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Österreichs Medizinschulen

Es ist kein Zufall, daß sich derzeit sowohl die großen medizinischen Weltorganisationen (Weltgesundheitsorganisation, Weltärzteorganisation) als auch fast alle großen medizinischen Schulen intensiv mit den Problemen einer Reorganisation der medizinischen Fakultäten, dabei auch besonders der Organisation von Forschung und Unterricht, befassen. Es ist dies die natürliche Folge eines gewaltigen Umbruches in der Medizin, der sich etwa mit den beiden Formeln: „Einbruch der Grundlagenwissenschaften" (Physik, Biologie der Zelle, Chemie der Grenzflächen und Fermente usw.) und anderseits „Technifizierung der Medizin“ prägnant benennen läßt. Aus beiden erwächst ein zunehmendes Spezialistentum und Subspezialistentum, dessen personalmäßige Bewältigung und Einordnung in die dem Arzt wesensnotwendige Gesamtbetrachtung des kranken Menschen viele Schwierigkeiten bietet. Da ich mich seit Jahren mit einschlägigen Fragen befasse, auch als Mitglied eines WHO-Komi- tees Gelegenheit habe, die internationale Situation auf diesem Gebiete laufend zu überblicken, folge ich gerne der Einladung der „Furche", diesen Fragenkomplex wenigstens in einigen wichtigen Punkten vor einer breiteren Öffentlichkeit zu erörtern. Gerade bei uns in Österreich und besonders in Wien, mit seiner alten Ärzteschule und Ärztetradition, begegnen ja diese Fragen großem Interesse, nicht nur von seiten der Ärzteschaft selbst, sondern auch breiterer aufgeschlossener Kreise.

Der Ordinarius

Es ist vielleicht am einfachsten, in die Problematik so einzuführen, daß man zunächst das derzeitige Aufgabengebiet eines klinischen Ordinarius — als Prototyp des Medizinlehrers — kur Htajftįgt. Er fetf i® wesentlichen drei Verpflichtungen! erstens 1 "das LehtiMntj.-ftje nach Fa h täglich twa eine Stunde oder mehr Vorlesung, dazu Prüfungen, praktische Übungen und so weiter; zweitens die ärztliche Leitung der meist großen Klinik, mit ihren auch recht umfangreichen administrativen Aufgaben; drittens die Forschungsaufgabe, seine eigene Arbeit und die seiner Mitarbeiter. Mehr minder wäre jede dieser Aufgaben durchaus ausreichend, vollamtlich versehen zu werden. Tatsächlich wird ja auch die Leitung einer Spitalsabteilung normalerweise vollamtlich ausgeübt, ebenso die Lehr- und Forschertätigkeit etwa in den geisteswissenschaftlichen

Fächern. Und im Ausland gibt es, worauf ich noch zurückkomme, überall meist reichlich vollamtliche Forscherstellen ohne sonstige Aufgabenbelastung.

Der Sinn dieser Einleitung: Das derzeitige System ist sicherlich früher einmal, bei bescheidenerem Umfang des Wissensgebietes und der klinischen Möglichkeiten, gut gewesen. In der jetzigen Situation, eben des oben erwähnten Einbruches der theoretischen Wissenschaften, einer gewaltigen Entwicklung meist sehr komplizierter und zeitraubender Methoden in Diagnostik und Therapie, ist es aber überall so, daß die Kliniker (und nicht etwa nur der Klinikchef, sondern mindestens ebenso seine Mitarbeiter, Assistenten, Dozenten) unter einer eindeutigen Überlastung leiden, die sich bei dem gegebenen Aufgabenkreis und Personalstand langsam nicht mehr meistern läßt. Um nur ein einziges praktisches Beispiel zu bringen: Die für gewisse Herzkrankheiten (die dann eventuell einer Operation zugeführt werden können) heute unerläßliche diagnostische Technik des sogenannten Herzkatheterismus, beschäftigt für eine solche Untersuchung drei Ärzte und zwei Schwestern mindestens eine Stunde lang, nicht zu reden von den instrumenteilen und sonstigen Vorbereitungen (Sterilisieren usw.) und Nacharbeiten. Und dabei werden an meiner Klinik oft drei bis vier solcher Untersuchungen an einem Vormittag durchgeführt. Bedenken wir, daß bei der heutigen unglaublich raschen Entwicklung ständig neuer Methoden, von denen sich eine moderne Klinik sowohl im Interesse der Forschung als ebensosehr im Interesse der Patienten einfach nicht dispensieren kann, dies nur eine Anfangsphase einer erst beginnenden neuen Medizin ist, so ist leicht abzusehen, daß die beiden Linien — Leistungsgrenzen des Personals tihd steige'nde Ähfo ttö tmgen — in Kürze '2u einem Kreuzungspunkt KöfriiWen m'fissen, zum Tiil'woM schon gekommen sind, wo es in der gegebenen Organisationsform nicht mehr weitergeht bzw. die Leistung abfallen muß. Es ist eindeutig, daß diese Situation neuer Maßnahmen bedarf, wenn unsere Kliniken nicht gegenüber dem Weltstandard Zurückbleiben sollen.

