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Mnner am Druckknopf

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Wie stark der Eindruck ist, den die Widerstände der Atomforscher, der Publizisten und eines großen Teiles der öffentlichen Meinung auf die „Männer am Druckknopf“ gemacht haben, wurde mir selbst durch eine Begegnung mit einem hohen Offizier des NATO-General* Stabs klar.

Dieser Mann, den ich seit Jahren kenne, kam eines Abends, scheinbar zufällig, in Wahrheit aber wohl mit einer ganz bestimmten Absicht, bei gemeinsamen* Freunden in Neuilly vorbei. Er hatte, wie er uns erzählte, gerade zuvor einen internen Informationskurs im NATO-Haupt-quartier von Paris über atomare Strategie ab* gehalten. Ueberraschenderweise erklärte er sich bereit, seine „Vorlesung“ für den gleichfalls anwesenden Korrespondenten des „Figaro“ Merry Bromberger, und mich zu wiederholen. *

Was uns nun vorexerziert wurde, war ein wahrhaft furchtbares „Schachspiel“: Atomarer Angriff aus dem Osten, westlicher Gegenangriff innerhalb einer durch den weit vorgeschobenen Gürtel der elektronischen Warngeräte auf Minuten herabgesetzten Zeit, neue Angriffswelle von „drüben“, abermaliges und diesmal überlegenes Zurückschlagen des Westens mit Hilfe versteckter, klug zurückgehaltener und von der Atomkatastrophe bisher nicht betroffener Reserven. Alles in diesem Kalkül war genauestens festgesetzt.

„Nur eines können wir gar nicht voraussehen“, sagte der Offizier, „und das wirft eigentlich alle unsere Pläne über den Haufen: Die Reaktion unserer eigenen öffentlichen Meinung. Das ist und bleibt das große Fragezeichen. Werden wir es überhaupt je wagen, solche, Atomwaffen einzusetzen? Und wenn wir es tun müssen? Bedrohen uns dann nicht in der zweiten, dritten und vierten Phase eines solchen Krieges, in der die Ueberlebenden weiterkämpfen müssen, Panik und Dienstverweigerung? Hier liegt die entscheidende Schwäche des Westens. Und Sie als Publizisten haben es in der Hand, da beruhigend oder beunruhigend zu wirken.“

Um zu beweisen, daß die von Atomwissenschaftlern und Publizisten seit Jahren über die Gefahren eines nuklearen Konflikts aufgeklärte öffentliche Meinung die Strategie des Westens bereits einmal gelähmt habe, berichtet uns der Offizier über das NichtZustandekommen des Einsatzes einer taktischen Atombombe zur Rettung der von den indochinesischen Kommunisten bedrängten Festung Dien Bien Phu.

Der französische General Ely hatte damals den Einsatz von auf Flugzeugträgern der 7. USA-Flotte stationierten Atombombern in Washington erbeten. Er fand bei Admiral Radford, dem damaligen Vorsitzenden der „Joint Chiefs of Staff“ (Vereinigten Generalstäbe) Gehör. Aber Eisenhower, gestützt auf die amerikanische öffentliche Meinung und auf die öffentliche Meinung des Bündnispartners England, gab damals im April 1954 die gewünschte Erlaubnis nicht. (Dies bestätigt Robert J. Donovan, der als einziger Journalist Einsicht in die Akten der Regierung Eisenhower erhielt, in seinem Buch „The Inside Story“ auf Seite 266.)

Hat die öffentliche Meinung nun in diesem Fall dem „Westen“ geschadet? Wer die Memoiren General Ridgways gut gelesen hat, in denen dieser erfahrene Soldat mit Grauen von der Möglichkeit eines amerikanischen Eingreifens in den Indochina-Konflikt als einem „tragischen Abenteuer“ spricht, wer aus der heutigen Kenntnis der sowjetischen Rüstungsstärke von der damaligen Schwäche der amerikanischen Rüstung im Verhältnis zum Osten weiß, kann durchaus behaupten, daß die als Bremse wirkende Atomangst der westlichen Oeffentlichkeit uns in jenen Tagen alle vor einem unabsehbaren Schicksal bewahrt hat.

Nun ist aber den Strategen dies „Fragezeichen“ Öffentlicher Meinung etwas höchst Lästiges, und sie sehen mit einem gewissen Neid hinüber nach dem Osten, wo man sich, wie sie zu Unrecht annehmen, mit „derartigen Imponderabilien“ nicht herumzuschlagen hat. Um diesen vermeintlichen Feind im eigenen Lager, „öffentliche Meinung“, so weit wie möglich lahmzulegen, wird nun seit Jahren schon ganz bewußt von oben die Praxis der Verkleinerung und Verschleierung der Atomgefahren geübt.

