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Für eine Fahne in den Tod

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Seit 200 Jahren bekämpfen sich griechische und türkische Zyprioten. Die Feindschaft zwischen Griechen und Türken ist tief verwurzelt.

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Seit 200 Jahren bekämpfen sich griechische und türkische Zyprioten. Die Feindschaft zwischen Griechen und Türken ist tief verwurzelt.

Der Sage nach wurde Aphrodite, die griechische Göttin der Liebe, vor der Küste Zyperns aus dem Schaum des Meeres geboren. Von Liebe ist auf der im östlichen Mittelmeer gelegenen Insel derzeit jedoch wenig zu merken: Seit 1974 zieht sich eine Grenze durch Zypern, die die miteinander verfeindeten griechischen und türkischen Bewohner voneinander trennt. Im August kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen: Ein griechischer Zypriote wurde von türkischen Demonstranten mit Knüppeln zu Tode geprügelt, ein zweiter wurde drei Tage später von türkischen Soldaten kaltblütig erschossen, als er die türkische Flagge von einem Fahnenmast entfernen wollte.

Die türkische Außenministerin Tansu Ciller erklärte dazu: „Wir werden jedem die Hände brechen, der die türkische Fahne in den Schmutz zieht." Der griechische Premierminister Costas Simitis widerum drohte, daß jeder Versuch, die türkische Militärpräsenz auf Zypern auszuweiten, für Athen ein Kriegsgrund sei. Anhand dieser Äußerungen läßt sich ablesen, wieviel Sprengkraft der Konflikt zwischen griechischen und türkischen Zyprioten besitzt. Aber die Äußerungen sind auch Ausdruck der Feindschaft zwischen den Mutterländern Türkei und Griechenland. Im Jänner dieses Jahres wäre es wegen dem Streit um zwei kleine Felsinseln vor der türkischen Küste fast zu einem Krieg zwischen den beiden NATO-Partnern gekommen.

1960 wurde die britische Kronkolonie Zypern in die Unabhängigkeit entlassen, die zu 80 Prozent von Griechen, zu 20 Prozent von Türken bewohnt war. Von Anfang an war der junge Staat durch den Gegensatz zwischen griechischer und türkischer Bevölkerung geprägt. Als damals Griechenland und die Türkei Truppen auf der Insel stationierten, jubelten die Inselgriechen den griechischen Soldaten zu, die Inseltürken den türkischen. Ein gemeinsames Nationalgefühl fehlte.

Im Juli 1974 wurde der Präsident der Republik Zypern, Erzbischof Ma-karios, durch einen Staatsstreich gestürzt, der von der damals in Griechenland regierenden Militärjunta gesteuert war. Daraufhin marschierten türkische Streitkräfte in Zypern ein und eroberten bis Mitte August über ein I drittel der Insel. Nach Abschluß eines Waffenstillstandes wurde eine militärische Pufferzone eingerichtet, die von der UNO kontrolliert wird. 1983 proklamierte der türkische Teil schließlich die „Unabhängige türkische Republik Nordzypern", die bisher nur von der Türkei anerkannt wird.

Die Insel, die in der Antike Alasia hieß, wurde in den Jahren 1200 bis 1000 vor Christus von Griechen besiedelt. Durch ergiebige Kupferminen kamen die Bewohner zu Wohlstand. Dieser Bosenschatz gab der Insei auch ihren heutigen Namen: Zypern und Kupfer leiten sich von dem selben griechischen Wort her. Das Kupfer war auch der Grund dafür, daß die jeweilige regionale Großmacht stets die Insel für sich beanspruchte. Ägypter, Perser und Römer wechselten sich als Herrscher ab. 1571 eroberten die Türken Zypern.

Die osmanische Herrschaft brachte jene Veränderungen der Bevölkerungsstruktur, die heute Grundlage des Konfliktes sind. Anatolische Bauern wurden zwangsangesiedelt; in bestimmten türkischen Regionen wurde jeder zehnte Rewohner gezwungen, sich nach Zypern einzuschiffen. Anfangs waren die Beziehungen zwischen Griechen und Türken gut. Die Christen, wie die Griechen damals genannt wurden, galten als eigene Nation; ihr Erzbischof war gleichzeitig der höchste Verwaltungsbeamte. Sein Einfluß wurde im Laufe der Zeit immer größer. „Das Land wird vom griechischen Erzbischof und seinem Klerus regiert", berichtete der britische Diplomat William Turner im 18. Jahrhundert.

Anfang des 19. Jahrhunderts erhoben sich Türken gegen den türkischen Gouverneur, weil er ihrer Meinung nach den Christen zu großen Einfluß einräumte. Nach der Intervention eines hohen christlichen Beamten beim Sultan wurde der Aufstand blutig niedergeschlagen. Erstmals ist von Haß zwischen Türken und Griechen auf Zypern die Rede.

