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Eine geistige Grenze verschob sich

Die letzte erfolgreiche Regung einer selbständigen rumänischen Außenpolitik war der Übertritt aus dem Achsenlager in das der Alliierten im August 1944. Den Rumänen war die Tragweite ihres Tuns klarer bewußt alss der Diplomatie der Westmächte. Ein kapitulierendes Italien blieb, mochte die Ergebung immer auch bedingungslos erfolgen, ein europäischer, abendländischer Staat. Rumänien übergab sich aber damit dem Osten. Julius Maniu, der geistige Urheber der Kapitulationsverhandlungen, hatte durch eine Denkschrift, die er am 24. Jänner 1944 an Benesch richtete, in letzter Stunde den längstgewünschten Block der Donau- und Südoststaaten zur Sicherung ihrer abendländischen und selbständigen Existenz in der Zeit nach dem Kriege zustande zu bringen versucht; natürlich „avec le consentement de la Russie sovietique“ und — ebenso natürlich — als eine „confederation pacifique avec une tendance purement defensive“… In verzweifelter Lage sollte diesen Ländern am Rande Europas ein Rest Bewegungsfreiheit gerettet werden. Benesch lehnte ab. Er war schon engagiert. Rumänien hatte die Kapitulationsbedingungen Weihnachten 1943 übermittelt erhalten. Es zögerte die Unterschrift hinaus — weniger in Erwartung eines Wunders, das die Kriegslage noch wenden konnte, als weil es sich wehrlos Rußland preisgegeben fühlte. Einen Tag nach dem entscheidenden Durchbruch der Roten Armee an der moldauischen Front, von der die Deutschen ihre Kerndivisionen abgezogen hatten, beugte es sich und unterschrieb. Es war der 23. August 1944.

Staaten in Mittel- und Westeuropa sind im Laufe der Geschichte nur ausnahmsweise in der Zwangslage gewesen, im politischen Streit der Großen gegen ihren Willen mittun zu müssen; die Schweiz hat ihre Neutralität Jahrhunderte hindurch wahren können. Es gibt ein rumänisches Sprichwort: „Im Streit der Großen haben die Kleinen zu schweigen." Aber den Völkern Zwischeneuropas war dieses Glück selten gegönnt. Sie lavieren seit Jahrhunderten in der Gefahr, zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben zu werden. Für die Rumänen hieß das Spannungsfeld zur Zeit ihres Auftauchens aus völkischer Geschichtslosigkeit Ungarn und Byzanz. Dann waren es Jahrhunderte der Türkenherrschaft; die „Donaüfürsten- tümef" konnten sich in die abendländische Abwehrfront nicht immer nach Wunsch einfügen. Auf die „Befreiung vom Halbmond“ warf im 18. und 19. Jahrhundert der Gegensatz Österreich—Rußland seine Schatten. Hüteten die Türken den Bosporus, dann waren die Rumänen vom Geschick als Wächter an die Donaumündungen gesetzt. Nach beiden strategischen Zielpunkten hin aber drängte die russische Expansion. Das sagenhafte Testament Peters des Großen ist die sinnbildliche Umschreibung einer realen geopolitischen Zwangsläufigkeit. Als die Alliierten Rumänien im Jahre 1944 verhielten, den Krieg gegen Hitlerdeutschland an der Seite der Roten Armee mitzuführen, stellten sie die Kontinuität der russischen Außenpolitik sehr niedrig in Rechnung. Mit gigantischen Mitteln und jugendlicher Hemmungslosigkeit verwirklicht Sowjetrußland indessen ein außenpolitisches Konzept, das der Zarismus vor Jahrhunderten entworfen hat. Rumänien ist nur e i n Annex im großen Planspiel, das die Westmächte nicht rechtzeitig durchschauten.

Zweimal hätten die Westmächte Gelegenheit gehabt, den Fehler von Yalta für Rumänien zu korrigieren. Im Februar 1945 stürzte Wyschinski die königstreue Regierung des Generäls Radescu. Die Westmächte ließen es geschehen. Wenig später versuchte König Mihai den ihm aufgedrungenen Volksdemokraten Groza als Regierungschef zu entfernen. Die Westmächte ließen ihn wiederum in Stich. Was folgte, war die natürliche Konsequenz dieser Halbheit: Ausschaltung aller westlichen Strebungen, immer festere Eingliederung Rumäniens in das System des Ostblocks, die Exilierung des Königs. Daneben nahmen die Sowjets kluge außenpolitische Flurbereinigungen vor. Die Spannung, unter der Rumäniens Verhältnis zu den Nachbarländern Ungarn und Bulgarien seit Jahrzehnten unheilvoll litt, wurde beseitigt. Rumänien hat durch Rußlands Unterstützung im Friedensvertrag, den noch der liberale Bojar Tatarescu als Außenminister ausfechten durfte, seine alten Grenzen behalten, beziehungsweise wiedererhalten; dafür hat es den magyarischen und — soweit noch vorhanden — bulgarischen Volksgruppen staatsbürgerlich’ Gleichberechtigung zuerkannt. Die Russen wachen darüber, daß diese Zusage eingehalten wird. Beßarabien hat Rumänien an Rußland zurückgestellt. Die Sowjets wurden seine Anrainer und Nachbarn an der Donaumün- dung.

