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Kirche, Kreml und Kontakte

Ist die russisch-orthodoxe Kirche dem Sowjetstaat gegenüber stärker oder schwächer geworden? Nur ein neuer Konflikt mit der Sowjetregierung, also ein sogenannter Ernstfall, könnte diese Frage verläßlich beantworten.

Die russisch-orthodoxe Kirche muß heute, ohne reiche Staatssubventionen, nur aus den freiwilligen Spenden der Gläubigen leben. Niemand kann einen Sowjetbürger zu regelmäßigen Beiträgen an seine Kirche zwingen, niemand zwingt ihn, für individuelle kirchliche Dienste eine Gebühr zu bezahlen. Und doch existiert die orthodoxe Kirche. Es existieren Tausende von Pfarrgemeinden. Es existiert eine Hierarchie, und über ein Dutzend theologischer Lehranstalten werden von den Gläubigen unterhalten. Dabei müssen die Zöglinge der Priesterseminarien und die Studenten der theologischen Hochschulen nicht nur gratis verköstigt und untergebracht, sondern darüber hinaus auch bekleidet werden. Das spricht bereits von einer gewissen Stärke. Es ist jedoch auch bezeichnend, daß sich heute weit mehr junge Leute zum Studium der Theologie hergeben, als es Plätze in den theologischen Lehranstalten gibt. Auch ist die orthodoxe Geistlichkeit eine ganz andere geworden. Es gibt nicht mehr die sehr wohlhabenden Geistlichen der Großstädte und der reichen Gemeinden, die sich durch Hausgottesdienste beim Adel und der wohlhabenden Kaufmannschaft schöne Einkünfte verschaffen konnten, es gibt jedoch auch nicht mehr die bettelarmen Dorfpopen, die höchst selten Geld sahen, in geflickten Soutanen umhergingen und froh sein mußten, wenn sie von den Bauern mit Eiern und Kartoffeln entlohnt wurden. Heute wird die Geistlichkeit nach festen Sätzen von den Kirchgemeinden besoldet. Sie ist daher selbstbewußter geworden und, wenn man will, auch kompromißloser. Die heutige Geistlichkeit versteht es ganz anders als früher, sich auch beim Gegner Respekt zu verschaffen. Sie ist auch viel gebildeter und belesener als einst.

Am besten zitieren wir einen alten Kommunisten, wie er die neuere kirchliche Situation dem Schreibenden gegenüber einmal beurteilte: „Wenn Sie mich fragen, so bin ich der Meinung, daß die russisch-orthodoxe“ Kirche stärker geworden ist im Vergleich .zur,Zeit..d&r Zaren.. Weggefallen sind die leeren Aeußerlichkeiten. Weggeblieben sind diejenigen, die nur mitgemacht haben, weil es der Staat verlangte oder aus Gründen materieller Vorteile oder der Konvention. Geblieben ist der feste Kern und gewachsen ist die geistige Potenz der Geistlichkeit. Die jahrzehntelange antireligiöse Propaganda war für die Katze.“

Vieles, was dem alten Rußland eigen war, will die heutige russische Kirche gar nicht mehr zurückhaben, so wie die Geistlichkeit der westlichen Kirchen sich auch nicht nach den Zuständen des Mittelalters zurücksehnt. Geblieben ist dagegen, vielleicht noch stärker geworden, die Haltung in grundsätzlichen Dingen. Sie wird von sich aus die Demarkationslinie zwischen ihr und dem Staat nie brüsk überschreiten, doch der Staat müßte auf gefährliche Reaktionen gefaßt sein, wenn er selbst in die ureigenste Domäne der Kirche einbrechen sollte. Wir haben schon gesehen, daß diese Kirche sich auch im Verhältnis zu den anderen Konfessionen und Religionen geändert hat. Sie ist, äußerlich wenigstens, tolerant. Sie verkehrt mit den anderen Kirchen und Glaubensbekenntnissen jedoch nur solange, als diese anderen Glaubensbekenntnisse die Domäne der russisch-orthodoxen Kirche nicht tangieren, insbesondere nicht versuchen, die drei ostslawischen Völker der Sowjetunion zu missionieren.

Wenn wir uns nun vorstellen wollten, daß es tatsächlich einmal zu Verhandlungen zwischen Kreml und Vatikan kommen und der Kreml dabei Zugeständnisse machen könnte, die dem Patriarchat nicht passen, so wird der Patriarch deswegen kaum plötzlich mit einem lauten Protest hervortreten. Die byzantinische Kirche hat andere Wege, um dem Kreml unangenehm zu werden. Man würde im angenommenen Fall die Gläubigen in Predigten vor den Gefahren „der päpstlichen Missionierung“ warnen und ganz sachte an das nationale Herz appellieren. Eine solche oppositionelle Stimmung könnte gerade gegenwärtig für das Sowjetregime wenn nicht gefährlich, so doch höchst unbequem werden. Schon hier zeigt sich eine Grenze für etwaige Zugeständnisse des Kremls an den Vatikan.

