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Österreich - überwiegend sonnig

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Die Menschen kümmern sich normalerweise um ihre Nachbarn nicht. Zwischenmenschliche Beziehungen richten sich meistens nach der Interessenlage. In Zeiten des Unglücks verdichten sich die Beziehungen. Eine Straßenbahnkarambolage macht aus zufälligen Nachbarschaften eine Schicksalsgemeinschaft. Viele Freundschaften und Feindschaften entstanden während des Krieges in den Luftschutzkellern. Da die Geschichte viel mit Unglück, Karambolagen verschiedenster Art und insbesondere mit Kriegen zu tun hat, ist das Entstehen solcher Schicksalsgemeinschaften zwischen benachbarten Völkern eine Selbstverständlichkeit.

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Die Menschen kümmern sich normalerweise um ihre Nachbarn nicht. Zwischenmenschliche Beziehungen richten sich meistens nach der Interessenlage. In Zeiten des Unglücks verdichten sich die Beziehungen. Eine Straßenbahnkarambolage macht aus zufälligen Nachbarschaften eine Schicksalsgemeinschaft. Viele Freundschaften und Feindschaften entstanden während des Krieges in den Luftschutzkellern. Da die Geschichte viel mit Unglück, Karambolagen verschiedenster Art und insbesondere mit Kriegen zu tun hat, ist das Entstehen solcher Schicksalsgemeinschaften zwischen benachbarten Völkern eine Selbstverständlichkeit.

In friedlichen Zeiten verblassen die alten Rivalitäten, aber auch die freundschaftlichen Gefühle lassen nach. Aus der Schicksalsgemeinschaft wird eine Schablone. Nur in den Geschichtsquellen, in der Literatur und unter alten Steinen kann der Kundige den Schatten der Vergangenheit nachspüren. Wenn aber eine Krise kommt, dann werden solche Keime plötzlich virulent. Wer denkt da nicht an die Jahre 1956, 1968? Es wäre jedoch bedenklich, die Pflege der guten Nachbarschaft zwischen zwei Völkern solchen meist traurigen Zufällen allein zu überlassen. Auf welchen Ebenen finden Kontakte statt? Die Sportveranstaltungen stehen, was Breitenwirkung durch die Fernsehübertragungen betrifft, vielleicht an erster Stelle, aber die Rivalität, das „Kräftemessen“, bleibt hier auf den Anlaß beschränkt, und es sollte auch nicht anders sein. Auch die „völkerverbindende Rolle“ des internationalen Touristenverkehrs sollte man nicht überschätzen. Der Urlauber unserer Tage beschäftigt sich schon allein aus Zweck-mäßigkeits- und Bequemlichkeitsgründen gerade während seiner Urlaiuibsreise vor allem mit sich selber und hat weder Zeit noch Möglichkeiten, seine „Entdeckungsfahrt“ über die Sphäre des zu seiner Betreuung geschaffenen Dienst-leistungsigewerbes hinaus auszudehnen. Sprachschwierigkeiten sind ein weiteres, aber bestimmt nicht das einzige Hindernis. Es bleiben also die offiziellen Kontakte und als „Rest“ der Kreislauf von Informationen mit ihren Verdichtungen in Büchern, in der Kunst, im Rundfunk, in den Zeitungen. Dieser Kreislauf ist zugleich auch meßbar, es liegen darüber Berichte vor. Alles andere sind Unwägbarkeiten.

Wie sieht man also an Ungarn Österreich? Die gelegentlichen offiziellen Erklärungen treffen die wirkliche Situation ziemlich genau. Bestimmt hat man im Nachbarland auf allen Ebenen größere und aktuellere Sorgen, als das Verhältnis zu Österreich neu zu überdenken. Aber der Grundton ist durchgehend freundlich, das Wetter ist überwiegend sonnig. Von den vielen gelegentlichen Äußerungen genügt es, den ungarischen Außenminister Jänos Peter zu zitieren, der vor Jahresfrist über die Beziehungen der Staaten des

Donauraumes eine Erklärung abgab. Diese Erklärung ist damals in der österreichischen Presse ziemlich ausführlich zitiert worden. Der Minister erinnerte daran, daß „die Scheidelinie zwischen den Hauptkräften der zwei Bündnissysteme durch Mitteleuropa verläuft“. Dann meinte er, die Erweiterung der Beziehungen zwischen den Ländern des Donauraumes stelle einen „wesentlichen Faktor der zentraleuropäischen Sicherheit“ dar. Und dann sagte er: „Die Regierung der Ungarischen Volksrepublik strebt danach, daß sich die ungarisch-österreichischen Beziehungen vorbildlich entwickeln und zur Stabilisierung der friedlichen Verhältnisse in Zentraleuropa beitragen.“

