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Eine Geschichte der ermordeten Hoffnungen

Das Buch ist zu spät erschienen und konnte doch nicht früher geschrieben werden. Dieses Dilemma bestimmt auch die Rezeption dieser umfassenden Dokumentation über die österreichische Emigration in der Sowjetunion. Denn nach dem Ende des sozialistischen Vaterlandes gibt es in Moskau keine politisch maßgeblichen Erben, die mit den Ergebnissen der Forschungen konfrontiert werden könnten, und die KPÖ bei uns ist politisch marginali-siert und in der Zwischenzeit so geschrumpft, daß das Überleben wichtiger als die Geschichte ist. Wo sind die Zeiten, als das Aussprechen der Wahrheit noch mit einem Prickeln verbunden war, als die ersten Listen über die österreichischen Opfer veröffentlicht wurden, als österreichische Kommunisten versuchten, die Geschichte der „verschwunden" Schutzbündler als Eigentum der Partei zu behandeln, um die Ermordeten so ein zweites Mal dem Tode auszuliefern. „Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte", sagte Michail Gorbatschow, mit dem das Ende begann. Die Geschichte hat ihr Urteil gefällt, vorerst endgültig. Die Öffnung der Archive ist keine Schlagzeile mehr wert, der Alltag hat begonnen, und für die drei Autoren, Historiker, dauert er bereits sieben Jahre. Ohne das Ende wäre kein wissenschaftlicher Neubeginn möglich gewesen.

Die Rilanz auf mehr als 700 Seiten ist erschreckend und ernüchternd. In den Jahren 1935/36 hat die Auslandsleitung der KPÖ in der UdSSR 717 Mitglieder kadermäßig erfaßt. Darunter fielen Schutzbündler und ihre Frauen, Parteifunktionäre und Facharbeiter, die bereits vor 1934 ins Land gekommen waren. Von denen, die dort blieben und nicht freiwillig nach Österreich zurückkehrten und den rund 160, die sich zu den Internationalen Brigaden nach Spanien meldeten, abgesehen, gerieten mehr als 55 Prozent in die Fänge des NKWD. Während des Pakts mit Hitler lieferte das NKWD 46 Schutzbund-Flüchtlinge an die Gestapo aus. Rund 30 Österreicher wurden meist in Moskau erschossen. Die Zahl der im Gefängnis und im Gulag Umgekommenen ist auch heute noch unbekannt. „Man kann jedoch davon ausgehen, daß höchstens 10-15 Prozent die mörderischen Haftbedingungen überlebten."

Hinter diesen nackten Zahlen stehen Schicksale, die die bloße Unterscheidung in Täter und Opfer nicht mehr zulassen, denn nicht selten war die eine Rolle bloß die Vorstufe für die zweite. Die „Tschistka" (Säuberung), die periodische Selbstreinigung der Partei, war unberechenbar und konnte nur dadurch funktionieren, daß eine breite Schicht das Spiel von erbarmungsloser „Kritik und Selbstkritik" in den Kollektiven mitspielte. Ein Ziel der stalinistischen Erziehung war die Auslöschung und Abtötung der eigenen Persönlichkeit. Die Wachsamkeitsmanie jener Jahre forderte von jedem Kommunisten Bocksprünge, und wer diese nicht aus eigenem Antrieb ausführte, für den waren tagelange Verhöre und Folter fällig.

„Ich stehe als Verbrecher vor der Sowjetmacht, gegen deren Gesetze ich mich vergangen habe, als Betrüger vor meinen Freunden und Genossen, denen ich mich als guter, bewußter Kommunist ausgab", gesteht Franz Koritschoner, einer der Begründer der KPÖ, der durch Jahre als „revolutionäres Gewissen" der Partei galt, in seiner Erklärung an das NKWD 1936. Ihm bleibt nur noch um eines zu bitten: „Um nichts anderes, als mich so bald als möglich, mich Verbrecher gegen die Sowjetmacht, erschießen zu lassen."