Das begann sofort nach dem Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima. Damals hatte der Chef des Manhattan-Projekts, General Groves, die radioaktiven Nebenwirkungen der nuklearen Waffen zuerst geleugnet und dann bagatellisiert. Den Bewohnern von Hiroshima selbst hat man, wie ich in diesem Frühjahr durch zahlreiche Befragungen an Ort und Stelle feststellen konnte, die Tatsache der gesundheitsgefährdenden Strahlennachwirkungen der Bombe selbst nach Abschluß des Waffenstillstandes nicht eingestehen wollen und wurde durch dieses Schweigen indirekt an der Verschlimmerung der nicht behandelten Strahlenkrankheiten, ja sogar am Tode zahlreicher weiterer Bombenopfer schuldig.

Auch die Sowjetregierung hat nach Kriegsende die Wirkung der Atomwaffen bagatellisiert und die Verhandlungen über die Kontrolle wohl für ihre eigene Propaganda, aber nicht in der Aufklärung des eigenen Volkes ernst genommen. Es sind weiterhin jahrelang die Gefahren des radioaktiven Fall-Out unterdrückt oder verkleinert worden, bis endlich der amerikanische Publizist Ralph Lapp durch seine Berechnungen ein offizielles Eingeständnis der Atomenergiekommission erreichte.

Es hat, um die Wirkung dieser Informationen zu verkleinern, von da an die Propaganda für die sogenannte „kleine“ taktische und „saubere“ Bombe eingesetzt. Diese Eigenschaftswörter sind deshalb irreführend, weil es eine sogenannte kleine Atombombe und eine saubere, das heißt ohne radioaktive Nebenwirkungen explodierende Atom- und Wasserstoffbombe (nach Aussagen des Leiters der meisten Atomversuche, Alvin C. Graves, von der Untersuchungskommission im amerikanischen Kongreß im letzten Juni), gar nicht geben kann.

Außer der Verschleierung, und Verniedliehung der Atomgefahren wird durch die Beruhiger ebenfalls ganz zielbewußt gegen alle bekannten Männer und Frauen, die es wagen, die Wahrheit über die Atomwaffen zu sagen, eine Verleumdungskampagne geführt. Man „verketzert“ sie einfach. Ganz typisch dafür war die Reaktion von Verteidigungsminister Strauß, als die achtzehn Göttinger noch einige Monate vor Veröffentlichung ihres Manuskriptes ihm zum erstenmal ihre Sorgen über eine mögliche Atomaufrüstung der Bundesrepublik vortrugen. Er fuhr sie zunächst einmal an: „Meine Herren, wenn das in der Oeffentlichkeit bekannt wird, sind Sie für Jahre die Helden aller Kommunisten von Pankow bis Peking.“

Es muß gesagt werden, daß die Kommunisten selber zu solchen Verleumdungen und Verketzerungen gern die notwendige Munition liefern, sie versuchen, jeden, der aus einer rein objektiven Erkenntnis, aus echter Sorge und wirklicher Wahrheitsliebe gegen die Atomwaffe Stellung nimmt, sofort zu einem der „ihren“ zu stempeln. So wurde mindestens einer der achtzehn Göttinger sofort mit einem seitenlangen Telegramm zu den Jugendfestspielen nach Moskau eingeladen. Glücklicherweise ging er darauf nicht ein.

Eine der besten Formen geistiger Ehrlichkeit wäre es heute, jede Debatte über die Wirkungen und Gefahren der Atomwaffen von politischen und strategischen Meinungsverschiedenheiten möglichst frei zu halten. Es wird hier ja nicht mehr über besonders potente „Mittel“ zur Erreichung eines politischen oder militärischen Zwecks diskutiert, wie es bei früheren Waffen noch der Fall sein mochte, sondern um Waffen, deren „unvermeidbarer Effekt größer als jedes denkbare Ziel ist“, wie es der Philosoph Günther Anders treffend in seinen „Geboten für das Atomzeitalter“ formuliert hat.

Erschreckend ist nur, daß die Regierungen immer noch so tun, als ob ein begrenzter Atomkrieg möglich wäre. Nur die wenigsten Politiker und Strategen haben eben den „Quantensprung in der Entwicklung der Kriegstechnik“, der durch die Erfindung der Atomwaffen und ferngelenkten Bombenträger gemacht wurde, wirklich begriffen. Und wenn sie selbst etwas über die sofortige Zerstörung der neuen Waffen ahnen, so bringen sie es doch nicht fertig, die neue Dimension der Bedrohung, die Gefährdung des biologischen Erbgutes der Menschheit, den Krieg, der mit dem Waffenstillstand nicht endet, sondern dann noch Jahrzehnte- und jahrhundertelang seine Opfer fordert, zu begreifen.

Hier aufklärend zu wirken, wird eine der Hauptaufgaben einer Publizistik sein, die in enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaft ohne Uebertreibungen, aber auch ohne Verharmlosung den Laien in den Regierungen, den Generalstäben ebenso wie den Millionen möglicher Opfer in aller Welt die neuen Fakten der Wissenschaft und Technik erklärt.

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