Eine mehr ins Detail gehende Erklärung auf ungarischer Seite zu den Beziehungen zwischen Ungarn und Österreich wird man vergeblich suchen. Aber dieser eher konventionelle Rahmen wird durch einige Tatsachen ausgefüllt. Dazu gehören: Der wachsende Touristenstrom, der auch von ungarischer Seite immer mehr Menschen — Einzelreisende und Gruppen — in das Nachbarland führt. Von Frühling bis Herbst gibt es kaum einen Tag, an dem nicht ungarische Reiseautobusse auf dem Wiener Heldenplatz stationiert wären. Gewiß, vor dem zweiten Weltkrieg verkehrten zwischen Budapest und Wien täglich acht Schnellzugspaare und eine Reisebeschränkung gab es überhaupt nicht. Aber die Reisetouristik im heutigen Sinn war noch unterentwickelt, und es ist keinesfalls sicher, ob damals mehr Ungarn zum Beispiel die Wiener Schatzkammer besucht haben als heute. Bei aller Einschränkung der Bedeutung solcher Kurzbesuche, sie sind ein Faktum, das an Rechnung zu stellen ist.

Die wirtschaftliche Kooperation zwischen einzelnen Fabriken und Firmen von hüben und drüben der Grenze sei hier nur ordnungshalber erwähnt. Auch wirtschaftliche Zusammenarbeit schafft menschliche Kontakte und setzt zugleich diese voraus. Auf diesem Gebiet waren die Fortschritte in den letzten Jahren beträchtlich.

Im einzelnen nicht wägbar, aber alles in allem und auf die Tiefenwirkung hin bestimmt hochbedeutend sind die beinahe ständigen Kontakte zwischen Vertretern der Wissenschaft, den „Spezialisten“, der vielzitierte „Erfahrungsaustausch“, der sich vermutlich nicht nur auf das jeweils programmierte Wissensgebiet beschränkt.

Es war anläßlich der häufigen Jubiläumssymposien und Tagungen der letzten Jahre, die Historiker wie auch Philosophen oder Soziologen der Nachbarländer zusammenbringen. Ungarische Fachhistoriker vertraten in überraschender Weise die Ansicht, daß die Verbundenheit mit Österreich, die bis zum Jahre 1918 bestand, für Ungarn keineswegs nur Nachteile, wie dies die Mehrheit der ungarischen Historiker seit jeher behauptete, sondern, und dies sogar überwiegend, Vorteile gebracht habe. Damit wurde auch dem österreichischen Publikum sichtbar gemacht, was sich in der marxistisch kontrollierten ungarischen Geschichtswissenschaft schon seit geraumer Zeit anbahnte: eine Überprüfung der Positionen der traditionellen ungarischen Geschichtsschreibung, die, von rühmlichen Ausnahmen vor allem katholischer Historiker abgesehen, in nationalistischer Befangenheit die österreichisch-ungarische Monarchie nur von ihren Schattenseiten her zu beurteilen bereit war. Diesen Staat als Völkerkerker zu bezeichnen, wäre gewiß selbst den Ultranationalisten schwergefallen, denn der ungarische Zentralismus hat trotz oder gar infolge der „Lehre der heiligen Krone“ nur wenig Verständnis für eine Selbstbehauptung der im damaligen Ungarn lebenden „Nationalitäten“ aufzubringen vermocht und hat damit jede vernünftige Staatsform von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ungarn hatte aber seine staatsrechtlichen Beschwerden, und diese übertrug es auch auf die Zeit nach dem Ausgleich von 1867, in der freilich der starke ungarische Einfluß in der Außenpolitik der Monarchie notorisch war und in wirtschaftlicher Hinsicht Ungarn alle Möglichkeiten hatte. Nun werden heute gerade auf diesem heiklen, weil das ungarische Selbstverständnis seit Jahrhunderten bestimmenden Gebiet Urteilsrevisionen angebahnt, die vermutlich auch in den Schulunterricht Eingang finden. Das ist bedeutend, weil es Verkrampfungen löst und auch für andere, vielleicht aktuellere Themenkreise Beispiel gibt. Es ist erfreulich zu hören, wenn ungarische Freunde im privaten Gespräch an Tabus ihrer einstigen Schulzeit rütteln: man hört kritische Stimmen zum Ausgleich von 1867 und ein Bedauern darüber, daß man damals eine Föderalisierung des Staates verhindert habe. Solche Ansichten vertrat man auch schon früher, aber immer nur in intellektuellen Kreisen, wo Tabuverletzung zum guten Ton gehört. Heute scheint die Wirkung solcher unorthodoxer Gedanken größer und im Wachsen begriffen zu sein. Gewiß, die nicht offizielle, aber gewissermaßen trotzdem „öffentliche“ Meinung in Ungarn ist national und sogar nationalistisch, mit allen positiven und negativen Akzenten einer solchen Einstellung. Aber in der Retrospektive wenigstens verblassen die Klischees. Dort, wo es nicht mehr schmerzt, wird die Erinnerung an alte Wunden nicht mehr kultisch gepflegt. Auch ungarische Touristen fahren an Kufstein vorbei, wenn in der Touristensaison die Burg allabendlich beleuchtet ist. Keinem dürfte heute wohl einfallen, diese Burg, wo nach 1849 die ungarischen Freiheitshelden schmachteten, als nationale Gedenkstätte reklamieren zu wollen.

