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Melonen-Republik im Morast

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Fünf Jahre nach seiner sanften Palastrevolte und dem postkommunistischen Neubeginn steckt Bulgarien wirtschaftlich, politisch und sozial tief im Morast.

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Fünf Jahre nach seiner sanften Palastrevolte und dem postkommunistischen Neubeginn steckt Bulgarien wirtschaftlich, politisch und sozial tief im Morast.

Die seit Ende 1991 kompromißlos antikommunistisch agierende Regierung der Union demokratischer Kräfte (SDS) Filip Dimitrows wurde 1992 bei einer selbstprovozierten parlamentarischen Abstimmung das Vertrauen verweigert und mußte abtreten. Dies brachte eine bemerkenswerte Mehrheit zustande, welche aus den Ex- Kommunisten (BSP) und den ehemaligen stillen SDS-Koalitionspart- ner DPS (der Partei der türkischmoslemischen Bevölkerungsgruzp- pe) **' zweier zuvor unversöhnlicher Gegner - bestand. Die nachfolgende, azf DPS-Vorschlag gebildete Regie-rung des parteilosen Wirtschaftshistorikers Berow versprach, das SDS- Regierungsprogramm in die Praxis umsetzen zu wollen. Dies gelang ihm jedoch nicht. Der spröde, medienscheue und zuletzt schwer herzleidende Professor Berow konnte — mit BSP-Unterstützung - zwar im Parlament nicht weniger als sechs Mißtrauensvoten überstehen, hinterließ jedoch ein schweres Erbe: eine Arbeitslosigkeit von etwa 20 Prozent und eine Inflationsrate von voraussichtlich mehr als 120 Prozent.

VERBRECHERSYNDIKATE

Als einzigen nennenswerten Erfolg konnte seine Regierung auf die Stundung der Auslandsschulden Bulgariens gegenüber den westlichen Privatbanken um die Hälfte verweisen. Ansonsten aber entpuppte sich Berows „Regierung der Privatisierung“ rasch als Regierung der Re-Kommunisierung beziehungsweise der Restauration, als sie nämlich anfing, mißliebige Beamte in der Verwaltung, bei der Polizei und beim Militär sowie unbequeme Journalisten in den staatlichen Medien gegen färb- und einfallslose treue Gefolgsleute auszuwechseln.

Die Kriminalitätsrate in Bulgarien stieg daraufhin um das vier- bis fünffache an. Denn viele Polizisten wechselten aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage zu dubiosen Wach- und Schließgesellschaften über. Aufgrund schwerwiegender Organisations- und Kommunikationsprobleme in der noch verbliebenen Polizei kam es im Jänner dieses Jahres dazu, daß einige Polizisten irrtümlich ihre Kollegen erschossen. Die Verbrechersyndikate begannen als Staat im Staate zu agieren.

Wegen der damit verbundenen, oft am hellichten Tag blutig ausge- tragenene Bandenkriege wurde Sofia bereits mit dem Chicago der zwanziger Jahre verglichen. Denn etwa ein halbes Dutzend Abgeordneter - alle aus dem demokratischen Lager - kam in den vergangenen drei Jahren unter merkwürdigen, bislang ungeklärten Umständen ums Leben. Das Unwesen der Schutzgelderpresser griff um sich. Im Bezirk Montana griffen die Einheimischen - fast wie einst im Wilden Westen - zur Selbsthilfe: sie bildeten eine mit Jagdgewehren ausgerüstete Bürgerwehr. Als dann wiederum schwerbewaffnete Schutzgeldeintreiber ins Dorf kamen, endete das Kräftemessen für zwei von ihnen tödlich.

Der scheidende Innenminister Viktor Mihajlow lobte daraufhin den Mut der Dorfbewohner und stellte sie sogar als Vorbild für die verängstigten Bürger dar. Doch erklärte er damit, daß er gleichzeitig die gesamte Allgemeinheit aufforderte, sich schnellstens zu bewaffnen, um selbst für den eigenen Schutz zu sorgen, auch ungewollt den Bankrott eines Ressorts. Angesichts dieser Umstände kam in der Öffentlichkeit die teils scherzhafte, teils bitter ernste Bezeichnung des Landes als Melonen-Republik auf - analog zu den Verhältnissen in südamerikanischen Bananenrepubliken.

KONDOR UND EISERNE LADY

In dieser Situation nach dem Rücktritt der Regierung Berow und nach dem Scheitern der ohne parlamentarische Unterstützung verbliebenen „Neuen Alternative“ des Ex-Verteidigungsministers der 1. SDS-Regie- rung, Dimitar Ludschew, kam Präsident Schelews große Stunde. Der Verfassung entsprechend bildete er ein Kabinett, das die notwendigen Vorbereitungen für die vorgezogenen Wahlen am 18. Dezember treffen und bis dahin die Regierungsgeschäfte führen soll.

