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Die normalen Deutschen als Täter

Goldhagens hochambitioniertes Projekt ist das Schreiben einer breitangelegten Tätergeschichte, die in ihren Primärquellen hauptsächlich auf Gerichtsakten beruht. In seinen drei Hauptteilen analysiert er drei verschiedene „institutionalisierte" Kategorien von Tätern, die am Genozid an den Juden beteiligt waren. Sein zentraler Punkt - die Täter waren alle ganz „normale Deutsche"

■ Die Beteiligung von Polizeieinheiten, in denen ganz normale „Durchschnittsdeutsche" (ordinary Germans) in Polen blutrünstig Zehntausende von Juden deportierten und ermordeten. Sie machten das oft freiwillig (manchmal schauten sogar ihre Frauen zu), sie weigerten sich nicht, am Massenmord teilzunehmen. Im Gegenteil, von ihrer ideologischen Uberzeugung her fanden sie Gefallen daran und feierten auch öfters nach begangenen „heroischen" Taten in ihren Baracken. Das Ausmaß ihrer unmenschlichen Brutalität und Grausamkeit in der Behandlung der jüdischen Opfer war so erstaunlich, daß es sich nur um Überzeugungstäter gehandelt haben konnte, die ihren mörderischen Antisemitismus internali-siert hatten.

■ In den „Arbeitslagern" des Ostens vernichteten die Deutschen Hunderttausende von Juden, obwohl rationale Interessen eigentlich das Gegenteil diktiert hätten, nämlich die Juden wie die Fremdarbeiter in der Kriegsindustrie arbeiten zu lassen. Die deutschen Nazis hatten aber für die „arbeitsscheuen jüdischen Parasiten" von Anfang an nur unproduktive Arbeit vorgesehen, wie das am klarsten schon im März 1938 in Wien zu sehen war, als man die Juden mit Zahnbürsten die Gehsteige fegen ließ, lediglich um die „faulen" Juden durch Zwangsarbeit zu erniedrigen.

■ Tausende von deutschen Tätern und zuschauenden Mitläufern (bystanders) waren am jüdischen Genozid bis in die letzten Tage des Dritten Beiches beteiligt, als gegen Himmlers ausdrücklichen Befehl, noch Juden zu Jausenden mit brutalsten Qualen und Mord drangsaliert wurden. Goldhagens Schilderung des Todesmar-

sches jüdischer Frauen vom fränkischen Helmbrechts zum tschechoslowakischen Volary ist in seiner Eindringlichkeit Gordon Horwitzs Beschreibung der Mauthausener Todesmärsche vergleichbar und stellt einen Höhepunkt des Buches dar, der durch -aus Unbekanntes bietet.

Leider wird Horwitzs meisterhaftes Buch zu Mauthausen „In the Shadow of Death" von Goldhagen (und auch von der österreichischen Fachforschung) übersehen.

Goldhagens Kritiker haben zwar wiederholt darauf verwiesen, daß er in seiner Studie den Vergleich mit dem ost- und westeuropäischen Antisemitismus verschmäht, um seine monokausale deutsche Sonderwegsund Kollektivschuldthesen radikal durchzuziehen. Aus der österreichischen Perspektive ist es aber Goldhagens größtes Versagen, den Beitrag des österreichischen Antisemitismus zum Holocaust zu verschweigen.

Bruce Pauleys grundlegendes und differenzierendes Werk zur Geschichte des österreichischen Antisemitismus „From Prejudice to Persecution" (1992) ist nicht einmal in einer Fußnote erwähnt. Pauley, sowie Gerhard Botz und Erika Weinzierl vor ihm, und die deutschen Historiker Götz Aly und Susanne Heim nach ihm, stellen immer wieder fest, wie wichtig das „Wiener Modell" für die Ba-dikalisierung des Antisemitismus der Nazis nach dem Anschluß war, vom „Braunauer" mal ganz abgesehen.