Die vorstechende Rolle Bukarests im außenpolitischen Konzept Rußlands ist offensichtlich. Und man täusche sich nicht. Das Zurückweichen der Westmächte seit Teheran und Yalta ist hier keineswegs als Zeichen der Stärke aufgefaßt worden; es hat ernüchternd gewirkt. Die rosenroten Hoffnungen der „Reaktion“ auf „Befreiung", die 1945 bis zum Himmel schlugen und 1947 noch nicht ganz verblaßt waren, sind erstorben. Immer schon haben Osten und Westen um die Seele dieses Volkes gerungen. Seiner Herkunft und Sprache nach gehört es zum Westen — aber nicht ganz. Erst das 19. Jahrhundert hat den Stammes- mythos der Zugehörigkeit zur Roma aeterna befestigt und ausgebaut. Die stärkste geistig-seelische Bindung des Volkes, die kirchliche, war durch die griechische heute rumänisch-autokephale Kirche, zu der sich die Mehrheit der Rumänen seit der großen Kirchenspaltung des Jahres 1054 bekannte, bis ins 18. Jahrhundert hinein eine östliche. Kirchensprache war ursprünglich das Slawische, in dem das älteste rumänische Schrifttum verfaßt ist. Die kyrillische Schrift galt bis vor 100 Jahren.

Das westliche Gegengewicht gegen die Osteinflüsse war die mit Rom unierte rumänische Kirche. Als durch den Frieden von Passarowitz 1699 Siebenbürgen an Österreich fiel und die Habsburger zur Stärkung der Staatshoheit die Anstrengungen der Gegenreformation gegen die kalvinischen Ungarn verschärften, unterstellte sich ein Teil des siebenbürgischen Rumänentums unter Belassung des griechischen Ritus der Autorität des Päpstlichen Stuhls. Diese „katholisch-unierten“ Rumänen haben ihr ganzes Volk zur westlichen Denkungsart und Zivilisation geführt. Die „lateinische Schule“ des Dreigestirns Sincai-Maior-Klein Micu hat in österreichischer Zeit die These der römischen Abstammung und der westlichen Kulturbestimmung des Rumänentums popularisiert. Die erste westlich gebildete Intellektuellenschicht des Rumänentums bestand aus unierten Geistlichen. Das Wiener Theresianum und die Ofner Druckerei sind aus der geistigen Erweckung der Rumänen so wenig wegzudenken wie Kaiser. Josef II. und die österreichische M i 1itärgrenze mit ihren drei „walachischen" Grenzregimentern. Das Erzbistum Blasendorf mit seinen Schulen, Büchereien, dem unierten Priesterseminar und Metropoliten blieb das nationale Mekka des siebenbürgischen und bukowinischen Rumänentums, das sich unter der Herrschaft der Habsburger, in der unmittelbaren Nachbarschaft von Sachsen, Ungarn und Deutschen, der abendländischen Kultur erschloß und sie begierig aufnahm.

In den Donaufürstentümern aber wirkte zum Unterschied von Siebenbürgen und Buchenland nach dem türkischen der russische Einfluß. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die „Donaufürstentümer mit nur kleinen zeitlichen Unterbrechungen türkisches und russisches Protektorat. Ypsilanti, der 1821 in Jassy die Fahne der Befreiung vom türkischen Joch entfaltete, war — obwohl ein in den Fürstentümern geborener Grieche — russischer Offizier und stand in russischen Diensten. In der Walachei rief Tudor Vladi- mirescu das Volk zum Befreiungskfmpf von nationaler und sozialer Bedrückung auf. Auch er war vorher russischer Offizier. Das erste Staatsgrundgesetz der Donaufürstentümer, das „Regulamentul Organic" Reglement Organique wurde 1834 durch Oktroi der Russen eingeführt. Und es ist nicht zu leugnen, daß es einen Fortschritt bedeutete und daß die russische Herrschaft nach der Phanariotcnzeit manche Besserungen mit sich brachte.

