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Halbzeit der Lunautik

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Die Weihnachtsfeiertage waren ganz von dem kühnen Mondflug der Amerikaner beherrscht. Hunderte Millionen Fernseher waren Augen- und Ohrenzeugen dieser technischen Großtat. Mehr als 300.000 Menschen hatten sie vorbereitet, 15.000 waren mit der Durchführung des Fluges befaßt, und die Gesamtkosten beliefen sich auf umgerechnet 8200 Millionen Schilling. Den schreienden Gegensatz dieses Monsterunternehmens zur Feier jener schlichten Geburt in einem Stall können wir als Symbol für den Weg des Menschen über die zwei vergangenen Jahrtausende auffassen.Seit der Sowjetrusse Gägarin vor sieben Jahren und neun Monaten als erster in den Weltraum vorstieß, hat die breite Öffentlichkeit die bemannte Raumfahrt mehr und mehr als Wettrennen zwischen den beiden astronautischen Supermächten USA und UdSSR betrachtet. Mit höhnischen Hinweisen Chruschtschows auf den Rückstand der USA und der Selbstverpflichtung durch Präsident Kennedy, bis Ende 1970 Amerikaner zum Mond und zurückzubringen, ist diese Deutung von höchster Warte bestätigt worden. Wie steht nun dieses Rennen nach Apollo 8?

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Die Weihnachtsfeiertage waren ganz von dem kühnen Mondflug der Amerikaner beherrscht. Hunderte Millionen Fernseher waren Augen- und Ohrenzeugen dieser technischen Großtat. Mehr als 300.000 Menschen hatten sie vorbereitet, 15.000 waren mit der Durchführung des Fluges befaßt, und die Gesamtkosten beliefen sich auf umgerechnet 8200 Millionen Schilling. Den schreienden Gegensatz dieses Monsterunternehmens zur Feier jener schlichten Geburt in einem Stall können wir als Symbol für den Weg des Menschen über die zwei vergangenen Jahrtausende auffassen.Seit der Sowjetrusse Gägarin vor sieben Jahren und neun Monaten als erster in den Weltraum vorstieß, hat die breite Öffentlichkeit die bemannte Raumfahrt mehr und mehr als Wettrennen zwischen den beiden astronautischen Supermächten USA und UdSSR betrachtet. Mit höhnischen Hinweisen Chruschtschows auf den Rückstand der USA und der Selbstverpflichtung durch Präsident Kennedy, bis Ende 1970 Amerikaner zum Mond und zurückzubringen, ist diese Deutung von höchster Warte bestätigt worden. Wie steht nun dieses Rennen nach Apollo 8?

Wir haben die wichtigsten Daten der bemannten Raumfahrt in einer Tabelle zusammengestellt. Daraus geht eindeutig hervor, daß die Amerikaner augenblicklich führen. Den Experten ist diese Situation schon seit der Gemdni-Flugserie bewußt. Diese klare Situation wurde nun im Westen immer wieder von einer Überschätzung der russischen Raumfahrtleistungen verwirrt, ein Effekt, der teils auf die sehr geschickte kommunistische Propaganda, teils aber auf die noch immer nachwirkende Bewunderung für den epochemachenden Sputnik zurückgeht. In den USA selbst erscheint die Lage zwiespältig. Wir finden hier einerseits die stolzen Rechenschaftsberichte der NASA, die natürlich alles unternimmt, der Öffentlichkeit eine möglichst effektive Verwendung der zur Verfügung gestellten Steuermilliarden zu demonstrieren. Anderseits hören wir aber auch oft pessimistische Unkenrufe, über den Rückstand der USA. Gerade der deutsch-amerikanische Raketenvater Wernher von Braun, der Entscheidendes für die Raumfahrt geleistet hat, tut sich darin hervor. Dieser Widerspruch erklärt sich leicht, wenn wir bedenken, daß die NASA seit mehreren Jahren unter akutem Geldmangel leidet In Auswirkung der ungeheuren Kosten des Vietnamkrieges wurde das Rauim-fahrtibudget von Jahr zu Jahr gekürzt. Zwar hat die Administration innerhalb der Palette der NASA-Projekte allein das Apollo-Unternehmen nicht beschnitten, an eine dafür aber längst gewünschte Budgeterhöhung konnte nicht gedacht werden. Wer das amerikanische Lobby-System kennt, weiß, daß die selbstquälerischen Hinweise auf den amerikanischen Rückstand und die sowjetischen Erfolge allein den Zweck haben, im Kongreß größere Finanzmittel loszueisen. Auch der Rücktritt des langjährigen NASA-Administrators Webb steht damit in Zusammenhang.