Mit erstaunlich großer Unbefangenheit betrachten die ungarischen Historiker auch die Geschichte Österreichs nach 1945. Das 1966 in Budapest bei dem Akademischen Verlag erschienene Buch über die Geschichte Österreichs von 1918 bis 1955 von Ldjos Kerekes ist das erste in ungarischer Sprache geschriebene Werk über die Geschichte der Zweiten Republik. Der Autor behandelt seinen Stoff mit wissenschaftlicher Akribie, auf Grund umfassender Quellenstudien. Seine Objektivität beweist er zum Beispiel dort, wo er das schlechte Abschneiden der KPÖ bei den Wahlen seit 1945 analysiert, oder wo er die Rolle der demokratischen Parteien, die Gründe des wirtschaftlichen Aufstiegs in Österreich u. a. m. im wesentlichen richtig einschätzt. Auch wenn man die Breitenwirkung einer solchen Veröffentlichung nicht überbewerten will, muß man sie als positives Symptom bewerten.

Diese Übersicht bliebe unvollständig, wenn man die Grenzen der Verständigung, ja der bloßen Information, nicht kurz aufzeigte. Diese Grenzen sind zahlreich und zum Teil derzeit unüberwirudbar. Die auf ungarischer Seite noch immer vorhandenen bekannten Reisebeschränkungen gehören dazu, und die nicht weniger hemmenden und störenden Einschränkungen des Informationsstromes. Von den österreichischen Zeitungen sind nach wie vor nur die kommunistischen in Ungarn im freien Verkehr erhältlich. In Hotelhallen kann man auch andere Wiener Zeitungen vom gleichen Tag kaufen, aber die Kundschaft ist hier naturgemäß rar. Eine andere Frage ist, ob die österreichische Presse stark und breit gefächert, mit einem Wort, im wahren Sinne „repräsentativ“ genug wäre, im Falle einer Freigabe der Verbreitung allen Ansprüchen zu genügen. In Ungarn hat es einmal eine deutschsprachige Tageszeitung, den „Pester Lloyd“, gegeben; diese Zeitung gehörte einst zu den führenden liberalen Blättern der Monarchie, und sie hat ihren guten Ruf bis zu ihrem Ende während des zweiten Weltkrieges beibehalten können. In Ungarn dürften also auch heute die diesbezüglichen Ansprüche ziemlich hoch sein.

Ähnliches gilt für den Büchermarkt. Die österreichische Literatur ist in intellektuellen Kreisen in Ungarn bekannt, und sie wird geachtet, nicht nur Musil und nicht nur Kafka oder Trakl besitzen dort ihren Stellenwert. Man weiß aber, daß das österreichische Verlagswesen, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, nicht so aktiv ist, wie es sein sollte, denn die stets wachsende Zahl ungarischer Autoren wird eben von westdeutschen Verlagen betreut und nicht von österreichischen. Die Betreuung erstreckt sich auf die Herausgabe der Werke, auf Einladungen, auf einen regen geistigen Kontakt. Für die ungarischen Autoren, die den Besuch ihres Verlegers in Stuttgart, in Frankfurt oder in Köln erwidern, dort herumgereicht werden und dann um viele Erfahrungen und Impulse reicher nach Budapest zurückkehren, für diese Autoren ist Wien leider, wenn überhaupt, dann nur eine meist sehr kurze Zwischenstation. Auch, wenn die Sendungen des österreichischen Rundfunks, vor allem des Fernsehens, wie es heißt, im westlichen Ungarn empfangen werden können und auch empfangen werden, wird eine andere, vielleicht wichtigere, tiefer wirkende „Relaisstation“ österreichischerseits, von wo die Initiative dazu ausgehen sollte, nicht oder nur zögernd und sporadisch in Betrieb gesetzt. Auch hier muß man einzelne Initiativen, wie zum Beispiel die der österreichischen Gesellschaft für Literatur, ausdrücklich hervorheben. Aber das sind jene Ausnahmen, welche bekanntlich immer und überall die Regel nur bestätigen.

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