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Olympische Zukunftsmusik

Genau vier Jahre, bevor in Mün chen 1972 die nächsten Olympische] Scmmerspiede eröffnet werden, umc einen Monat, bevor Mexiko de] Sportlern aus aller Welt die Mög lichkeit zum Wettkampf bietet sprach „Furche“-Mitarbeiter Geori Manhardt in München mit Oberbürgermeister Jochen Vogel, der gleich zeitig auch die Funktion eines Vize-Präsidenten des Organisationskomitees der Spiele 1972 bekleidet.

Eines geht aus dem Gespräch hervor — eventuelle Weltkrisen ausgenommen, werden die Arbeiten termingerecht fertig werden und die Spiele in München hervorragend organisiert abgehalten werden können, und weiters steht fest: München, das schließlich dazu berufen wurde, die nächsten Sommerspiele zu organisieren, hat damit eine Chance erhalten und auch wahrgenommen, zu einer echten Weltsadt In bezug auf Verkehr, Sportstätten und sonstige Bauten zu werden.

„Furche"; „Herr Oberbürgermeister, wir stehen heulte ungefähr vier Jahre vor Beginn der Olympischen Spiele 1972 in München. Noch sind die Olympischen Spiele in Mexiko nicht zu Ende, aber schon eineinhalb Jahre arbeitet das Organisationskomitee in München für 1972. Glauben Sie, daß man sagen kann, daß die Olympischen Spiele 1972 von den Vorbereitungen her gesehen termingemäß abgehalten werden können?“

Vogler: „Ich möchte zuerst einmal die Zuständigkeiten klären: Für das Programm der Olympischen Spiele ist das Organisationskomitee unter Präsident Daume und dem Generalsekretär, Herrn Kunze, zuständig. Ich gehöre dem Organisationskomitee als Vizepräsident an. Dieses Komitee besteht schon seit mehr als zwei Jahren. Es ist im Juli 1966 ins Leben getreten. Der zweite Bereich sind Planung, Bau und Finanzierung der Olympiabauten im engeren Sinn: Stadion, Schwimmhalle, Sporthalle, Radrennbahn und olympisches Dorf, Straßen auf dem Oberwiesenfeld und die Olympialinie der U-Bahn-Verbindung. Das ist die Aufgabe der Olympia-Baugesellschaft m. b. H. In dieser haben sich Bund, Freistaat Bayern und die Stadt München und die übrigen zehn Bundesländer, die auch an der Finanzierung beteiligt sind, vereinigt. Aufsichtsratsvorsitzender ist der Bundesminister für Finanzen, Strauß, er hat zwei Beisitzer: der eine ist der bayrische Finanzminister Pöhner, und der zweite Stellvertreter bin ich.“

„Furche“: „Und die übrigen Bauten in München, wie U-Bahn- Bau…“

Vogel: „Das sind jene Bauten, die eigentlich nicht unmittelbar mit den ‘Olympischen Spielen zu tun haben, die schon im Plan oder Bau vorhanden waren und nur durch die Olympischen Spiele früher oder wesentlich früher fertig werden, als dies ursprünglich geplant war. Sie waren schon begonnen, als wir in Rom die Olympischen Spiele 1972 übertragen erhielten: so die Nord-Süd-U-Bahn, der Ausbau des Altstadtringes unid der Ausbau weiterer Radialstraßen. Dazu gehört auch die S-Bahn der Deutschen Bundesbahn zwischen Hauptbahnhof und Ostbahnhof.“ „Furche“: „Und die Finanzierung sowohl für die Olympiabauten wie auch für diese Sekundärbauten, ist sie gesichert oder sind nur die Gesellschaften vorhanden?“

Vogel: „Wenn Sie nach der Finanzierung fragen, das Organisationskomitee hat gerade dieser Tage seinen Gesaimtfinanzierungsplan dem Vorstand vorgeiegt, und der ist gebilligt worden. Einnahmen und Ausgaben: ungefähr 170 Millionen D-Mark. Hier sind keine- Mittel aus dem öffentlichen Haushalt enthalten, das Olympische Komitee muß seine Ausgaben aus dem Kartenverkauf, mit den üblichen Spenden, Rundfunkrechten, Einnahmen aus der olympischen Briefmarke und dergleichen bestreiten.“

„Furche“: „Gibt es Ausfallsihaf- tungen des Bundes und dergleichen ?’ Vogel: „Ausfallshaftungen sind natürlich vorgesehen. Bund, Land und Stadt stehen als Garanten zur Verfügung, wenn die Einnahmen oder Ausgaben sich anders entwik- keln sollten, als das Olympische Komitee dies erwartet.“

