6559843-1948_42_04.jpg
Digital In Arbeit

Italien zwischen den Runden

Mailand, Anfang Oktober

An den Hauswänden vergilben unter den Strahlen der südlichen Sonne allmählich die Kampfparolen der Aprilwahlen zusammen mit den Plakaten, die im Juli nach dem Togliatti-Attentat zum Generalstreik aufriefen. Aber der Kampf ist noch nicht zu Ende und manche neue Ankündigung von lokalen Parteiveranstaltungen und Gewerkschaftskundgebungen zeigt, daß die Opposition keineswegs müßig ist. Nachdem die beiden ersten Runden eindeutig zugunsten der Regierung ausgegangen sind und weder die Waffe der Volksfrontpolitik noch die des Generalstreiks den Kommunisten zur Machtübernahme verhelfen hat, ist die PCI, die Kommunistische Partei Italiens, nun darangegangen, Heerschau über die verfügbaren Kräfte zu halten und ihre bisherige Taktik einer Überprüfung zu unterziehen. Das radikale Dioskurenpaar S e c c h i a und Longo hat die Abwesenheit Togliattis benützt, um ihre rigorosere Parteilinie durchzusetzen. Die von beiden erhobene Forderung nach besserer ideologischer Schulung und die Vorwürfe gegen die vor allem von Togliatti für die Volksfront gewonnenen Künstler und Intellektuellen, die des mangelnden Kampfeseifers beschuldigt wurden, kennzeichnen dieses straffere Anziehen der disziplinär-ideologischen Zügel. Man erwartet mit Spannung, wie sich Togliatti, der schon der Kompromißbereitschaft und des Opportunismus Verdächtigte, nun nach seiner Rückkehr auf den parlamentarischen Kampfplatz in diese neue Richtung einfügen wird.

Inzwischen begnügt sich die Linke damit, durch den von dem Kommunisten Di Vittorio geführten Gewerkschaftsbund der Regierung unablässig Schwierigkeiten zu bereiten, so zuletzt durch die demagogische Verwertung der sachlich berechtigten Forderungen der Staatsangestellten. Bei der Budgetberatung wäre .es ihr beinahe gelungen, durch einen Überraschungsantrag Verwirrung zu stiften, da sich nicht nur der Republikaner P a r r i, sondern auch die christlichen Gewerkschaftsvertreter zunächst für den kommunistischen Antrag aussprachen. Der Wachsamkeit des Ministerpräsidenten De Gasperi gelang es, die Gefahr abzuwenden und das heikle Thema vom parlamentarischen Kampfplatz weg den direkten Besprechungen zwischen Regierung und Gewerkschaftsvertretern zuzuweisen.

De Gasperi ist sein eigener Propagandaminister. Eben jetzt benützte er zwei große öffentliche Feiern, um im Süden wie im Norden zu seinen Landsleuten zu sprechen. In Neapel 'war der Anlaß die Verleihung der Goldmedaille an die Bevölkerung der Stadt für ihre Erhebung gegen die deutsche Wehrmacht Ende September 1943. Dabei kam es zu einem verfassungsrechtlichen Etikettestreit, da der Präsident des Senats, der ehemalige Ministerpräsident Bonomi, der Feier demonstrativ fernblieb, weil sein Auto im Festzug nach dem des Ministerpräsidenten eingereiht werden sollte und er durch seinen Protest den während der faschistischen Ära an die Exekutive verlorengegangenen Vorrang der Legislative vor der Verwaltung wiederherstellen wollte. Wenige Tage später aber, bei der Einweihung der durch ein Alpinilied des ersten Weltkriegs bekanntgewordenen, am Ende des zweiten Weltkriegs zerstörten und jetzt von den Alpini wiederhergestellten Brücke von B a s s a n o, am 3. Oktober, standen De Gasperi und Bonomi — letzterer zugleich in seiner Eigenschaft als Präsident der Nationalen Alpini-Vereinigung — friedlich nebeneinander. Es war das erste große Traditionsfest einer Waffengattung seit Kriegsende, zu dem die Teilnehmer zweier Weltkriege aus allen Teilen der Halbinsel zusammengeströmt waren, vereint durch den traditionellen Alpinihut mit der langen Feder, den die Veteranen im Zivil nicht minder stolz trugen als die neuaufgestellten Alpiniregimenter zu ihren neuen Khakiuniformen. Und wieder wurden Kriegsauszeichnungen verliehen, diesmal aber für Waffentaten, die vor dem 8. September in Rußland und Afrika auf Seiten der Achse vollbracht worden waren. In seiner Ansprache in Gegenwart des amerikanischen Botschafters aber betonte der aller tönenden Rhetorik abholde Mini- sterpäsident erneut die beiden Hauptforderungen der italienischen Außenpolitik: die Rückgabe Triests und eine gerechte Lösung der Kolonialfrage.

Die Atmosphäre der Feier zeigte die tiefgreifende Wandlung, die sich in diesem einen Jahr seit dem Abzug der angloamerikanischen Truppen in der öffentlichen Meinung Italiens vollzogen hat; sie ist gekennzeichnet durch den Willen, die Wunden des Bruderkriegs zu heilen und die Geschichte der letzten drei Jahrzehnte als ein abgeschlossenes Kapitel der historischen Betrachtung und Beurteilung zu überweisen. Der Gegenwartssinn des italienischen Volkscharakters läßt alles eben erst Vergangene rasch zur Geschichte werden. In dem Maße aber, in dem das „provisorische Italien" der unmittelbaren Nachkriegszeit einem neuen Italien Platz macht — und dieser Prozeß vollzieht sich mit bemerkenswerter Schnelligkeit —, in dem Maß wird auch die vorhergegangene faschistische Ära zu einer bloß historischen Erinnerung. Es ist bezeichnend, daß in diesem selben Herbst, der die Ersetzung der provisorischen Pontonbrücke über die Brenta durch eine solide Konstruktion sah, ein schauriges Denkmal der jüngsten Vergangenheit verschwand: der berüchtigte Benzinkiosk auf dem Piazzale Loreto in Mailand, an dem die besudelten Leichen Mussolinis, Clara Petaccis, sowie mehrerer führender Faschisten an den Füßen aufgehängt worden waren. Die ständige Drohung der radikalen Linken gegenüber ihren politischen Gegnern: „Wir erwarten euch auf dem Piazzale Loreto!" hat damit zumindest ihre technische Grundlage verloren. Bedeutet es, daß man hier keine politische Gespenster- furcht kennt, daß man in Buchhandlungen die Schriften Mussolinis wieder verkauft, sein letztes, kurz vor seinem Tode geschriebenes Buch „Storia di un anno“? Aber auch seine früheren Schriften sind erhältlich, daneben die Erinnerungen des seinen Prozeß erwartenden Marschalls Graziani und alle die anderen „Historischen und kritischen Studien zur Geschichte der sozialen italienischen Republik“, in denen führende Männer der faschistisch-republikanischen Ära von 1943 bis 1945, Canevari, Villa r i usw., ihre damalige Politik verteidigen. Eine „Vereinigung republikanischer Kriegsteilnehmer" vertritt die Interessen jener Italiener, die bis zuletzt auf Seiten der Deutschen und Mussolinis gekämpft haben und sammelt Nachrichten über das Schicksal derjenigen, die bei den Massenexekutionen des Mai 1945 in Norditalien ums Leben kamen. Auf der anderen Seite aber ist das Ansehen der Partisanenbewegung — vor allem, weil die Kommunisten sie völlig zu beherrschen suchen — in der Öffentlichkeit stark verblaßt. Mit Recht erklärte die linksgerichtete Zeitschrift „Lo Spettatore Italiano"jüngst über diesen „Prozeß gegen die italienische Widerstandsbewegung“: „Das Ansehen, das die nationalen Befreiungskomitees und die Partisanen im Augenblick der Befreiung genossen, hat sich in Mißkredit und Haß verwandelt. Mißkredit und Haß sind heute in allen sozialen Schichten der Bevölkerung weit verbreitet.“

