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Im Dickicht der Optionen

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Selbst de Gaulles gefährlichster Feind — die französische Rechte, der unsere Untersuchung ja in erster Linie gilt — hat noch nicht zu einer eindeutigen Option zwischen den sich anbietenden Haltungen gefunden. Die an Algerien fixierten Ultras und das Offizierskorps, bei denen die Widerstandskämpfer aus dem zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle spielen, glauben noch mehrheitlich, daß nur der Kommunismus zwischen ihnen und einem brüderlichen „französischen Algerien" stünde. Der eindeutiger faschistisch akzentuierte und vor allem im Mutterland verankerte Flügel dieser Rechten bedient sich jedoch des Kampfrufes der „Algerie franęaise“ zugegebenermaßen nur noch als eines Mittels, um „die Republik in die Luft zu sprengen“. Unter vier Augen geben seine Exponenten ohne viel Schwierigkeit zu, daß die Position im Maghreb verloren sei und man sich auf dieser Seite des Mittelmeeres neu sammeln müsse, um wieder vorstoßen zu können. Segregation nicht nur gegenüber den Negern, sondern auch gegenüber den Arabern und Kabylen halten sie dabei für die unerläßliche Voraussetzung des neu zu schaffenden Kraftzentrums in der „von der farbigen Sturmflut bedrängten weißen Welt“.

Gerade dieses noch schwer entwirrbare Durcheinander der Tendenzen scheint et zu sein; das der französi . sehen Rechten heute zugute kommt. Es schafft das Klima, in dem Einflüsse zum Zuge kommen, die wohl zurückscheuen würden, wenn sie über offenes Feld vorzugehen hätten. Vor allem aber erlaubt die starke Ausbildung beider pessimistischer Haltungen innerhalb dieser Rechtsopposition, der gemäßigten sowohl wie der radikalen, ein Spielen auf verschiedenen Ebenen. Man vermag so diejenigen, die der farbigen Emanzipationsbewegung bloß skeptisch gegenüberstehen, genau so hinter sich zu scharen, wie die, welche ihr erbittert feindlich sind. Da de Gaulles Mythos seit 1958 langsam, aber doch stetig verblaßt, ist es ia nicht sonderlich schwierig, den General als den Zauberlehrling hinzustellen, der weder die kommunistische noch die farbige Flut einzudämmen vermöge. Diese Konstellation muß man sich vor Augen halten, wenn man verstehen will, weshalb die französische Rechte trotz ihrer Minderheitsstellung im eigenen Land auf so manche wirksame Unterstützung im Ausland zählen kann.

Verbindungen in USA

Diese internationalen Abstützungen der französischen Rechten von heute sind nun allerdings ein Tabuthema, um das gar mancherlei Vernebelungsmanöver durchgeführt worden sind. Daß Spanien zu einer Basis verschwörerischer Aktionen gegen die gaullistische Republik geworden ist, liegt zwar offen zutage. Andere Verzweigungen der französischen Rechtsopposition ins Ausland sind umstrittener — beispielsweise die zum Judentum. Sie paßt nicht in die noch der jüdischen Emanzipationszeit entstammende Schablone, daß jüdische politische Aktion stets liberal oder gar „links" zu sein habe. Dabei hat das moderne Judentum nicht nur einen Theoretiker (Jabotinski) aufzuweisen, der gleichrangig an die Seite der „faschistischen“ Ideologen der übrigen Völker gehört — es hat auch im Unabhängigkeitskampf Israels einen der schlagkräftigsten Rechtsextremismen unserer Zeit geschaffen. Seit der Krieg in Algerien die französischen Siedler mit den dortigen autochthonen Juden in eine Schicksalsgemeinschaft gedrängt hat, ist es denn auch dort zu einer praktischen Zusammenarbeit von Ultras mit früheren Mitgliedern des Irgun und der Sternbande gekommen, für die es zu viele Belege gibt, als daß sie noch abgestritten werden könnte. Doch die französisch-jüdischen Kontakte beschränken sich nicht auf diese extremen Flügel. Eine der wichtigsten Finanzquellen der innerfranzösischen Rechtsopposition scheint das Organisationsnetz zu sein, das Soustelle, die Schlüsselfigur im französisch-israelischen Freundschaftskomitee, zu rechtszionistischen Gruppen in den USA und anderen Ländern gesponnen hat.

I don’t like Charles

Damit jedoch sind wir beim eigentlichen kritischen Punkt, den aus den USA zur französischen Rechten führenden Kanälen, angelangt. Nach dem mißglückten Challe-Putsch vom April haben die Kommunisten Arm in Arm mit prominenten Gaullistep die. Amerikaner im allgemeinen und Präsident Kennedy im besonderen auf so primitive Weise des Doppelspiels angeklagt, daß es dann ein Leichtes war, jede Beziehung zwischen de Gaulles Feinden auf seiner Rechten und den USA als Erfindung überhitzter Köpfe hinzustellen. In Wirklichkeit ist das alles jedoch bedeutend weniger simpel. Was für de Gaulle im April gefährlich war, war nicht ein Doppelspiel Kennedys, sondern der Mangel an einer entschlossenen Führung jenseits des Atlantiks. Er machte es den amerikanischen Feinden de Gaulles möglich, über Geheimdienst- und teilweise auch recht offizielle Kanäle ihre Sonderpolitik zu betreiben.

