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Ein Meilenstein auf dem Wege

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Geschichte der Republik Oesterreich. Herausgegeben von Univ.-Prof. DDr. Heinrich Benedikt unter Mitwirkung von Dr. Walter Goldinger, DDr. Friedrich Thalmann, Dr. Stephan Verosta und Dr. Adam Wandruszka. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1954. 128 S

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Geschichte der Republik Oesterreich. Herausgegeben von Univ.-Prof. DDr. Heinrich Benedikt unter Mitwirkung von Dr. Walter Goldinger, DDr. Friedrich Thalmann, Dr. Stephan Verosta und Dr. Adam Wandruszka. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1954. 128 S

„Ist es möglich, eine unbefangene, wissenschaftlicher Kritik standhaltende Geschichte einer Zeit zu schreiben, welche die Bearbeiter selbst erlebt haben? Werden niijht Jugendeindrücke, eingeimpfte Vorurteile persönliche Erlebnisse, erlittene Unbilden den Blick trüben und dem Gebot der Unparteilichkeit, dei

Ausschaltung jeder Tendenz im Wege stehen?"

Mit dieser ernsten, beinahe möchte man sagen bangen Frage eröffnet der Herausgeber das vorliegende Werk. Und er hat guten Grund dazu. Dem Professor für neue Geschichte an der Universität Wien mußte es wohl bekannt sein, daß es selbst im Jahre 1954 noch eine Pioniertat ist, einer um Wahrhaftigkeit und Verständnis bemühten Geschichtsschreibung der ersten österreichischen Re publik den Weg zu bahnen. Wissen wir doch, daß abgesehen von einigen wenigen persönlichen Memoirenwerken das eine große politische Lager sich zu einer konstruktiven geschichtlichen Arbeit nicht aufraffen konnte, während auf der linken Seite unseret innenpolitischen Demarkationslinie seit Jahren emsig und durchaus nicht erfolglos an dem Aufbau eines Geschichtsbildes gearbeitet wird. Was nicht in „Eigenproduktion“ geschaffen werden konnte, das lieferte — seltsamer Glücksfall der Amerikaner Charles A. Gulick ins Haus: fünf dicke Bände, in denen die Geschichte Oesterreichs „Von Habsburg zu Hitler“ so dargestellt wurde, wie es nach der einseitigen Information des fremden Gastes nicht anders zu erwarten war. Außerdem: Vor der Türe zum Sanktissimum der österreichischen Historiographie. dem Staatsarchiv, leuchtet für alle jene, die es nach diesen Erfahrungen drängt, in die keiner Geschichtsklitterung Raum gebenden nüchternen Akten Einsicht zu nehmen, ein rotes Licht: Für Fremde gesperrt!

Und trotzdem — oder gerade deswegen — durfte die Korrektur einer einseitigen Legendenbildung nicht länger aufgeschoben werden. Das falscheste wäre es freilich gewesen, einen „Anti-Gulick“ zu schreiben,

dem Panegyriker des sozialistischen Lagers eine. Apologie seiner historischen Gegenspieler an die Seite zu stellen. Nein, in diesen Verdacht werden Herausgeber und Autoren des vorliegenden Werkes sicher nicht geraten!

Um was ging es den beiden bekannten Historikern der jüngeren Generation, dem erfahrenen Wirtschaftsjournalisten und dem bekannten Staatsrechtler, aus deren Zusammenarbeit „Die Geschichte der Republik Oesterreich" entstanden ist, vor allem? Walter Gol- dinger hat es am Abschluß seines Kapitels formuliert: „Diese Erkenntnis aus der Geschichte der Ersten Republik bildet eine feste Grundlage für den Aufstieg der Zweiten.“ Mit anderen Worten: Die Irrungen und Verwirrungen der Ersten Republik, der politische Haß und das in den Jahren zwischen 1918 und 1945 vergossene Blut erhalten einen Sinn, wenn die gegenwärtige Generation die Wege erkennt, auf denen die Erste Republik in den Abgrund taumelte, wenn in ihr der feste Wille geweckt wird, diese Pfade auch in aller Zukunft zu meiden! Eine patriotische Aufgabe, die sich sehr wohl mit. dem Ethos des Geschichtsschreibers in Einklang bringen läßt.