Der Präsident entsandte in die Regierung seinen langjährigen Vertrauten und Kabinettschef Iwajlo Trifonow - „der Kondor“ genannt - und machte ihn zum Vizepremier und Hauptverantwortlichen für die korrekte Durchführung dieser Neuwahlen. Den Vorsitz übergab er aber Renetą Indschowa. Damit wird erstmals in der bulgarischen Geschichte eine Frau die Geschicke des Landes, wenn auch nur für kurze Zeit, lenken. Die 41jährige „Eiserne Lady“ war davor in ihrer Funktion als Chefin der staatlichen Privatisierungsagentur aufgrund ungenügender Kompetenzen und wegen der inkonsequenten Privatisierungspolitik ihres Vorgängers weitgehend zur Untätigkeit gezwungen gewesen. An ihrer Seite steht jetzt als Vizepremier und verantwortlich für das Finanzressort eine zweite Frau, Kristina Wutschewa, vorher Abteilungsleiterin im Bereich Sozialpolitik.

Präsident Schelew übertrug der neuen Regierung noch eine schwere, in der ihr bevorstehenden kurzen Amtszeit kaum erfüllbare, Aufgabe: sie solle die Kriminalität eindämmen, indem sie die Waffen einziehe und die vielfach dubiosen Wach- und Schließgesellschaften überprüfe beziehungsweise sogar auflöse.

Die Neuwahlen sind wichtig und könnten in Bulgarien zur entschei

denden Weichenstellung für das nächste Jahrtausend werden; aber ihr Ausgang ist zumindest derzeit noch schwer abschätzbar. Während die monolithischen Ex-Kommunisten laut Umfragen derzeit mit etwa 25 Prozent führen, jedoch stetig schrumpfen, holen die untereinander zerstrittenen und auseinanderfallenden SDS-Demokraten laufend auf. Paradoxerweise werden wahrscheinlich die noch Unentschlossenen beziehungsweise die Nichtwähler diese Schicksalswahl entscheiden.

Der Zeitpunkt läßt an bedeutende geschiochtliche Ereignisse zurückdenken. Denn im September begingen die Alt- und Ex-Kommunisten öffentlich den 50. Jahrestag der kommunistischen Machtergreifung. Und am heurigen 10. November gedachte Bulgarien gleich zweier bedeutender Ereignisse, die auf den Tag genau zusammenfallen.

Mittelalterliche Historie und neuere Zeitgeschichte scheinen dabei derart verflochten, daß es schwer fällt, sie getrennt zu betrachten: vor nunmehr fünf Jahren wurde in Bulgarien durch eine sanfte Palastrevolte der langjährige oberste Staatsund Parteiführer Schiwkow gestürzt und eine postkommunistische Wende eingeleitet. Albanische oder gar jugoslawische Verhältnisse blieben dem leidgeprüften Land auf dem Balkan jedoch erspart.

MISSBRAUCH DER GESCHICHTE

Der zweite Anlaß war die vor genau 550 Jahren verlorene Schlacht gegen das türkisch-osmanische Heer bei Warna am Schwarzen Meer. Wegen der darauffolgenden fünf Jahrhunderte währenden türkisch-osmanischen Fremdherrschaft hat sie jedoch derart tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Bulgaren hinterlassen, daß diese auch heute noch deutlich erkennbar sind.

Damals hatte der junge polnischungarische König aus der Jagiello- nen-Dynastie, Wladyslaw III., Soldaten aus mindestens fünf Ländern (darunter möglicherweise auch welche aus Wien) um sich geschart und war fest entschlossen gewesen, die Osmanen aus Europa zu vertreiben. Doch wurde ihm sein jugendlicher Übermut zum Verhängnis. Er beging einen taktischen Fehler und verlor daraufhin schließlich im Kampf buchstäblich Kopf und Kragen. Der Rest seiner Truppe konnte nur noch das nackte Leben retten.

Das Andenken an diese verlorene Schlacht hatte seltsame Blüten getrieben: Bis zur Wende diente das auf dem ehemaligen Schlachtfeld bei Warna errichtete „Museum der Kampffreundschaft“ noch der protzigen internationalistischen Traditionspflege, ja geradezu als historische Urform für den Warschauer Pakt. Nun hat man versucht, auch mittels Hammer und Meissel die Spuren dieses historischen Mißbrauchs der Geschichte zu beseitigen. Im Namen der Gedenkstätte wurde nur noch das Wort „Museum“ stehengelassen. Auf dem Feld der Ehre ist wieder die angemessene Ruhe eingekehrt.

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