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"Ich bin Josef, EUER BRUDER"

1945 1960 1980 2000 2020

Angelo Giuseppe Roncalli, der spätere Johannes XXIII., rettete von Istanbul aus auch Wiener Juden. Ein in Wien als "U-Boot" Geborener erinnert sich.

1945 1960 1980 2000 2020

Angelo Giuseppe Roncalli, der spätere Johannes XXIII., rettete von Istanbul aus auch Wiener Juden. Ein in Wien als "U-Boot" Geborener erinnert sich.

Während des Zweiten Weltkrieges - bis zum Dezember 1944 - war Angelo Giuseppe Roncalli Apostolischer Delegat für die Türkei und Griechenland mit Residenz in Istanbul. In dieser Funktion hat der spätere Papst Johannes XXIII. ein Hilfswerk aufgebaut, das Tausenden Verfolgten des NS-Regimes, insbesondere Juden, das Leben rettete. Auch meinen Eltern, die als Juden versteckt in Wien lebten, half er durch Zusammenarbeit mit meiner Tante väterlicherseits, Lonka Kanza.

Tante Lonka und ihr Gatte lebten auf der Flucht vor den Nationalsozialisten von 1939 bis 1945 in Istanbul. Der Gatte meiner Tante war ein türkischer Jude namens Kanza, der in Wien und Istanbul ein angesehener Kaufmann war. Er hatte rechtzeitig die Gefahr, die von Hitler ausging, erkannt und verließ Österreich unmittelbar nach dem Anschluss. Meine Tante blieb noch mehrere Monate, da ihr jüngerer Bruder - mein Vater - aufgrund einer Denunziation von der Gestapo verhaftet worden war. Sie scheute keine Mühe, um ihn aus der Gestapo-Haft freizubekommen, was ihr schließlich gelang. Ende 1938/Anfang 1939 war es noch möglich, unter Zahlung großer Geldbeträge und der Auflage, Österreich binnen kürzester Zeit zu verlassen, aus der Haft freizukommen. Mein Vater wollte Wien nicht verlassen, da er sich dieser Stadt sehr verbunden fühlte und der festen Meinung war, Hitler werde sich nicht lange an der Macht halten können. Als tief religiöser Mensch war er überzeugt, dass das Böse nicht triumphieren könnte. Wie viele andere irrte auch er sich. Mein Vater ging als "U-Boot" in den Untergrund.

Eine Existenz im Wartesaal des Todes

"U-Boote" nannte man jene Menschen, die in die Illegalität gingen, um sich so dem Zugriff der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zu entziehen. Die Mehrzahl von ihnen wurde von der mörderischen Vernichtungsmaschinerie erfasst. Denn die U-Boot-Existenz war täglich, stündlich mit einem schier aussichtslos erscheinenden Kampf ums Überleben verbunden. Es gab immer wieder Menschen, die eine Zeitlang untertauchten, um der Deportation in die Vernichtungslager zu entgehen. Hunger, Angst und zunehmende Isolation bewirkten, dass sich Menschen nach einer Zeit freiwillig der Polizei stellten. Immer wieder führten Denunziationen aus der Bevölkerung, aber auch das Spitzelwesen der jüdischen Ordnungspolizei zur Entdeckung untergetauchter Juden. Die U-Boot-Existenz war ein Leben auf Abruf im Wartsaal des Todes. Man starb täglich tausende Tode und lebte in zehntausenden Ängsten.

Mein Vater, der sehr bibelkundig war, beschrieb diese U-Boot-Existenz mit einer Stelle aus dem fünften Buch Moses: "Dass dein Leben wird vor dir schweben, Tag und Nacht wirst du dich fürchten und deines Lebens nicht sicher sein. Des Abends wirst du sagen: Ach, dass es morgens wäre! Vor Furcht deines Herzens, die dich schrecken wird und vor dem, was du mit deinen Augen sehen wirst!"

Er wechselte häufig Verstecke und Quartiere. 1941 kam er auf Empfehlung eines Bekannten namens Süß, der in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien eine wichtige Position hatte, bei meiner Mutter unter. Meine Mutter - damals alleinstehend -, hatte eine Wohnung und eine untergeordnete Stelle bei der Kultusgemeinde. Sie war Näherin von Judensternen. Dennoch bot diese Position einen gewissen Schutz vor Deportation.

Eines Tages wurde an die Wohnungstür geschlagen - so heftig, dass meine Mutter öffnen wollte. Mein Vater hielt sie zum Glück davon ab. Der jüdische Ordnungsdienst wollte sie zur Deportation abholen. Kaum war die Ordnungspolizei weg, flüchteten meine Eltern mit wenigen Habseligkeiten. Mein Vater, fand für zwei Wochen Unterkunft bei einem Ehepaar namens Horak, das nach der Terminologie der Nürnberger Rassengesetze in einer Mischehe lebte. Meine Eltern wechselten in der Folge mehrmals ihre Quartiere.

Ein Kind, 1944 im Versteck geboren

Ihre letzte und längste Stationwar die fensterlose, stickige Kammer einer Hausmeisterwohnung im zweiten Bezirk. Meine Mutter wurde mit mir schwanger. Dadurch erhöhte sich die Gefährdung meiner Eltern. Der Hausmeister, der sie versteckte, wollte keinesfalls einen Säugling dulden, denn dieser würde durch sein Schreien alle verraten.