„Furche“: „ … und die Olympia- Baugesellschaft …“

Vogel: „ .. .hat ein Ausgabevolumen von rund 800 Millionen D-Mark. Hier sind Sonderfinanzierungen vorgesehen, wie Olympialotterie — die zwischen 200 und 250 Millionen D-Mark erbringen wird —, dann ein 10-Mark-Stück, das jetzt eigens für diesen Zweck als Währungseinheit herausgebracht wird, in einer Auflage von 10 Millionen Stück geprägt. Der Münzgewinn pro Münze dürfte etwa 7,5 D-Mark betragen, das sind also weitere 75 Millionen D-Mark. Der Rest wird vom Bund, vom Land Bayern und von der Landeshauptstadt zu je einem Drittel aufgebracht.“ „Furche“: „Herr Oberbürgermeister, es dürfte Ihnen bekannt sein, daß man in Wien in progressiven Kreisen der Tatsache nachtrauert, daß Wien nicht die Olympischen Spiele bekommen hat, weil diese Tatsache vielleicht noch die letzte Möglichkeit gewesen wäre, schneller zu einer modernen Stadt zu werden. Wird man in München diese Chance wahmehmen, und wird München durch die Olympischen Spiele schneller, als dies sonst der Fall gewesen wäre, zu einer wirklich modernen Stadt?“

Vogel: „Ein endgültiges Urteil wird man 1972 fällen können. Wenn alles fertig ist. Wir haben drei Motive für unsere Bewerbung, und bisher ist unsere Rechnung voll aufgegangen. Erstes Motiv: Wir glauben, daß die olympische Idee vernünftig ist, und wir glauben, daß man in München für diese Idee Besonderes tun kann. Zweites Motiv: Wir sind sehr nüchterne Rechner und haben uns natürlich Aufwand und Ertrag in Form einer Bilanz gegenübergestellt. Drittes Motiv ist, daß München mit Hilfe der Olympischen Spiele zu Einrichtungen kommt, zu denen es sonst wahrscheinlich nicht gekommen wäre. Ich denke an die Umwandlung des Oberwiesenfeld.es, einer bisher weitgehend ungenützten Schutthalde, in ein modernes Sportfeld und Sportzentrum und daß in München auch andere Einrichtungen noch zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt geschaffen werden.“

„Furche“: „Auch die U-Bahn-Bau- ten…“

Vogel: „Auch die U-Bahn-Ba-uten haben sich zeitlich beschleunigt, die S-Bahn hatte eine Bauzeit von zehn bis zwölf Jahren, jetzt entsteht sie in nicht ganz der Hälfte, aber auch finanziell gibt .es dajaej einen Vorteil, denn Bund und Land helfen dabei in einer Weise, wie sie es vielleicht sonst nicht getan hätten.“

„Furche“: „Und sonstige - Überlegungen?“

Vogel: „Natürlich, dazu kommt noch der Fremdenverkehr, denn wenn die Olympischen Spiele ein Erfolg sind,. ist dies eine Werbung, die sich auf 30 bis 40 Jahre hinaus bemerkbar machen kann.“

„Furche“: „Und das Straßennetz und die Straßenbauten, was wird hier geschehen?“

Vogel: „Auch hier werden Ausbauten im breitesten Umfang durchgeführt, zum Beispiel der Altstadtring, womit wir die innerste Altstadt in einen Fußgängerbereich verwandeln können, und Ausbauten von Radialstraßen.“

„Furche“: „Das Straßennetz Münchens wird also gut vorbereitet sein. Aber wird man nicht bei der Einfahrt nach München auf den heute bereits in den Sommermonaten überbelasteten Autobahnen steckenbleiben?“

Vogel: „Der Ausbau der Lindauer Autobahn wird hier zweifellos helfen, zuzugeben ist aber, daß es vor allem auf der Salzburger Autobahn hin und wieder zu Spitzenb’elastun- gen kommt. Aber das dürfte nicht ins Gewicht fallen.“

„Furche“: „Wie werden außerdem die Olympischen Spiele sich auf das Stadtbild Münchens auswirken? Werden für die Spiele zum Beispiel spezielle Wohnsiedlungen, wie das in anderen Städten der Fall war, geplant?“

Vogel: „Das geschieht nicht. Wir haben das olympische Dorf mit dem Frauenteil, der später eine Studentenstadt werden soll, und dem Männerteil mit 1800 Wohnungen, die später als normale Wohnungen zur Verfügung stehen, und den Pressewohnungen, ie später als Sozialwohnungen benützt werden.“ „Furche“: „Und sonstige Auswirkungen?“

