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Dialog (für Österreich) als Lerngemeinschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Dialog heißt auch (und gerade): Begegnung mit dem Feind. Friedrich Heer, dessen Todestag sich zum 15mal jährt, legte schon vor 50 Jahren das Modell dazu vor.

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Dialog heißt auch (und gerade): Begegnung mit dem Feind. Friedrich Heer, dessen Todestag sich zum 15mal jährt, legte schon vor 50 Jahren das Modell dazu vor.

Der "Dialog für Österreich" ist auf den Grundkonflikt der katholischen Kirche - in Österreich wie anderswo - zurückzuführen: das Grundproblem der Religion unter den Bedingungen der Moderne, die Spannung zwischen der religiösen Überlieferung und den Erfahrungen der kritischen Subjektivität; man kann ruhig sagen: unser aller "gebrochene" Religiosität. Wenn der Dialog eine Chance haben soll, ist Offenheit vonnöten, dieses Grundproblem in sich und anderen zuzulassen.

"Der Dialog ist für nichts." "Was heißt schon Dialog?" - Aussagen aus jüngster Zeit - im Zusammenhang mit dem "Dialog für Österreich" getätigt -, die beide den selben Sachverhalt meinen; die eine "trotzig-dogmatisch", die andere "skeptisch-verzweifelt" - im Grunde also die alten Extreme im Streit um die Religion, wie ihn schon Immanuel Kant gekennzeichnet hat.

Die oberste Lehrautorität der katholischen Kirche will den Dialog: Johannes Paul II. hat bereits als Konzilsbischof den Dialog als "Motor einer angemessenen Erneuerung der Kirche" bezeichnet und ermutigte bei seinem Österreichbesuch im Juni 1998 die Bischöfe, den "Dialog für Österreich" fortzuführen. Der Dialog ist allerdings keine anspruchslose Sache. Er kostet, wenn er "Motor" sein soll, einige Anstrengung. Von Friedrich Heer, dem vor 15 Jahren verstorbenen österreichischen Historiker, Philosophen und Publizisten, kann man etwas über die Bedingungen des Dialogs lernen.

Kirchensituation heute: wie im Kalten Krieg Die Situation heute: Es gibt das Angebot, auf der Ebene der Gleichheit miteinander zur reden (par cum pari agat, wie es im Ökumenismus-Dekret des II. Vatikanums heißt). Anderseits kann kein Bischof versprechen, daß bei Fragen, die die Gesamtkirche betreffen, auf gleicher Ebene geredet wird, und das auch dann, wenn ein Problem theoretisch gelöst ist, sodaß "ein ,Dialog' darüber so gut möglich ist, wie der ,Dialog' eines Mathematiklehrers mit seinen Schülern über den Pythagoreischen Lehrsatz" (so der Grazer Theologe Johannes B. Bauer in einem Gastkommentar im "Standard").

Diese Situation ist vergleichbar mit der Lage Österreichs zwischen 1945 und 1955: Die Österreicher wollten einen freien Staat, nur Moskau sagte beharrlich "njet". Aber gerade in jener Zeit des Kalten Krieges, in der die Feindschaft, die Feindbilder so sehr gepflegt wurden, formulierte Friedrich Heer in seinem Buch "Gespräche der Feinde" (1949, fortgesetzt unter anderem in "Begegnung mit dem Feinde", 1955) den Denkansatz, wie die verfahrene Situation überwunden werden könnte.

Das Argument: "Der Dialog ist unter den gegebenen Umständen sinnlos", ist das Argument der "Kalten Krieger" von einst: Wer sich mit dem Feind einließ, dem wurde unterstellt, er weiche die Fronten auf und nütze damit nur der anderen Seite. Eine "Dritte Kraft" wurde nicht geduldet. Die von Heer aus aktuellem Anlaß erinnerte "Dritte Kraft", das war das Bemühen europäischer Humanisten und Reformer um Erasmus von Rotterdam, Europa zu retten vor der drohenden Aufspaltung in die Ghettobildungen der neueren Jahrhunderte.

Das Gespräch der Feinde hat nach Heer eine wichtige Voraussetzung. Es ist nicht einfach Toleranz, sondern die Anerkennung des Gegensätzlichen im Anderen: "Wir müssen uns die Erkenntnis erzwingen, erkämpfen, daß wir den Gegner, den Feind brauchen, weil er oft unser zweites Ich verkörpert ..., unseren Gegenpol, unser Spiegelbild ... Ihm also müssen wir einen Platz in uns, in unserem Herzen, in unserem guten Denken gewähren, weil wir ihn sonst im Außenraum, im politischen und gesellschaftlichen Leben nicht ertragen können. Dieser Außenraum hat sich nicht zuletzt deshalb immer wieder zum Kriegsschauplatz verwandelt, weil uns der Nächste der Gegner, der Feind, der große Unbekannte blieb, vor dem wir uns wie vor allem Un- und Halbbekannten einfach fürchten." (F. Heer, Gespräche der Feinde, Seite 149) Das ist nicht nur ein humanistisches Prinzip: "Feindesliebe ... ruht auf der Erkenntnis, daß der Christ als Gnadengeschenk auf Erden von Gott seine Feinde und Gegner empfängt: sie sind ihm anvertraut zur Hut, zur Sorge; sie sind die kostbare Gabe, durch die Gott den Menschen erzieht zur Annahme der ganzen Wirklichkeit, zur Verantwortung dieser einen Welt mit allen ihren Reichtümern und wahren Schätzen ... Die Feindesliebe ist der Angelpunkt, von dem allein aus diese Welt gewandelt werden kann ... Die Feindesliebe ist nur verständlich als Frucht der zweitausendjährigen Erfahrungen europäischer Christenheit, gewonnen in ihren inneren Kämpfen; sie erschließt ihre Wirkmacht dem reifen Menschen, der es wagt, sich selbst zu öffnen, und der sich erziehen läßt von seinen Gegnern und Feinden als seinen wichtigsten Helfern zur Kommunion und Kommunikation mit der ganzen Wirklichkeit unseres Lebens."

