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Die Botschafter machten die Jugoslawienpolitik des Westens

In seinem Essay „Der Balkan - Das Pulverfaß Europas" vermittelt Gerhard Herrn eine Gesamtsicht der Entwicklung des Balkans. Wobei vorerst auffällt, in welchem Ausmaß die Menschen dieses Gebietes die europäische Geschichte mitbestimmten. Bereits Alexander der Große kam von hier. Fast zwei Jahrtausende lang haben sich dann Söldner aus dem Gebiet zwischen Adria, Agäis und der griechischen Grenze immer wieder zu Herrschern über die umgebenden Reiche hochgearbeitet, in Born wie in Konstantinopel und Istanbul. Wenn nicht als Kaiser oder Kalifen, hielten sie zumindest als Reichsverwalter oder Großwesire die Zügel der Macht in ihren Händen. Gegen die östlichen Steppen weitgehend offen, wurde das illyrische Dreieck immer wieder überrannt und zerstört. Nach den Stürmen der Steppenvölker schienen die nunmehrigen Völker des Gebiets die Möglichkeit zu bekommen, ihre Talente für sich selber zu verwerten.

Zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert kam es zur Gründung von Königreichen der größeren slawischen und illyrischen Stämme. Doch nun eroberten die Türken den Balkan. Das praktische Ergebnis dieser langen Geschichte scheint eine Fortdauer der uralten Mentalität zu sein, die nur das Stammesmitglied als Mensch gelten läßt. Im Zusammenbruch des osma-nischen Reiches verband sie sich mit den nationalistischen Ideen der Französischen Revolution zu einem explosiven Gemisch. Die andere Seite dieser Revolution, das Prinzip der universalen Menschenrechte, hatte da nur bei einer aufgeklärten Minderheit Chancen.

Nicht in den Archiven, sondern am Ort des Geschehens verfolgte der Journalist Viktor Meier Jugoslawiens Zusammenbruch bis zum Krieg in Bosnien. Ergebnis ist sein Buch „Wie Jugoslawien verspielt wurde". Wie Milosevic sich mit Glück, Frechheit und Brutalität zum „Herrscher aller Serben" aufschwang, zeigt Meier in allen Einzelheiten, ebenso die Probleme der demokratischen Serben in Kroatien und Serbien, denen von keiner Seite geholfen wurde, sich gegen den Demagogen Milosevic zu behaupten. Tudjman hätte die Möglichkeit gehabt, den serbischen Demokraten Schützenhilfe zu geben, damit sie sich in der Krajina und in Slawonien gegen die Emissäre von Milosevic durchsetzten. Doch Tudjman hatte nicht einmal für seine eigenen Demokraten viel übrig. Noch verhängnisvoller war die Unterstützung, die Milosevic aus der EG, wie die EU damals noch hieß, erhielt.

Sie kam vorerst von den in Belgrad akkreditierten Botschaftern. „Im letzten Halbjahr Jugoslawiens nahm deren Realitätsfremdheit geradezu groteske Züge an." Die Westmächte waren in dieser Zeit mit dem Umbruch in Osteuropa, dem Golfkrieg und der deutschen Wiedervereinigung beschäftigt. Daher „hatten die Botschafter in Belgrad mit ihren Berichten einen ungewöhnlich großen Einfluß auf die Jugoslawienpolitik der westlichen Länder". Nicht zuletzt aufgrund solcher Berichte agierten Frankreich und Großbritannien spätestens ab der deutschen Wiedervereinigung in der Praxis für die serbischen Nationalisten. Das Gleiche gilt für Jacques Delors, den Vollzieher von Mitterrands Politik an der Spitze der EG. Doch diese Politik zeigte sich nie mit ihrem wahren Gesicht. Als Serbien die weiteren Verhandlungen über den Carrington-Plan abbrach, wurden Sanktionen nicht gegen Serbien, sondern gegen alle Staaten Ex-Jugoslawiens ausgesprochen. Dabei hatte eine französische Kommission unter dem Verfassungsrichter Badinter klar festgestellt, daß alle Bedingungen für die Anerkennung der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens vorlagen. Doch es handelte sich nicht um eine Frage des Bechts, sondern um Politik. Seit der Wiedervereinigung Deutschlands suchte Mitterrand in Osteuropa Gegengewichte gegen die seiner Ansicht zu groß werdenden Deutschen. Serbien schien der ideale Punkt, die drohende deutsche Vormacht auszuhebein. Einverstanden mit dieser Politik war, außer England und Belgien, vor allem Holland. Dessen Kommissar war in dieser Zeit für die EG-Außenpolitik zuständig. Meier: „Die Arroganz Van den Broeks besonders gegenüber den Slowenen kannte... kaum noch Grenzen."