Die Genossen hatten sich Mühe gegeben, die Strafakte gegen Koritschoner umfaßt annähernd 1.000 Blatt in mehreren Bänden. Doch es begann viel früher mit der Bereitschaft, den Filter des Glaubens vor die Realität zu schieben, und nicht umsonst ist dem Kapitel über die österreichischen Arbeiterdelegationen in der UdSSR ab 1925 das russische Sprichwort „Er lügt wie ein Augenzeuge" vorangestellt. Die in diesem Kapitel geschilderten Berichte und Einschätzungen machen diese ersten österreichischen Pioniere im Vaterland der Werktätigen tatsächlich zur „Avantgarde der Einäugigen".

Das Buch markiert aber auch das Ende einer Heldengeschichtsschreibung, denn in den Mühlen des Sowjetalltags hat sich so mancher Kämpfer vom Februar 1934 alles andere als vorbildlich verhalten. So zum Beispiel Heinz Roscher, der bereits früh begann, seine Rolle zu glorifizieren. Mit dem Todesurteil für die Hauptangeklagten im Sinowjew-Ka-menew-Prozeß war er nicht unbedingt einverstanden und er hätte es besser gefunden, man Hätte die Verräter einige Monate später „irgendwo an einer Lungenentzündung zugrunde gehen lassen". Die Realität des Stalinismus holte die Schutzbündler nach dem triumphalen Empfang, den Paraden und der kurzzeitigen Privilegierung schnell ein, aber im Sinne einer propagandistischen Funktionali-sierung von Menschen rettete manche für kurze Zeit immerhin ihr Name. Der Witwe des im Februar 1934 in Wien standgerichtlich gehängten Karl Münichreiter wurden eine kleinbürgerliche Einstellung und sowjetfeindliche Äußerungen angedichtet: „Trotz ihrer negativen Seiten soll man sie mit Rücksicht auf den politischen Namen (!) noch eine Zeitlang in der Sowjetunion behalten." Die Schilderung des Lebens in den Schutzbundkollektiven, der Bespitzelung, Denunziation, „Kameradschaftsgerichte" gegen jene, die heimkehren wollten, der dramatischen wirtschaftlichen Situation und der familiären Tragödien, wenn die Männer ihre Familien nachkommen ließen, um sie dann wegen einer russischen Freundin zu verlassen, könnten Stoff für Dutzende Romane und Theaterstücke liefern. Die Ent-tabuisierung betrifft auch „bekehrte Größen " wie Ernst Fischer, gegen den selbst wegen eines angeblichen Komplotts ermittelt wurde, der sich aber nicht scheute, ein Exempel gegen die „schlechten Elemente" im Kollektiv von Gorki zu fordern.

In der Intervention für die verhafteten Genossen war die KPÖ, um es nobel zu formulieren, zurückhaltend. Anders die KPD, die allein im Jahre 1938 16, oder die KP Bulgariens, die sogar 131 Wiederuntersuchungsan-träge an den Chef der Komintern, Ge-orgi Dimitroff, richtete.

Für die Leserin und den Leser ist dieses Ruch durch die Fülle an Namen und oft gleichlautend wiedergegebenen Biographien und Anklagepunkten eine gewaltige Herausforderung, die gemildert hätte werden können, wenn Teile des umfassenden Materials in einer übersichtlichen Liste im Anhang Verwendung gefunden hätte. Unbestritten ist jedoch die große Leistung der Autoren und die breite Palette der behandelten Gruppen, von Facharbeitern bis hin zu den Absolventen der Lenin-Schule.

Wenn man in Rechnung stellt, daß freiberufliche Historiker dieses Standardwerk geschrieben haben, dann wirft dies auch ein Licht auf einen wunden Punkt der institutionellen österreichischen Zeitgeschichte, wo es für Kommunismusforschung so gut wie keine Tradition gibt und internationale Archivstudien, von einigen Ausnahmen abgesehen, zumeist von dieser Gruppe geleistet wird. Das Buch beweist aber, daß für die österreichische Geschichtsforschung die russischen Archive wahre Steinbrüche darstellen.

AUFBRUCH ■ HOFFNUNG ■ ENDSTATION Osterreicherinnen und Österreicher in der Sowjetunion 1925-1945 Von Barry McLoughlin, Hans Schafra-nek, fValter Szevera. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1997, 717 Seiten, geb., öS S48,-

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