Nähern wir uns nun dem Werk selbst. Vier Autoren zeichnen dafür verantwortlich. -Es Wäre eigentlich recht und billig, wenn auch vier oder zumindest drei Kritiker sich seiner annehmen würden. Da verständlicherweise sich die Aufmerksamkeit des innenpolitischen Redakteurs auf die historischen Kapitel konzentrieren muß. läuft sowohl die von Friedrich Thalmaan mit knappen Worten erläuterte instruktive wirtschaftliche Fieber-kurve Oesterreichs sowie die gründliche staatsrechtliche Arbeit Stephan Verostas Gefahr, nicht jene Würdigung zu erfahren, die diesen hochqualifizierten Untersuchungen gegenüber angemessen wäre. Allein ihre Verfasser handelten auf „eigene Gefahr“, als sie mit zwei Historikern unserer bewegten jüngsten Vergangenheit in ein Boot stiegen .

Unter den Historikern selbst herrscht strenge Arbeitsteilung. Staatsarchivar Walter G o 1 d i n g e r hat das Amt des Chronisten übernommen. Er erzählt in der konventionellen Form das Schicksal der Republik Oesterreich. Bisher unbekannte oder schon wieder vergessene Details finden darin Erwähnung. Ist das Ende der Ersten Republik nicht schon in dem Namen vorherbestimmt, den Staatskanzler Renner in seinem ersten „Organisationsstatut“ vorsah, als die anderen Nachfolgestaaten dem Rest des alten Vielvölkerreiches den Rücken kehrten: nicht „Oesterreich“, auch nicht „Deutsch-Oesterreich“, sondern „Südostdeutschland“ sollte das zwischen dem Boden- und dem- Neusiedler See erstehende neue Gemeinwesen genannt werden So groß war die allgemeine geistige Unsicherheit in jenen Tagen. Wie klar daneben der Text jener anderen Proklamation, als Karl Renner 1945 die Geburt der Zweiten Republik verkündete. Ueberhaupt erscheinen selbst die düsteren Jahre nach’ 1945 beinahe hell, wenn man sich an Hand von Goldingers Darstellung, die stellenweise einem Räuberroman gleichenden Monate und Jahre in Erinnerung ruft, die dem November

1918 folgten: Räte und Regierung im Wettlauf um die Macht, Putschversuche, Demonstrationen, die Gefahr des Separatismus ganzer Bundesländer und nicht zuletzt Don Quichotterien, wie jene von Lienz ausgehende Anregung, Osttirol und einen Teil Kärntens mit Salzburg zu vereinigen. Basis: die gemeinsame Viehrasse

Lang war der Weg vom großen zum kleinen Oesterreich! Auf ihm steht, für keinen Historiker zu übersehen, die Gestalt Ignaz Seipels und sein Sanierungswerk. Goldinger steht Seipel mit Respekt,

aber nicht unkritisch gegenüber. Seine Kritik ist freilich von einer ganz anderen Art als die „Dämoni- sierung" eines Gulick. Goldinger, der an anderer Stelle Sympathien für den Typus äußert, den Schober in der österreichischen Innenpolitik verkörperte, sieht auch Schattenseiten im Sanierungswerk: eine Stelle, die inzwischen Aufnahme in die sozialistische Presse gefunden hat. Verschwiegen aber wurden von letzterer die verderbliche hemmungslose Opposition der damaligen sozialistischen Führer, die der Verfasser ebenfalls beim Namen nennt.

„Statt nun in dieser schweren Staatskrise sich darauf zu beschränken, mit den Mitteln, die jeder Opposition zur Verfügung stehen, in zähen Verhandlungen Verbesserungen aller Art anzustreben und für eine möglichst gerechte Verteilung der notwendigen Lasten und Opfer zu sorgen, betrachteten die Sozialdemokraten den Streit um die Sanierung, die sie im Grunde gar nicht verhindern wollten, als ein Mittel des Kampfes um die Macht im Staate und erreichten damit gerade das Gegenteil davon, was sie beabsichtigten, die Zusammenschweißung des Bürgertums zu einem festgefügten Block. Das aber führte zum Erstarren der Fronten, zu einem andauernden Schützengrabenkrieg und rief schließlich alle jene Kräfte auf den Plan, die wiederum, in einer verhängnisvollen Uebersteigerung der ihnen innewohnenden Tendenzen, den Sozialismus in Oesterreich vorübergehend ausschalteten.“ (S. 131.)

