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Zeitgeschichte

Oktoberrevolution im Hörsaal

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Aus der Besetzung des Audimax Wien wurde landesweiter Studentenprotest. Die Regierung machte erste Zugeständnisse. Der Ausgang ist indes ungewiss.

Ja darf man denn so etwas? Da besetzt eine Gruppe junger Menschen Wiens größten Hörsaal. Sie organisieren Vorträge, Filmabende und stellen einen Küchenbetrieb auf die Beine. Sie besitzen die Dreistigkeit, eine Verbesserung der Studienbedingungen zu fordern. Und statt mit Pflastersteinen Scheiben einzuwerfen, diskutieren sie basisdemokratisch, was das Zeug hält.

Die Studentenproteste des Oktober 2009 sind ein Novum. Sie sind nicht Resultat akkordierter Planung, sondern Ausdruck eines spontanen Handlungsbedürfnisses engagierter Individuen. Sie haben sich nicht sofort wieder aufgelöst, sondern sich auf Österreich ausgeweitet. Da steckt Frust dahinter. Eine tief empfundene Hilflosigkeit. Das Gefühl, von der Politik im Stich gelassen zu sein. Die Forderungen der mittlerweile zu einer Art Organisation gereiften Aktivisten sind vage genug, um nicht am Abstimmungsritual zu scheitern. Andererseits so konkret, dass man sich ihnen inhaltlich stellen kann.

„Bildung statt Ausbildung“ lautet das erste Anliegen. Wer könnte sich dem verschließen, ohne damit indirekt dem häufig zitierten Wilhelm von Humboldt zu bescheinigen, für heute bedeutungslos zu sein? Das verschulte Bachelor-Studium, Stolz zahlreicher Bologna-Experten, degradiert Studierende in deren Augen zu volljährigen Gymnasiasten. Den personell unterbesetzten Studienprogrammleitungen fehlen die Ressourcen, um Curricula (Studienverläufe) zu erarbeiten, die an die Bedürfnisse der Studierenden angepasst sind. Als Folge drängen sich in manchen Studienrichtungen Hunderte in überfüllte Pflichtveranstaltungen. Die Möglichkeiten, Lehrveranstaltungen frei zu wählen, sind eingeschränkt. Folglich nimmt das Interesse am Lehrinhalt ab. „Viele Leute kommen in die Übungen, weil sie müssen, nicht weil sie der Inhalt anspricht“, meint ein resignierter Gert Bachmann, assoziierter Professor am Department für Chemische Ökologie an der Uni Wien. „Das ist für uns Lehrende eine unangenehme Erfahrung.“ Mindestens so unangenehm wie für die Studierenden, die bessere Betreuung fordern. Das wünschen sich zwar auch Minister Hahn und die Rektorate. Uneinigkeit besteht allerdings bei der Wahl der Methodik. Deren Logik sähe Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren vor, doch damit werde an der falschen Schraube gedreht, finden die Protestler.

Protest nützt den Lektoren

Gert Bachmann ist Teil der größer werdenden Gruppe akademischen Lehrpersonals, die sich dem studentischen Protest anschließt. Die Solidarität zwischen Lernenden und Lehrenden weist darauf hin, dass die Unzufriedenheit mehr struktureller denn persönlich-individueller Natur ist: „Es war absehbar, dass sich der aufgestaute Frust der Studierenden einmal entladen wird“, sagt Bachmann. „Die Unzufriedenheit hat schon länger vor sich hin geköchelt.“

Als deklarierter Kritiker des Universitätsgesetzes 2002 bemängelt Bachmann den Verlust demokratischer Strukturen. Instituts- und Fakultätskonferenzen, in denen einst Studienangelegenheiten diskutiert und entschieden wurden, sieht das UG 02 nicht mehr vor. Der Senat als gesetzlich alleinig legitimiertes Gremium ist mit allen Angelegenheiten befasst – und damit notorisch überfordert.

