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Nicht ganz Held, nicht ganz Märtyrer

Franz Olah polarisiert noch immer das Land. Und zwar quer zu den derzeit auffälligsten Gräben zwischen ganz rechts und dem auch nicht gerade linken Rest. Wer's nicht glaubt, brauchte nur die Präsentation seiner Erinnerungen (erschienen im Amalthea Verlag) im Österreichischen Presseklub zu besuchen. Wie da ein ehemaliger Fernsehmann und späterer sozialdemokratischer Bürgermeister und ein ehemaliger sozialdemokratischer Gewerkschaftsmann und späterer Cheflektor und ein ebenfalls sozialdemokratischer ehemaliger Chefredakteur einer wichtigen Zeitschrift aneinandergerieten, das hätte sich ein anwesender Dramatiker merken müssen, das hatte Qualität.

Nur Bühnenhandwerker mit Theaterpranke und viel Menschenkenntnis können Leute so kunstvoll aneinander vorbeireden lassen. Und wieder einmal konnte man beobachten, daß Menschen im emotionali-sierten, aufgeladenen Zustand am schönsten aneinander vorbeireden.

Denn wo war denn eigentlich der Widerspruch zwischen der insistent mehrmals wiederholten Feststellung des ehemaligen Bürgermeisters, „Lebenslang” dürfe es auch für Olah nicht mehr geben, und dem bescheidenen Hinweis des ehemaligen Cheflektors, der Klappentext des Verlages, wonach der damalige Vorsitzende der Bau- und Holzarbeitergewerkschaft Olah 1950 „mit Hilfe seiner Arbeiter den kommunistischen Aufstand” niedergeschlagen habe, sei mit Vorsicht zu genießen? Beziehungsweise: War das so schrecklich, daß man den darauf folgenden erregten Wortwechsel und den lautstark weiter wiederholten Hinweis des ehemaligen Bürgermeisters, „Lebenslang” dürfe es in unserer Republik nicht mehr geben, vom Inhalt, von der Sache her versteht?

Rot waren sie einst alle, doch sowieso nie so rot, daß man nicht ungestraft sagen dürfte: Leider sind sie es nicht mehr, oder eben halt vielleicht nicht mehr alle. (To whom it may concern...)

Als der ehemalige Chefredakteur noch den Hinweis beisteuerte, das dermaleinst vom damaligen ÖGB-Präsidenten Olah gegen den mißliebigen damaligen Gewerkschaftsmann und nachmaligen Cheflektor ausgesprochene Hausverbot sei nicht gerade nett und auch nicht gerechtfertigt gewesen, war jedes andere Gespräch als ein erregtes An-einander-vorbei unmöglich.

Was die Sache angeht: Es handelte sich zum großen Teile um historische Randbemerkungen, die heute kaum einen mehr wirklich interessieren. Es sei denn als Schnurre. Doch gebannt folgten nicht nur alte Herren der Auseinandersetzung alter Herren.

Alternativen zum Eintopf

Denn diese Erregung folgte der Dramaturgie vieler kleiner Kollisionen und Kollisiönchen ähnlicher Art, die etwas wichtiges signalisieren: Es gibt sie tatsächlich noch in diesem Land, die Gräben quer zum Graben zwischen dem rechten Rand und dem Rest des Spektrums. Ohne sie wären wir arm dran. Ohne sie gäbe es keine Alternativen zum politisch-ökonomischen pragmatischen Eintopf, den uns die normative Kraft des Faktischen serviert.

Franz Olah bot nur Anlaß, sie sichtbar zu machen. Die Polarisierung der österreichischen Sozialdemokratie durch ihn ist nur noch eine emotionale. Gerade weil der Wort-

Wechsel bei seiner Buchpräsentation sachlich so absurd war, war er so interessant: Er ließ auch die Nicht-Insider erkennen, wie knapp unter der Oberfläche die Emotionen zwischen rechts und links, oder halbrechts und halblinks, oder ziemlich rechts und etwas links, sitzen.

