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Herbststürme über Polen

Wie so viele andere Dinge aus dem östlichen Bereich sind dem rückständigen Westmenschen weder die große Bedeutung bekannt, die dort dem Zeremoniell, den äußeren Formen des Einanderbegegnens, zukommen, noch die den „gelernten“ sowjetischen und volksdemokratischen Intellektuellen — und auch den unintellektuellen Politikern — geläufige Kunst, aus dem Vorhandensein oder Verschweigen gewisser Ereignisse, dann aus dem Platz und aus der Länge der veröffentlichten Meldungen über Menschen, Geschehnisse, Institutionen, Länder, die jeweilige politische, wirtschaftliche, kulturelle Lage herauszulesen. Dem Kundigen konnten die beiden folgenden Tatsachen mehr verraten, als das lange Erörterungen vermöchten.

Zwei Tests

Als Kardinal Wyszynski im vorigen Herbst erstmals zum Konzil fuhr, da erschien zu seinem Empfang auf dem römischen Bahnhof der polnische Botschafter. Wenige Tage darauf wechselten Primas und Botschafter Höflichkeitsbesuche aus, die eine ungewöhnliche Dauer hatten und bei denen man beiderseits die größte Liebenswürdigkeit zur Schau trug. Als der Warschauer Erzbischof zu den Leichenfeiern für Johannes XXIII. und zum Konklave in der Ewigen Stadt erschien, war zu seiner Begrüßung nur ein Botschaftsrat gekommen. Bei Wyszyn- skis dritter Fahrt jedoch — er war nach dem Konklave und der Krönung Pauls VI. heimgekehrt — meldete sich nur ein Botschaftssekretär.

Das erste Mal brachte die gesamte polnische Presse, die kommunistischen Parteiorgane inbegriffen, die Depeschen über Abreise und Ankunft des Primas an sichtbarster Stelle, das zweite Mal im Innern der Blätter an unauffälligem Ort. Die jüngste Romreise des Kardinals wurde außer in den wenigen katholischen und in den sich als katholisch bezeichnenden „Pax“-Organen nirgends auch nur mit einem Sterbenswörtchen erwähnt.

Damit leiten wir zum zweiten Punkt über: Während über die erste Konzilsession beinahe täglich, mitunter spaltenlang, anfangs enthusiastisch und bis zuletzt sehr freundlich berichtet wurde, hat es nicht nur die kommunistische Parteitagespresse, sondern auch das formell nicht der PZPR gehörende bedeutendste Tagblatt der Hauptstadt, „Zycie Warszawy“, zustandegebracht, keine Zeile über die Eröffnung der zweiten Konzilsession zu berichten, und außer einer boshaft entstellenden Wiedergabe einer absonderlichen, echt angelsächsischen Attacke des gewesenen Erzbischofs von Bombay, Msgr. Roberts, hat diese Zeitung zwischen einer im Ton gegenüber früher veränderten Vorschau vom 27. September und einem recht sachlichen Artikel vom 3. November ihres ausgezeichneten vatikanischen Korrespondenten nichts über das Konzil veröffentlicht. Ganz deutlich ist es, daß auf einen Wink von oben die meisten Sendungen eben dieses Publizisten in den Papierkorb wandern, wie denn auch die weitverbreiteten illustrierten Massenblätter, wie der „Przekröj“, vom Vaticanum II keine Notiz nehmen. Doch sogar die paar zugelassenen katholischen Lizenzzeitschriften und Zeitungen unterliegen in ihren Konzilartikeln der schärfsten Zensur. So hat zum Beispiel der in der gesamten, nicht nur katholisch-gläubigen Intelligenz gelesene „Tygodnik Powszechny“ zwar in Rom in der Person seines Chefredakteurs einen Sonderkorrespondenten. Dieser vortreffliche Journalist telephoniert jede Woche, und seine Mitteilungen — die einzigen in dem, was sie enthalten, zuverlässigen und ausführlichen über das Konzil, die in Polen erscheinen — zieren die erste und zweite Seite des „Tygodnik Powszechny“, doch er muß offenbar sorgsam vermeiden, heiße oder auch nur laue Eisen anzurühren. Wenn der Heilige Vater von der Beschränkung der Freiheit der Kirche in gewissen Ländern spricht, wenn polnische Bischöfe, voran der Primas und der Posener Erzbischof Baraniak, die Situation des polnischen Katholizismus schildern, dann findet sich davon kein Wort in Turowicz’ Telephonaten. Die polnische Zensur geht so weit, daß die Eröffnungsrede Pauls VI. vom 29. September erst am 20. Oktober im „Tygodnik Powszechny“ abgedruckt werden durfte, und zwar mit erheblichen Streichungen Sapienti sat. Doch nicht jeder ist in den Angelegenheiten der polnischen Kirche zu Hause, und es dünkt uns zudem nötig, auch einige Einzelheiten über die seit Johannes’ XXIII. Tod eingetretene Verschlimmerung der Lage der Kirche zu erzählen.

