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Mozart stand Pate

Schon als kleiner Junge erhielt er einen in seiner Heimat ganz ungewöhnlichen Tauf namen: Wolf gang wurde er genannt, weil sein Vater nicht sosehr Goethe, sondern Mozart damit ehren wollte. Seine so erfolgreiche Marinelaufbahn war Familientradition, auch von seinem Bruder beschritten. Daß er aber nach seinem Sieg über Jimenez und einjähriger Regierung wirklich freie Wahlen macht, seine Niederlage gegenüber Romulus Betancourt ruhig hinnahm, dürfte in der Geschichte Südamerikas eine Seltenheit sein.

Seit 1830 wird Venezuela fast ausschließlich von „starken Männern“ regiert, die sich, wenn nötig, auch über gesetzliche Schranken hinwegsetzten. Wolfgang hat dies nie getan. Die kleine, erst seit 1931 gesetzlich zugelassene, oft wieder verbotene Partei mit dem Millionärssohn Machado an der Spitze, erhielt, ebenso wie alle anderen Parteien, demokratisch freie Entfaltungsmöglichkeit, als Wolfgang Larrazabal die Leitung des Staates übernahm. Schon damals wurde auf die Gefahr hingewiesen, die der jungen Demokratie Venezuelas durch die Existenz einer legalen Kommunistischen Partei erstehen könnte. Diese wies darauf hin, daß in der von ihr gegründeten Junta Patriotica alle Parteien mit gleichen Rechten vereinigt seien und alle überdies einen politischen Waffenstillstand abgeschlossen hätten. Da auch die katholische Kirche in der Person des Direktors des katholischen Blattes „La Religion“, Msgr. Jesus Chapellin, in der Junta vertreten war, schwiegen alle Bedenken.

In der chaotischen Regierungszeit Wolfgang Larrazäbals wuchs die Kommunistische Partei zu einem Machtfaktor, gegen den der provisorische Präsident nicht anzukämpfen wagte. Die Vorgänge beim Besuch des Vizepräsidenten Nixon der USA haben dies bewiesen und wurden von dem damaligen Außenminister bestätigt. In seinen Memoiren hat Nixon seinen Empfang auf dem Flugfeld in Mai-quetia geschildert: „Als meine Frau und ich das Flugfeld betraten, schaute ich gegen die Sonne, denn ich glaubte, daß es plötzlich regne. Der wolkenlose Himmel belehrte mich, daß wir durch wohlgezielte Spucke tobender Linksradikaler benäßt wurden.“ In dem oben erwähnten Buch Bernais wird auch der „accidentada visita“ (des unglückseligen Besuches) Nixons Erwähnung getan und erzählt: Als Sündenbock wurde der Gouverneur von Caracas seines Amtes enthoben. Dieser verteidigte sich vergeblich damit, daß sein garantiert sicherer Uberwachungsplan die Gäste vor jeder Belästigung geschützt hätte; er wurde aber auf höhere Weisung hin nicht verwirklicht.

Damals entstand auch ein zweites in Lateinamerika gängiges Schlagwort: Venezuela wird das nächste kommunistische Land — nach Kuba — werden. Die Kommunisten haben es auf ihrem letzten Kongreß in Caracas selbst versichert.

Nach dem Sieg Betancourts wurde der beim Volk überaus beliebte Admi-ral 1959 zum Botschafter in Chile ernannt. Erst im Oktober 1961 erbat sich der Diplomat zum erstenmal Heimaturlaub; ausschließlich, um an der Hochzeit seiner schönen Nichte und Pflegetochter Maruxa, Kind seines Bruders, des Contreadmirals Ricardo Sosa Larrazabal, mit einem jungen vornehmen Brasilianer teilzunehmen. Die Vermählung Maruxas wurde zur Hochzeit des Jahres.

