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Reform der Kirche — ein Linksruck?

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Der 1. März 1970 hat — abgesehen vom Wahlergebnis — auch sein Gutes gehabt. Die Erringung der relativen Mehrheit durch die SPÖ machte nicht nur so manchen Sozialisten, sondern auch eine ganze Anzahl jener, die der Linken zum Erfolg verholten haben, gesprächig.

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Der 1. März 1970 hat — abgesehen vom Wahlergebnis — auch sein Gutes gehabt. Die Erringung der relativen Mehrheit durch die SPÖ machte nicht nur so manchen Sozialisten, sondern auch eine ganze Anzahl jener, die der Linken zum Erfolg verholten haben, gesprächig.

Jetzt kann es niemand mehr abstreiten: Hinter so manchen progressistischen Reformbestrebungen in der Kirche stehen öfter nicht religiöse Motive, sondern politische Zielsetzungen. Die permanenten Versuche, nicht nur die Organisationsform der katholischen Kirche, sondern auch ihren Glaubensinhalt in Frage zu stellen, dienen vorwiegend dem Zweck, den ideologischen Boden aufzuackern, damit politische Saat darauf gedeihen könne.

Was die Linken aller Schattierungen jahrzehntelang mit Entschiedenheit bekämpft haben, nämlich den Mißbrauch der Religion beziehungsweise der Kirche für politische Zwecke, feiert fröhliche Urständ — allerdings unter geänderten Vorzeichen: Die parteipolitische Neutralität der Kirche soll in eine aktive Mithilfe für die Einzementierung einer sozialistischen Mehrheit „umfunktioniert“ werden, um eines der häßlichsten, in der letzten Zeit aber sehr gängigen Worte zu gebrauchen. Dies offen festzustellen, hat nichts mit Verdächtigungen und Unterstellungen zu tun — es bedeutet nichts anderes, als die Dinge beim richtigen Namen zu nennen.

Der Chefredakteur der „Wiener Kirchenzeitung“, Walter Raming, interpretierte den Erfolg der SPÖ am 1. März 1970 als ersten entscheidenden Sieg der Linkskatholiken in Österreich. Daß er nicht übertrieb, dafür liefern die Betroffenen selbst die Beweise.

So schrieb Dr. Günther Nenning in seiner Analyse der Nationalratswahl im „Neuen Forum“ folgende offenherzige Feststellungen: „Die Sozialdemokratie siegte, nicht Kreisky. Er war nur Blockadebrecher. Innerhalb des bestehenden kapitalistischen Systems ist die Sozialdemokratie die potentiell beste Interessenvertretung der Lohn- und Gehaltsabhängigen. Je stärker diese Schichten durch die Industrialisierung werden, desto stärker wird potentiell die Sozialdemokratie. Doch wird deren Durchbruch zur Mehrheit blockiert durch spezifische (und spezifisch genährte) Ängste, die Sozialdemokratie sei in Wahrheit totalitär-kommunistisch, antiklerikal, antireligiös, antichristlich. Otto Bauer prophezeite 1927 das Ende der bürgerlich-konservativen Herrschaft, sobald das Bündnis zwischen Kapitalismus und Klerikalismus in Österreich gebrochen sei. 43 Jahre später hat dies Kreisky geleistet.“ Das also steckt in Wahrheit hinter den bis zum Exzeß forcierten „Dialogen“ zwischen Christen und marxistischen oder nichtmarxistischen Linken: Den Sozialisten den Durchbruch zur Mehrheit zu ermöglichen.

