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Dramatische Lage im besetzten Kroatien

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Die FURCHE hat ihn entdeckt: den letzten katholischen Priester in den besetzten Gebieten Kroatiens.

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Die FURCHE hat ihn entdeckt: den letzten katholischen Priester in den besetzten Gebieten Kroatiens.

Ganze Arbeit haben die „orthodoxen“ Serben bei der Ausmerzung des Katholizismus in der von ihnen so bezeichneten „Serbischen Republik Krajina“ in Kroatien geleistet. Nur noch ein aktiver katholischer Priester, der Franziskanerpater Marko Malovič, hält im ost- slawonischen Hok die katholische Stellung. Seine beiden Konfratres, Flavio Scholz und Ferdo Posavec, mußten nach der von Serben verursachten Evakuierung der kroatischen Bevölkerung - insgesamt mehr als 10.000 - aus dieser Gegend am 17. Oktober 1991 Hok verlassen. Marko Malovič durfte nach Verhandlungen mit der Stadtverwaltung, der jugoslawischen Armee und den EU-Beobachtern, den sogenannten Monitors, bleiben.

Ilok selbst hatte damals 7.500 Einwohner, darunter etwa 1.200 evangelische Slowaken; nur fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung waren Serben. Die Evangelischen sind geblieben, Serben haben längst die Häuser der vertriebenen katholischen Kroaten übernommen, nur mehr eine kleine Gruppe alter Kroaten, rund 1.000, versucht, das angestammte Besitztum und die Häuser für die Geflohenen zu retten. Für sie wirkt Pater Marko, 46 Jahre alt, der als ein „echt franziskanischer Typ, mit freundlicher Natur und gutmütigem Geist“ beschrieben wird.

Am 8. Dezember traf auch ihn die serbische Pranke. Er wurde zum Arbeitsdienst vergattert. Nur einem gutgesinnten Kapetan hatte er es zu verdanken, daß er in einem Park vor seiner Kirche die Zwangsarbeit verrichten und - wenn notwendig - die Messe lesen und Begräbnisse begleiten durfte. Jedenfalls mußte er nicht an die Front. Vehementen Interventionen der kirchlichen Obrigkeit bei den serbischen Behörden, zuständig ist die Diözese Dako- vo, ist es zu verdanken, daß Pater Marko vorläufig vom Zwangsdienst freigestellt wurde. Auch Wiens Erzbischof, Kardinal Hans Hermann Groer, wurde mit der Sache befaßt.

Nachdem im Jahre 1992 noch Mitbrüder aus Zagreb ihren Kollegen in Uok besuchen durften, ist das heute nicht mehr möglich. Marko Malovič steht unter ständigem Druck. Mehrmals war seine Kirche Ziel von serbischen Anschlägen. Ende Juni/Anfang Juli 1993 wurde das Franziskanerkloster von įlok zweimal mit Maljutkos beschossen, der Turm konnte jedoch nicht in Brand gesetzt werden. Zweimal explodierte auch Dynamit am Eingang der Kirche, die Fenster zerbarsten. Mittlerweile haben die Gläubigen den Kircheneinrang zugemauert. Pater Marco wird in įlok heute als Fremdkörper betrachtet, der nur geduldet wird. Ein Kollege von ihm aus Zagreb zur FURCHE: „Ich wundere mich, daß die katholische Presse der Welt diesen Fall noch nicht entdeckt hat. Pater Marko ist in Gottes Händen, ihm kann sonst niemand mehr helfen.“

Momentan spitzt sich die kriegerische Situation auch in Kroatien wegen der Situation in und um das nordbosnische Bihač dramatisch zu. Kroatiens Verteidigungsminister hat signalisiert, daß die Zagreber Armee eingreifen werde, sollte der Fall Bihač’ bevorstehen. Zur Zeit dürfte es aber, trotz mancher anderslautender Meldungen, noch nicht so weit sein.

Das bosnische 5. Korps ist offenbar besser organisiert als die serbischen Einheiten. Zudem konnten kroatische Truppen bei Livno, nördlich der Stadt Knin in der Krajina, den Serben in den Rücken fallen, dort die höchste Stelle besetzen und auch befestigen, von wo aus Knin leicht zu beschießen wäre. Kroatien wartet jetzt ab, ob es eine neuerliche Gegenoffensive der Serben geben wird. Ein Zurückdrängen der Kroaten würde Schlimmes für die Krajina und Bihač bedeuten. Die Kroaten setzen jedoch auf Zeit und die besseren Waffen, die sie selbst produzieren und teilweise auch - das Waffenembargo greift nicht mehr - aus dem Ausland kaufen.

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