Indes müssen wir die veränderte Haltung des Kremls gegenüber dem Vatikan noch einer etwas genaueren Prüfung unterziehen.

Als der Kreml mit seiner Koexistenzpropaganda begann, die von Washington und breitesten Kreisen des Westens schlechthin abgelehnt wurde, nahm der Vatikan, vor allem der Papst persönlich, dazu eine deutlich unabhängige Stellung ein. Der Papst lehnte nämlich die Koexistenz nicht schlechthin ab, sondern verlangte eine Koexistenz in der Wahrheit. Der erste sowjetische Parteisekretär Nikita Chruschtschow formulierte damals in einer seiner wichtigsten Reden seine Auffassung über die Koexistenz folgendermaßen: „Eine ideologische Koexistenz zwischen Kommunismus und Kapitalismus sei unmöglich; jeder müsse eben offen bei seiner Weltanschauung bleiben, jedoch der Kampf zwischen diesen Weltanschauungen müsse friedlich ausgetragen werden; dann könne man auf allen rein sachlichen Gebieten einen Modus vivendi finden und praktisch zusammenarbeiten.“ Im Kreml schien man damals überzeugt zu sein, daß zwischen der Formulierung des Begriffes „Koexistenz“ durch den Papst und derjenigen durch Chruschtschow kein unüberbrückbarer Gegensatz bestehe.

Als dann bei der Weiterentwicklung der sowjetischen Friedensoffensive vom Vatikan in einer Reihe von Fragen, vor allem in jenen des Verbotes der Atomwaffen und der Einstellung der Atomversuche, dieselben Forderungen wie vom Kreml erhoben wurden, überzeugte man sich dort immer mehr und mehr davon, daß der Vatikan eine völlig unabhängige geistig-moralische Kraft ist. Denn, so sagte man sich dort, den führenden amerikanischen und kapitalistischen Kreisen könnten solche Aufstellungen durchaus nicht genehm sein. Nach gewissen Informationen imponierte dem Kreml dabei besonders die Tatsache, daß der Vatikan selbst vor Formulierungen, die vollkommen den russischen glichen, nicht zurückschreckte. Im Verlaufe von 40 Jahren hatte man nämlich die Erfahrung gemacht, daß selbst Kreise, die an und für sich mit sowjetischen Vorschlägen einverstanden waren, trotzdem jeweils nach Formulierungen suchten, die wenigstens dem Wortlaut nach sich von den sowjetischen unterschieden Man tat dies jeweils, um nicht in den Verdacht d€FSowjetfreundIicfikeit zu geraten. Im Kreml iniponiette dieser moralische Mut ungemein, und von da bis zum Wunsche nach Kontakten mit dem Vatikan war es nur mehr ein Schritt.

Man ist im Kreml überzeugt, daß auf vielen Gebieten der sowjetischen Friedensoffensive eine Zusammenarbeit mit dem Vatikan wohl möglich und für die Sowjetpolitik durchaus nützlich Wäre. Die Vorbereitung des Bodens hierfür begann man damit, daß in der Sowjetunion selbst jede Propaganda gegen den Vatikan eingestellt wurde. Erstmalig, nicht nur in der sowjetischen, sondern auch in der russischen Geschichte überhaupt, brachte die amtliche Depeschenagentur päpstliche Ausführungen ziemlich ausführlich mit einem deutlich wohlwollenden Unterton. Wichtige Ereignisse des katholisehen Lebens in Litauen wurden auch von der Presse des übrigen Rußlands ziemlich eingehend geschildert. Dann kam die Reihe von Anbiederungsversuchen, angefangen mit der Visite des sowjetischen Geschäftsträgers in Rom beim päpstlichen Nuntius beim Quirinal, über die direkte Ueberreichung sowjetischer Noten im Vatikan bis zur letzten Ansprache Gromykos an eine Delegation italienischer Friedenspartisanen, die eine direkte Aufforderung zur Kontaktnahme an den Vatikan war. Man sieht es in Moskau also als vorteilhaft an, direkte Beziehungen zum Zentrum des Weltkatholizismus aufzunehmen. Der führende römisch-katholische Bischof in Litauen erklärte vor einigen Wochen in einem Interview mit dem Korrespondenten der „Unitä“, zweifelsohne mit Wissen und Willen der Sowjetregierung, daß der Abschluß eines Konkordats zwischen Moskau und dem Vatikan durchaus möglich sei.

Die Nützlichkeit guter Beziehungen zum Vatikan für den Kreml leuchtet von selbst ein. Was aber kann der Kreml dem Vatikan anbieten?