Wiener Arisierungsmodelle für Nazis

Das Modell der Wiener „Arisierungen" brachte den deutschen Nazis die effiziente „Entjudung der Wirtschaft" bei. Adolf Eichmanns radikales Management der Wiener Zwangs-auswanderung, Umsiedlung und „Evakuierung" deutete eine Generallösung für die Nazi-Deportationspolitik an, die im Holocaust mit so vernichtender Konsequenz durchgeführt wurde, und zwar von Eichmann und seinem Stab von ausgewiesenen österreichischen „Fachleuten" selber. Das hat der Wiener Historiker Hans Sa-frian in seinem Buch „Die Eichmann-Männer" (1993) nachgewiesen, und einen feinfühligen „strukturellen" Beitrag zur Holocaust-Bürokratie geliefert. Goldhagen zitiert Safrian nur zweimal ganz kurz, da er offensichtlich nicht in sein Erklärungsmodell des deutschen Exterminismus paßt. Die neuere Literatur zur öster-

reichischen Tätergeschichte im Zweiten Weltkrieg betont, daß die Österreicher überproportional am Holocaust beteiligt waren. Der österreichische Anteil an der Bevölkerung des deutschen Beiches war acht Prozent, an der SS 14 Prozent und am Personal der Vernichtungslager im Osten 40 Prozent! Der Nestor der Holocaustforschung Baul Hilberg ist nicht der erste, der in seinem Buch „Perpetra-tors, Victims, Bystanders" (1992) festhält, wie bedeutend der Beitrag der österreichischen Täter in der Nazi-Führungselite - Globocnic, Seyss-In-quart, Wächter, Kaltenbrunner - am Holocaust war. Der amerikanische Historiker Jonathan Petropoulos hat den Beitrag unzähliger Österreicher „im zweiten Glied" (second rank) des Nazi-Vernichtungsapparates betont. All dies wird von Goldhagen übergangen, um das einzigartige „nationale Projekt" der Judenvernichtung allein den Deutschen in die Schuhe schieben zu können. Oder sind für ihn Österreicher einfach Deutsche?

Nach all dem hier Gesagten scheint es für ihn das Problem eines österreichischen Beitrages zum Holocaust nicht zu geben, was in Österreich von den Österreichpatrioten, die den Mythos von Österreich als erstem Opfer Hitlers hochhalten (vergleiche meinen FüRCHE-Beitrag vom 18. März 1993) bestimmt wohlwollend zur Kenntnis genommen wird. Könnte Goldhagen zum Kronzeugen der Opfertheoretiker werden, die den Anteil der von Österreichern begangenen Kriegsverbrechen (samt Holocaust) verniedlichen bzw. „externalisieren" und alle Schuld den deutschen Bösewichtern in die Schuhe schieben?

Was Goldhagen zu den völkermor-denen „Deutschen" zu sagen hat, trifft in ähnlichem Ausmaß auf die österreichischen Täter zu. In den „Donau- und Alpengauen" befand sich mit Mauthausen der brutalste aller Konzentrations- und Arbeitslagerkomplexe auf reichsdeutschem Boden. Mauthausen war in den letzten Wochen des Krieges Ziel oder Aus-

gangspunkt von Dutzenden von „Todesmärschen", bei denen unzählige Österreicher als Wachen vor allem ungarische Juden quälten und ermordeten; Tausende Menschen in der Bevölkerung schauten zu und ließen ihrem Antisemitismus freien Lauf.

Unter den „Durchschnittsdeutschen" im Vernichtungsapparat von Nazi-Polizeieinheiten gab es auch Österreicher. Das bedrückende Buch zur österreichischen historischen Erinnerung zur NS-Zeit „Österreichisches Gedächtnis" (Böhlau 1993) der beiden Linzer Soziologen Meinrad Ziegler und Waltraud Kannonier-Finster enthält die Fallstudie eines archetypischen Österreichers, der in der deutschen Schutzpolizei im Balkan seinen Dienst im „Partisaneneinsatz" tat. Er war damals „mit Leib und Seele dabei" - wie die 15.000 Männer der von Goldhagen beschriebenen Polizeibataillone, die im Osten neben den SS-Einsatzgruppen und der deutschen Wehrmacht am Genozid an den Juden beteiligt waren.

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