1821 begann der griechische Unabhängigkeitskrieg auf dem Festland. Den Kampfhandlungen ging eine entsprechende geistige Entwicklung voran: Literarische Klubs stärk ten das Nationalbewußtsein der Griechen, konspirative Zirkel suchten Unterstützung im In- und Ausland. Auch Zypern blieb davon nicht unberührt: Der zypriotische Klerus stand in Verbindung mit den Aufständischen in Griechenland, zypriotische Griechen kämpften auf dem Festland für ein freies Griechenland. Auf der Insel kam es zu Massakern an Griechen und der damalige Erzbischof Kyprianos wurde gehängt.

Nachdem Griechenland 1832 unabhängig geworden war, ließen sich griechisch-zypriotische Freiheitskämpfer auf der Insel nieder. Dadurch erhielt die griechische nationale Bewegung auf Zypern noch mehr Auftrieb. Der Gedanke der „Enosis", der Union mit Griechenland, wurde immer stärker. Auch in Griechenland selbst wurden die Rufe nach einem großgriechischen Reich mit dem Mittelpunkt Konstantinopel immer lauter. „Megali Idea", die „große Idee", wurde jene Ideologie benannt, die besagte: Alle Gebiete, in denen Griechen lebten sollen zu Griechenland gehören.

Nie waren die Inselgriechen dieser Vereinigung näher als während des Ersten Weltkrieges. 1878 war Zypern an Großbritannien gefallen, das nun mit der Türkei im Krieg lag. Das britische Empire bot der griechischen Regierung Zypern im Tausch gegen einen Kriegseintritt auf seiner Seite an. Doch Griechenland lehnte ab, weil der Ausgang des Krieges noch ungewiß war.

Nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches sah Griechenland seine Chance gekommen, das ersehnte großgriechische Reich zu errichten: 1920 marschierten griechische J'rup-pen in der Türkei, dem Nachfolger des osmanischen Reiches, ein. Bei ihrem Vormarsch auf Ankara, der neuen Hauptstadt der 'Türkei, erlitten die Griechen jedoch eine vernichtende militärische Niederlage. Der 'Traum der „Megali Idea" war endgültig ausgeträumt.

Nicht so der Taum der griechischen Zyprioten nach dem Anschluß ans Mutterland - ein Traum, den die türkische Bevölkerung Zyperns nicht im mindesten teilte.

Mitte der fünfziger Jahre wurde die Untergrundbewegung EOKA (Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer) gegründet, die für die Enosis kämpfte. Im Dienste der britischen Polizei standen viele türkische Zyprioten. Da sich die Aktionen der EOKA vor allem gegen die Polizei richteten, wurden auch viele türkische Zyprioten getötet. Das verschlechterte die Beziehungen in den bis zu diesem Zeitpunkt noch vielfach gemischten Gemeinden. Waren bis zu dieser Zeit das Zusammenleben der zwei Bevölkerungsgruppen noch ziemlich friedlich verlaufen, änderte sich die Lage drastisch. „Die Enosis-Bewegung beging den schweren Fehler, sich nie eingehend und ernsthaft mit den Mitbestimmungsrechten der Türkischzyprioten zu befassen", beklagt der griechische Historiker Pavlos Tzermias.

Als Großbritannien Zypern 1960 in die Unabhängikeit entließ, wurde der griechisch-orthodoxe Erzbischof Makarios III. Präsident der jungen Republik, sein Stellvertreter stammte aus der türkischen Volksgruppe. Sieben der Minister waren griechisch, drei türkisch. Doch schon drei Jahre später wollte Präsident Makarios die Verfassung ändern. Das Vetorecht des Präsidenten und des Vizepräsidenten sollte abgeschafft, Militär und Justiz vereinheitlicht werden. Diese und andere Änderungen hätten den Einfluß der türkischen Minderheit erheblich eingeschränkt. Vertreter der Inseltürken bezeichneten Makarios' Absichten als „verräterische Propaganda" und warfen den Griechen vor, nie an einer Einhaltung der Verfassung interessiert gewesen zu sein. Hoffnungen auf eine friedliche Beilegung des Konfliktes zerschlugen sich mit dem Ausbruch von Kämpfen in der Hauptstadt Nikosia. Entführungen und Morde waren an der Tagesordnung.

Weder eine Friedenstruppe unter britischer Führung, noch die 1964 gebildete UNO-Friedenstruppe konnte der Zerfall des Staates aufhalten: Zehn Jahre später wurde Zypern nach dem türkischen Einmarsch endgültig geteilt

Noch heute halten UNÖ-Truppen die Konfliktparteien auseinander. Bei den Ausschreitungen im August waren auch österreichische UNO-Solda-ten durch Steinwürfe verletzt worden, als sie griechische und türkische Demonstranten trennen wollten. Der Kommandant der österreichischen UNO-Truppen auf Zypern, Oberstleutnant Wolfgang Wildberger, erklärte damals: „Wenn wir nicht da-zwischengegangen wären, wäre es zü einem Blutbad gekommen."

Der Autor ist

Historiker und freier Journalist.

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