Im täglichen Überlebenskampf der U-Boote war die Beschaffung von Lebensmitteln von größter Bedeutung. Sie konnten nirgendwo offiziell einkaufen. In der jüdischen Gemeinde Istanbuls war bekannt, dass Nuntius Roncalli half, wo er nur konnte. Meine Tante wandte sich an ihn und schilderte den verzweifelten Überlebenskampf meiner Eltern in Wien - und sie konnte mit Hilfe Roncallis meine Eltern in Wien mit Lebensmitteln versorgen. Von Istanbul aus wurden Lebensmittelpakete an Wiener Deckadressen geschickt. Durch ein kompliziertes Übergabesystem gelangten diese zu meinen Eltern.

Im zweiten Bezirk gab es zwischen Taborstraße und Großer Mohrengasse mehrere Durchgangshäuser. Dort fand die Übergabe der Lebensmittel statt: Mein Vater stellte eine Tasche im Durchgangshaus ab, zum gleichen Zeitpunkt kam eine andere Person, etwa Anna Maria Haas, mit einer ähnlich aussehenden Tasche mit den Lebensmitteln, stellte sie ab, sprach kurz mit meinem Vater, dieser ergriff die von Haas mitgebrachte Tasche und Haas die andere.

Die Lieferungen aus Istanbul ermöglichten es meinen Eltern, auch anderen versteckten Juden Lebensmittel zukommen zu lassen. In der Ferdinandstraße gab es ein jüdisches Kinderlager, das von der Kinderärztin Dr. Sala Weitz geführt wurde. Meine Eltern konnten auch diese Kinder versorgen. Weitz fürchtete, dass diese illegalen Versorgungen der Kinder auffliegen würde: "Die Gestapo wird uns alle an die Wand stellen, bitte kommen Sie nicht mehr." Inständig bat sie meine Eltern, diese Hilfeleistungen einzustellen.

Mein Vater versorgte auch hungernde Menschen im jüdischen Spital in der Malzgasse, das mit Erlaubnis der Gestapo existierte. Unter Lebensgefahr brachten meine Eltern U-Booten, denen sie Quartiere verschafft hatten, ebenfalls Lebensmittel.

Nuntius Roncallis Hilfswerk in Istanbul

Tante Lonka arbeitete regelmäßig im Hilfswerk von Nuntius Roncalli. Öfters erkundigte er sich bei ihr, ob sie Nachricht von meinen Eltern hätte: "Mit Gottes Hilfe werden Ihre Lieben überleben. Wir sind Seine Werkzeuge, ich werde vom Ewigen Hilfe für ihre Lieben erbitten und für sie beten." Der Nuntius hatte für meine Tante stets aufmunternde und tröstende Worte. Einmal sagte er zu ihr: "Das jüdische Volk ist unser älterer Bruder. Es trägt das Kreuz Christi und erleidet ein Märtyrertum für seinen Glauben."

Tante Lonka verehrte Roncalli wegen dessen Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit. In ihren Augen war er gütig aus Weisheit und weise aus Güte. Die Liebesgaben-Pakete von Istanbul nach Wien liefen niemals unter dem Namen meiner Tante, denn der Besitz ihres Gatten war arisiert worden. Das große Doppelhaus im dritten Bezirk in der Apostelgasse 39, das Kanza gehörte, hatte sich eine Bewohnerin angeeignet, deren Bruder ein hoher NS-Funktionär war. Meine Tante fürchtete zu Recht, dass ihr Name auf den Hilfspaketen Schwierigkeiten bereiten könnte.

Im Dezember 1944 nahm Erzbischof Roncalli Abschied von Istanbul. Er sprach meiner Tante nochmals Mut und Hoffnung zu und wünschte ihr und meinen Eltern Gottes Segen und Hilfe. Er wusste von meiner Geburt und bewunderte meine Mutter, die mich in einem Kellerloch geboren hatte: "Möge der Herr Sie und Ihre Familie auf allen Wegen beschützen und beschirmen."

Ende 1945 starb der Gatte meiner Tante. Er hatte das Kriegsende noch erlebt. Meine Tante kehrte 1946 nach Wien zurück. Sie erzählte oft von ihrer Tätigkeit in Roncallis Hilfswerk in Istanbul. Dieses hatte Juden in ganz Europa betreut. Wir alle waren Roncalli zutiefst dankbar. Mein Vater, der Tempelvorstand im Seitenstetten-Tempel war, verhalf katholischen Kindern aus ärmeren Familien zu einer schönen Firmung. Dies war ein Herzensbedürfnis, eine Geste der Dankbarkeit für Roncallis Hilfe.

1958 wurde Kardinal Roncalli, inzwischen Patriarch von Venedig, zum Papst gewählt und nahm en Namen Johannes an. Bei seiner Krönung zum Papst überraschte er die Welt, mit dem Hinweis auf seinen Taufnahmen Giuseppe und den Worten: "Ich bin Josef, euer Bruder". Dieses Zitat aus dem Buch Genesis war programmatisch für seine Amtszeit.

Für meine Familie war Roncalli ein Gerechter unter den Völkern. Nach einem uralten jüdischen Volksglauben leben in jeder Generation 36 Gerechte, deren gute Taten den Weiterbestand der Menschheit ermöglichen. Johannes XXIII. war ein solcher Gerechter und für ihn gilt jenes Wort im Talmud, das besagt: "Wer ein Menschenleben rettet, handelt so, als er hätte er die ganze Welt gerettet". Roncalli hat während des Zweiten Weltkrieges durch sein Wirken unzähligen Juden das Leben gerettet, auch meinen Eltern und mir.

Der Autor, Jahrgang 1944, wirkte viele Jahre als Arzt

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