Der westliche Kulturwille der Rumänen hat diese Tatsachen im 19. Jahrhundert vor der Hingabe an die abendländische, im besonderen französische Zivilisation zurücktreten lassen. König Carol dämpfte die russische Ausrichtung der rumänischen Außenpolitik behutsam und schloß sein Land dem Dreibund an. Aber vor Plewna 1878 und im ersten Weltkrieg haben russische und rumänische Truppen, nicht anders als zum Schluß jetzt im zweiten, Schulter an Schulter gekämpft. Die neuen Rußlandfreunde unterlassen nichts, die alten, vielfach unbewußt gewordenen politischen Bindungen wieder ins Oberbewußt-sein zu heben Gegenüber dem „sterbenden Kapitalismus“ des Westens können sie die neue Gesellschaftsordnung des russischen Reiches als die Zukunftsordnung der ganzen Welt preisen. Das Motto Ex Oriente lux! wird zu einem bewegenden Kraftfaktor auch der außenpolitischen Ausrichtung. Wenn es ehemals die Roma aeterna der katholischen Kirche war, der die Rumänen ihre Hinwendung zum Westen verdankten, so figuriert jetzt die römisch-katholische Kirche im Aktionsprogramm der Vereinigten volksdemokratischen Parteien Rumäniens P. M. R. ausdrücklich als Staatsfeind Nr. 1. Schon ist es dem Einfluß des Patriarchen der rumänisch-orthodoxen Kirche gelungen, „unierte“ Geistliche mürbe zu machen und zur Aufgabe der Union und Rückkehr in die rumänische Orthodoxie bereit zu finden.

Vorausgegangen ist die Zustimmung der katholischen Kirchenorganisation. Von den zehn Ordinariaten der katholischen Kirche des römischen und des rumänischen Ritus sind bereits sieben ohne Führer, ihre Bischöfe, an ihrer Spitze Erzbischof Cisar von Bukarest, wurden „in den Ruhestand versetzt“, wie staatlicherseits verlautbart wurde.

Am 3. September wurde Bischof Susiu einfach abgesetzt, dann folgten am 16. September die „Pensionierungen" der Bischöfe August Pacha Temesvar, J. Rusu Marmarosch- Mara Mures, Johann Balan Lugos, Trajan Frentiu Großwardein und der römisch- katholische bischöfliche Administrator Johann Scheffler.

In einer Atmosphäre mannigfaltiger Bedrückung und Bedrängnis, innerer und äußerer Einschüchterung kam schließlich jenes kirchenpolitische Ereignis zustande, das als „Heimkehr" der unierten rumänischen Katholiken in den Schoß der orthodoxen Kirche ausgegeben und von gouvernemen- taler Seite gefeiert wurde: 36 griechisch- katholische Priester traten in Klausenburg zu einer Kundgebung zusammen,’ in der sie die vor 250 Jahren erfolgte Union mit Rom widerriefen und die Rückkehr zur Orthodoxie proklamierten. Angeblich hat an dieser Kundgebung der Erzbischof von Blaj-Blasendorf, Trajan Bilasou teilgenommen. Eine Delegation dieser Priester erschien vor dem Ministerpräsidenten Dr. Groza, um ihm ihre Huldigung darzubringen und hierauf in einer schismatischen Kirche das Tedeum zu singen. Sie gebärdeten ‘ich, als seien sie berechtigt, im Namen aller bisher mit Rom unierten Katholiken des rumänischen Ritus zu handeln. Inwieweit der politische Terror zu dem Geschehen beigetragen hat und wie weit die Zerschlagung der katholischen Kirche in Rumänien tatsächlich gediehen ist, wird die Zukunft zeigen.

Kam Rumänien im Konzept des russischen Ostblocks schon durch natürliche Gegebenheiten — Karpatenjjässe, Petroleum, Donaumündung — eine zentrale Stellung zu, so ist seine Bedeutung nach dem Ausfall Belgrads noch gewachsen. Frau Pauker steuert scharf russischen Kurs. Man täte gut, sie als Steuermann nicht zu unterschätzen. Sie ist mit ihrer ideologischen Unbedingtheit und Rücksichtslosigkeit durchaus der … Mann, auch eine meuternde Besatzung zum Gehorsam zu zwingen.

Der auch als Dichter bedeutende rumän- sehe Kulturphilosoph Lucian Blaga hat in seinem beachtenswerten Werk über den „Mioritischen Raum“ — „mioritisch’ gebildet nach der rumänischen VolksSallade „Mioritza“ — die These verfochten, das rumänische Volk habe alle Katastrophen und Invasionen seiner Geschichte durch die Fähigkeit überwunden, zu Zeiten der Gefährdung in ein geschichtsloses vegetatives Sein abzusinken. Nadi 1944 hofften viele Rumänen, das wieder tun zv können.

Die Hoffnung hat getregen. Angesichts der Einfügung Rumäniens ‘in das außenpolitische Konzept, die sozialpolitische Dy- i namik der UdSSR und in da’ russische orthodoxe Staatskirchentum sind die mioritischen Träume in Nichts zerronnen. Und die Dynamik der Entwicklung hat ihren Höhepunkt noch keineswegs überschritten.

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