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Man hat auch in Rom gelernt

1945 1960 1980 2000 2020

Sehr viele Interviews mußte der Wiener Alt-Erz-bischof dieser Tage geben. Seine sanften Antworten fielen gegenüber der FURCHE etwas deutlicher aus.

1945 1960 1980 2000 2020

Sehr viele Interviews mußte der Wiener Alt-Erz-bischof dieser Tage geben. Seine sanften Antworten fielen gegenüber der FURCHE etwas deutlicher aus.

diefurche: Herr Kardinal, befindet sich Ihrer Meinung nach die katholische Kirche heute in einer Krise? Kardinal Franz König: Seit sie besteht, befindet sie sich in einer Krise. Die Schwierigkeit ist, daß wir, wenn wir von Kirche reden, Westeuropa, das deutschsprachige Gebiet meinen. Wenn ich mit einem Inder spreche, sagt er mir: „Was habt's ihr für Sorgen, wir haben ganz andere. Bei uns ist Zölibat kein Thema.” Die Dinge sind relativ zu sehen. Die Frage der Unierten, das abendländische Schisma, das Konzil von Trient und die Reformation, das waren größere Krisen als heute, auch wenn es heute viel Spannung und Unruhe gibt.

dieFurche: Die Forderungen des „Kirchenvolks-Begehrens” - steht da Ihrer Meinung nach unaufgebbares Glaubensgut auf dem Spiel, oder sind das Fragen, über die man reden kann? könig: Beim Innsbrucker Volksbegehren ist meiner Meinung nach sehr viel guter Wille. Man kann über alles reden, aber wir können hier in Österreich zum Beispiel nicht die Frage des Zölibats in der lateinischen Kirche (denn wir haben in der katholischen Kirche, bei den Unierten, auch den nicht-zölibatären Geistlichen) für die Gesamtkirche entscheiden.

diefurche: Das gilt natürlich auch für die Frage des Amtes für die Frau ... könig: Sicher. Und in England führt diese Frage, das geistliche Amt für die Frau, fast zu einem Schisma in der anglikanischen Kirche. Man muß alles sehen, das Pro und das Kontra.

dieFurche: Das heißt, das sind Punkte, über die man sehr wohl reden kann, wo man aber...

könig:... nicht eine gesamtkirchliche Entscheidung herbeiführen kann. Das Glaubensbekenntnis, das ist das Bleibende, die Frage, ob ich an Christus und an die Auferstehung glaube.

diefurche: Die Laien haben in den letzten Jahrzehnten an Mitsprachemöglichkeiten gewonnen, sollte das noch weiter ausgebaut werden? könig: Sicher, warum nicht? Das ist ein Anliegen, das ja vom Konzil sehr deutlich ausgesprochen wurde. Ich zitiere „Lumen gentium” 33: „Die Laien sind besonders dazu berufen, die Kirche an jenen Stellen und in den Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo ^ie Kirche nur durch sie Salz der Erde werden kann.” Kein Konzil hat vorher darüber geredet. Was die Laien betrifft, da gibt es viele Möglichkeiten, was die Frauen tun, ist vielleicht noch wichtiger.

dieFurche: Es befürchten manche, daß durch solche Reformen der Unterschied zwischen geistlichem Amt und Laien total verschwimmt könig: Ich befürchte das nicht, denn

die sogenannte hierarchische Ordnung ist ja sehr klar in der Kirchenordnung ausgesprochen. Der spezielle Auftrag, die Botschaft Christi weiterzutragen, ist mit der Weihe verbunden, aber er betrifft auch alle, die durch Glaube, Taufe und Firmung zur Kirche gehören in einer gestuften Verantwortungsweise. In meiner Jugendzeit war die Kirche der Pfarrer, der die Sakramente spendete und Messe feierte mit seiner Gemeinde. In diesem Sinne hat das Konzil ein erneuertes Kirchenbild vom wandernden Gottesvolk gezeichnet. Und es kann etwa das Zeugnis eines Diplomingenieurs als schlichter einfacher Christ mehr bewirken als das redliche Bemühen eines Geistlichen.

diefurche: Liegt die Zukunft der Kirche in anderen Erdteilen? könig: Es gibt zwei neue Bücher über das Christentum, das eine ist von Hans Küng, das andere von anglikanischen Historikern, hervorragenden Fachleuten, die in einem Kapitel rein statistisch nachweisen, daß sich die Kirche wegbewegt von Europa. Europa hat, nicht nur kirchlich, Probleme, die andere Länder nicht haben, einfach eine gewisse intellektuelle Überzüchtung in manchen Bereichen. Was die Vitalität der Kirche angeht, so steht sie bei uns in Europa unter der Last der Tradition und des Wohlstandes.