Vogel: „In zwei" Richtungen werden die Olympischen Spiele noch bauliche Auswirkungen haben: Auf dem Hotelsektor sollen im Rahmen der Spielregeln der freien Marktwirtschaft in München bis 1972 zwei bis drei Hotels entstehen. Die Zahl der Betten in den oberen Preisklassen wird sich damit um 1500 bis 1800 erhöhen. Außerdem hat das Baureferat ein sogenanntes „Schandfleck-Programm entwickelt, wonach bauliche Unansehnlichkeiten in der Stadt München bis 1972 beseitigt werden sollen.“

„Furche“: „Man wird also 1972 in München oder in umliegenden Gemeinden ein Quartier bekommen?“ Vogel: „Gewiß, München wird in Zusammenarbeit mit den oberbayerischen Gemeinden, aber auch mit Salzburg und Tirol das Hotelproblem lösen können, denn das Einzugsgebiet erstreckt sich ja bis dorthin. Nur das Bettenangebot in der Spitzenklasse, also die Qualität, muß erweitert werden,“

„Furche": „Fürchten Sie, daß im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen nicht München starke Preissteigerungen erleiden Wird, oder hat man hier jetzt schon einen Riegel vorgeschoben?“

Vogel: „Gesetzliche Maßnahmen gibt es nicht. Aber die Münchner Gastronomie und Hotellerie sind ja nicht das erste Mal derartigen Versuchungen ausgesetzt. Wenn sie es wollte, wäre das Oktoberfest mit sechs Millionen Besuchern eine viel größere Versuchung. Unsere Hotellerie weiß, daß es die beste Werbung für die Zukunft ist, wenn man sich bei den Olympischen Spielen mit den Preisen vernünftig zurückhält.“ „Furche": „Die Olympischen Spiele fallen gerade in eine Zeit, da München sonst Theaterferien hat. Wird man sich bemühen, dem Besucher Münchens in dieser Zeit trotzdem ein Kulturprogramm zur Verfügung zu stellen?“

Vogel: ‘„Die Staatsbühnen wie auch die übrigen Bühnen werden natürlich spielen. Wir wollen überhaupt darnach trachten, in München zwischen dem sportlichen Teil und dem kulturellen Teil eine gewisse Ausgewogenheit herzustellen. Auch Gastspiele von internationalen Bühnen, Ballett- und Konzertensemibles werden eingeladen. Es wird also keine Theaterferien geben, denn das wäre ja fast ein Schildbürgerstreich,“ „Furche“: „Man wird also in München wieder versuchen, den antiken olympischen Gedanken, wo Kunst und Sport eine Einheit waren, herzustellen?“

Vogel: „Auch in dieser Richtung gibt es Überlegungen, so für ein Spiel nach der Eröffnungsfeier im olympischen Stadion. Es gibt aber auch Überlegungen, daß man den Sportlern die Möglichkeit bietet, an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen. Wir: wollen uns auf jeden Fall auf diesem Gebiet etwas Besonderes einfallen lassen.“

„Furche“: „Und ist dafür Sorge getragen, daß auch die Münchner beziehungsweise die Bayern selbst etwas von den Sportveranstaltungen zu sehen bekommen — werden die Münchner zu Karten kommen?“ Vogel: .„Es ist natürlich unser Bestreben, daß die Kartenkontingente gerecht verteilt werden. Das ist aber nicht nur eine Frage der Karten Zuteilung, sondern auch der Preisbemessung. Da ist eine Vorentscheidung gefallen: Wir haben die Preise fesitgelegt, uod daraus zeigt sich, daß die Eröffnungs- und Schluß Veranstaltung zwar dm Vergleich mit früheren Olympischen Spielen kartenmäßig teuer sind, daß aber die Fülle der sonstigen Veranstaltungen im erschwinglichen Rahmen bleibt. Man wird für fünf bis sieben Mark schon zu reizvollen Veranstaltungen kommen können. Im ganzen rechnen wir, daß rund drei Millionen Karten verkauft werden.“

„Furche": „Auch die Jugend wird als® die Möglichkeit haben?“

Vogel: „Ja, wir werden ein Jugendlager mit zirka 3500 Plätzen haben und auch sonst Maßnahmen treffen, daß die Olympiade der Jugend offensteht.“

„Furche“: „Und wird alles fertig werden?“

Vogel: „Wir haben derzeit überall einen Vorsprung vor den Terminbauplänen. Die stärkste Triebfeder aber ist bei solchen Veranstaltungen die Angst vor der Blamage, und die kann sich keine Stadt leisten — auch München nicht.“

„Furche“: „Sie hoffen also nur noch, daß es 1972 in München ruhigere Zeiten gibt als derzeit in Mexiko.“

Vogel: „Wir haben zwar eine politisch engagierte Jugend und auch Demonstrationen, aber wir haben zur Sorge in dieser Richtung trotzdem keinen Anlaß.“

„Furche“: „Herr Oberbürgermeister, wir danken für dieses Gespräch.“

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