Während die Statuten der NASA die amerikanische Raumfahrt verpflichten, alle Pläne und Projekte zu veröffentlichen, soweit sie die Sicherheit der USA nicht unmittelbar berühren, halten die Sowjets an ihrer strikten Geheimhaltung fest. Weil über offizielle Pläne also nichts bekannt ist, müssen sich die westlichen Auguren auf das Puzzlespiel der Deutung spärlicher Zitate, Zeitungsartikel und dergleichen beschränken.

Da starteten im vergangenen September und November die Sowjets unerwartet die zwei Mondsonden Nummer 5 und 6. Mit der erfolgreichen Bergung jeweils sechs Tage später gelang dem Osten erstmals die Rückholung von Objekten, die den Erdschwerebereich verlassen hatten.

,Amerika ist im Mondwettrennen geschlagen!“ — hieß es danach. Zum nächsten Schlag holte die sowjetische Raumfahrt im Oktober 1968 aus. Man benützte eine verbesserte Version des Raumfahrzeuges „Sojus“, mit welchem Oberst Koma-row im April 1967 tödlich abgestürzt war. Erstmalig veröffentlichten die Sowjets Skizzen von „Sojus 2“. Man erkannte daraus ein ähnliches Konzept wie beim amerikanischen Apollo-Projekt. Das zweiteilige Fahrzeug besteht aus einer kugelförmigen Astronautenkabine, die vor der Erdrückfkehr abgetrennt wird und allein den Erboden heil erreicht. Die Astronauten halten sich während des Fluges im angedockten, dahinter befindlichen Geräteteil auf. Auch trägt der sowjetische Geräteteil zwei lange, flügelartige Gebilde, die Sonnenzelten zur elektrischen Kraftentfaltung enthalten. Amerika hat nur eine Astronautenkabine und speist das elektrische Bordnetz über Sauer-stoff-Wasserstoffzellen im Innern des Gerätteiles.

Zwei solche russische Raumschiffe starteten, Sojus 2 am 25. und Sojus 3 am 28. Oktober 1968. Bemannt war nur die letztere mit dem Kosmonauten Beregowoij. Beide Fahrzeuge wurden überraschenderweise nach wenigen Tagen Flugdauer in niedriger Erdumlaufbahn zurückgeholt. Sie hatten während ihres Fluges zwar ein Rendezvous durchgeführt, dagegen kein Docking, wie es wohl ge* plant war. Seither ist es um die bemannte sowjetische Raumfahrt still geblieben. Offenbar hat irgend etwas bei den Sojus-FWigen nicht geklappt. Man nimmt heute im Westen an, daß die Sowjets bei ihrem geplanten Mondflug das für einmaligen Start zu schwere Fahrzeug durch Rendezvous und Docking in Erdumlauf aus zwei oder drei Teilen zusammensetzen wollen, die hinaufgeschossen werden. Wegen Versagens des ersten Versuches dafür ist der Osten nun terminlich zurückgefallen. Ungleich erfolgreicher war bisher das amerikanische Apolloprojekt. Der erste bemannte Flug mit einer Apollo-Kapsel (Start am 11. Oktober 1968) verlief in jeder Beziehung zufriedenstellend. Die NASA revidierte deshalb ihre Pläne und beschloß, bereits den zweiten bemannten Apollo-Flug (gleichzeitig erster bemannter Start der Mondrakete Saturn 5) mit einem Flug bis in Mondnähe und mit mehrmaliger Mondumkreisung zu krönen. Das bedeutete den Wegfall mindestens eines Zwischenexperimentes und erschien mit Recht als großes Risiko. Hatten die Amerikaner doch bis dahin überhaupt noch nie ein Objekt aus Mondnähe zur Erde zurückgeholt. Sie wagten es trotzdem, weil sie es wagen mußten. Der verhängnisvolle Brand der Apollo-Kapsel Anfang 1967, der dadurch erforderlich gewordene Umbau der Kapsel mit zahlreichen anderen Änderungen zwang sie dazu, wenn sie jenen ursprünglich genannten Termin noch halten wollten. So kam es also, daß am Sonntag, dem 21. Dezember 1968, um 13.41 Uhr mitteleuropäischer Zeit die fünf hausgroßen Raketentriebwerke der Saturn 5 mit ungeheurem Getöse losdönnerten. Mit der unvorstellbaren Leistung von 150 Millionen PS schössen sie die drei Raumfahrer ins All. Alles Folgende dürfen wir als bekannt voraussetzen. Wie im Sturm räumte dieser historische Flug, der erstmals Menschen in den Schwerebereich eines fremden Gestirns brachte, wo sie ihren Mutterplaneten nur noch als kleine Scheibe am schwarzen Himmel schweben sahen, mit einigen schweren Bedenken gegen den bemannten Raumflug auf. Die Astronauten ertrugen mühelos die gespenstische Abreise aus ihrem Lebensraum und die ungeheure Vereinsamung im riesigen, lebensfeindlichen All. Der zweimalige Durchbruch des Erdstrahlungsgürtels setzte sie einer Strahlenbelastung aus, die unter der einer durchschnittlichen medizinischen Röntgenaufnahme blieb. Und die Strahlung des ständigen Sonnenwindes und fallweiser Sonnenausbrüche war ebenfalls nie ein Problem.

