahrkarten bis Pensa zu lösen, sah ich, wie der Stationskommandant in Begleitung von zwei Mann zum Palaiskommandanten herantrat und ihn fragte: „Exzellenz, sind Sie General Woje’jkof?” Nach der bejahenden Antwort des Generals sagte er: „Nach einer Anordnung aus Petrograd sind Sie, laut Befehl des neuen Oberbefehlshabers des Moskauer Militärgebietes, verhaftet.” Ueber meine Person, meinte der Stationskommandant, bestünden keine Anordnungen: „Sie sind frei.”

Meine Bitte, den Palaiskommandanten begleiten zu dürfen, wurde abgelehnt. So nahmen wir herzlich Abschied. In einem gesonderten Abteil wurde General Wojejkof unter Bewachung nach Petrograd gebracht und in der Trubeckoj- Bastion der Festung Peter und Paul eingekerkert. Wie ich später hörte, wurde auch Graf Frederiks nach kurzer Fahrtdauer auf dem Wege nach der Krim verhaftet und nach Petrograd gebracht. Die beiden Verhaftungen waren vermutlich schon früher von der provisorischen Regierung ausgesprochen worden, aber aus Rücksicht auf den Kaiser erst später durchgeführt worden. In Wjazma wurde auch ich von einer Soldatengruppe verhaftet und zum Stationskommandanten gebracht, der mich aber freiließ. Ich fuhr nachher zu meiner Familie nach Zarskoje Selo, die ich wohlbehalten antraf. Nach einigen Tagen wurde ich wieder verhaftet und auf die Hauptwache der Festung Peter und Paul gebracht, von wo ich nach etwa einem Monat wieder freikam.

Ich muß noch eine Episode erwähnen, die den Palaiskommandanten, General Wojejkof, als einen sehr mutigen und loyalen Mann erweist. Kurz vor unserer Abfahrt aus Mogilev trat der Chef der Hofpolizei, Oberst Gerardi, in den Wagen, wo sich noch einige Herren der Begleitung befanden, und sagte: „Exzellenz, es existiert ein Geheimbefehl der provisorischen Regierung, der Ihre Verhaftung befiehlt. Sie und Graf Frederiks befinden sich in Lebensgefahr. Wenn, Sje lebend in das Gefängnis kommen, Es wäre’ für Sie’’besser, Wenn Sie’ ins Äüslähif flüchten würden.” Obwohl diese Flucht sehr leicht gewesen wäre, hat sie der Palaiskommandant abgelehnt.

8. MARZ 1917 Das Hauqtquartier in Mogilev

Am 8. März fuhr der Kaiser in seinem Zug nach Zarskoje Selo und wurde laut Befehl der provisorischen Regierung in seinem Palast eingeschlossen. Vor seiner Abfahrt von Mogilev richtete der Kaiser noch einen letzten Befehl an die Armee, dessen Verbreitung jedoch ein Telegramm aus Petrograd untersagte. Nicht einmal alle Armeekommandanten erhielten Kenntnis von diesem Befehl. Er möge daher hier stehen und meine Erinnerungen beschließen:

„Befehl des Chefs des Stabes des Ober- befehlshabers vom 8. März 1917.

Der abdizierte Kaiser Nikolaf II. hat sich vor seiner Abreise von dem Militärgebiet mit folgenden Worten verabschiedet:

Zun: letztenmal wende ich mich an Euch, meine heißgeliebten Truppen. Nach der Abdikation für mich und meinen Sohn vom russischen Thron ist die Macht an die provisorische Regierung übergegangen, die aus der Staatsduma entstanden ist. Wolle Gott ihr helfen, daß Rußland zu Macht und Ruhm wie zur Wohlhabenheit gelange. Gott soll auch Euch, meine tapferen Truppen, helfen, unser Vaterland gegen den Feind zu verteidigen. Zwei und ein halbes Jahr hindurch habt Ihr stündlich den schweren Militärdienst ausgeübt, viel Blut ist geflossen, viel Mühe habt Ihr geopfert, und schon nähert sich die Stunde, daß Rußland mit seinen Verbündeten in gemeinsamem Bemühen um den Sieg die letzten Anstrengungen des Feindes zerbrechen wird. Dieser unerhörte Krieg muß zu Ende geführt werden. Wer jetzt an den Frieden denkt, ist ein ungetreuer Mensch und ein Verräter. Jeder ehrliche Krieger denkt so. Erfüllt die Pflicht, verteidigt tapfer das Vaterland, seid der provisorischen Regierung gehorsam und Euren Vorgesetzten, bedenkt, daß jede Schwäche dem Feinde hilft. Ich glaube nicht, daß in Euren Herzen die grenzenlose Liebe zum Vaterland erlöscht. Gott segne Euch und führe Euch mit dem heiligen Marlin und dem Siegträger Georg zum Sieg! Nikolaj.”

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