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Radikale Option für das Volk

Der orthodoxen Kirche ist die Idee der Trennung von Kirche und Staat weitgehend fremd. Das ideale orthodoxe Gemeinwesen hat vielmehr zwei Oberhäupter, ein geistliches und ein weltliches, die einander ergänzen oder korrigieren. Wo die nationale Selbständigkeit verloren ging, blieb vielfach die orthodoxe Kirche als Wahrerin der Tradition eines Volkes. In manchen Fällen spielt sie auch eine führende Rolle im Freiheitskampf. So führte Erzbischof Makarios die zypriotische Unabhängigkeitsbewegung nach dem II. Weltkrieg und wurde erster Präsident des neuen Staates.

Exemplarisch seien drei orthodoxe Landeskirchen dargestellt, von denen in zweien der Nationalismus eine wesentliche Rolle spielt.

Das Verhalten der serbisch-orthodoxen Kirche im gegenwärtigen Krieg ist geprägt von einer entschiedenen Option für das serbische Volk. Sie sieht sich als Hüterin der serbischen Nation und beurteilt die jugoslawische wie auch die internationale Politik danach, inwieweit sie dem serbischen Volk nützt. So be grüßte sie 1986 den Aufstieg Milosevics mit dessen nationalistischen Vorstellungen, distanzierte sich aber im Jänner 1992 von seiner Regierung. Das serbische Volk sei Opfer kommunistischer Tyrannei, hieß es im Mai darauf. Wiederholt betonte die serbisch-orthodoxe Kirche ihre Überzeugung, alle serbischen Gebiete sollten zu einem Staat vereinigt werden, lehnte aber — mit einzelnen Ausnahmen — eine gewaltsame Durchsetzung dieser Forderung ab. Patriarch Pavle meinte im November 1993, er wünsche sich ein Großserbien, wenn es aber nur unter solchen Opfern erreicht werden könne, lehne er auch ein Kleinserbien ab.

RADIKALER NATIONALISMUS

In die Konzeption der radikalen Option für das serbische Volk paßt auch die Ablehnung des Embargos gegen Restjugoslawien mit Verweis darauf, daß es nicht die Machthaber treffe, aber auch die Auffassung Bischof Krstics, daß es im Sinn der serbischen Sache ein Recht zu töten gäbe (Prag 1992), die Bitte von vier serbischen Bischöfen an Rußland, mi litärische Hilfe zu schicken (April 1993) und der Besuch von Patriarch Pavle bei Karadzic nach Verhängung des jugoslawischen Embargos gegen die bosnischen Serben.

In Griechenland sind orthodoxe Kirche und Staat eng verflochten. Die Regierung wird vom Athener Erzbischof vereidigt, der Klerus vom Staat besoldet. Im Dezember 1992 warnte Erzbischof Seraphim von Athen vor einer Bedrohung Griechenlands durch die Republik Mazedonien und verwies darauf, daß die griechische Minderheit in Südalbanien bedroht sei. Radikaler noch ist ein von der orthodoxen Kirche betriebener Sender in Kontisa an der albanischen Grenze: Mehrmals täglich fordert er den Anschluß des (von einer griechischen Minderheit bewohnten) Nordepirus in Südalbanien an das griechische „Mutterland“.

Das größte orthodoxe Patriarchat zeigte in den letzten Jahren wenig nationalistische Bestrebungen. Dies wäre dem Einfluß des Moskauer Patriarchats abträglich. Die Grenzziehung nach ethnischen Kriterien hätte einen Zerfall Rußlands in unzählige Kleinstaaten zur Folge. Jede$ dieser Staaten hätte nach orthodo xem Recht Anspruch auf eine eigene, autokephale Kirche. So waren auch die Versöhnungsaufrufe und die Vermittlungsversuche von Patriarch Alexej zwischen Jelzin und dem Parlament im Oktober 1993 geprägt von der Sorge des Zerfalls des russischen Staates.

Innerhalb der russischen Orthodoxie finden sich allerdings auch Vorstellungen, die bisweilen als Nationalismus bezeichnet werden, mit westlichen Vorstellungen von Nationalis mus jedoch wenig gemein haben. Es handelt sich um eine Idealisierung des Zusammenlebens der Völker in der Ex-Sowjetunion, die durch die Orthodoxie verbunden sind (eine Form des Evrazijstovo, Eurasismus, wobei der Islam oft ignoriert wird.) Vom westlichen Nationalismus unterscheidet sich dieser Eurasismus dadurch, daß er nicht gemeinsame Sprache und Kultur, sondern die Verbindung durch das Zusammenleben auf dem gemeinsamen Boden betont.

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