Ein Beispiel des Versuchs einer um Sachlichkeit bemühten Stellungnahme zu einer entscheidenden Station der Ersten Republik. Es könnte durch andere ergänzt werden. So zum Beispiel der Bericht über die Februarkatastrophe oder den Dollfuß-Mord. (Bei der Darstellung des letzteren folgt Goldinger weitgehend den in der „Furche“ publizierten Erinnerungen Staatssekretär Karwinskys.)

Beispiele . .. Beispiele: Der Raum ist hier zu eng, um sie alle zu erwähnen. Wir sind sicher, daß sich Stimmen melden werden, gewichtige Stimmen, die aus eigenem Erleben Goldingers Chronik da und dort ergänzen oder korrigieren werden. Das mag vielleicht der Autoreneitelkeit Einbuße tun, der Historiker in Goldinger wird dafür aber im Interesse der Wahrheitsfindung sicher nur dankbar sein.

Die originellste Arbeit in dem vorliegenden Werk ist ohne Zweifel aber Adam Wandruszkas Studie über „Oesterreichs politische Struktur. Die Entwicklung der Parteien und politischen Bewegungen", die den Wunsch nach einem größeren Werk ihres Verfassers weckt. Zum erstenmal wird hier unternommen, die drei „historischen“ Lager der österreichischen Innenpolitik, die drei Lager, in denen im Ablauf der Jahrzehnte ein größerer oder kleinerer Teil des österreichischen Volkes stand,

einer geistesgeschichtlichen Analyse zu unterziehen. Die Anregung zu diesem Beginnen mag Wandruszka wohl durch das Buch Albert Fuchs’ „Geistige Strömungen in Oesterreich, 1867—1918“, Wien 1949, empfangen haben. Der an seinem Lebensende durch seinen sozial-utopischen Idealismus zum Kommunismus abgeschwenkte Sohn jüdischer Wiener Patrizier hat hier Beobachtungen aufgezeichnet, deren stellenweise staunenswerte Objektivität schon von verschiedenen autoritativen Federn anerkannt worden ist. Einen der Ersten Republik gewidmeten zweiten Band ist uns Fuchs (oder ist es der kommunistische Globus- Verlag?) schuldig geblieben. Der Absolvent des Instituts für österreichische Geschichte nimmt nun das Anliegen auf einer ganz anderen Ebene auf und führt es, wie wir glauben sagen zu können, zu einem guten Ende. Zunächst aber geht Wandruszka zurück zu den Quellen. Er kommt gleich jedem Historiker, der freimütig aus der Perspektive der Gegenwart die Ursprünge unseres politischen Systems erforscht, zu einem für den Laien vielleicht überraschenden Schluß. Die drei „historischen Lager“, die in der Vergangenheit mitunter einen Kampf bis aufs Messer ausgetragen haben und auch heute nicht immer Artigkeiten miteinander wechseln, haben ineinander vorschlungene Wurzeln: die „Volksbe wegung" gegen Feudalismus und Manchester-Liberalismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.

Von diesem Ausgangspunkt verfolgt nun Wandruszka die bald sich trennenden und miteinander verfeindeten Brüder. Die großen Entwicklungslinien werden deutlich herausgearbeitet, persönliche Porträts von mitunter eindringlicher Schärfe gezeichnet. Ein Historiker, der auch die Feder gut zu handhaben weiß: wie betrüblich, daß man dies besonders betonen muß! Neben dem Porträt Otto Bauers und der Analyse der von der Sozialdemokratie lange Jahre befolgten unseligen Politik der „Internationale 2 4" fesselt besonders die Untersuchung über verschiedene Strömungen und Schattierungen innerhalb des „Nationalen Lagers“. Hier wurde nicht nur am Schreibtisch gearbeitet, hier flössen ohne Zweifel auch sehr persönliche Erlebnisse und Erfahrungen in die Feder. Von großer, nicht nur historischer Bedeutung ist die Feststellung, daß es nicht die Radaunationalen, die Bombenwerfer und Telephonzellensprenger waren, die 193 8 den „Umbruch" herbeiführten (S. 411), sondern, daß es des „Einsatzes einer ganz anderen Gruppe“ bedurfte: Diese „Katholisch-Nationalen“ oder „Betont-Nationalen“ mögen damals einer Illusion zum Opfer gefallen sein. Sie haben dafür schwer bezahlt. Eine Lehre für die Zukunft? Hoffentlich!