Die erste Frage, die sieh stellte ist die nach dem Grund dieser Verschlechterung. Als allgemeines Motiv dürfen wir die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Zentren des Katholizismus und des Kommunismus im letzten halben Jahr ansehen. Paul VI. hat zwar auf eine Glückwunschbotschaft des sowjetischen Ministerpräsidenten höflich geantwortet und gleich seinem Vorgänger die Sympathie für das russische Volk wie für die orthodoxe Kirche stark betont. Er hat die denkwürdige Mission Bischof Charrieres nach Moskau gebilligt; der dortige Patriarch, Aleksiej, hat daraufhin seinen ersten Berater und vermutlichen Nachfolger, den erst 35jährigen Metropoliten Nikodim, nach dem Vatikan gesandt. Dieser feingebildete, westlicher Sphären mächtige Prälat wurde vom Heiligen Vater in langer Audienz empfangen. Beim Moskauer Patriarchat wurde als Gegenstück zu der von Kardinal Bea geleiteten vatikanischen Behörde eine Sonderabteilung für die kirchlichen Einheitsbestrebungen errichtet. Die sowjetischen Beobachter beim Konzil, voran Archimandrit Borevoj, spielen dort eine große Rolle, und die offizielle sowjetische Propaganda beobachtet gegenüber Paul VI. noch immer behutsame, eher freundliche Zurückhaltung. Doch demgegenüber steht die Intensivierung der Gottlosenpropaganda einerseits, anderseits die in der letzten Zeit Johannes’ XXIII. fast verstummte laute Warnung vor dem Kommunismus, wie sie etwa im jüngsten Kollektivhirtenbrief der italienischen Bischöfe enthalten ist und — wiederum sei an die Wichtigkeit auch persönlicher Momente erinnert — die deutliche Abweisung des ¿Zweifellos mit diesem Hauptzweck zu einer Journalistentagung nach Italien gekommenen Adzubej, der sich um einen Empfang bei Paul VI. bemüht hatte. (Selbstverständlich auf Umwegen, die aber in Rom nicht ganz unbekannt sind.)

Mut für die „Unentwegten“

Alles das hat in Polen den dortigen erbittert antikirchlichen Strömungen Mut eingeflößt, die — eine innerkommunistische, keineswegs von der gesamten Partei gebilligte und eine liberale, freidenkerische — zur Zeit Johannes’ XXIII. nur mit verhaltenem Ingrimm ihren unwandelbaren Kirchenhaß bändigten und sich in seiner Äußerung Zwang auferlegten. Wir dürfen den Zeitpunkt des Umschwungs auf den Juli ansetzen. Damals flocht Gomulka in seine große Rede vor dem 13. Plenum der kommunistischen PZPR in die Abrechnung mit den Feinden des sozialistischen Umbaues im neuen Polen auch einen kurzen und heftigen Angriff gegen den Episkopat ein, der — in angeblichem Gegensatz zu Johannes XXIII. — in einem Hirtenbrief nicht etwa die deutschen Kriegsschuldigen von gestern, sondern, leicht erratbar, die gottlosen Feinde der Kirche und des Evangeliums als vermutliche Anstifter künftiger Völkermorde angeprangert hatte. Es war das letzte Mal, daß man jenen Widerspruch zwischen dem guten Papst und den bösen Bischöfen hervorhob, woran die Warschauer kommunistischen Stsgfislenker unter Johannes XXIII. geglaubt hatten oder zu glauben vijfgqJjap (Denn baj , dgrauf geschah etwas „Entsetzliches“:

