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Geschöpfe aus Sternenstaub

Erhält die bemannte Raumfahrt durch die Rosetta-Mission Auftrieb? Der Astrophysiker Gernot Grömer über Science, Fiction und gutartige Aliens.

Zum ersten Mal in der Geschichte gelang die Landung eines Raumfahrzeuges auf einem Kometen. Doch es gibt noch ehrgeizigere Programme. Etwa jenes, einen Menschen zum Mars zu schicken. Der Astrophysiker Gernot Grömer und das Österreichische Space Forum Innsbruck arbeiten daran mit.

Die Furche: Die Mission zur Landung auf einem Kometen hat funktioniert. Ein großer Schritt für die Technik ... ist es auch ein großer Sprung für die Menschheit?

Gernot Grömer: Es war für die Forschung ungeheuer wichtig. Im Prinzip sind Kometen die Tiefkühlschränke des Sonnensystems, weil sie aus einer Zeit stammen, in der es noch nicht einmal Planeten gegeben hat. Wenn wir also die Kometen verstehen, dann haben wir auch ein besseres Verständnis, wie das Leben auf der Erde entstanden ist. Man darf nicht vergessen, dass ein Großteil des Wassers, aus dem die Erde besteht und letztlich auch die Menschen bestehen, durch Kometen-Einschläge auf die Erde gebracht worden sind. Die Aufarbeitung der Daten wird vermutlich Jahre dauern. Neben den Fragen der Aminosäuren geht es auch um eine Art Computertomografie, die Rosetta und Philae von dem Kometen gemacht haben. Damit kann man sich zum ersten Mal die Schichtung des Kometenkerns anschauen. Das ist eine Sache, von der vor zehn Jahren jeder behauptet hätte, das sei pure Science-Fiction.

Die Furche: Aber gerade in der Raumfahrt scheint Science-Fiction sehr gut zu funktionieren. Zuerst gibt es eine fantastische Idee, dann mischen sich die Wissenschaften dazu - und schon wird das scheinbar Irrationale Wirklichkeit.

Grömer: Genau darum geht es. Missionen, wie Rosetta entstehen an der Grenzfläche zwischen dem Machbaren und dem gerade noch nicht Machbaren. Also sind tolle Missionen dort, wo man gezwungen ist, die eigenen Grenzen auszuloten. Ich glaube, wir brauchen zuerst die Inspiration und danach natürlich auch Wissen, Technik und Technologie. Ich glaube, dass wir auch Menschen auf dem Mars sehen werden.

Die Furche: Seit 1972 sind keine Menschen mehr auf dem Mond gelandet, insgesamt haben nur zwölf Personen extraterrestrischen Boden betreten. Was macht Sie sicher, dass eine Marslandung funktionieren könnte?

Grömer: Ich bin davon überzeugt, dass das noch zu meinen Lebzeiten möglich sein wird. Ich gehe auch davon aus, dass derjenige Mensch, der den ersten Schritt auf den Mars setzt, bereits geboren ist. Es geht dabei ja um nichts Geringeres als die Erkundung einer neuen Welt.

Die Furche: Aber sind die technischen Möglichkeiten schon so weit gediehen?

Grömer: Es gibt einige technologische Bereiche, wo wir noch nicht ganz soweit sind. Aber prinzipiell ist es machbar. Die entscheidende Erkenntnis ist, dass es keinen technologischen Bereich gibt, der eine Mission unmöglich machen würde. Weder die Strahlung noch die lange Reisezeit oder die Voraussetzungen für eine Landung. Das Hindernis liegt am gesellschaftlichen Willen, also an der Finanzierung. Wenn wir genügend Interesse schaffen, dann wäre es machbar.

Die Furche: Wieviel bräuchte es denn, eine Marslandung zu finanzieren?

Grömer: Es gibt Hochrechnungen bis zu 500 Milliarden Dollar. Ich glaube, es wäre mit knapp unter 100 Milliarden Dollar machbar. Das klingt nach sehr viel ...

Die Furche: Verglichen mit den Kosten einer Finanzkrise mit Bankenrettung eigentlich nicht ...

Grömer: Oder sagen wir es anders. Mit vier Monaten Irakkrieg hätte man eine Mars-Mission finanzieren können. Tatsache ist, dass wir es uns leisten könnten. Derzeit bezahlt der durchschnittliche Europäer für die Raumfahrt pro Jahr gerade einmal so viel wie für einen Big Mac und ein Cola. Wir alle profitieren schon jetzt von der Raumfahrt - und da rede ich nicht nur vom GPS. Wir haben hier ein Grenzfeld, in dem wir neues Wissen entwickeln müssen, aus dem sich dann aber wieder technische Spin-offs entwickeln werden.

Die Furche: Sie sind Oberösterreicher, der in Tirol lebt. Das Bundesland scheint ein erstaunlich guter Boden für Sternenabenteuer zu sein. Douglas Adams hatte die Idee zu seinem Bestseller "Per Anhalter durch die Galaxis“, als er bekifft in einer Tiroler Wiese lag.