diefurche: Im Kirchenvolks-Begeh-ren wird auch die Sexualmoral der Kirche kritisiert Legt hier die Kirche den Leuten zu große Lasten auf? könig: Ich würde nicht sagen, die Kirche, sondern die Art, wie das Thema behandelt wurde. Wie mir katholische Arzte sagen, läßt sich die Unterscheidung zwischen natürlicher und künstlicher Geburtenregelung medizinisch auf die Dauer nicht halten. Vielleicht ist es nur ein Mißverständnis, daß der Papst ohnehin die großen Linien gemeint hat und die individuellen Probleme gar nicht damit berühren wollte, bei uns wird es aber so ausgelegt. Ich war gerade in England, als der Brief an die Frauen erschienen ist. Dort brachten die Zeitungen lange positive Besprechungen dieses Briefes, in Österreich fünf Zeilen.

diefurche: Warum ist das bei uns so? könig: Darauf will ich nicht näher eingehen. Der Papst war im „Time”-Magazin der Mann des Jahres, das wäre in Österreich schwer vorstellbar. In Amerika war man der Meinung, das ist ein Mann mit Grundsätzen, mit Bichtlinien, da wird das Thema Sexualmoral überhaupt nicht berührt,

sondern es geht um die Menschen-und Minderheitenrechte, um Krieg und Frieden, soziale Ordnung. Dort hat man das Gefühl, da ist einer, der weiß, welchen Weg er zu gehen hat.

diefurche: Ein heißes Thema ist auch die Frage der Bischofsernennungen... könig: Das Zusammenwirken von Papst und Bischöfen war im Konzil ein wichtiges Thema. Der Papst selbst ist im Kollegium der Bischöfe, er ist ein Bischof wie jeder andere, aber er hat darüber hinaus die besondere letzte Verantwortung für die Einheit der Kirche. Im Konzil war das sehr schön, die Bischöfe saßen beieinander, man hat sich gekannt. Jetzt sind die Bischöfe in alle Welt verstreut, kommen nicht zusammen, wie kann nun das Zusammenwirken mit dem Papst im Interesse der Kirche erfolgen? Man hat einen Ersatz geschaffen durch die Bischofssynoden. Heute aber gibt es bereits Überlegungen, die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen aller Welt alle zwei Jahre zusammenzurufen. Dann hätte man den Überblick, dann weiß man, was los ist.

dieFurche: Gilt das auch, wenn Rom sich überall nur besonders genehme Leute als Bischöfe aussucht? könig: Heute weiß man in Rom genau, daß Bischofsernennungen nur in Zusammenarbeit zwischen Papst und Diözese erfolgen können. Frühere Vorgangsweisen der Kirchengeschichte bei Bischofsernennungen werden wieder zu beachten sein.

dieFurche: Sie meinen, daß man da in Rom gelernt hat?

könig: Sicher. Auch im Vatikan gibt es verschiedene Bichtungen.

diefurche: Wie sieht Ihre Bilanz zum 90. Geburtstagaus? könig: Altwerden ist kein Verdienst, sondern ein biologisches Faktum, ich möchte einen schlichten und einfachen Dankgottesdienst, ohne Tamtam, wir sind alle Menschen, auch der Bischof ist ein Mensch wie alle anderen. Ich hab vieles in der Kirche erlebt, vieles Bedrückende, vieles Schöne, ich glaube, nach all dem, was wir erlebt haben, doch einen Aufbruch zu spüren. Wir können nicht alles von Organisationen erwarten, sondern wir müssen bei uns selber anfangen. Es kommt auf drei Dinge an: jeden Tag ein kurzes Gebet, wer nicht betet, hat keine Beligion, da kann er in noch so vielen Gremien drinnen sitzen; weiters die Sonntagsmesse, das ist das Kernstück des christlichen Glauben, Begegnung mit dem Herrn, Eucharistie, Vertrauen, Zuversicht, Bitte, Dank; das dritte: die Pfarre, die Kirche lebt in den Pfarren, dort muß man etwas tun, dann wird sie lebendig.

diefurche: Es gab das Wort vom langen Kaifreitag der Kirche in Österreich, zeichnet sieh dessen Ende ab? könig: Karfreitag und Ostern gehören zusammen. Ich bin überzeugt, daß trotz aller Schwierigkeiten ein Beinigungsprozeß im Gang ist und zweifle nicht, daß die Bischofskonferenz hier Wege weisen wird.

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