Kann man angesichts dieses unleugbaren Stimmungsumschwungs von einer ernsthaften „neufaschistischen Bewegung“ oder gar von einer „neufaschistischen Gefahr“ sprechen? Gewiß nicht. Gerade die großzügige Freiheit, welche die neufaschistischen Gruppen und Grüppchen in der Republik genießen, läßt erkennen, daß die Zeit des Faschismus vorüber ist. Die Hauptforderungen der „Neufaschisten" — Triest und die Kolonien — werden auch von der Regierung vertreten. Vor allem aber macht sich jenes völlige Fehlen von Führerpersönlichkeiten bemerkbar, das schon in den letzten Verfallsjahren des verflossenen Regimes deutlich zu erkennen war. Die Bestellung des 26jährigen Vidussoni zum Parteisekretär im Jänner 1942 offenbarte damals schon die Tatsache, daß Mussolini seinen eigenen Gefolgsleuten — wie der 25. Juli 1943 zeigte, mit Recht — mißtraute. Die wenigen Überlebenden jener Verschwörung, B o 11 a i, Grand i, Cianetti, Alfieri, kommen als Führer einer neufaschistischen Bewegung ebensowenig in Betracht, wie alle jene „Gerarchi", welche durch die Veröffentlichung ihrer Memoiren darzutun suchten, daß sie schon seit Jahren nicht mehr an Mussolini und den Faschismus geglaubt hatten. Der einzige Mann, der bei den ehemaligen Faschisten ein gewisses Ansehen genießt, Marschall Graziani, ist ein alter, seit dem Attentat von Addis Abeba schwer leidender und seither stets vom Unglück verfolgter Mann, an dem die bis jetzt schon drei Jahre währende Haft gewiß nicht spurlos vorübergegangen ist. So bleibt nur eine geringe Zahl verbissener Faschisten aus der niedrigen Parteihierarchie, von ehemaligen Frontsoldaten und Heimkehrern, die sich im „MSI“ (Movimento Sociale Italiano) zusammengefunden haben. Giannini, der „Begründer“ des „Uomo

Qualunque" — der seine zeitweise Volkstümlichkeit im In- und Ausland auch nur der Tatsache verdankte, daß man ihn vorübergehend fälschlich für den wiedererstandenen Geist des toten Duce hielt — hat gewiß recht, wenn er diese Bewegung stets „Movimento senza importtnza“, die „Bewegung ohne Bedeutung“, nennt. Derselbe Giannini aber besitzt genügend gesunden Hausvenstand, um auch die Bedeutung seiner eigenen, bei den Aprilwahlen vernichtend geschlagenen „Bewegung“ nicht mehr zu überschätzen. Eine Zeichnung im „Uomo Qualunque", betitelt „Der politische Kampf", kennzeichnet die gegenwärtige innerpolitische Situation Italiens: zwei mächtige Boxer, durch ihre Embleme als „Democrazia Cristiana“ und Kommunistische Partei kenntlich gemacht, ruhen sich in einer Kampfpause in den gegenüberliegenden Ecken des Boxringes aus, während alle anderen Parteien: Saragats „Piselli“ (Erbsen, ein in ganz Italien verbreitetes Wortspiel mit der Abkürzung PSLI — Italienische Sozialistische Arbeiterpartei), Republikaner, Monarchisten, Nenni- Sozialisten, Liberale usw., innerhalb und außerhalb des Ringes die beiden Kämpfer zu erfrischen und zu ermutigen suchen.

Nach den beiden, im April und im Juli, abgeschlagenen Großangriffen scheint dem Land und seiner Regierung eine gewisse Atempause gegönnt zu sein. Nun kommt es darauf an, daß in dieser Pause durch die Hilfe des Marshall-Plans, durch das Sozialprogramm der Regierung, dessen Agrarreform und Fanfani-Plan, sowie durch die Hebung des Außenhandels und die Zollunionsprojekte jene wirtschaftliche Stabilität erreicht wird, die auch den nächsten kommunistischen Angriff zum Scheitern bringt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau