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Hitler - fast ein Roman

1945 1960 1980 2000 2020

Die Hitler-Biographie Ian Kershaws ist auf jüngstem Stand und hat erzählerischen Schwung.

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Die Hitler-Biographie Ian Kershaws ist auf jüngstem Stand und hat erzählerischen Schwung.

War der 29-jährige Kriegsheimkehrer Adolf Hitler ein Mann ohne gefestigte politische Überzeugung, gewiss von deutschnationaler Gesinnung, aber kein besonders fanatischer Antisemit, und war er bereit, mitzumachen, wo sich eine Chance bot?

Auch 55 Jahre nach Hitlers Tod sehen seine Biographien immer wieder alt aus, sobald der Autor der nächsten großen Biographie zugeschlagen hat. Das gilt auch für die große Biographie von Joachim Fest, die 1973 mancher für das letzte Wort erklärte. Sie hatte einen allzu respektvollen Unterton, hielt aber eine ganze Weile. Bis zur "Korrektur einer Biographie" von Anton Joachimsthaler (1989). Dieser wies nach, dass Hitler nicht in Wien, sondern erst als Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg in München die entscheidenden Impulse empfing und zum fanatischen Antisemiten wurde. Und dass dabei der Opportunismus des Glückritters eine vorher stets unterschätzte Rolle spielte. Der als vielversprechendes politisches Talent in die gute Gesellschaft eingeführte Hitler erkannte sehr schnell, wie gut man dort mit antisemitischem Gedankengut ankam.

1996 erschien sodann Brigitte Hamanns Buch "Hitlers Wien" und verblüffte alle, die immer schon alles über Hitler gewusst hatten: Der Hitler, der 1913 Wien verlässt, hatte hier jüdische Freunde, hat sich ihretwegen mit seinem viel antisemitischeren Kumpanen Hanisch verkracht und hat bei antisemitischen Prügeleien in der Wiener Oper Gustav Mahler verteidigt. Die deutschnationalen Antisemiten wollten ihren Richard Wagner gekürzt und leicht konsumierbar. Hitler wollte den ungekürzten Wagner hören, wie ihn Mahler aufführte.

Jetzt gibt es das nächste "ultimative" Buchmonster über Hitler. Es heißt lapidar "Hitler", hat zwei Bände mit insgesamt 2.300 Seiten, davon 475 Seiten Apparat und bietet den gewaltigen Vorteil, von einem Briten geschrieben worden zu sein. Nicht nur, weil Briten einen anderen Zugang haben (das wohl auch), sondern vor allem, weil britische Historiker lesbar schreiben, weil sie erzählen können. Ian Kershaw kann besonders gut erzählen. Band Eins (1889-1936) erschien vor einiger Zeit, mit Band Zwei (1936-1945) ist das Werk abgeschlossen. Es wird zu Recht als Meisterwerk gerühmt. Wie Kershaw das gigantische Material in eine Form brachte, das ist nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine literarische Leistung.

Der von der Mediävistik herkommende Sozialhistoriker und Strukturalist bekennt, dass ihn der "merkwürdige Charakter des Mannes" weniger interessierte als die Frage, wie es möglich war, dass hoch qualifizierte "Profis" unkritisch einem Autodidakten gehorchten und Feldmarschälle willig die Befehle eines ehemaligen Gefreiten befolgten, "dessen einzige unumstrittene Begabung darin bestand, die niedrigen Empfindungen der Massen aufzupeitschen". Kershaw orientierte sich an Max Webers Begriff der charismatischen Herrschaft, und zweifellos gibt das Konzept dem Buch die Struktur, das Skelett. Doch beim Lesen wird schnell erkennbar, in welchem Ausmaß der Stoff über den Autor Gewalt gewann. Dieser Faszination verdankt die Erzählung das Fleisch auf dem Skelett. Ihren mitreißenden Schwung. Ohne dass dabei die strukturalistische Methode auf der Strecke bliebe. Im Gegenteil: Die sozialen und politischen Umstände werden zum Rahmen der Erzählung. Sie liefern der stets im Mittelpunkt stehenden Person die Bedingungen ihres Verhaltens und Handelns und das Zeitkolorit. Kershaws Werk hat das Zeug zum neuen Klassiker. Nicht nur, weil es auf dem letzten Stand ist und weil der Autor die Korrekturen dieser Biographie (Joachimsthaler, Hamann) verarbeitete. Sondern weil es ein exzellent geschriebenes und ungemein spannendes Buch ist, unabhängig vom bescheidenen oder umfassenden Vorwissen des Lesers. Es ist, trotz etlicher Flüchtigkeitsfehler, eine große Biographie.

Ein Glanzlicht des ersten Bandes: Hitlers individuelle und die kollektive deutsche Neurose wurden noch selten so brillant auf den antisemitischen Nenner gebracht. Die Biographie eines Denkens wird mit größter Schärfe nachgezeichnet. Ein Glanzlicht des zweiten Bandes: Die breite Schilderung der letzten Tage und Wochen in der Reichskanzlei, eine grandiose Götterdämmerung im düstersten Sinn des Wortes.

Im Übrigen dürfte die Frage, ob Hitler seine mörderische "Weltanschauung" aus dem Wien der Jahrhundertwende nach München mitnahm oder ob sie erst in Deutschland entstand, gerade einen Österreicher des Jahres 2000 nicht ganz kalt lassen.

Auch Joachimsthalers Werk ist überarbeitet unter neuem Titel wieder zu haben. Es ist der Abschied von der allzu unkritischen Übernahme Hitlerscher Selbstzeugnisse. Der Autor führt freilich auch vor, wie man den Anmerkungsapparat aufbläht und das Lesen erschwert. Gerade weil so wichtig ist, was der Dichter Ernst Toller von einem Mithäftling erfuhr, könnte er uns doch gleich verraten, dass er es in Tollers "Eine Jugend in Deutschland" gelesen hat, statt auf Anmerkung 649 zu verweisen. Der Mithäftling war Hitler in den ersten Monaten nach dem Ersten Weltkrieg in einer Münchner Kaserne begegnet, "damals hätte Hitler erklärt, er sei Sozialdemokrat". In der "Münchner Post" las man: "Adolf Hitler, der heute das Wort ,Novemberverbrecher' stündlich auf den Lippen trägt, galt seiner politischen Überzeugung nach in den Kreisen der Propagadaabteilung als Mehrheitssozialist und gab sich auch als solcher aus". Um zu erfahren, dass dieses Zitat vom März 1923 stammt, muss man wieder die Anmerkungen bemühen. Manchmal muss man sogar noch vom Anmerkungs- zum Quellenapparat weiterblättern, um zu erfahren, ob ein Statement vor oder nach Hitlers Machtergreifung erfolgte, und mitunter erfährt man es gar nicht.

Hitler.

Von Ian Kershaw, Deutsche Verlagsanstalt, München 2000, 2 Bände, 972 und 1344 Seiten, Fotos, Ln., je öS 642.-/e 46,68 Hitlers Weg begann in München 1913 - 1923 Von Anton Joachimsthaler, Geleitwort: Ian Kershaw, Herbig Verlag, München 2000, 400 Seiten, Fotos, geb., öS 328,-/e 23,84 \r

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