Grömer: (lacht) Ja genau, auf einem Campingplatz mit Blick auf die Sterne - das ist echtes Spezialwissen.

Die Furche: Weil wir gerade bei Unterhaltungsliteratur sind. Susan Sontag hat in einer Kritik über Science-Fiction-Literatur bemerkt, dass es zwei Typen von extraterrestrischen Wesen gibt. Das eine ist der böse Alien, eine Kopie menschlicher Laster. Der zweite Typ ist der aus HG Wells’ "Krieg der Welten“, in dem die Marsianer dem Menschen weit überlegen sind. Sontag meint, der Typ des befreundeten und brüderlichen Außerirdischen sei ausgeschlossen, von E.T. einmal abgesehen. Wie stellt sich der Marsforscher den Marsmenschen vor?

Grömer: (lacht) Falls es auf dem Mars einmal Leben gegeben hat, dann sprechen wir eher von Bakterien oder Viren. Das heißt, ein möglicher Erstkontakt mit außerirdischem Leben wird auch nicht sein, dass der zweibeinige Außerirdische behende aus einem Raumschiff klettert und uns die Hände schüttelt. Wenn wir es aber philosophisch betrachten und eine Spezies annehmen, die bereits interstellare Raumfahrt entwickelt hat, dann muss das eine Art Lebewesen sein, die eine gewisse Grenze an Autoaggression unterschreiten muss, sonst hätte sie sich im Lauf ihrer eigenen Entwicklung vermutlich selbst ausgelöscht.

Die Furche: Psychologen meinen, Science-Fiction gehorche, wenn man sie gesellschaftlich analysiert, ganz deutlich patriarchal-feudalen und militaristischen Strukturen, ob es sich nun um Perry Rhodan, Flash Gordon oder Star Wars handelt.

Grömer: Jeder Film, jedes Comic jeder Roman ist ein Kind seiner Zeit. Der Weltraum ist eine riesige Projektionsfläche unserer Vorstellungen. Das ist übrigens auch der Grund, warum Aliens immer zwei Ohren und zwei Augen haben und Englisch sprechen. Ich glaube mal so: Würden wir ein Foto von einem Alien vorgelegt bekommen, wir würden ihn nicht als solchen erkennen. Die Chemie und die Physik sind überall im Kosmos gleich, weil die daran beteiligten Stoffe und Gesetze sich direkt aus dem Urknall ergeben. Die Biologie als Leben, das sich aus Chemie und Physik ergibt, müsste also überall auch eine ähnliche sein.

Die Furche: Weil wir gerade dabei sind. Es gibt einen sehr beeindruckenden Kurzfilm der ESA zur Rosetta-Mission mit dem Titel "Ambition“ - also Ehrgeiz. Darin geht es aber nicht so sehr um die technischen Möglichkeiten der Raumfahrt. Vielmehr wird da der Mythos der Schöpfung neu erzählt, mit einem Creator, der lehrt, wie das Weltall geschaffen wurde und das Wasser sich zu Kometen formte. Und dann gibt er Befehl, einen neuen Felsen zu schaffen. Das ist doch eigentlich eine sehr religiöse Erzählung.

Grömer: Es gibt einen Spruch von Arthur C. Clarke, dass jede hinreichend fortgeschrittene Technologie uns wie Magie und Religion und Göttlichkeit erscheint. Das heißt: wenn man unsere Urgroßväter in unsere Zeit versetzen würde, sie würden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Ganz ähnlich wird es uns auch ergehen. Wir leben in einer Zeit zunehmender Verschmelzung von Technologie und Biologie. Und irgendwann wird es schwierig werden zwischen etwas, das wir heute spirituell nennen und einer neuen Technologie zu unterscheiden.

Die Furche: Es gibt ein Vergleichswerk zu Rosetta und ihrem Werbefilm. "2001 - Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick, ein Gleichnis auf die Suche nach Gott, die dann tatsächlich in Form einer Steinplatte auf dem Jupiter gefunden wird. Was glauben Sie, ist der größte Fund im Weltall?

Grömer: Ich glaube, das sind zwei Dinge: Erstens, dass die letzte Bastion des Anthropozentrismus fallen kann - dass wir erkennen, dass es nicht nur diese Erde gibt und dass es nicht nur diesen Planeten gibt, auf dem Leben existieren kann. Und wenn Sie mich fragen, was denn das Großartigste ist, was uns die Weltraumforschung gegeben hat, dann ist es die Gewissheit, dass wir ein Teil dieses großen Weltraums sind, dass also jedes Atom unseres Körpers vermutlich Teil eines Sterns gewesen ist. Dass wir also, wenn wir hier bei diesem Interview sitzen, Sternenstaub sind, der sich über Sternenstaub Gedanken macht.

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