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Fur immer und eine Woche

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Einrichtungen wie diese echte „Wiener Biennale“, die einzigen religiösen Filmfestwochen auf der Welt, sind nach zwei Ausdehnungen hin zu messen: einer äußeren, die sich in Glanz und Gloria des Andranges, der Empfänge und des öffentlichen Widerhalles zu spiegeln pflegt, und einer inneren, schwieriger ablesbaren: des religiösen und künstlerischen Eingriffes in das Erleben und Leben des einzelnen.

In der Regel ist es nun so, daß das Vorschlagen der einen Intensität die andere zu erdrücken droht. Daß die IV. Internationale Festwoche des religiösen Films, die am Abend des 30. April im Konzerthaus zu Wien in den Abschiedsworten ihres Schöpfers, Organisators und geistigen Führers, Prälat Doktor Karl Rudolf, ausklang, diese Faustregel auf den Kopf stellte, ist vielleicht die größte Ueberraschung der Veranstaltung. An den drei Vorgängerinnen gemessen, bedeutete diese Festwoche einen gewaltigen Fortschritt nach beiden Seiten hin.

Imposanter als iemals das äußere Bild des Großen Konzerthaussaales, von „bummvollen“ Nachmittagsvorstellungen bis zur knisternden Spannung des Mauria rilmabends, an dem selbst in- und aus-ländisc ; Journalisten, die Gott sonst nur kühl und höflich von ferne zu grüßen pflegen, ihr Herz für Ihn und Seine unwürdigen Diener in der Katholischen Filmkommission Oesterreichs (deren Festkomitee aufopfernd und vorbildlich amtierte) entdeckten, lieber 30.000 Teilnehmer haben 10 abendfüllende und 13 Kurzfilme gesehen, 4 Vorträge, 9 Nebenveranstaltungen und 3 Empfänge schufen auch für intimere Gespräche den geeigneten Rahmen. Sinnfällig spiegelte sich die ungeheure geistige Reichweite des Festes in der vielfarbigen Autorität hoher Sprecher, die sich von den klugen und warmen Formulierungen Kardinal-Erzbischofs Dr. Innitzer (Empfang der Filmschaffenden) und des Filmreferenten der österreichischen Bischofskonferenz, Prälat DDr. Läszlö (Sitzung der Diözesanfilm-referenten) über die Teilnahme und aktive Mitarbeit evangelischer Repräsentanten (Superintendent Georg Traar. Oberkirchenrat Reinhold Engel und Dr. Stephanie Prochaska) und den Chef der Unterrichtsverwaltung (Empfang bei Bundesminister Dr. Heinrich Drimmel) bis zu der aufrichtig verkündeten Gemeinschaft in den Bemühungen um die menschlichen und künstlerischen Werte des guten Films durch das sozialistische Oberhaupt der Stadt Wien (Empfang durch Bürgermeister Jonas auf dem Kahlenberg) erstreckte.

Es gab zwei Uraufführungen, es gab ausländische Gäste aus sechs europäischen Ländern. Es gab auch technische Sensationen: Erstmals wurde in Wien die Projektion eines farbigen Schmalfilms über die beachtenswerte Distanz von 52 Meter gewagt — sie gelang völlig. Aus Rom wurde zweimal nacheinander die dritte Katholische Wochenschau („Rom in der Welt“) eingeflogen, die in der Mitte der Woche bereits die Bilder von der Eröffnung der Festwoche, am Ende der Woche schon die große Mittwochkundgebung der österreichischen Katholiken auf dem Stephansplatz und im übrigen auch einen farbigen Streifen (ein aussichtsreicher Versuch 1) enthielt.

Die Orgelpräludien Prof. Karl Walters (von Inniger Empfindung die einfühlenden Variationen zu bekannten Marienliedern und der gewaltige Fugenbau des frommen Trutzliedes der Protestanten) sind den Teilnehmern ebenso unentbehrlich geworden wie die aufschlußreichen, fachgerechten Vorworte erstrangiger Sprecher, die besonders die fremdsprachigen Filme dem Publikum ganz nahezubringen vermochten (Prälat Dr. Karl Rudolf, Prof. Andre Espiau de la Maestre, Oberkirchenrat Reinhold Engel, Rektor P. Dr. Albert Rohner SVD., P. Erik Weymeersch, Dozent Dr. Walter Kornfeld, Superintendent Georg Traar, Dr Hermann Filitz, Georges Rosetti, Paris, und P. Dr. Alfred Focke SJ.).

