6602170-1953_47_02.jpg
Digital In Arbeit

Olympische Ermahnung

Das Nationale Olympische Komitee der deutschen Bundesrepublik hat „an das sportliche Gewissen der Welt“ appelliert, künftig mehr wie bisher über die Einhaltung der Olympischen Spielregeln zu wachen und zu verhüten, daß der olympische Gedanke mißbraucht oder gar in sein Gegenteil verkehrt werde. Wir erinnern uns noch lebhaft der kriegerischen und parteiischen östlichen und westlichen Radio- und Pressestimmen, die wahrend der letzten Olympiade die friedlichen Spiele begleiteten. Vergessen schien, daß die Spiele einst dem Zeus zu Ehren auf geweihtem Boden, von „freien, unbescholtenen Hellenen“ veranstaltet wurden. Außer dem Oelbaumkranz und der festlichen Bewirtung winkte dem Sieger die Ehre, daß im heiligen Hain seine Statue aufgestellt wurde. — Geist von diesem Geist wollte Baron Pierre de Coubertin wiederbeleben, als er 1894 zu neuen Olympischen Spielen aufrief. Und heute?

Audi in früheren Jahren war nicht alles, wie es sein sollte. Die Olympischen Spiele von 1920 in Antwerpen (ohne Teilnahme Deutschlands) sollen den Charakter einer Siegesfeier der Entente gehabt haben, und die Olympiade von 1936 war als NS-Werbefest auf dem Berliner Reichssportfeld aufgezogen. Gegenwärtig droht eine andere Gefahr: daß der nationale Ehrgeiz ungesunde Blüten treibt und die Olympischen Spiele als Vorfeld im Kalten Krieg mißbraucht werden.- Die fünf. Ringe, die die weltumspannende Freundschaft

und Bruderschaft aller Sportler symbolisieren sollen, würden damit zu einer Eisenkette, die — wie so viele andere — die Welt in eine östliche und in eine westliche Hälfte abteilt.

Man hat den Eindruck, daß sich während der letzten Zeit die Staaten zu stark für die Olympischen Spiele als Gelegenheit zu nationaler Repräsentanz interessieren. Daher fordert das Olympische Komitee in seinem Aufruf die Abschaffung der Staatsamateure und verlangt gebieterisch Rückkehr zum Typus des wirklichen Amateursportlers, wie ihn Baron Coubertin vorgesehen. Von einer Europareise zurückgekehrt, berichtet der jetzige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der Amerikaner Avery Brundage, daß in mehreren Ländern die Staatsamateure dadurch gefördert werden, daß man sie in Armee- oder Polizeieinheiten aufnimmt, wo sie nichts anderes zu tun haben, als ihre Leistungen zu verbessern. Die polnische Boxstaffel sei zum Beispiel auf die Europameisterschaft, die im Mai dieses Jahres in Warschau stattfand, vier Monate lang vorbereitet worden. Mr. Brundage hat die beunruhigenden Beispiele vor allem in den Ländern der östlichen Welt gefunden; hoffen wir, daß es im Okzident besser aussieht. Denn es bedarf in einem zur Maßlosigkeit und zur Ueberschärfung aller Konflikte neigenden Zeitalter besonderer Disziplin, um die Olympischen Gesetze, nicht nur auf der Kampfbahn, einzuhalten. Leider hat die Presse einiger Länder während der letzten Olympischen Spiele kein gutes Beispiel gegeben und eher zur Verhetzung anstatt zur Versöhnung der Völker beigetragen. Da mag man sich denn nicht allzusehr wundern, wenn die angestachelte Sport- und Siegerleidenschaft zu Exzessen führt, die man am liebsten mit dem Gedanken des Sportes gar nicht mehr in Zusammenhang bringen möchte. Hiezu als makabres Beispiel eine Zeitungsmeldung:

„In der Werkkantine des Nibelungenwerkes in St. Valentin war es zwischen einigen Fußballanhängern und dem Ingenieur F. zu einer Auseinandersetzung gekommen, weil der Ingenieur in der Diskussion über ein Match anderer Meinung war. Der Streit endete damit, daß der 2 5jährige J. B. und der 24jährige O. S. den Ingenieur niederschlugen und, als er bewußtlos zusammenbrach, liegenließen. Frst gegen Mittag wurde ein Arzt geholt, der bei dem Bewußtlosen lebensgefährliche Verletzungen feststellte. F., der Vater von zwölf Kindern ist, ist Mittwoch im Spital Steyr an den Folgen seiner Verletzungen gestorben.“

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau