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Franz Grillparzer: Zum 150. Todestag

DISKURS
Grillparzer - © Foto: gemeinfrei

Karl Merkatz: "Die Gewalt hat nicht aufgehört"

1945 1960 1980 2000 2020

Grillparzers "König Ottokar" ist ein Höhepunkt im Schauspielprogramm der diesjährigen Salzburger Festspiele.

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Grillparzers "König Ottokar" ist ein Höhepunkt im Schauspielprogramm der diesjährigen Salzburger Festspiele.

Im Gespräch mit Karl Merkatz, einem der Mitwirkenden, geht es um die Bedeutung dieses Stückes, mit dem vor 50 Jahren das Burgtheater wiedereröffnet wurde, für Österreich.

Die Furche: Franz Grillparzers Drama "König Ottokars Glück und Ende" ist nicht irgendein Stück, sondern verkörpert einen Teil österreichischer Identität. Was hat sich im Umgang mit dem Stück verändert?

Karl Merkatz: Wir haben es von der Entstehungszeit bis heute mit einer Zeitverschiebung von 180 Jahren zu tun. Grillparzer war angepasst an seine Zeit und hat dementsprechend geschrieben. Er war ein Österreicher, in diesem Sinn hat er die österreichische Geschichte zu einem gewissen Maß verarbeitet. Wenn man an die Königsdramen von Shakespeare denkt, so sind das Bereiche, die weit auseinander liegen. Österreich hat bei Grillparzer eine Dimension, in der alles schon vor über tausend Jahren passiert ist, was Grillparzer beschreibt. Die Habsburger waren ja nach Ottokar die Herrschenden. Ottokar war einer, der umgerührt hat in der Gesellschaft, er war machtbesessen - wir kennen ja einen solchen absolut Machtbesessenen aus Braunau, der auch umgerührt hat in der Weltgeschichte. Und das ist wohl auch ein Grund, warum KusÇej dieses Stück so weit heraufgezogen hat in die Gegenwart. Wenn ich daran denke, wie 1955 das Burgtheater eröffnet wurde mit diesem selben Stück und darin Schauspieler auftraten wie Ewald Balser - die sind nicht vergleichbar mit den heutigen Schauspielern. Sie hatten damals eine andere Mentalität, die Sprache war anders - auch Fred Liewehr, der den Zawisch spielte, war ein völlig anderer Typ als Nicholas Ofczarek, und das verändert die Aussage. Ich finde es gerecht, dass wir es auf heute hin projiziert haben, weil die Gewalt nicht aufgehört hat seit Ottokars Zeiten. Gewalt bedeutet immer, gegen den Frieden zu sein, die Herrschaft hat das Recht der Gewalt.

Die Furche: Was Sie sagen, leuchtet mir ein, aber ich frage mich, was 1955 passiert ist. War diese Burgtheater-Aufführung derart stilprägend, dass wir unser Grillparzer-Bild bis heute davon abhängig machen?

Merkatz: Damals war das Burgtheater gewiss stilprägend, wie das Burgtheater schlechthin damals einen ganz bestimmten Stil, eine eigene Sprache hatte, die sich sehr lange durchgesetzt und erst in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Ich war damals in Deutschland engagiert. Die Wiedereröffnung 1955 hat mich sehr berührt, weil mir das Burgtheater immer sehr viel bedeutet hat und auch heute noch viel bedeutet. Ich bin glücklich, dass ich jetzt zum ersten Mal an der Burg spiele. Damals waren es die Schauspieler, die ich verehrt habe ...

Die Furche: ... und das Burgtheater-Deutsch.

Merkatz: Und das Burgtheater-Deutsch, das heute ein anderes ist. Aber es hat sich ja auch die Sprache der Wiener verändert. Das damalige Altwienerische, das noch ein bisschen kaisermäßig war, ist härter und derber geworden. Das sind die Veränderungen, denen wir unterworfen sind. Und so unterliegen wir auch den Veränderungen einer bestimmten Form von Regie und der Ansicht eines literarischen Stückes. Wenn ich an Frau Jelinek denke: Sie verändert sogar das Verständnis für manches, was wir zu kennen meinen. Das finde ich richtig und gut, wir leben ja in einer Bewegung, und die Bewegung bringt ja auch etwas, das man annehmen muss.

Die Furche: Grillparzer galt einmal als staatstragend. In der Inszenierung von KusÇej geht diese Idee nicht mehr auf, weil keines der politischen Modelle, das zur Diskussion steht, vernünftig und den Menschen zuträglich ist.

Merkatz: Das sehe ich auch so. In der Biedermeier-Zeit gab es zwei Ebenen, die Herrschaft und das - positiv gemeint - Proletariat. Dazwischen gab es nichts. Heute haben wir den unteren Stand, den Mittelstand, und einen, der sich noch darüber befindet. Damals war man entweder bei den Reichen oder den Armen. Wenn man denkt, was Napoleon mit Gewalt verursacht hat. Am Anfang der Biedermeier-Zeit hat er Österreich verlassen, bis dahin waren wir ja besetzt von den Franzosen. Grillparzers Stück ist behaftet mit dieser Gewalt. Er hat Ottokar als Gewaltherrscher genannt, aber Napoleon gemeint. Wenn die Gewalt überhand nimmt, ist sie nicht mehr kalkulierbar - dafür steht Ottokar. Der Habsburger, Rudolf, ist in unserer Aufführung einer, der kommt und meint: Mir kannst du nichts antun. Wenn ich nicht will, dann geh' ich. Das ist auch eine Form von Gewalt, die höher war als jene von Ottokar.