Ohne Wissensbildung keine Gewissensbildung "Das Gespräch mit dem Feind ist primär in der eigenen Brust zu unterhalten: als Gespräch mit dem eigenen mentalen Untergrund der Person und ihren verborgenen Triebkräften und Motiven, sodann, und zwar wieder zunächst in der eigenen Brust, als offene Auseinandersetzung mit den Partnern." (F. Heer, Begegnung mit dem Feinde, Seite 21 und 29) Friedrich Heer hat damit auch für den "Dialog für Österreich" etwas sehr Wichtiges gesagt. Er macht das Ganze nicht leichter, denn: Wer sind nun die Gesprächspartner? - Doch nicht das Kirchenvolk und seine Hierarchie; die Fronten gehen quer durch (und beiderseits handelt es sich um nicht zu bagatellisierende Gruppen).

Das Unterscheidungsmittel ist - das haben auch andere, etwa der Theologe Hans Urs von Balthasar 1952 in seinem Buch "Schleifung der Bastionen" erkannt - das Geschichtsbewußtsein: "Was es um jeden Preis zu brechen gilt: das vergreiste, weil von ungenügendem Glauben durchpulste Geschichtsbewußtsein der Christen." Es geht letztlich um den Zusammenhang von Gottes- und Menschenbild, der von der neuzeitlichen Änderung des Weltbilds nicht abzukoppeln ist. Hier steht der Satz des Lefebvrianers Franz Schmidberger, : "Der Mensch als Maß aller Dinge ist in den Mittelpunkt gerückt; das Gottesbild hat sich verdunkelt" gegen die vielzitierte Aussage des reformierten Theologen Karl Barth: "Durch die Menschwerdung Gottes ist der Mensch nun das Maß aller Dinge." Der Streit zwischen Fundamentalismus und Säkularismus, nicht nur in ihren militanten, vielmehr auch in den unausdrücklichen, oft unbewußten, schleichenden Formen, dieser Streit bleibt noch auszutragen.

Ignaz Zangerle, "Vater" der katholischen Erwachsenenbildung, hat schon vor 50 Jahren bekannt: "Die Grenze zwischen moderner Welt und der Welt des Christlichen läuft mitten durch unser Herz", und Hans Urs von Balthasar stellte in seinem leidenschaftlichen Plädoyer "für eine zur Welt hin unverschanzte Kirche" fest: "Die Chinesische Mauer wird heute geschleift; bedauernd müssen wir es billigen; was sie aussagen wollte, gilt nicht mehr. Gott selber hat, als sein Sohn erschien, größere Zwischenwände niedergelegt, um ,aus den Zweien in sich selber einen neuen Menschen zu erschaffen, den Frieden herstellend' (Eph 2,15 )." Sind nicht alle Christen - ob eher "Fundamentalisten" oder "Säkularisten" - gezwungen, geistig auch in jener Identität zu leben, gegen die sie sich definitorisch abzugrenzen suchen?

So lange wir in diesem Punkt nicht weiterkommen, so lange werden auch die daran angehängten praktischen und Machtfragen kaum zu lösen sein. (Natürlich außer jenen, die sich quasi von selbst erledigen; denn wo wir müssen, sind wir alle sehr flexibel.)

Spricht das nicht dafür, den "Dialog für Österreich" zu einer "Lerngemeinschaft" auszugestalten? Ein Mehr an gegenseitiger Verständlichkeit ist möglich, sofern die Beteiligten einander in ihrem Menschsein besser verstehen; dazu sollten aber die "Wissenschaften vom Menschen" ernstgenommen werden. Echte Erneuerungsbewegungen in der Kirchengeschichte waren immer auch Bildungsinitiativen.

Und was können die Christen der "neuen Unübersichtlichkeit" entgegensetzen, wenn nicht den ur-christlichen Bildungsoptimismus? Augustinus: "Wer meint, was einzusehen ist, sei lediglich zu glauben, der weiß nicht, wozu der Glaube nützlich ist" (Epist. CXX, 28). Friedrich Heer: "Ohne Wissensbildung keine Gewissensbildung."

Der Autor ist Sekretär des Kath. Akademikerverbandes in Wien und Universitätslektor für Religionsphilosophie Veranstaltungshinweis: Donnerstag, 5. November, 19.30 Uhr:"Die Bedeutung Friedrich Heers für die österreichische Geistesgeschichte"Vortrag von Univ. Prof. Erika Weinzierl. Ort.: Kath. Akademikerverb., 1090 Wien, Währinger Straße 2-4, Tel. 01/3176165

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