Die Führung in der erklärt neutralistischen, dahinter aber proserbischen Politik in EG und Sicherheitsrat wurde jedoch sehr schnell von Frankreich übernommen, unter persönlicher Kontrolle Mitterrands. Wie weit verdeckte proserbische Aktionen von EG-Staaten im einzelnen gingen, zeigt der Skandal um die Vorgänge beim Fall Gorazdes, wo zwischen sechs- und zehntausend Moslems von den Mladic-Banden abgeschlachtet wurden.

Damals hatte es Unmut gegeben, weil die dort stationierten holländischen UNO-Soldaten den NATO-Fliegern nicht die erforderlichen Signale für die Bombardierung der serbischen Panzer gegeben hätten. Holländische UNO-Soldaten sprachen über merkwürdige Verbrüderungen mit den Serben, bis einer dieser Soldaten wegen Verleumdung der holländischen Armee unter Ausschluß der Öffentlichkeit vor ein Kriegsgericht gestellt wurde. Gleichzeitig hörte man aus Den Haag, 10.000 der „feigen bosnischen Soldaten" hätten die Frauen und Kinder Gorazdes ihrem Schicksal überlassen und seien nach Tuzla geflüchtet. Daß die Holländer sich weigerten, den Bosniern von Gorazde die laut Schutzvertrag an die UNO abgegebenen Waffen bei Beginn des Angriffes der Serben wieder auszuhändigen, davon spricht man nicht. Der Fall Gorazde jedenfalls zeigt, daß Jugoslawien nicht einfach „verspielt" wurde, wie es im schlechten Titel dieses guten Buches heißt. Die unzähligen Ermordeten, Vergewaltigten, Vertriebenen wären ohne das Werk einiger dritt-klassiger Macchiavelli-Epigonen, die in diesen Jahren Europa führten, nicht möglich gewesen. Ermöglicht wurde die Ehrenrettung des Westens erst durch den Abtritt Mitterrands im Mai. Damit bekamen Chirac und Clinton freie Hand und der angeblich unlösbare Konflikt wurde innerhalb weniger Monate gelöst.

Peter Köpf hat Pech. Keine zwei Monate nach seiner Vorhersage des höchst wahrscheinlichen Endsieges von Karadzic befand sich dieser bereits im freien militärischen Fall. Kopfs Sympathie gehört den EU-Staatsmännern, die angesichts des gegenseitigen Mordens für ein „Anerkennen der Bealität" wirkten. Was er keineswegs verstehen kann, sind die störenden Amerikaner. Doch der Autor weiß (im Juni 1994), daß Clinton zwar „Kriegsschiffe mit 2.000 Marines in der Adria kreuzen läßt, aber lieber keine Bodentruppen im Kampfgebiet sehen möchte", denn zu groß sei „die Angst der Welt vor einem neuerlichen Desaster wie in Vietnam". Er sieht, nach „der Sichtung von rund einem Kubikmeter Zeitungsmaterial", ganz klar, daß die Deutschen und die amerikanische Werbeagentur Rüde Finn schuld am jugoslawischen Desaster sind.

OCR BALKAN, DAS PULVERFASS EUROPAS

Von Gerhard Herrn

Econ Verlag, Düsseldorf1995.

336 Seiten, Tb, öS 125,-

WIE JUGOSLAWIEN VERSPIELT WURDE

Von Victor Meier.

Beck Verlag, München 1995.

446 Seiten, Tb., öS 2)),-

KARADZIC, DIE SCHANDE EUROPAS

Von Peter Köpf.

Econ Verlag, Düsseldorf1995.

160 Seiten, Tb., öS 95,-

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