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Im Widerstand für Österreich

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Er setzte sein Leben ein für Frieden, Freiheit und Österreich: Hans S. Becker. Er wäre im vergangenen September 100 Jahre alt geworden.

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Er setzte sein Leben ein für Frieden, Freiheit und Österreich: Hans S. Becker. Er wäre im vergangenen September 100 Jahre alt geworden.

Am 22. September 1995 wäre mein Vater Hans S. Becker 100 Jahre alt geworden, am 16. Dezember 1948 starb er, erst 53-jährig, eines gewaltsamen Todes. „Oft denke ich an Ihre Eltern" , schrieb mir Viktor Matejka kurz vor seinem Tode und bekräftigte seine Hochachtung, die er für meine Eltern Hans S. Becker und Etta Becker-Donner empfunden hatte. Mit meinem Vater hatte ihn eine Freundschaft verbunden, die auf der „berühmten" Lagerstraße im KZ Dachau entstanden war. Der oft genannte „Lagergeist", der Politiker über ideologische Gräben hinweg, war zweifellos auch die Grundlage, die aus dem Bewußtsein der Notwendigkeit des Kampfes gegen den Nationalsozialismus und dem auf der „Lagerstraße" gewachsenen neuen Demokratieverständnis für Österreich bestand.

Der Kampf gegen den Nationalsozialismus war es auch, der Hans Becker bewogen hatte, als „Quereinsteiger" seine Funktion in der Vaterländischen Front anzunehmen. Er selbst schrieb dazu: „... Ich war weder Christlichsozialer, noch Sozialdemokrat, weder Schutzbündler noch Heimatschützer, ... geriet aber trotzdem auf die politische Bühne Österreichs im Jahre 1933 aus dem einfachen Grund, weil ich mich in klarer Erkenntnis der nazistischen Gefahr der Regierung Österreichs, die gegen den Nazismus kämpfte zur Verfügung gestellt habe..."

Sein bisheriger Lebensweg hatte tatsächlich nichts mit Politik zu tun und war gekennzeichnet durch Vielseitigkeit; musische, technische und sprachliche Begabungen und Unternehmungslust.

Er wurde am 22. September 1895 als Sohn des österreichischen C. Admirals Alois Ritter von Becker geboren, als Jüngster von fünf Geschwistern und verbrachte eine glückliche Kindheit in Pola.

Im Ersten Weltkrieg diente er zuerst bei den Kaiserjägern, zuletzt bei der Fliegerkompanie als Oberleutnant.

Er absolvierte ein Jurastudium, be: suchte eine Kunstschule, studierte Vermessungswesen und ließ sich als Werbeberater ausbilden.

Er arbeitete bei der österreichischen Devisenzentrale, anschließend (1922 bis 1928) als Geometer in Argentinien und Paraguay, pflegte seine künstlerischen Interessen als Maler und betrieb ethnologische Feldstudien (1941 sollte er sein Doktorat als Ethnologe vollenden). Nach seinem Südamerikaaufenthalt arbeitete er als Manager und Werbefachmann bei den BATA-Wer-ken in der Tschechoslowakei. 1931 gründete er ein Büro für Marktanalysen und Werbeberatung. Als er 1933 von Bundeskanzler Dollfuß den Auftrag erhielt, einen Plan für staatliche Werbung auszuarbeiten, wurde er in der Folge zum Leiter des Werbedienstes bestellt (in enger Zusammenarbeit unter anderem mit Fritz Bock):

Der bis 1936 geführte offene Wer-befeldzug gegen den Nationalsozialismus wurde ab dem Juli-Abkommen mit Deutschland wesentlich schwieriger: Maßnahmen gegen die zunehmende deutsche nationalsozialistische Propaganda waren nur noch unter Umgehung verschiedener Anordnungen möglich. Sein eigenenes kleines „Operationsbüro", 1935 von ihm zur Bekämpfung des Nationalsozialismus geschaffen, gewann mehr und mehr an Bedeutung. Er schrieb darüber: „... dieses Büro, das mit der Leitung des Werbedienstes der VF in enger Kollaboration stand, wurde später als offizielles Operationsbüro weitergeführt und blieb nur mit dem Bundeskanzler und dem Pressechef Ludwig in direktem Kontakt. ... es mußten Vorbereitungen für eine künftige Tätigkeit getroffen werden. Verbindungswege ins Ausland konnten so gelegt werden, daß sie der NS-Spionage unsichtbar blieben. Aber der Versuch, einen Fonds für die Arbeit an gesicherter Stelle anzulegen, gelang nur unzureichend ... Im Herbst 1937 wurde es dem Wissenden klar, daß die Aspiration des Dritten Beiches auf Österreich in ein neues, gefährliches Stadium getreten waren..."

