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Ein nicht ganz so rätselhaftes Land

Mao ist wohl der erste Atheist, der zur Gottheit erhoben wurde”, schreibt Sheryl WuDunn, „mindestens zwei Tempel sind Mao zu Ehren errichtet worden ... wo die bäuerliche Bevölkerung ihm Ferkel opfern kann, um einen Sohn, eine gute Ernte oder sonstwas bittet.”

Nicholas D. Kristof, WuDunns Mann, wurde als Leiter des Büros der New York Times in Peking bestellt, mit Sheryl WuDunn als Korrespondentin. Kapitelweise abwechselnd berichten sie über ihre Zeit in China, von der Ankunft 1988 ein halbes Jahr vor Tiananmen, bis zum Abschied fünf Jahre später. Ihr Buch „China erwacht” gibt Antworten auf viele Fragen. Schade, daß der konventionelle deutsche Titel nur ein 08/15 Buch über China anzukündigen scheint. Der Originaltitel „China Wakes” (China ist wach) wurde wohl im bewußten Gegensatz zu vielen Versionen von „China Awakes” gewählt, die der von Napoleon geprägten Einschätzung Chinas folgten.

Einst galt China als Gelbe Gefahr. Im Zweiten Weltkrieg war es Verbündeter der Alliierten, mit Maos Machtergreifung wurde es Symbol einer Dritte-Welt-Bevolution, fastnoch ärger als die sowjetische Gefahr. Wu Dunn und Kristof schließen keineswegs aus, daß China morgen eine Weltmacht auf gleichem Rang mit den USA und der EU wird und übermorgen die Supermacht, vor der USA, EU und Rußland wie Zwerge erscheinen.

Sheryl WuDunns chinesische Abstammung half den beiden, Zugang dort zu finden, wo viele westliche Kor-repondenten nicht einmal merken, daß es Probleme gibt. Dabei stellte WuDunns volle Integration in den USA als Chinesin dritter Generation einen entscheidenden Vorteil dar. Mitunter bäuerlich gekleidet, als Chinesin unters Volk gemischt, mußte sie als Amerikanerin erst selbst mit der chinesischen Mentalität vertraut werden. Die Amerikanerin aber konnte ihre Erfahrungen in den für den westlichen Leser verständlichen Begriffen aufarbeiten.

Erst an der Universität hatte sie begonnen, chinesisch zu lernen, und zwar die Hochsprache Mandarin. Als sie im Dorf ankam, das ihr Großvater Anfang des Jahrhunderts in Richtung Amerika verließ, begannen die Überraschungen. Nicht nur, daß sie vorerst kein Wort von dem verstand, was ihre Verwandten erzählten und einen Dolmetscher engagieren mußte. Sie war überwältigt von der extremen Armut und von der Grausamkeit der Sitten. Sie entdeckte, daß ihr Großvater seine erste Frau, weil sie nur Mädchen geboren hatte, ins Heimatdorf zurückgebracht, mit zwei Kindern sitzengelassen und eine andere genommen hatte, WuDunns Großmutter. Das störte hier niemanden. „Mit Schaudern” dachte Sheryl bei ihrem Besuch daran, daß sie jetzt selbst hier leben würde, wenn auch die zweite Frau keinen Sohn bekommen hätte.

Sehr aufschlußreich sind die Einschätzungen der Autoren von der jüngeren Geschichte Chinas, seinen Persönlichkeiten, ihre Analysen der in den Beziehungen zu China möglichen Strategien. Sie betonen, wie wirklichkeitsfremd die übliche Einordnung Chinas ins Schema „kommunistisches Land” sei. Wie so oft in Chinas Vergangenheit, seien kommunistische Ideen zwar integriert worden.

Doch die konfuzianische Mentalität erweist sich stets als stärker, von den Neuerungen werden nützliche Teile behalten, der Best vergessen.

Ein Beispiel dafür ist die Art, wie sich das Ende der herrschenden Persönlichkeiten abspielt, heute der Tod Dengs, einst der Maos. Westliche Beobachter kommen unweigerlich zum Schluß, daß die Nachfolge des Diktators noch nicht gelöst sei und daher der Tod des Herrschers mit allen Mitteln hinausgezögert werden müsse. Völlig verkehrt, meint Sheryl Wu Dunn. Traditionell wurden die Kaiser stets bis zur letzten Möglichkeit am Leben gehalten und niemand hätte dagegen protestiert. Als was immer sie auch angetreten sein mögen, ihre Umgebung hat sie zu Kaisern der alten Schule gemacht. Sie erwähnt Kaiser Qianlong, der sich 1769, nach 61jähriger Regierungszeit, mit 86 Jahren zurückzog und seinem Sohn den Thron überließ. „Doch niemand in der Verbotenen Stadt hörte auf den Sohn. Für alle ging die eigentliche Autorität noch immer von Qianlong aus, und selbst der Sohn ordnete sich ihm stets noch unter. Qianlong konnte also seine formale Stellung ebenso aufgeben und vom Thron herabsteigen wie Deng sich aus dem Politbüro zurückziehen - im imperialistischen System blieben und bleiben beide an ihre Kaiserrolle gekettet.”

So kam es, daß in Maos letzten Jahren die wirkliche Macht bereits in der Hand der Frauen lag, die „sich bis zu seinem Schlafzimmer” vorarbeiteten, gegen Maos Ende bei der um 50 Jahre jüngeren Englischübersetzerin Nancy Tang, die behauptete, die Worte zu verstehen, welche Mao nur noch stammelte. Bei einer Politbürositzung zwangen sie und Wang Hairong „Zhou Enlai, Selbstkritik zu üben, und Zhou gehorchte. Wie alle anderen wagte auch er nicht, den beiden Frauen zu widersprechen. Man wußte nie ... ob sie tatsächlich Maos Meinung wiedergaben.” Heute scheinen die beiden Töchter Dengs ähnlich zu handeln.