Denn in der Politik stehen streitende, sich in die Haare geratende alte Herren, die nichts mehr zu fürchten haben als den Tod, stets auch für die Positionen der Jungen, die noch ihre jeweiligen Alpha-Tiere fürchten müssen und daher nicht offen streiten dürfen.

Die SPÖ-Linke ist nicht tot

Sie ist also nicht tot, die SPÖ-Linke. Da ihre Ideologie, jedenfalls in der klassischen Form, tatsächlich verläßlich tot sein dürfte, dürfte es sich bei dem, was da irgendwie doch noch lebt, um das konsequente Engagement für die Armen oder anders Benachteiligten, für soziale Gerechtigkeit, um das empörerische, sich mit dem Gegebenen nicht zufriedengebende Element handeln.

Franz Olah war nie ein Nadelstreif-Sozialdemokrat. Er war aber auch nie ein Linker, weder mit noch ohne Gänsefüßchen. Und er stand nicht einmal dazwischen, sondern stets für sich selbst. Sein Konflikt mit der SPÖ war zwar nur zum Teil, aber zweifellos zu einem großen Teil selbst verschuldet. Einige der treffendsten, nach wie vor gültigen Worte über den Sturz des ehemali-

gen ÖGB-Präsidenten und Innenministers stehen in seinem Buch, doch nicht im Text des Autors, sondern in einem faksimilierten furche-Kom-mentar von Kurt Skalnik vom November 1964:

„Hand aufs Herz: Nur jener Politiker, der noch nie in seinem Leben Geld für seine Partei zum Rollen brachte, ist berechtigt, den ersten Stein zu heben. Alles andere ist Pharisäertum. Franz Olahs todeswürdige - für den Parteitod würdige - Verbrechen lagen auf einem anderen Gebiet. Er suchte über den Parteiapparat hinweg direkt bei den ,Massen' anzukommen. Das Volkstribunat, das Franz Olah anstrebte, war es, was seine Parteifreunde nicht verziehen, nicht verzeihen konnten. Sein sprunghaftes, ja mitunter zur Unberechenbarkeit neigendes Temperament verstärkte diesen Unsicher-heitsfaktor. Er erleichterte aber auch nicht zuletzt die Exekution. So ist Franz Olah gefallen.”

Seine Autobiographie ist in mancher Hinsicht eine zeitgeschichtliche Fundgrube, sie ist ferner ein nicht zu unterschätzender Beitrag zum Verständnis der religiös gebundenen, undoktrinären Sozialisten, aber sie könnte auch, wär's kein Plagiat, den Titel haben, den Curd Jürgens seinen Memoiren gab und er würde bei Olah mindestens ebenso zutreffen: „...und kein bißchen weise”. Es wäre ja auch schade.

Eine Kostprobe aus der Fundgrube ist die Aussage, daß bei einem Presseprozeß sowohl der 1948 zu den

Kommunisten übergegangene sozialistische Zentralsekretär Erwin Scharf als auch der einstige doktrinäre SPÖ-Linksaußen Josef Hin-dels ein bestimmtes sozialistisches Wahlplakat vom Herbst 1945 dem damals bereits verstorbenen Sozialisten Peter Strasser in die Schuhe zu schieben versuchten.

Nazis nach Sibirien?

Es handelt sich um das Plakat mit dem Vorschlag, die österreichischen Kriegsgefangenen heim- und dafür die österreichischen Nazis in die Gefangenschaft zu schicken. Mittlerweile sind alle drei Männer tot. Der Verantwortliche dürfte Erwin Scharf geheißen haben. Der naheliegende Schritt, dieses Plakat aus dem im Herbst 1945 in allen damaligen Parteien herrschenden Klima zu deuten, liegt auch Franz Olah ferne.

Liest man das Kapitel über die Ereignisse, denen er den mächtigsten Karriereschub seines Lebens verdanken dürfte, nämlich den Oktober 1950, stellt man einen Schritt zurück zur Lesart fest, die es ihm ermöglicht, sich als Retter Österreichs vor einem politischen Putsch zu sehen.

