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Randhemerhungen zur woche

AUF ALLEN ÖSTERREICHISCHEN HOCHSCHULEN wird es jetzt lebendig. Die Studenten rüsten für den 24. Jänner zur Wahl einer neuen Standesvertretung, mit der sie in den nächsten zwei Jahren Ihre Wünsche und Forderungen gegenüber den akademischen Behörden, dem Unterrichtsministerium und der breiten Öffentlichkeit durchfechten wollen. Studentenwahlen stehen am Rande — schon gar in einer Zeit, wo eine andere Wahl die Aufmerksamkeit auf sich zieht, von den Schatten der internationalen Politik ganz zu schweigen. Trotzdem verdient auch der Urnengang einiger tausend österreichischer Jungakademiker Beachtung. Ein Blick auf das Barometer lohnt sich: wo hält die junge akademische Generation? Gerade dieses Mal kann dieser Blick doppelt aufschlußreich sein. Die „Kriegsgeneration“ hat die Hochschulen beinahe vollzählig passiert, neue, junge Jahrgänge rücken nach. Welche Ideen bringen sie, mit welchen Vorstellungen gehen sie an Ihr Studium und Ins Leben? Um so deutlicher kann dies sich zeigen, als kurz vor Ende der letzten Session der Natlonalrat ein neues Hochschülerschaftsgesetz verabschiedet hat, das eine sehr freizügige Wahlordnung vorsieht. Außer den beinahe schon traditionellen Studentengruppen der letzten Jahre ist es nun jeder Vereinigung und sogar einzelnen Studenten, die dreißig Unterschriften aufbringen, möglich, eine Kandidatur anzumelden. Bereits jetzt ist jedoch zu erkennen, daß von dieser Möglichkeit nur an wenigen Fakultäten und Hochschulen, und selbst da nur in sehr geringem Umfang, Gebrauch gemacht wurde. Vielleicht trägt dazu auch bei, daß gerade jene Gruppe, der bisher die österreichische Studentenschaft immer wieder mit großer Mehrheit ihr Vertrauen ausgesprochen hat, diesmal einen entscheidenden-Schritt tut. Ein in den Hörsälen oft gehörter Wunsch wird erfüllt: Fragen der Hochschule und der Hochschüler sollen Tages- und Parteipolitik unter den Studenten in den Hintergrund drängen. Bei voller Wahrung der Grundsätze werden die ureigensten Anliegen des Studenten von heute, die Forderung nach Anpassung der österreichischen Hochschulen an die Aufgaben der Zeit, Vorschläge zur Behebung der sozialen Not des Akademikers stärker als bisher zum Programm gemacht. Dies scheint ein guter Weg; er muß So konsequent verfolgt werden, wie er mit Mut zu Neuem begonnen wird.

DIE „INTERNATIONALE MUSIKOLYMPIADE“ in Salzburg, deren Auftreten in der Öffentlichkeit schon mehr Mißtöne begleiteten, als es den Intentionen ihrer Gründer entsprechen mochte, scheint also knapp vor dem finanziellen und geistigen Zusammenbruch zu stehen. Ihre Organisation — soweit man von einer solchen sprechen kann — besitzt kein Geld mehr und hat auch keines zu erwarten; das deutet nicht auf streng gehandhabte Sparsamkeit, denn das Unternehmen verfügte in dem einen Jahr seiner Betriebsamkeit immerhin über ein Kapital von fast einer Million Schilling. Die erstaunlichen Ziffern allerdings, die man für Personalkosten, Spesenaufwand, Repräsentationsausgaben und das Defizit der mit übertriebenem Aufwand ausgestatteten Olympia-Zeitschrift nennen hört, machen den Kapitalschwund begreiflich. Es kam, wie man befürchtete: den ausgegebenen Summen stehen keine sichtbaren Erfolge gegenüber — mari wollte denn von jenem Grundstein für ein „Haus der Musikolympiade“ absehen, der an eine Stelle gelegt wurde, auf der niemals ein Gebäude stehen wird. Kein Wunder also, daß selbst eifrige Fürsprecher dieses Projekts von der Musikolymplade öffentlich abrücken; kein Mirakel auch, daß das Finanzministerium nunmehr eine Überprüfung der Geschäftsgebarung der „Internationalen Musikfeste AG“ — wie das Betriebsunternehmen der Olympiade heißt — angeordnet hat; handelt es sich doch schließlich um Gelder aus Bundes- und Landesmitteln, die da ohne rechten Effekt verbraucht wurden. — Wie man vernimmt, soll jetzt, gleichsam als letzte Rettungsaktion, die „Musikfeste-AG“ in eine „Verwertungs-GmbH“ umgewandelt werden, der man alle vorhandenen Rechte und Werte regelrecht verpachten will, was gewiß einzigartig ist, denn die Werte der Musikolympiade bestehen ja eigentlich nur in der Idee der Musikolymplade. Die „Furche“ ist dieser Idee von Anfang an mit einer Skepsis gegenübergestanden, die sich bis jetzt als leider nur allzu berechtigt erwiesen hat. Es scheint, daß sie auch angesichts dieses Rettungsversuches in letzter Minute durchaus am Platze ist.