Wir glauben, daß der Ausdruck Konkordat, den der litauische Bischof gebraucht hat, für die Tealen Möglichkeiten einer Uebereinkunft doch zu weit geht. Indes ist ein Abkommen möglich, aber es würde sich geographisch nur auf die Sowjetrepubliken Litauen und Lettland beziehen. Augh hier sind also relativ enge Grenzen gezogen. Bisher war in diesen Republiken nur die Freiheit der Kultusausübung gewährleistet und ein kontrollierter und sehr beschränkter Verkehr des Episkopats mit Rom gestattet. Darüber hinaus wird wohl wenig mehr zu erwarten sein. Möglich sind vielleicht sowjetische Zugeständnisse für einen intensiveren Verkehr der römisch-katholischen Bischöfe mit Rom. Die Regelung der Besetzung vakanter Bischofsitze liegt natürlich auch im ureigensten Interesse der Sowjetunion selbst. Sie wird aber dabei wie bei allen anderen Konfessionen darauf bestehen, daß nur Sowjetbürger ein kirchliches Amt in Rußland ausüben Das einzige Gebiet, auf dem noch ein Mehr vielleicht zu erreichen wäre, ist eine„ weiterte Tätigkeit der Orden. Gemeint ist, daß etwa Ordensschwestern organisiert zur Krankenpflege in staatlichen Spitälern zugelassen werden und männliche Orden eine beschränkte Anzahl ziviler Berufe ausüben dürfen. Dagegen würde die Sowjetregierung in der Frage des staatlichen Schulmonopols unbeugsam bleiben. Sie wird daher keine Geistlichen oder Ordensschwestern als Lehrer zulassen. Die Grenzen für etwaige Zugeständnisse des Kremls dem Vatikan gegenüber sind also sehr eng gezogen.

Normale diplomatische Beziehungen zwischen Moskau und Rom haben in der ganzen russischen Vergangenheit nie existiert. Erst während der letzten Jahrzehnte des Zarismus gab es ständige 'diplomatische Kontakte zwischen Kreml und Vatikan, doch immer nur auf niedrigster diplomatischer Ebene. Das russische Kaiserreich unterhielt am Vatikan jeweils einen diplomatischen Vertreter im Range eines Geschäftsträgers, höchstens in dem eines Ministerresidenten. Diese Diplomaten waren beim päpstlichen Staatssekretariat und nicht beim Papst selbst akkreditiert. Es wurde dadurch vermieden, daß der orthodoxe Imperator aller Russen ein direktes Beglaubigungsschreiben an den römischen Pon-tifex Maximus richten mußte.

Welche Wirkung erst würde es haben, wenn das erste Mal in der Geschichte ein päpstlicher Vertreter im Range eines Botschafters im ehemaligen Zarenpalast in feierlicher Audienz sein Beglaubigungsschreiben überreichen würde? Zweifellos wäre das ein Augenblick nicht nur weltpolitischer, sondern auch weltgeschichtlicher Bedeutung. Die psychologische Wirkung wäre ungemein stark, außenpolitisch für die Sowjetregierung zweifelsohne sehr vorteilhaft. Es würde dadurch gewissermaßen dokumentiert, daß die größte geistliche Macht der Welt die Sowjetregierung anerkennt und sie moralisch als verhandlungswürdig .ansieht. Innerpolitisch aber wäre diese psychologische Wirkung gerade umgekehrt. Für den Sowjetbürger würde nämlich durch einen solchen Akt seitens des Kommunismus offiziell die Macht der Religion anerkannt und jede Bekämpfung der Religion abgesagt werden. Der Sieger wäre hier der Vatikan und mit ihm der religiöse Gedanke. Es wäre die Revision der kommunistischen Weltanschauung. Unruhe und Desorientierung bei den radikal antiklerikalen Kreisen, Hoffnung und erhöhte Aktivität bei allen Religionsgemeinschaften wären die Folgen. Und mithinein würde auch der russische Nationalismus spielen, die durch die antiwestliche Geschichte anerzogene russische Mentalität der ewigen Angst vor Rom. Man sieht also, daß auch eine etwaige Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Vatikan und Kreml überhaupt nur langsam und nur stufenweise angebahnt werden könnte.

Es bleibt noch die Frage zu beantworten, warum auf der Sowjetseite alle Wünsche nach Kontaktnahme mit dem Vatikan an die falsche Adresse gerichtet sind, einmal durch den Mund des römisch-katholischen Bischofs in Wilna an den Korrespondenten der kommunistischen „Unitä“, das andere Mal, indem sich Außenminister Gromyko an eine Delegation kommunistenfreundlicher Italiener wendet. Die Frage ist sehr einfach zu beantworten. Der Kreml hat einstweilen keinen anderen Weg. Er kann sich nicht auf offiziellem Wege an den Vatikan wenden, denn er kann sich dem Risiko einer Ablehnung nicht aussetzen. Das wäre nicht nur eine diplomatische Niederlage, sondern das würde auch innerhalb Rußlands eine Stimmung hervorrufen, die für lange Zeit eine Wiederholung des Versuches unmöglich machen würde. Darum versucht eben der Kreml auf verschiedenen anderen zugänglichen Wegen abzutasten, ob ein offizieller Schritt Aussicht auf Erfolg hat.

(Ende der Aufsatzreihe.)

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