Neue Fachgebiete

Im Ausland begegnet man diesen Schwierigkeiten zunächst mit einer zunehmenden Spezialisierung der bisher großen Fächer: Durch Unterteilung etwa der Chirurgie in kleinere Sparten

(Thoraxchirurgie, Neurochirurgie, plastische Chirurgie, Urologie usw.) wird verständlicherweise der Aufgabenkreis der Breite nach verkleinert und dadurch ein Arbeiten mehr in der Tiefe — vor allem, was die Forschung betrifft — ermöglicht. Das gleiche gilt grundsätzlich auch für die innere Medizin (etwa kardiologische, Lungen-, Stoffwechselabteilungen beziehungsweise -kliniken), obwohl hier die Verhältnisse noch schwieriger liegen, da gerade dem Internisten die ärztliche Gesamtschau in besonderer Weise obliegt.

Betrachten wir aber die Verhält nisse in Wien und im übrigen Österreich, so sehen wir noch keinerlei Anzeichen einer solchen Entwicklung. Nach wie vor haben wir noch die chirurgischen und internen Groß- i kbtrikitftri-ia IW’itn.'zanit Beispiel ein chirurgische-KIinik mit .460 (!) Betten, aber keine selbständig 1 Orthopädie, Urologie usw., geschweige denn kleinere Spezialfächer, wie etwa Gefäßchirurgie, plastische Chirurgie usw. Die Einwände, die gegen die Gründung neuer Fachdisziplinen gemacht werden, sind immer dieselben: „man zerreiße ein einheitliches Fach“, man erziehe einseitige Spezialisten, man breche mit geheiligter Tradition. — Nun, der letztere Einwand ist wohl am leichtesten zu widerlegen: Das, was heute als Tradition verfochten wird, war seinerzeit, als es gegründet wurde, revolutionär genug. Dennoch hat man sich damals zur Gründung von neuen Fächern entschlossen, sonst hätten wir heute wahrscheinlich nicht nur noch immer keine selbständige Urologie, Orthopädie, Neurochirurgie und so weiter, sondern nicht einmal eine selbständige Gynäkologie oder Hals-Nasen-Ohren-Klinik, Hautklinik und so weiter, denn auch diese Disziplinen waren natürlich einst ebenfalls Teilgebiete der Großchirurgie bzw. der internen Klinik. Die gewaltige Entwicklung, die sie und andere Disziplinen, wie die Unfallchirurgie und ähnliche, genommen haben, seit sie verselbständigt sind, zeigt wohl am besten die Bedeutung, ja die Unerläß- lichkeit, in gewissen Zeitpunkten die alten Facheinteilungen zu revidieren und neue Fachgebiete zu schaffen beziehungsweise die Tatsache, daß sie es de facto schon längst geworden sind, formell anzuerkennen, eben durch Gründung selbständiger Kliniken, und so die Tür zu wirklich selbständiger Forschung zu öffnen.

Schwieriger ist der Einwand der Gefahr der Subspezialisierung an sich, nämlich die damit verbundene Gefahr des „Verlustes der Mitte“, der ärztlichen Gesamtschau, die letzten Endes den Subspezialisten nur noch ein bestimmtes Organ, nicht mehr den kranken Menschen sehen läßt. — Nun, auch hier gibt es eine Lösung, und sie muß in der Organisation liegen, etwa wie folgt.