Durch das Erscheinen der gesamten Regierung samt Gattinnen, aller Spitzen der „alta sociedad“ in der Villa KYK wurde sie zu einem gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges. Durch die Anwesenheit des Botschafters Wölfgang Larrazabal, der Spitzen aller Parteien und der zahllosen Reporter jedoch auch zu einem bedeutungsvollen politischen Geschehnis. Jede Geste, jedes Wort Wolfgangs wurde von allen inländischen Blättern gebracht. „Wolfgang raubte Maruxa die Show“ schrieben sie. Charakteristisch für das Verhalten Wolfgangs beim Empfang war, daß er an alle Höflichkeit und Herzlichkeit gleich verteilte. Die Fragen der Zeitungsleute konzentrierten sich darauf, die Absichten Wolfgangs bezüglich der nächsten Präsidentenwahl kennenzulernen. Sie konnten darüber nichts erfahren, immer war seine Antwort die gleiche: „Entschuldigt, liebe Freunde, daß ich nicht über dieses Thema, nicht über Politik spreche. Ich bin aktiver Militär, aber bald wird die Zeit kommen, uns damit zu beschäftigen.“ Die Bitte, im Fernsehen „vor der Presse“ zu er-> scheinen lehnte er mit der gleichen Begründung ab.

Unmittelbar nach dem Fest kehne der Botschafter zu seinem Amtssitz in Chile zurück.

Im Mai 1962 versuchte Korvettenkapitän Molina mit 450 Marinesoldaten und 100 Extremisten in Carüpano einen Putsch. Die Aufrührer wollten damit verhindern, daß es 1963 zu demokratischen Wahlen komme. Eine Volkserhebung extremistischer Richtung sollte einen Umschwung ä la Castro herbeiführen. Der „Carupanazo“ wurde aber so rasch unterdrückt, daß er nicht mehr als „golpe“, nur noch als „bochiinche“ (Wirrwarr) bezeichnet wurde.

Larrazabal hat den Aufstand der Marinesoldaten — mit dem er ernstlich nie in Verbindung gebracht wurde — sofort von Chile aus aufs schärfste verurteilt. Die Kommunisti-schc Partei und die-'“abgesplitterte linksextreme • MIR ' wurden nach der NferferWlifagüng des ^f.CarupiHizW'' verboten. Sie verloren damit ihre mit der URD innegehabte absolute Mehrheit in der Abgeordnetenkammer. Im Senat haben Ad und die christlichsoziale Copei Schon immer die Majorität. Den Präsidenten wählt aber das Volk direkt. ♦

Anfang Juni waren es wieder Marinesoldaten, die in Puerto Cabello unter fidelistischen Devisen einen Umsturz verursachten. Diesmal verloren mindestens 250 Menschen ihr Leben. Der Admiral will jeden Konflikt zwischen seiner Stellung als Militär und seinen etwaigen politischen Aspirationen vermeiden. Wohl hat er den Revolutionär Castro, der, wie er selbst, gegen den Diktator kämpfte, während seiner Regierungszeit unterstützt. Die Parole der aufrührerischen Marinesoldaten ist nicht die seine. Nicht verboten wurde aber die URD, deren Parteigänger 1958 gleichfalls für Wolfgang stimmten. Führer dieser Oppositionspartei ist heute Dr. Jövito Villalba, Professor des Verfassungsrechtes an der Universität Caracas. Nach einer radikalen Phase, während der man die fidelistische URD (Revolutionäre Demokratische Partei) zu der extremistischen Linken rechnete, ist Dr. Villalba zu seinem Ausgangspunkt als demokratischer Politiker zurückgekehrt. Er, wie Wolfgang Larrazabal wollen die Spielregeln der Demokratie beachtet wissen. Beide könnten für die URD 1963 kandidieren, aber niemals gegeneinander. Für seinen Sieg bringt jeder etwas anderes mit. Wolfgang seine große Beliebtheit beim Volk, seinen Ruhm als Befreier. Villalba seine langjährige politische Erfahrung als Führer seiner Partei. Viele Ur-redisten haben aber den Spaziergang nach Kuba nicht mitgemacht, der unter der Sonne des brasilianischen Präsidenten Quadros begann, diese aber unterging, als der Kommunismus sich den Fidelismus einverleibte. So ist die URD gespalten wie auch alle anderen Parteien. Villalba kann nur für die URD kandidieren oder für eine Koalition der Linken. Wolfgang kaum für die URD, wohl aber für eine Koalition ohne Linke oder gar für die Partei der „Larrazäbalisten“. Er kann aber auch seinem hohen Amt treubleiben, das ihn heißt, sein Vaterland zu beschützen, nicht zu regieren.

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