Der Beifall der oftmals hingerissenen Zuschauer war herzlich. Aber vielleicht wogen die manchmal dröhnenden Ovationen doch leichter als die Ergriffenheit jener paar Männer und Frauen, die sich einmal bei dem Schlußsegen eines belgischen Heiligen-Messe-Films wie ganz selbstverständlich bekreuzigten ... Ach, wie oft hat der weltliche Film die Szene zum Tribunal gemacht — wie schön, hier einmal die Kulissen des „säkularisierten Tempels“ versinken und in die steinernen Pfeiler der Kathedrale hineingleiten zu sehen 1

Die Ergebnisse der Vorträge, Beratungen, der Führung und der Diskussion werden noch zu verarbeiten und auszuwerten sein. Dies gilt besonders für die Vorträge im Theater im Palais Esterhäzy („Liebe und Ehe im Film“ von Dr. Stephanie Prochaska, „Staatliche Einflußnahme auf den Film“ von Ministerialsekretär Dr. Raimund Warhanek, „Probleme des Fernsehens“ von Dr. Hilde Hannak und „Der Turm zu Babelsberg — Die Idee der Völkerverständigung im Film“), die samt und sonders „unter ihrem Wert“ in Szene gingen. Ob man sie ein nächstes Mal nicht in größerem Rahmen und, entlastet von der eigenen Konkurrenzierung, an einem spielfreien Tag sammeln sollte? Ob nicht vielleicht doch ein modernes Großkino der Stadt (eines mit Orgel!) der Projektion zustatten käme? Ob nicht einmal der brennende Geist dieses Hochfestes frommer Kunst in eine gewaltige öffentliche Massenschlußkundgebung einzufangen wäre? Ob nicht doch einmal im Presseecho der Schmollwinkel der Linksparteipresse aufzusprengen oder etwa auch ein noch freundlicheres Interesse unserer sonst so eifrig um weltliche Storys bemühten Austria-Wochenschau und in gleicher Weise des Oesterreichischen Rundfunks zu erreichen wäre?

Fragen, Bitten, Wünsche an die Zukunft... die Antwort wird das weitere Wachsen der Filmfestwoche geben.

Hier nur noch ein unzulänglicher Versuch, einen Längs- und Querschnitt durch die unübersehbare künstlerische Ausbeute zu geben.

Der Spielfilm sprang dreimal von Gipfel zu Gipfel: vom ernsten sozialen Hintergrund des „A b b e Pierre“ über die besonders den Intellektuellen mundende Spiritualität und Esoterik des Mauriac-schen „L e P a i n v i v a n t“ zu dem weise lächelnden angelsächsischen Humor der „Seltsamen Wege des Paters Brown“, denen viele Besucher sogar williger folgten als den Zickzacksprüngen weiland Don Camillos, des römischen Eulenspiegels. Flächiger gerieten „Duell der Herzen“ und „Unter dem Kreuz des Südens“.

Der „Dokumentär- (Expreß-) Zug“ des Films unserer Tage drückte sich aus in „Vom Landpfarrer zum Papst“, „Der gehorsame Rebell“, der näher zum alten „Michelangelo“, und „Christ o“, der näher zu unserer Wiener „Matthäuspassion“ stand. Der Gipfel war hier das farbige Wunder des „Heiligen Landes“ des belgischen „Weißen Vaters“ P. Erik Weymeersch.

Der Kurzkulturfilm brachte eine richtige filmische Weltsensation, die optisch, musikalisch und im Sprechtext (Daniel-Rops!) hervorragend wiedererweckte Frömmigkeit und Kunst mittelalterlicher Stundenbücher und Miniaturen: „Ave Maria.“ Hier endlich gelang es auch Oesterreich, im vielstimmigen Orchester der Nationen (Frankreich: „Priesterweihe“ und „Gotische Kunstwerke“, Deutschland: „Bis an die Grenzen der Erde“ und „Brüder unterm Kreuz“, Italien: „Die Fresken des Giotto“, Belgien: „Das Licht der Menschen“ und Portugal: „Die Wege des hl. Franz v. Xaver“) mit unserem „Schatz des Abendlandes“ seinen eigenen Ton anzuschlagen. Er war nicht zu überhören.

Den (unausgeschriebenen) Wettbewerb der zehn Nationen gewann eindeutig Frankreich, das auch ziffernmäßig mit zwei Haupt- und drei Kurzfilmen alles ringsum in Grund und Boden spielte. Aber die „olympische Ehrung“ flaggte nicht tricolor, sondern weißgelb. Und vor ihr neigten sich nicht Nationen, sondern das eine Volk der Gläubigen auf dieser Welt.

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