Die Kommunisten waren beim Versuch, einen Generalstreik herbeizuführen, bei der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich, und das waren auch Olah und seine ihnen entgegentretenden Bau- und Holzarbeiter nicht. Die Unterscheidung zwischen einem Putsch und einem Versuch, Österreichs Standfestigkeit zu testen

noch einmal in die politische Entwicklung, welche die Kommunisten längst überrollt hatte, einzugreifen, bedeutet keine Minderung der Rolle, die Olah damals gespielt hat.

Nebenstehendes Bild gibt besser als jedes andere die Dramatik des Geschehens vom Oktober 1950 wieder. In einer eindrucksvollen Bearbeitung von Dorothea Locker bildet es auch das Titelbild des von Michael Ludwig, Klaus Dieter Mul-ley und Robert Streibel herausgegebenen Buches „Der Oktoberstreik 1950” (Picus Verlag, Wien, 1991), das die Ergebnisse eines Symposiums zweier Volkshochschulen und des Instituts für Wissenschaft und Kunst zum Thema referiert.

Der feine Unterschied

1990 (furche Nr. 35 vom 30. August) erklärte mir Olah: „Der erste Schritt wäre sicher gewesen, mitzubestimmen, nicht, das ganze System zu ändern. Gleich am Anfang wäre es nicht möglich gewesen, da Österreich vierfach besetzt war und nicht nur sowjetisch. Aber wenn es ihnen gelungen wäre, wieder mitzubestimmen - wäre eine solche Regierung von den Westmächten noch als vollwertig anerkannt worden? Hätte es nicht der Anlaß sein können für ein Auseinanderdriften der Besatzungszonen?”

Heute: „Die demokratischen Institutionen Österreichs wollte man sehr wohl hinwegfegen. Wenn man unter Androhung von Gewalt gewählte Funktionäre der Gewerkschaft oder des Staates - bis hin zur Bundesregierung - zum Rücktritt zwingen will, dann hat das mit Streik und berechtigten Lohnforderungen nichts mehr zu tun. Auch ohne Waffen kann es einen Putsch geben.”

Für derartige Absichten gibt es als Beleg ein zwei Jahre vor dem Generalstreikversuch (!) entstandenes KP-Papier, das (auf daß die Kirche im Dorf bleibe) so aussagekräftig ist wie die vielen Papier gebliebenen Aufmarschvarianten in den Panzerschränken der Armeekommandos.

Doch der Putsch von 1950 ist wohl ein wichtiges Versatzstück im Selbstbild von Franz Olah als Retter des Vaterlandes. Ob nun in höherem oder geringerem Maß selbst verschuldet: Ein schweres Schicksal mit einem Maß persönlicher Tragik hat er jedenfalls zu tragen.

Ein um so schwereres Schicksal, als der junge Olah, längst ein Quer-lieger, zu jenen Sozialisten' zählte, die noch mnmittelbar vor dem 12. März 1938 zur Rettung Österreichs mit Schuschniggs Vaterländischer Front zusammenarbeiten wollten und er für seine aufrechte Gesinnung mit Jahren im KZ bezahlte.

Daß er akzeptiert wurde, wenn es Kohlen aus dem Feuer zu holen galt, und aneckte, wenn er Macht ausübte - darin hatte er wohl recht. Auch wenn er seinen eigenen Beitrag zu diesem Schicksal nicht gern sieht, gibt ihm das jenen Hauch von Mär-tyrertum, das wohl mitspielt, wenn der ehemalige sozialistische Bürgermeister ihn in die Sozialistische Partei zurückholen will.

Stimmt schon, er war ein Autokrat, stimmt schon, sein Umgang mit der Macht machte vielen Angst, stimmt schon, er war rechtsseitig le-empfindungsgestört. Aber aus ihrer Geschichte streichen kann die SPÖ ihn nicht, er ist ein Teil davon, und der Versuch, ihn wieder hineinzuholen, ist ein Versuch zur Versöhnung. Da hat Helmut Zilk schon recht.

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