Als einer der ersten Lehrenden hielt Thomas Schmidinger einen Vortrag im Audimax. Der Lektor des Instituts für Politikwissenschaft der Uni Wien ist „hoch erfreut“ über die „offene Plattform“. Die von ihm vertretene Interessengemeinschaft Externer LektorInnen und Freier WissenschafterInnen könne damit endlich ihre Anliegen an die Öffentlichkeit tragen. Wer wisse schon, dass LektorInnen für ihre Lehrtätigkeit mit 376 Euro abgespeist werden? Dass sie semesterweise von Lehrauftrag zu Lehrauftrag hüpfen, ohne Garantie auf eine Verlängerung ihrer Anstellung? Dass sie an manchen Instituten sogar die Kopien für ihre Vorlesungen selbst bezahlen müssen? Laut der Kettenvertragsregelung ist nach ein paar Jahren sowieso Schluss mit der Vertragsverlängerung. Wer es bis dahin nicht zum Assistenzprofessor gebracht hat, muss gehen. „Viele geben einfach auf“, sagt Schmidinger. „Wir fordern deshalb langfristige Arbeitsverträge für LektorInnen.“ Die Studierenden solidarisieren sich prompt: Es sei schließlich auch in ihrem Interesse, erfahrenes Lehrpersonal im Hörsaal zu haben anstelle unerfahrener, aber kostengünstiger Neulinge.

Spontaner Protest

Die bewahrenden Kräfte im Lande können den Protesten freilich nicht abgewinnen. Uwe Scheuch (BZÖ) etwa spricht von „Bier trinkenden Berufsdemonstranten“, die den „fleißigen Studierenden die Hörsäle blockieren“.

Es ist richtig, dass die Infostände linker Gruppierungen dem studentischen Forderungskatalog substanziell nichts hinzufügen. Ebenso stimmt, dass den Workshops zu Sexismus, Neoliberalismus und Transgender-Problemen der unmittelbare Bezug zu Hochschulpolitik fehlt. Auch der Vandalismus der ersten Besetzungsnacht an der Universität Wien schuf keine neuen Freundschaften.

Deswegen jedoch über die gesamte Bewegung den Stab zu brechen, heißt, den Boten zu sehen, nicht die Botschaft. Die diskussionswürdigen Inhalte kann und sollte man vom revolutionären Habitus, mit dem sie vorgetragen werden, abstrahieren. Das scheint auch eine aktuelle Blitzstudie des Instituts für Jugendkulturforschung nahezulegen. Befragt wurden 213 Studierende im Audimax-Umfeld. „Drei Viertel der Beteiligten sind nicht im traditionellen Sinn politisch“, erklärt Studienleiter Bernhard Heinzlmaier. Seiner Meinung nach handelt es sich vielmehr um eine Form spontanen Protests, vergleichbar mit dem Widerstand gegen das geplante Donaukraftwerk in Hainburg oder der Bewegung gegen die Atomkraft. Für manche also tendenziell sympathisch. Eine Welle der Solidaritätsbekundungen, von Gewerkschaftsbund bis Wiener Landtag, ehrt denn auch die Besetzer und nimmt ihnen damit implizit das Odium kommunistischer Bedrohung.

Prognosen über die Folgen der Proteste vermag derzeit niemand abzugeben. Die Bundesregierung hat zur Wochenmitte eine Erhöhung der Mittel für die Universitäten auf zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes zugesagt. Wissenschaftsminister Johannes Hahn werde noch ein Gespräch mit den Studentenvertretern führen. Die Studiosi riefen für den Donnerstag dieser Woche zu einer Kundgebung vor der Universität Wien auf. Ihre gleichaltrigen Gegner fordern, die Besetzung zu beenden.

So könnte der Flächenbrand zum Strohfeuer verlodern und schließlich unbeachtet ausglimmen. Wechselt Hahn in die EU-Kommission nach Brüssel, fehlt den Protestierenden das nötige Feindbild. Aus der Sicht der Regierung lassen sich die gegenwärtigen Proteste aussitzen. Früher oder später wird den Besetzern des Audimax die Luft schon ausgehen, werden sie sich in ideologischen Grabenkämpfen selbst demontieren. Das würde zwar der Koalition ihren inneren Frieden sichern, nicht aber den Universitäten ihre Zukunft.