BEI DER VERTEILUNG DER KULTURGROSCHENBETRÄGE im Jahre 1951 wir* neben lehr begrüßenswerten anderen Zuwendungen — etwa an die Wiener Symaußerordentlich bevorzugt. Wicht weniger als fünfzig Prozent der anfallenden Beträge werden Ihm zugute kommen — wobei man ernstlich hoffen möchte, daß man endlich auch wirklich nur jene Theater unterstützen wird, die diese Zuwendungen nicht als eine Art von Lebensrinte, sondern als Kapital beatrachten, aus dem man möglichst hohe kulturelle Zinsen herausschlagen sollte. Neben diesen fünfzig wirken die bescheidenen fünf Prozent, mit denen mader österreichischen Literatur auf die Beine helfen möchte, recht karg. Auch sie wären noch erfreulich, wenn sie in entsprechender Weise Verwendung fänden — etwa für den Druck bedeutender Werke, die den Verlegern kommerzielle Verlegenheit beretten oder für die Unterstützung schwer ringender Uterarischer Editionen. Statt dessen aber soll ein weiterer Literaturpreis ausgesetzt und eine neue Zeitschrift gegründet werden... Nun, Literaturpreise mögen ihr Gutes haben, aber erstens fehlt es an ihnen ohnehin nicht und zweitens dienen sie ja gewöhnlich weniger der Förderung und Unterstützung zu Unrecht unbekannter als der Anerkennung und öffentlichen Belobigung schon arrivierter Literaten. Und was die Zeitschrift betrifft, so wurde für sie schon jetzt ein prominenter sozialistischer Schriftsteller als Chefredakteur- nominiert ...

DER WIENER WESTBAHNHOF— ALLE ACHTUNG! Betonpfeiler, Elsenstreben, Ziegelmauern schießen in einem Tempo aus dem Boden, das wahrhaftig nicht weniger amerikanisch ist, als es die ERP-Gelder sind, die da den Österreichischen Bundesbahnen einen nach allen Regeln zeltgemäßer Architektur und mit allen Schikanen moderner Verkehrstechnik ausgestatteten Bahnhof verschaffen. Kein Zweifel, man kann sich auf dem Bauplatz nächst der Marlahllfer Straße — sehr im Gegensatz zu manchen anderen öffentlichen Baustellen — eine ausgiebige Lektion über offenbar gleichfalls importierte Baubeschleunlgungs-und Ratlonallslerungsmögllchkelten im Bauwesen holen. Nun aber scheint irgendeine zuständige Stelle die rationelle und funktionelle Seite des neuen Baues aus geheimnisvollen Gründen als unrepräsentatln empfunden zu haben. Wäre sie sonst auf den Einfall gekommen, die Innenwände des Gebäudes mit — geschliffenem Marmor zu verkleiden? Mit einem Material also, das, wie man hört, runde 4 Millionen Schilling' kosten wird! Wir denken, daß es ein weißer Verputz zu durchschnittlichem Preis auch getan hätte. Reisende wollen in einem Bahnhof schnell und umweglos Züge, Fahrkartenschalter und Gepäcksabgabestellen erreichen. Zu alledem aber ist nicht unbedingt die feierliche Pracht eines Parthenons notwendig.

DAS PROBLEM DEUTSCHLAND droht immer mehr zum Weltproblem Nummer Eins innerhalb der globalen Ost-West-Spannung aufzurücken. Nachdem sich aus der Reihe der seit 1945 gemachten Fehler mit zwingender Notwendigkeit die gegenwärtige, reichlich verfahrene, für die ehemaligen „Alliierten“ wie für die Deutschen gleich unangenehme Situation ergeben hat, versucht man jetzt auf internationaler — durch die geplante Viererkonferenz — wie auf deutscher Ebene — durch den Brief Grotewohls an Adenauer und zahlreiche parallele Bemühungen — eine Lösung. Deutlich zeigt sich dabei auf der Seite des Ostens als treibende Kraft der Wunsch, durch Verhandlungen die Aufrüstung Westdeutschlands zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern. So erscheint es verständlich, daß starke Kräfte im Westen die Verhandlungsbemühungen von vornherein als Täuschungs- und Propagandamanöver ablehnen. Die deutsche Sozialdemokratie unter Dr. Schumachers Führung wie auch die herrschende Richtung In der amerikanischen Außenpolitik vertreten mit guten Gründen und folgerichtigen Argumenten diesen Standpunkt. Aber das ostasiatische Beispiel, wo man den bereits ausgebrochenen bewaffneten Konflikt doch noch immer durch Vermittlungsversuche einzudämmen hofft„ zeigt, daß es heute kaum eine Situation gibt, In der man von vornherein auf Ver-. handlungen verzichten kann. Im Osten versucht man noch immer zu verhandeln, obwohl bereits seit Monaten die Waffen sprechen. Um wieviel mehr muß man nicht daher In Europa jede, auch die problematischeste Verhandlungsmöglichkeit ausnützen, um doch noch zu etoem Übereinkommen zu gelangen.

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