Auch die Erscheinung des intellektuellen Dissidenten beruht auf althergebrachter Tradition. Chinesische Intellektuelle sahen das Aufzeigen von Fehlern des Kaisers stets als ihre ureigenste Pflicht. Wenn einer den Kaiser zu arg nervte, ließ der meist ihn und seine gesamte Verwandtschaft abschlachten. Berichte darüber gibt es aus drei Jahrtausenden. Gefängnis für Dissidenten sei da schon als Milderung der Sitten einzustufen.

Das Heraufsteigen uralter Traditionen sah auch schon schlimmer aus. Anläßlich der Kulturrevolution, an sich von Mao angezettelt, um bürokratische Zwänge zu zerbrechen, kam es in entlegenen Provinzen nach alter Sitte zu rituellem Kannibalismus an sogenannten Volksfeinden. Interne Dokumente darüber wurden Kristof von Dissidenten zugespielt. Ein schmerzliches Erbe der chinesischen Vergangenheit sind auch die Morde an weiblichen Neugeborenen. Die Regierungen schafften es zu keiner Zeit, sie völlig einzudämmen, mit der gegenwärtigen Auflockerung der Sitten nehmen sie wieder zu. In den Städten und in steigendem Maß auf dem Land sorgen allerdings Ultraschalluntersuchungen dafür, daß unerwünschter weiblicher Nachwuchs gar nicht erst ausgetragen wird. 1953 kamen auf 100 Mädchen 104,9 Buben zur Welt. 1992 ermittelten die Behörden ein Verhältnis von 100 zu 118,5. Dies bedeute, „daß jährlich zwölf Prozent weibliche Kinder ... verschwinden.”

Der traditionelle Chinese will Söhne. Bis zur Machtübernahme durch die Kommunisten bekamen Frauen keine Eigennamen, höchstens Nummern. So hieß die Mutter Deng Xiao-pings „Deng Ping Shi”, was bedeutete: „aus der Familie Dan, Gattin eines Deng”. Die Machtübernahme durch die Kommunisten änderte radikal die Situation der Frau, für Sheryl die einzige positive*Seite des Kommunismus in China. Heute gibt es eine große Zahl von Universitätsabsolventinnen, neuerdings auch Geschäftsfrauen. Leider verschlechtere sich in der Marktwirtschaft, nach dem Gesetz des Stärkeren, die Situation der Frau wieder zusehends.

Nicholas Kristof sieht darüber hinaus die positive Rolle des Maoismus im Aufbrechen der erstarrten Strukturen des Landes und in der gesamtstaatlichen Organisierung. Deng und seine marktwirtschaftlichen Reformen wären ohne die Vorbereitungsarbeit Maos nicht möglich geworden. Das müsse bei allen Greueln des Kommunismus gesagt werden. Dabei erwähnt er so oft die 30 Millionen Todesopfer des Großen Sprungs, daß es zu irritieren beginnt. Trotz aller sonstigen Ausführlichkeit wird nicht ein einziges Mal auch nur angedeutet, wieso die 30 Millionen an Hunger starben. Einen erklärenden Satz hätten ihm die Opfer wert sein sollen.

Für Gegenwart und Zukunft sind die beiden vorsichtig optimistisch. In China laufe heute ein marktwirtschaftlicher Prozeß, der alle brutalen Züge der amerikanischen Entwicklung im vorigen Jahrhundert aufweise. Dagegen könne eine gut ausgebildete Elite bereits über die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Westens verfügen. Bisher habe die Regierung erstaunlich gut die ärgsten Gefahren umgehen, die Inflationsrate niedrig und die Sparrate hoch halten können. „Entgegen der gängigen Meinung” sei bereits „die Wirtschaft während der maoistischen Ära keine reine Katastrophe gewesen”, 1976, am Ende der Kulturrevolution, lag das Volkseinkommen sogar 60 Prozent höher als zehn Jahre zuvor. Seit dem Beginn der Reformen habe die rasante Entwicklung nicht nur in einigen Küstenregionen, sondern, allen Ungerechtigkeiten zum Trotz, bis weit hinten in die letzte verlorene Provinz eine Hebung des Lebensstandards bewirkt.

Immer wieder betonen Kristof und WuDunn die Schwierigkeit, China einzuschätzen. So etwa brauchten sie zwei volle Jahre, um zu begreifen, daß

Es kam zu rituellem

Kannibalismus an sogenannten Volksfeinden

vor ihren Augen „China 1991 die Familienpolitik drastisch , verschärfte und damit die Menschen bis in die Intimsphäre manipulierte wie nirgendwo sonst.”

Die Schwierigkeit der Einschätzung betrifft unmittelbar auch die China gegenüber einzuschlagende Politik. China sei dabei, Großmacht im pazifischen Raum zu werden und habe Anspruch auf entsprechende Behandlung. Druck, um Menschenrechte durchzusetzen, sei notwendig, Sanktionen und Ausschluß vom Handel aber falsch. Sie begrüßen Clintons Entschluß, die Meistbegünstigungsklausel nicht mehr mit der Einhaltung der Menschenrechte zu verbinden, denn diese Bedingung hätte der Sache nur geschadet. Ganz im Gegenteil sei ständiger Druck auf Teilgebieten viel zielführender zur langsamen und sicheren Verbesserung der Menschenrechtssituation in China.

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