Solche Feinde hat de Gaulle aber in den USA recht viele. Schon während des zweiten Weltkrieges suchten ihn einflußreiche Kräfte des State Departements und des Heeres mit der Karte des Generals Giraud auszustechen, und sie fühlten sich dann nachträglich in dieser Feindseligkeit bestätigt, als de Gaulle während seiner ersten Regierungszeit die Kommunisten in einer Weise in den Staatsapparat sich infiltrieren ließ, wie das in keinem anderen Staat der westlichen Welt der Fall war. (Die Sozialisten Ramadier und vor allen Jules Moch vertrieben dann in geduldiger Kleinarbeit die Kommunisten wieder aus dem Getriebe des Staates, nachdem sich der General beleidigt in die Einsamkeit zurückgezogen hatte.) Diese, insbesondere von Murphy organisierte Fraktion in der amerikanischen Führung, die in de Gaulle einen der Unsicherheitsfaktoren der westlichen Welt sieht, gibt es auch heute noch. Und sie hat sich darin durch de Gaulles stetig an Heftigkeit zunehmende Angriffe auf den Kommunismus sicherlich nicht beirren lassen — die Obstruktion des französischen Regierungschefs innerhalb der NATO (seine Attacken gegen die UNO berühren sie weniger) bietet ja noch genügend Anlaß zu Mißtrauen. Die Chefs der französischen Rechten aber wußten diese Chance zu nutzen. Sofern sie nicht, wie General Challe, schon längst überzeugte Anhänger der westlichen Integration waren, schalteten sie eilfertig um. Das erstaunlichste Schauspiel dieser Art war die „Konversion" von Soustelle, der mit seiner gaullistischen Vergangenheit auch großzügig alle Vorbehalte gegen die übernationale Integration von sich warf und sich zwischen dem zweiten und dem dritten Putsch von Algier der überraschten Öffentlichkeit als überzeugter „Europäer“ präsentierte

Ist der Umstand, daß dieses explosive Gebräu einer Opposition zur Rechten von de Gaulle (die man wohl nur noch behelfsweise als eine „Rechte“ bezeichnen kann) gar kein rein innerfranzösisches Phänomen mehr ist, nun ein Anlaß zur Beruhigung oder zu ihrem Gegenteil? Das hängt davon ab. ob es der westlichen Welt gelinet, ein stabiles und ausgewogenes Verhältnis zur Welt der sich emanzipierenden Völker zu schaffen. Gelingt ihr das nicht, so wird der brodelnde Kessel der französischen „Rechten“ wohl noch mehr als bisher das weit über Frankreich hinaus wirksame Laboratorium sein, in dem neue und unheimliche politische Verhaltensweisen gegenüber den neuen politischen Realitäten ausgeprobt werden. Auf jeden Fall darf ein Klimawechsel in den Beziehungen der westlichen Welt zur „Welt von Bandung“ nicht von vornherein für unmöglich gehalten werden.

Wer in diesem Sommer durch verschiedene Staaten dieser westlichen

Welt gereist ist, konnte auf jeden Fall Symptome eines Klimawechsels feststellen, die über die nationalen Grenzen hinweg identisch waren. Bisher wog den bündelweise gegen „den weißen Mann“ vorgetragenen Beschuldigungen gegenüber das schlechte Gewissen vor; wer auch immer aus der farbigen Welt mit Forderungen kam, konnte sich darum auf ein massives Guthaben von goodwill stützen.

In den letzten Monaten nun läßt sich in verschiedenen europäischen Ländern, mit und ohne Kolonien, ein wachsende Gereiztheit gegen di „moralischen Erpressungen“ aus dei sich emanzipierenden farbigen Welt (und vor allem auch gegen die praktische Verwendung der westlichen Hilfsgelder in dieser Welt) feststellen Wenn so repräsentative Presseorgane eines anarchisierenden Libertinismus wie der „Canard enchaine" in Paris und der „Spiegel“ in Hamburg — also Blätter, denen man gewiß nicht einen Mangel an Kritik an der eigenen Umwelt vorwerfen kann — gleichzeitig Kampagnen des Inhaltes starten, daß man endlich auch einmal die .Unent- wickeltheit" der eigenen Länder wahrnehmen sollte, so läßt das aufhorchen. Die „Internationale der Ultras“ könnte sich kein besseres Klima für ihre weitere Ausdehnung wünschen.

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