Die Furche: Wir reden immer von Österreich. Aber es befinden sich viele Deutsche im Publikum. Was sollen die mit Grillparzer, den wir als österreichischen Autor für uns reklamiert haben, anfangen? Haben wir es jetzt weniger mit einem Österreich-Stück als mehr mit einem Spiel von Macht und Herrschaft zu tun?

Merkatz: Im Endeffekt ist jedem das andere Land wurscht. Ich muss gestehen, ich bin relativ zufrieden damit, dass wir ein Europa gefunden haben, in dem sich die Länder vereinigen. So muss man sich nicht vor Gewalten fürchten, die von einem Land ausgehen und in ein anderes eingreifen. Ein Endziel, das von den Habsburgern angesprochen wurde, war vielleicht folgendes: Wir sind ein Ganzes. Österreich war ja einmal gewaltig groß - und ist wodurch zerfallen? Durch die Gewalt. Das versteht man überall.

Die Furche: Das große Österreich war mehr eine schöne Idee, mit der die politische Realität nicht hat mithalten können ...

Merkatz: Sie wollte gar nicht mithalten. Die Zeit war gar nicht reif dafür, weil nur die Gewalt vorherrschte. Bei Kaiser Franz Joseph gab es keine politische Position, sondern eine Machtposition des Herrschers. Das war bei Grillparzers Ottokar auch so: Es gab keine politische Ideologie. Auch bei den Habsburgern gab es keine Ideologie. Im Dritten Reich hatten wir eine parteiideologische Bildung, den Nationalsozialismus. Im Zeitalter Franz Josephs trat schon der Sozialismus in Erscheinung, das waren parteiideologische Formen. Dennoch sind wir heute mit Parteiideologien derart gepresst, dass sie bestimmte Gewalten ausüben. Das artet nicht in Brutalität aus, aber in Gewaltausüben von Meinungen, die aufeinander prallen.

Die Furche: Wenn man Ihre Rolle anschaut, den Benesch von Diedicz, das war ein Stratege des eigenen Erfolgs, der Typus des Mitläufers.

Merkatz: Er war ein Mitläufer. Er war reich, und er wollte die Verbindung seiner Tochter mit dem möglichen Kaiser. Als er mitkriegt, dass sein Plan misslingt, ist die Tochter schuld. Das ist in jeder Machtfrage so: der Schwächere ist der Schuldige, der Größere gesteht seine Schuld nicht ein.

Die Furche: Wie sieht Ihre eigene Grillparzer-Erfahrung aus?

Merkatz: "Libussa" habe ich vor langer Zeit, in den fünfziger Jahren, gespielt. Da ich über zwanzig Jahre in Deutschland war, hatte ich mit Grillparzer nicht viel zu tun.

Die Furche: Wie geht es Ihnen mit der Grillparzer-Sprache?

Merkatz: Das war ja die Zeit des Versmaßes, das war eine gängige Sprachform.

Die Furche: Manche haben es vielleicht etwas eleganter gemacht.

Merkatz: Das mag sein. Shakespeare hat eine sehr elegante Versform verwendet. Ich habe gerade François Villon in Arbeit, der in einem Vierzeiler ein altfranzösisches Versmaß hat, das wir nicht ins Deutsche bringen können. Wir brauchen für einige Wendungen drei, vier Sätze dafür. Auch Grillparzers Sprachform ist für heute kaum noch tragbar.

Die Furche: Wir haben vielleicht Probleme mit dem hohen Ton, dem Pathos.

Merkatz: Das Problem ist das Pathos. KusÇej wollte, dass wir davon weg kommen und hat dementsprechend Striche gemacht. Pathos versteht man heute nicht mehr.

Das Gespräch führte Anton Thuswaldner.

Intrigant zwischen zwei Herschertypen

Karl Merkatz wurde 1930 in Wien geboren und erlernte, bevor er sich ganz der Schauspielerei widmete, das Tischlerhandwerk. Engagements führten ihn u. a. an das Salzburger Landestheater, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, an die Münchner Kammerspiele und das Wiener Volkstheater. In der Rolle des "Bockerer", die er auf dem Theater und im Kino verkörperte, erlangte er besondere Popularität. Einem breiten Publikum wurde er bekannt als Mundl in der Fernsehserie "Ein echter Wiener geht nicht unter".

In der Aufführung von Franz Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende" im Rahmen der Salzburger Festspiele, die im Herbst am Burgtheater zu sehen sein wird, spielt er den Benesch von Diedicz, einen Intriganten, der seine Tochter König Ottokar zuführt, in der Hoffnung, damit den Aufstieg zu schaffen. Er ist ein erbärmlicher Charakter, der in die Inszenierung von Martin KusÇej passt, die den Sieg der Habsburger nicht mehr als den Triumph einer neuen Zeit feiert. Zwei Herrschertypen treten zum Kampf gegeneinander an: Primislaus Ottokar von Böhmen, gespielt von Tobias Moretti, der in unerwarteter Aggression über die Bühne poltert, und Rudolf von Habsburg (Michael Maertens), mit dem eine smarte, kühl kalkulierende Politikergeneration an die Macht kommt.

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