Bereits 1936 hatte Heins Becker vermutet, daß ein Anschluß Österreichs an Deutschland zu befürchten sei. In den letzten Tagen vor dem Anschluß arbeitete er Tag und Nacht für die für den 13. März angekündigte Volksbefragung; am 11. März hielt er noch im Rundfunk eine warnende Rede. Seine große persönliche Gefährdung war ihm bewußt; sein Fluchtversuch in letzter Minute mißlang. Seine sofortige Verhaftung war sowohl in seiner Funktion in der VF begründet, als auch in seinem intensiven persönlichen Engagement gegen den Nationalsozialismus und gegen prodeutsche Restrebungen innerhalb der VF und der österreichischen Regierung. Er wurde mit dem ersten Transport in das Konzentrationslager Dachau verschickt; von der Gestapo „Prominenten-Transport" genannt.

Es ist bekannt, daß die schrecklichen Bedingungen, unter denen österreichische Politiker in Dachau zu leiden hatten, zu intensiven Gesprächen und zu einem neuen Denken führte. Auf der „Lagerstraße" in Dachau wuchs die Erkenntnis, daß eine zukünftige Ordnung demokratisch geprägt sein mußte, um eine Zusammenarbeit der verschiedenen politischen Lager zu ermöglichen. Die alten, ständisch orientierten und autoritären Systeme wurden als überholt erkannt. Über die zukünftigen Strukturen des Widerstandes wurde nachgedacht: „Schon damals wurden auch die technischen Fragen der unterirdischen Kampftaktik erörtert, wobei die Erfahrungen der Kommunisten und der österreichischen Polizeibeamten ein sich ergänzendes Schulungsmaterial ergaben, das den geeigneten Kameraden für den Fall ihrer Entlassung vermittelt wurde. Jeder Entlassene mußte zum Kern einer Widerstandszelle werden..."

Im Herbst 1939 wurde Becker nach Mauthausen gebracht, eine schwierige Verschlechterung seiner Situation, da Mauthausen ein Liquidierungslager war. Die Tatsache, daß seine Fähigkeiten im „Baubüro" genutzt wurden, dürfte ihm das Leben gerettet haben. Aus dieser KZ-Zeit sind Zeichnungen erhalten: Häftlinge auf der Todes-Stie-ge, Prügelstrafen... Im März 1941 wurde er entlassen.

1941 heiratete er meine Mutter Etta Becker-Donner, die damals bereits im Museum für Völkerkunde arbeitete, dessen Direktorin sie von 1956 an bis zu ihem Tode 1975 sein sollte. Meine Schwester und ich kamen in den schwierigsten Zeiten zur W7elt. In diesen Jahren erhielt er die Familie vornehmlich mit künstlerischen Tätigkeiten; als Innenarchitekt und Maler.

Sofort nach seiner Entlassung aus dem KZ begann er mit der Neueinrichtung seines Büros - selbstverständlich unter großen Vorsichtsmaßnahmen. Vorrangiges Ziel war es, gute Verbindung zu den wichtigsten Punkten in Österreich, vor allem den Hauptstädten zu schaffen.

Er ging nach den bereits im Lager erarbeiteten Plänen vor, die zu schaffende Widerstandsbewegung in voneinander unabhängigen und großteils einander unbekannten Einheiten aufzuteilen, die durch verläßliche Kurie-re miteinander verbunden waren. Er war sich der großen Gefährdung der Bewegung bewußt und versuchte durch dieses System einen gewissen Schutz zu bewirken. Es gab keine Dokumentationen, keine Namenslisten.

Mit Hilfe von Freunden wurde vorsichtig ein verästeltes System aufgebaut. Im Herbst 1942 war dieses Netz über ganz Österreich gezogen; sein Büro wurde langsam zu einem „österreichischen Zentralkomitee der Freiheitsbewegung". In seinem Bestreben, mit Hilfe von Gleichgesinnten verschiedene Widerstandsgruppierungen zu verknüpfen, kamen ihm sicher seine politischen Erfahrungen vor dem Krieg und in den Lagern zugute. Die verstärkte Tendenz zum Widerstand 1943/44, die Annäherung zwischen konservativen und sozialistischen Gruppen und die Einbindung des kommunistischen Widerstandes, führte zu einer umfassenden Bewegung, die die Bezeichnung 05 erhielt.

45 Jahre später schilderte mir Jörg Untereiner, damals Medizinstudent und Mitarbeiter meines Vaters die Umstände der Entstehung dieses Zeichens: Es wurde die Notwendigkeit erkannt, ein kurzes, prägnantes und zugleich rätselhaftes Zeichen zu finden, das sowohl die Bevölkerung wahrnahm, als auch die Gestapo. Es mußte äußerst schnell zu verwirklichen sein, da eine nächtliche Schmieraktion der Studenten vorgesehen war. So wurde das O für Österreich gesetzt und das E als fünfter Buchstabe des Alphabets zur 5 verschlüsselt. -Am nächsten Morgen waren in ganz Wien kreidegeschriebene 05-Zeichen zu sehen; die Aktion hatte den gewünschten Erfolg. Das in dieser Nacht geschriebene Kreidezeichen neben dem Heidentor am Stephansdom wurde nach dem Krieg nachgemeißelt.

Im Herbst 1944 wurde von den führenden Mitgliedern der 05 der sogenannten „Siebener-Ausschuß" unter dem Vorsitz von Hans Becker gebildet; im Dezember 1944 kam es zu einer weiteren Zusammenfassung und Zusammenarbeit von Widerstandsgruppierungen unter dem Namen „provisorisches österreichisches Nationalkomitee" - kurz POEN genannt. Die Zielsetzung war die Koordinierung aller Kräfte und auch die Bildung einer Basis für eine spätere provisorische österreichische Regierung. Es waren Persönlichkeiten aller politischen Richtungen vertreten: konservative, sozialistische, liberale, monarchistische, kommunistische; (um nur einige Namen zu nennen: Alfons Stillfried, Hans Recker, Raoul Rumbaila, Otto Spitz, Alfred Verdross, Josef Ezdorf, Adolf Schärf, Rerta Lemberger, Friedrich Maurig, Viktor Matejka).

Der Generalstab der 05 unterstand direkt dem POEN. Die organisatorische Arbeit oblag der 05; das politische Konzept war „den, von den Alliierten geforderten Reitrag Österreichs zur Befreiung zu leisten." - Die Herstellung der Verbindungen mit dem Ausland war eine der wichtigen Grundlagen des Widerstandes. Hans Becker baute in dieser Zeit Kontakte zur tschechischen Widerstandsbewegung auf. Es würde hier zu weit führen, auf die Aktivitäten und Leistungen des Widerstandes näher einzugehen; sie sind in zahlreichen Publikationen ausführlich dokumentiert. Im Februar 1945 wurden Hans Becker und einige seiner Freunde und Mitarbeiter durch Verrat neuerlich verhaftet und nach Mauthausen transportiert. Seine Lage war beinahe aussichtslos.

Um der Exekution zu entgehen, tauchte er in der hochverseuchten Krankenstation unter. Er erlebte die Befreiung durch die US-Armee; arbeitete sofort im Häftlings-Komitee, dem die Organisation der Entlassung und der Betreuung der befreiten Häftlinge oblag, ebenso die Aufnahme der Kriegsverbrechen in den Lagern. -Daraus ergab sich, in Zusammenarbeit* mit den Amerikanern ein längerer Aufenthalt in Salzburg.

Nach seiner Rückkehr nach Wien, stellte er sich der neugegründeten ÖVP zur Verfügung, konnte sich jedoch politisch nicht mehr etablieren. Darüber enttäuscht, bat er um die „Retrauung als bevollmächtigter Vertreter der österreichischen Regierung in den spanischen Staaten Südamerikas ..." 1947 trat er seinen Dienst als Diplomat an; einmal mehr als beruflicher Quereinsteiger, zuerst in Buenos Aires, dann in Santiago de Chile.

Seine innovativen Fähigkeiten leiteten einige Erfolge in die Wege; allerdings waren die Beziehungen zu Südamerika damals überhaupt erst im Aufbau begriffen und er hatte mit vielerlei Schwierigkeiten zu kämpfen.

Am 16. Dezember 1948 wurde er in der österreichischen Gesandtschaft ermordet; der Schutz, den er einer österreichischen Staatsbürgerin gewährte, die sich vor ihrem gewalttätigen und offensichtlich psychotischen Ehemann verborgen hatte, wurde ihm zum Verhängnis. Dieser erschoß Hans Becker und sich selbst im Büro der österreichischen Vertretung.

Meine Mutter Dr. Etta Becker-Donner kehrte mit uns Kindern nach einem Jahr des Zögerns 1949 nach Österreich zurück.

Dieser Bericht über das Wirken von Hans S. Becker, anläßlich seines hundertsten Geburtstages geschrieben, soll die Erinnerung an ihn wachrufen. Er setzte sein Leben ein, um für „Frieden, Freiheit und Österreich" zu kämpfen.

Die Autorin,

Tochter des Widerstandskämpfers, ist freischaffende Künstlerin.

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