So perfekt lief das Unternehmen ab, daß die Journalisten Mühe hatten, interessante Details ausfindig zu machen. Es gab überhaupt nur zwei nennenswerte Pannen — einige Lukenfenster waren durch Beschlagen undurchsichtig geworden, und der Kosmonaut Borman war einige Tage lang krank, vermutlich wegen einer von der Erde mitgeschleppten Infektion.

Die sowjetischen Politiker hüllten sich über diesen Flug in Schwelgen. Erst Tage nach dem Start wurde die Stimme eines sowjetischen Experten, Prof. Sechow, genannt „Vater des Sputniks“, laut. Er sprach seiner Anerkennung für die Leistungen und den Mut der amerikanischen Raumfahrer aus. Seine Formulierung ließ erkennen, daß die Sowjets bei ihren Mondreiseplänen weniger wagemutig und stürmisch zu Werke gehen wollen.

Am interessantesten war jedoch sein Hinweis, daß Mondreisepläne hier gegenwärtig nicht im Vordergrund stünden. Man halte es für zweckmäßiger, zunächst eine große, mehrfach bemannte und über längere Zeit fliegende Raumstation um die Erde zu erstellen.

Wenn das stimmt, dürften wir dafür militärische Beweggründe vermuten. Die amerikanische Mondrakete Saturn 5 und das ganze Mondlandeunternehmen überhaupt ist ein rein friedliches Vorhaben. Im Gegensatz zu verschiedentlich geäußerten, phantastischen Vermutungen hat der Mond keinen militärischen Wert. Um beliebige Punkte auf der Erdoberfläche mit Atombomben zu beschießen, genügen die vorhandenen Interkontinentalraketen. Sie sind billiger, treffen genauer und erreichen ihre Ziele schneller. Anders steht es um die bemannten Raumstationen. Sie wären ideale Erkundungs- und Spionageaugen im Weltall. Schon bisher wird dieses Prinzip von Ost und West mit militärischen Erkundungssatelliten verfolgt. Diese sind bislang jedoch unbemannt, was ihre Verwendungsfähigkeit naturgemäß einschränkt. Nach dem neuesten Stand der Technik ist eine Raumstation jedoch als Waffen- beziehungsweise Bombenträger ungeeignet. Seit Rendezvous-und Andockmanöver in Ost und West möglich geworden sind (in Amerika bisher nur bemannt, in der UdSSR bisher nur unbemannt und automatisch), ist jede Raumstation ein sehr verletzliches Gebilde. Sie wäre im Ernstfall leichter anzufliegen und zu zerstören als ein hochfliegendes Flugzeug. Der Erfolg von Apollo 8 gibt den USA die Chance, den Mondlandetermin doch noch zu halten. Apollo 9 im Februar 1969 soll erstmals das Mondlandefahrzeug mitnehmen und im All erproben. Apollo 10 im Sommer wird nahe zur Mondoberfläche absteigen und günstigenfalls vielleicht schon landen. Apollo 11 im Herbst bringt dann, wenn Mensch und Technik sich als perfekt erweisen, die erste planmäßige Landung. Die Gefahrensituationen dafür sind freilich noch zahlreicher als bei Apollo 8.

Die Sowjets scheinen aber im Mondwettrennen resigniert zu haben.

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