Gerade am Rande dieser Untersuchung noch eine kleine Korrektur: An mehreren Stellen ist davon die Rede, daß den „Groß-Oesterreichern" der Vergangenheit die „Nur-Oesterreicher“ der Gegenwart entsprechen. Hier darf Widerspruch angemeldet werden. Nur ein kleiner Teil jener, vor allem im christ lichen Lager beheimateten Menschen, die allen „großdeutschen“ oder auch nur „kulturdeutschen“ Bestrebungen heute widersagen, sind Fürsprecher einer „Verschweizerung“ Oesterreichs. Wir glauben nicht fehlzugehen in der Annahme, daß das alte „groß- österreichische“ Konzept, das heißt eine Orientierung auf die wesentliche Aufgabe Oesterreichs im Donauraum unabhängig von einem landläufigen „Monarchismus“ heute noch in den Herzen nicht der schlechtesten Oesterreicher lebendig ist, wenn auch aus naheliegenden Gründen nicht sehr laut und oft darüber gesprochen wird.

Davon abgesehen fehlt es nicht an klugen, um Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit bemühten Formulierungen. So wenn Wandruszka gegenüber allen einseitigen Verdammungen feftstellt, daß der von der irrationalen Welle der dreißiger Jahre in Oesterreich emporgetragene Ständegedanke wohl Kritik an der Demokratie und am Parteienstaat übte, vielen aber

— und das wird oft verschwiegen — auch als „eine Sicherung gegen die vom Faschismus, Nationalsozialismus und Bolschewismus in gleicher Weise drohende Gefahr der Staatsvergötzung und Staatsallmacht“ erschienen ist. (S. 335.)

Festgehalten zu werden verdient ferner, was der Verfasser über die „Heimwehrbewegung“ schreibt. Er versucht keine Ehrenrettung dieser einstmals mächtigen Gruppe, deren Wandlung aus Schobers „jugendstarker Bewegung“ zu einer „kleinen Grupap politisch Obdachloser. Produkte und Werkzeuge’ der Balkanisierung Oesterreichs" (S. 367)

Wandruszka schonungslos beschreibt. Wohl aber spricht sich dieser dagegen aus, daß die politisch überlebenden Parteien mit unschuldigem Augenaufschlag alles Böse einem Toten aufbürden und ihm

— wie könnte man schnell sagen — posthum den „Schwarzen Peter“ in die Tasche mogeln.

Ueberhaupt, das Thema „Wehrformationen“. Ihre gemeinsame Totengräberarbeit an der Ersten Republik wird gerade bei der Lektüre des vorliegenden Buches wieder in aller Deutlichkeit offenbar. Die berühmte Frage „Wer marschierte zuerst?“ wird auch gestellt. Wenn es jedoch heißt „die auf diese Frage erteilte Antwort richtet sich meist nach dem politischen Glaubensbekenntnis des Befragten“ (S. 360), so erkennen wir die Notwendigkeit einer Spezialuntersuchung. Ebenso steht eine Geschichte des politischen Terrors in der Ersten Republik noch aus. Oder: eine Studie „Ziel und Scheitern der Aktion Winter“ . . . Themen, über Themen, alles Vorarbeiten für eine umfassende, aus einem Guß zu gestaltende „Geschichte der Republik Oesterreich". Sie zu schreiben wird wohl erst nach einer Reihe solcher kleineren Arbeiten und nach der allgemeinen Oeffnung der Archive möglich sein. Bis dahin hat es noch gute Weile.

Bis dahin aber haben wir das vorliegende Werk als einen bedeutsamen Meilenstein auf dem Wege.

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