Mehr Extraordinarien

Es ist meiner Ansicht nach kein befriedigender Zustand, daß unser heutiges Hochschulorganisationsgesetz nur völlig selbständige Ordinarien (beziehungsweise Extraordinarien, zwi schen denen praktisch nur ein Rang-, eigentlich sogar nur ein Gehaltsunterschied, kein Realunterschied besteht) kennt und daneben bzw. untergeordnet nur Assistenten und wissenschaftliche Hilfskräfte. Wird also jemand (Extra-) Ordinarius, ist er damit völlig selbständig, hat nur seine Lehrverpflichtung (bzw. seine Klinik, sein Institut usw.) und untersteht praktisch keiner Bindung. Was die Fakultät, eben gemäß der modernen Teilungsnotwendigkeit in kleinere Fächer, aber zweifellos brauchen würde, wären Extraordinarien, die in einer gewissen Zwischenstellung zwischen den Chefs der großen Fächer und den Assistenten stünden; derart, daß etwa diese Extraordinarien mit weitgehender Selbständigkeit ein Teilfach einer großen Klinik führten (zum Beispiel eben Gefäßchirurgie, oder auf in ternem Gebiet etwa eine Station für künstliche Dialyse oder dergleichen), aber doch dem Klinikchef insofern noch unterstehen würden, als er die allgemeine Arbeitsrichtung bestimmen und/idie Patienten'‘'-dieser jiAbteilwig für seinen Unterricht mitverwenden könnte. --Diese Extraordinarien tvären dafür von Lehr- und Prüfungsverpflichtungen weitgehend enthoben und könnten sich in voller Konzentration ausschließlich ihrer wissenschaftlichen und klinischen Arbeit widmen. Und wir müssen uns klar darüber sein, daß die rapide Weiterentwicklung von spezialistischen Methoden (die aber im Interesse der Kranken nun einmal nicht zu umgehen sind, denn wir verdanken ihnen einen Großteil unserer noch vor zwei Jahrzehnten ungeahnten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten) nur beherrschbar ist, wenn wir die Fächer forschungsmäßig in kleinere Arbeitsgebiete zerlegen. Durch die Person des Gesamtchefs wäre aber die Gewähr der klinischen Einheit und damit auch der Allroundausbildung der Studenten und Jungärzte gegeben. Eine derartige Regelung hätte natürlich auch noch den großen Vorteil, daß jenen Assistenten, die sich zu guten Wissenschaftlern entwickeln, durch Übernahme in eine derartige Stellung die Möglichkeit geboten wäre, an der Klinik zu verbleiben und dort in eine Lebensstellung einzutreten. Derzeit wandern die Assistenten und Dozenten gerade dann, wenn sie ihre Ausbildungshöhe erreicht haben, als Primarärzte an die großen Spitäler ab. So erfreulich dies für den Spitalsbetrieb sein mag, so ist doch nicht zu übersehen, daß sie dort unter dem nen und von jeder Routinearbeit, auch Lehrverpflichtung usw., frei sind. In Frankreich hat man gerade jetzt die Zahl dieser Stellen sogar wieder erheblich erhöht, in den USA sind sdlfShe SjfcHei), die liatilrfiA ausreichend honoriert sind (so daß sich der ja’meräf'fiöchqualifizierte Spezialist nicht zum Abgehen in die Praxis gedrängt fühlt), eine Selbstverständlichkeit; ihre Zahl ist meist höher als die der Lehr- und eigentlichen Klinikstellen. Und bei uns: Die Wiener Fakultät hat unter etwa 28 Ordinariaten und Extraordinariaten nur drei (Extraordinariat für Biochemie, für theoretische Neurologie, für Sinnesphysiologie), die sich praktisch ausschließlich mit Forschungsaufgaben beschäftigen können. — Es muß bei dieser Gelegenheit auch darauf hingewiesen werden, daß uns in Österreich noch weitgehend Planstellen für Theoretiker im Verband der Klinik fehlen. Jene Theoretiker (Biochemiker, Physiologen, Pharmakologen usw.), die den betreffenden Instituten angehören, haben, abgesehen von ihren Routineaufgaben, ihre eigenen Forschungsprobleme. Was der Kliniker von heute aber dringend benötigt (und in vielen Ländern längst zur Verfügung hat), ist der Theoretiker an der Klinik selbst, der etwa als Physiker die Isotopenstation berät, als Biochemiker bei den klinischen einschlägigen Forschungsaufgaben mitarbeitet, und all dies im engen „Teamwork“ der Klinik selbst, auch mitgehend bei den Visiten, jene Themen aufgreifend und beratend, die am Krankenbett selbst sich täglich und stündlich dem forschenden Kliniker stellen.

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