Ein Urwaldspital feiert Geburtstag

Ende März 1913 legt in Bordeaux der Ozeandampfer Europa ab, der Albert Schweitzer und seine Frau Helene erstmals nach Westafrika bringen sollte: Am 16. April war er dann dort: Eine Spurensuche in Lambaréné.

Er liebte Wagner und Bach, er pflanzte Obst und Gemüse und warnte die Welt vor dem Atomkrieg: Einen Tropenhelm auf dem Kopf und ein schwarzes Baby auf dem Arm war Albert Schweitzer ein Nachkriegsheld der 1950er Jahre - ein gütiger Freund und Retter von Mensch und Tier, irgendwo weit weg in Afrika. Sein Mythos lebt bis heute: Schweitzer-Freundeskreise rüsten zum deutschen "Albert-Schweitzer-Jahr 2013“, mit Gedenkgottesdiensten, Tagungen. Dabei geht es vor allem um den Theologen und Philosophen Schweitzer. Doch Afrika ist immer noch weit weg - sein Krankenhaus in Lambaréné, lebendiges Zeichen für selbstlose Hilfe und postkoloniale Wiedergutmachung, bleibt oft ein bloßes Schlagwort.

Lambaréné liegt einige Kilometer südlich des Äquators im Staatsgebiet von Gabun, inmitten des zentralafrikanischen Regenwaldes an den Flussarmen des Ogouuè, der die Stadt in drei Teile trennt. Der Haupt-ort der Provinz Moyen-Ogouué, der aus einer 1876 gegründeten protestantischen Missionsstation im damaligen Französisch-Äquatorialafrika hervorgegangen ist, zählt heute etwa 27.000 Einwohner und ist das politische und wirtschaftliche Zentrum der Region.

Rund 280 km trennen "PK8“, ein Straßenzug acht Kilometer landeinwärts und gleichzeitig die lokale Mitfahrzentrale der Hauptstadt Libreville, von Albert Schweitzers Urwaldspital in Lambaréné, das am 16.April vor 100 Jahren gegründet wurde. Vor allem wegen der Feierlichkeiten musste eine neue Straße her.

Bushmeat am Straßenrand

Und so ist diese Straße der wohl beste Verkehrsweg im ganzen Land geworden, breit und glatt und neu asphaltiert, mit Mittellinien, Parkbuchten und blauen Überkopfwegweisern. Am Straßenrand, der durch einen Grünstreifen vom wuchernden Wald getrennt ist, wird Bushmeat angeboten: Gürteltier und Antilope, Ratte und Eidechse, roh oder über Holzkohle gegrillt. Die vielen Fragen der Polizisten an den Checkpoints, quer über die Straße gespannte Seile an den Orts-eingängen, wirken bedrohlich genug. Doch das Zauberwort "Schweitzer“ öffnet stets die Weiterfahrt.

Im ersten Weltkrieg wurde der Deutsche Albert Schweitzer als französischer Feind interniert und kehrte erst 1924 nach Lambaréné zurück, wo er auf den Ruinen seines 1913 eröffneten ersten Spitals ein neues errichten ließ: Neben dem Reinigen von Geschwüren und der Versorgung Leprakranker gehörten die Behandlung von Schlafkrankheit, Malaria und Elefantiasis zum medizinischen Alltag: Die Schauobjekte in der alten Spitalsbaracke unten am Fluss, heute ein Museum, bieten ein buntes Panoptikum: Eingelegte Schlangen, bunte Pillen und Gorillaschädel in der Apotheke, vergilbte Fotos und Gebärstühle, Krücken und Prothesen. Dazu die Arbeitsräume des Friedensnobelpreisträgers, seine Bibliothek und seine Orgel. Sein Grabstein steht neben der alten "Klinik unter Palmen“, ein weiß getünchter Holzbau auf Stelzen.

Das Spital hat seinen Standort im Lauf der Jahrzehnte mehrfach ein wenig geändert. Seit 1981 bildet das "Hospital Schweitzer“ einen eigenen Stadtteil am Rive Droite (rechtes Ufer). Es ist unpolitisch und überkonfessionell - mit 4000 Zahnbehandlungen, 2000 Operationen und 600 Geburten pro Jahr bildet das Areal einen regionalen Schwerpunkt der Gesundheitsversorgung in einem Land, wo immer noch 80 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben.

Trägerin des Spitals ist eine internationale Stiftung, die neben den Eigeneinnahmen aus dem Spitalsbetrieb vom Staat und nationalen Hilfsorganisationen unterstützt wird. Es gibt Abteilungen für Innere Medizin, Chirurgie, Pädiatrie. Davor ein Carport für zwei Rettungswägen und den Suzuki Alto des Chefarztes der Zahnklinik.

Das "Village lumier“, eine Einrichtung für Leprakranke, liegt gleich hinter der Lok am Eingang zu dem weitläufigen Gelände, das nur per Taxi oder zwei Kilometer Fußmarsch von der Hauptstraße aus zu erreichen ist. Ein paar junge französische Praktikanten arbeiten im Forschungslabor, das sich seit 1981 auf die Erforschung von Tropenkrankheiten spezialisiert hat. Eigentlich sollte es bis März 2013 erweitert sein, doch die Bauarbeiten gehen kaum voran. Die offiziellen Jubiläumsfeiern wurden daher mittlerweile auf 6. Juli verschoben, wie Präsident Bongo kürzlich verlauten ließ.

Warten auf Touristen

"Es ist ruhig hier“, sagt Jean Paul, der Portier, der sich soeben in der Spitalskantine eine Flasche Cola geholt hat, und spielt dann weiter Schach mit einigen Besuchern. Notarzthektik mit Blaulicht kennt er nicht. Heuer sollen endlich Touristen kommen, hat er im Radio gehört.

Und die wollen angeblich ja Sandstrand und Sonnenschirm, wie sich der Direktor des Hotels Ogoué Palace sicher ist, dem bes-ten Haus in Lambaréné. Woher den Strand nehmen, mitten drin im Urwaldschwemmland entlang des Ogouué Flusses? Nichts einfacher als das, sagt er, und zeigt auf die verwachsene, sandige Böschung hinunter zum Fluss, gleich hinter der Poolbar, wo auch abends niemand sitzt außer ein paar gelangweilten Expats mit heller Cargo-Wes-te und ihren Freunden.

Sie könnten natürlich auch in der Missionsstation Soeurs de l’Immaculée Conception nächtigen, auf dem Hügel gegenüber, wo nur mehr zwei betagte Nonnen ein beschauliches Leben zwischen Gemüsebeet und Abendgebet führen. Die makellosen Gästezimmer putzt das Pfarrpersonal. "Damals gab es hier noch mehr Krokodile und weniger Militär“, sagt Schwester Maria aus Spanien, die vor 52 Jahren ihre Berufung in Lambaréné gefunden hat. "Viele Menschen wissen, dass sie unglücklich sind. Aber noch mehr Menschen wissen nicht, dass sie glücklich sind“, zitiert sie den Mann, dessentwegen sie einst gekommen und geblieben ist. Albert Schweitzer lebt weiter, auch wenn Tropenhelme selten geworden sind, weit weg in Afrika.

Der Autor ist blindtext und noch ein text und nur Blindtext

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