Adenauer im Vatikan

Adenauer verabschiedete sich von Paul VI., bekam sehr ehrende Worte zu hören, den Christusorden — der ganz selten an Nichtstaatsoberhäupter verliehen wird — und vor allem: In der Begleitung des Kanzlers befand sich der in Ost-Berlin zum Tode verurteilte Staatssekretär Globke. (Uber die Opportunität der Anwesenheit dieser umstrittenen Persönlichkeit läßt sich streiten.) Das scheint besonders bei Gomulka persönlich Zorn geweckt zu haben, wurde aber in kühl berechnender Weise von der offiziellen Propaganda ausgeschrotet. Zwischen Gomulka und dem Primas, der, kaum vom Konklave zurück, am 7. Juli die Vorwürfe des Ersten Parteisekretärs würdig und energisch zurückgewiesen hatte, war es mit der so verheißungsvoll bei der Monsterbesprechung von Ende April erzielten Einigung vorbei. Alle Schleusen des antiklerikalen Furors wurden geöffnet, die mittleren und kleinen Apparatschiki begannen mit den verschwunden gewähnten kleinlichen Schikanen, und denen gesellten sich die größeren zu. Das atheistische Hauptsprachrohr „Argu- menty“ und die kommunistische Kultürpresse schwelgten ln entrüsteten oder ironischen Artikeln, deren doppelter Kern darin beschlossen war, die Bischöfe in übles Licht zu stellen und die wachsende Abkehr der Jugend von der Kirche wie von der Religion darzutun. Als

Muster derartiger Taktik seien zwei Beiträge aus der „Polityka“ und den „Argumenty“ zitiert. Im einen wird unter dem Titel „Eine gute Tat“ die Visitationsreise eines Oberhirten verhöhnt und so nebenbei gezeigt, daß sich kaum 100 junge Leute aus einer viele Zehntausende umfassenden Diözesanenschar dabei beteiligt haben. Im anderen Aufsatz wird behauptet, die gesamte ländliche Jugend wolle von Glaube und Sitte der Vorfahren nichts mehr wissen. (Wie wenig das mit der Wirklichkeit übereinstimmt, kann sich jedermann an Ort und Stelle überzeugen.)

Das aber ärgert die aufs geduldige Papier unerfüllte Wunschträume als Fakten Schreibenden am meisten. Da wird zum Beispiel nahe bei Przemysl und zur Sowjetgrenze eine Organistenschule geschlossen, einfach, weil sie den Herrschenden als Hort der Reaktion nicht paßt. Darauf gerät die gesamte Stadt in Aufruhr. Die empörten Studenten schlagen alles krumm und klein. Tausende von Menschen demonstrieren Bis Miliz (Polizei) in genügender Menge erscheint, um die Überlegenheit der marxistisch- leninistischen Erziehung zu erweisen, die fortan anstatt der Kirchenmusik an demselben Ort gelehrt werden soll. Oder ein weniger spektakuläres, doch besonders stures Stückchen: Zwei international berühmten Gelehrten, die einen Vortrag auf dem Salzburger Kongreß zur 1100-Jahr-Feier der Heiligen Zyrill und Method angekündigt hatten, wurde im letzten Moment der Paß zur Teilnahme an dieser offenbar faschistischen Kundgebung verwehrt, obzwar andere Volksdemokratien dabei würdig vertreten waren.

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