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Ich hatte eine gewisse Freiheit

DIEFURCHE: War die Zeit in Prag für Sie ein Schlüsselerlebnis? Alt-Bundespräsident Rudolf Kirchschläger: Ich weiß nicht ganz, was ein Schlüsselerlebnis ist. Es war jedenfalls eine Zeit, in der ich viel gelernt habe, in der es Freude machte, zu arbeiten. Denn es galt nicht nur die übliche Arbeit eines Missionschefs zu erledigen, sondern sich besonders den Menschen im Aufnahmestaat zu widmen. Hier hatte Osterreich eine besondere Aufgabe. Und ich glaube, wir haben diese damals auch erfüllt.

DIEFURCHE: War Ihnen die Notwendigkeit der Hinwendung zu den Menschen von Anfang an klar? Kirchschläger: Nachdem ich mich entschlossen hatte, den Posten in Prag anzunehmen, ließ ich den tschechoslowakischen Gesandten in Wien zu mir kommen und sagte ihm: Ich muß nicht zu Ihnen gehen, aber ich würde gerne gehen; ich sage Ihnen aber, bevor Sie mir das Agrement erteilen, daß ich einen sehr starken Kontakt mit der Kirche und mit den Katholiken halten werde; ich werde nicht gegen Ihre Gesetze verstoßen, aber ich werde mich sehr intensiv mit diesen Fragen befassen; wenn Sie das nicht wollen, verweigern Sie mir unter irgendeinem Vorwand das Agrement. Nach etwa zwei Wochen kam er wieder und brachte das Agrement.

DIEFURCHE: Sie sorgten von vornherein für klare Verhältnisse. KlRCHSCHlÄGER: Es war klar, daß ich nicht nur zu Staatsempfängen gehe und mich um die Wirtschaft kümmere, sondern daß mir diese Frage am Herzen liegt. Und in der zweiten Woche nach meiner Ankunft in Prag besuchte ich schon den damaligen Administrator der Diözese Prag, Frantisek Tomasek. Ich ließ ihm ausrichten, daß ich kein politisches Mandat hätte, sondern einfach als Christ und Nachbar auf dem Hrad-schin ihm einen Höflichkeitsbesuch machen möchte.

Und dieses Gespräch hat mich für Prag geprägt. Tomasek war großartig. Er schilderte die schwierige Situation der Kirche: 996 Priester seien seit 1948 des Amtes enthoben worden. Und er begann weitere Zahlen aufzuzählen. Ich sagte mir: Um Gottes willen, denkt er nicht daran, daß ober ihm, im nächsten Stockwerk das Zentralkomitee sitzt und jedes Wort natürlich mithört?

Und ich sagte ihm, daß ich gar nicht in die Tiefe gehen wollte. Tomasek antwortete nur, er wisse das zu schätzen; ein Mann müsse sich zwar immer vor Übertreibungen hüten, aber er müsse auch die Wahrheit sagen - und ein Bischof erst recht.

Dann begann er noch einmal mit der ganzen Aufzählung, die ich dann mitgeschrieben habe und später über die Wiener Nuntiatur nach Rom weiterleiten ließ. Ich hatte also hier schon eine gewisse Freiheit, die vielleicht andere nicht hatten, und dadurch auch verschiedene Kontakte, was sich auch beim Einmarsch ausgewirkt hat. Als die Warschauer Pakt-Truppen einmarschiert sind, wurde ich am Tag und auch in der Nacht zwei- bis dreimal von zwei verschiedenen Stimmen angerufen, die mir präzise sagten, was geschieht. Und das hat auch gestimmt.

DIEFURCHE: Gab es eine Vermittlung durch Sie zwischen Rom und Prag? kirchschläger: Nein. Für mich waren die Katholiken und die Priester maßgebend, die dort lebten. Was Rom tut, da soll man sich nach Möglichkeit nicht einmischen.

DIEFURCHE: Wie war die Situation der Priester damals in der Tschechoslowakei

KIRCHSCHLÄGER: Schaun Sie, wenn Menschen 20 Jahre lang, von 1948 bis 1968, die letzten Menschen in der Gemeinde sind, mit abgetretenen Schuhen, ausgefransten Hosen, die nie zu irgendetwas eingeladen werden - und immer unter Beobachtung stehen, dann müssen sie entweder schon in dieser Welt Heilige sein, oder sich irgendein Ventil schaffen: ob das jetzt Schmetterlinge- oder Liedersammeln ist. Für diese Leute war es etwas Wertvolles, daß sie reden konnten.

DIEFURCHE: Sind Sie an viele solcher Priester herangekommen? kirchschläger: Viele wäre zuviel fesagt. Aber es war doch eine gute ahl, etwa 20 oder 25.

DIEFURCHE: Waren darunter auch welche, die zur Untergrundkirche gehörten?

KIRCHSCHLÄGER: Mir gegenüber hat man die Untergrundkirche nie deklariert.

DIEFURCHE: Aber es kann natürlich sein, daß solche darunter waren? kirchschläger: Das ist ohne weiteres möglich. Aber schaun Sie, ich habe nie etwas gefragt. Die Menschen sollten nie das Gefühl haben, der Gesandte oder Botschafter, der möchte uns aushorchen; sondern was jemand von sich aus sagen wollte oder wenn jemand Bücher haben wollte, dann konnte er das. Damals war doch die unmittelbare nach-konziliare Zeit, in der viele Bücher erschienen sind, von denen man dort keine Ahnung hatte. Ich bekam Bücherlisten und habe versucht, die Titel in Wien zu bekommen. Es wurden auch viele Medikamente gebraucht für sogenannte Altenheime, wo die Klosterschwestern zusammengepfercht waren.

DIEFURCHE: Österreich hat in dieser Zeit Solidarität mit dem Nachbarn geübt, war das Ihr Eindruck? kirchschläger: Ich hatte schon den Eindruck. Und vor allem die Tschechen hatten ihn. Denn es war doch interessant, wie gerade in der Zeit des Einmarsches der Warschauer Pakt-Truppen die Leute in uns eine Art Zentrum des Verstehens und der Hilfe gesehen haben. Natürlich sind manche, die geflohen sind, dann nachher wieder zurückgekehrt. Die haben ein furchtbares Theater aufgeführt, weil sie Asyl haben wollten und dann nach Österreich gekommen sind - und ein halbes Jahr später habe ich sie wieder irgendwo in Prag getroffen.

Na, mein Gott. Wissen Sie, wer das nicht mitgemacht hat, dem steht es nicht an, über die Leute zu urteilen. Auch nicht darüber, ob jetzt jeder Priester genauso gehandelt hat, wie er hätte handeln sollen. Ich habe auch Friedenspriester gekannt, die keineswegs ihren Frieden mit dem Regime gehabt haben, aber die wenigstens gesagt haben: Ich will ein bißchen noch zu meinen Leuten kommen, sonst habe ich überhaupt keinen Einfluß mehr. Wer von uns kann sagen, ob die nicht ebenso gerechtfertigt waren, wie diejenigen, die sich ins Geheime zurückgezogen hatten?

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