Wäre es nur Dr. Nenning, der — mit viel Geschick — die Rolle des Trojanischen (richtiger, weil ohne Beigeschmack, müßte man sagen: des sozialistischen) Pferdes im österreichischen Katholizismus spielt, könnte man zur Tagesordnung übergehen. Aber eine Untugend unserer Zeit kommt ihm zugute: Die Tendenz der Massenmedien, sich mit Wollust auf das Ausgefallene, und sei es noch so exzentrisch, zu stürzen. Dr. Nenning durfte seinerzeit eines lebhaften Echos sicher sein, als er, „der Sozialist mit Leib und Seele“, in einer Art und in einer Diktion, deren sich kaum jemals ein niöhtsozialistischer Journalist bediente, zuerst Pittermann und Genossen, später auch Kreisky fertigzumachen versuchte. Und ebenso durfte er auf ausführliche Zitierungen, Kommentare und seiner Person gewidmete Leitartikel rechnen, als er sich nach der Aussöhnung mit Dr. Kreisky ein neues Betätigungsfeld suchte: den Katholiken weiszumachen, daß die Marxisten eigentlich die besten Christen seien. Aber, wie bereits gesagt: es ging gar nicht so sehr darum, einen echten Dialog zwischen Sozialismus und Christentum in die Wege zu leiten, als darum, den Durchbruch der SPÖ zur Mehrheit vorzubereiten. Dies ist einer der Hintergründe der sogenannten Diskussionsbereitschaft: der Dialog zwischen den Gegnern von gestern war nicht immer als ein echtes Gespräch gedacht, als die Bereitschaft beider Seiten, überholte Standpunkte abzubauen, sondern nur zu oft als ein taktisches Manöver, dazu bestimmt, den Sozialisten neue Anhänger zu gewinnen. *

Wäre es also nur Dr. Nenning, der die katholischen Geschäfte der Sozialisten besorgt, so könnte man zur Tagesordnung übergehen. Es gibt aber Nennings verschiedenster Art. Man trifft sie in den Massenmedien an, in katholischen Organisationen und Institutionen, ja selbst in offiziellen kirchlichen Funktionen und vereinzelt auch im Klerus. Ihr gängigstes Schlagwort ist die sogenannte Äquidistanz der Kirche zu den politischen Parteien. Was diese Linkskatholiken darunter verstehen, ist aber alles eher als eine echte Äquidistanz. Sie stöhnen zwar auf, wenn auch nur im entferntesten der Eindruck entstehen könnte, die Kirche halte es mit der Volkspartei oder etwa gar mit konservativen Gruppen, aber sie haben nicht das mindeste dagegen, daß Kirche und politischer Sozialismus immer wieder in Zusammenhang gebracht werden. Das ist eine Unaufrichtigkeit derer, die angeblich so sehr darauf bedacht sind, daß die Kanzel nicht mehr als politisches Rednerpult mißbraucht werde und daß die Pfarrämter nicht wieder zu Dienststellen einer Partei würden: Sie haben nichts dagegen — und sie tun alles, um diesen Eindruck zu erwecken und ihn ständig zu verstärken —, daß der Sozialismus den ganz besonderen Segen der Kirche habe.

Die offizielle Kirche aber — auch das muß einmal gesagt werden — würde nicht gegen die von ihr freiwillig übernommene parteipolitische Neutralität verstoßen, wenn sie endlich diesen Mißbrauch aufzeigte und ohne Verklausulierungen verurteilte. Mit diesen Feststellungen — das sei ausdrücklich festgehalten — soll nicht einer neuerlichen Verquickung zwischen Religion und Politik, sondern jener echten Äquidistanz der Kirche zu den Parteien das Wort geredet werden.

Wie bereits festgestellt: Es gibt deren nicht wenige, die sich — zum Teil bewußt, zum Teil auch unbewußt — dazu hergeben, diesem Mißbrauch der Kirche Vorschub zu leisten, nicht wenige, die, obwohl selbst Katholiken, nicht davor zurückscheuen, an der Verwirrung der Begriffe aktiv mitzuhelfen. Was soll man beispielsweise davon halten, wenn im Fernsehen immer dann, wenn es vorwiegend um religiös-kirchliche Probleme geht, fast nur Exponenten des linksgetrimmten Katholizismus zu Worte kommen?

Was soll man schließlich davon halten, daß ein katholischer Priester es für notwendig fand, einer sozialistischen Zeitung ein ausführliches Interview zu geben — es ist durch ein Bild des Betreffenden im vollen Ornat illustriert —, darin seine recht eigenwilligen Ansichten über das Thema Sexualität kundzutun und obendrein einem Künstler die Stange zu halten, der „einen aufblasbaren Heiligenschein für den Papst“ propagierte?

Man dürfte sich nicht wundern, wenn angesichts solcher Taktiken und Praktiken das einfache Volk Gottes eines Tages irre würde. Aber gerade darauf zielen ja die Progres-sisten vielfach ab: scheinbar ganz abseits der Politik alles in Frage zu stellen, um den Boden für die politischen Agitatoren der Linken zu bereiten.

Aber das hat die Redseligkeit so mancher Sozialisten und ihrer Handlanger kundgetan: Auf sozialistischer Seite besteht keinerlei Bereitschaft, von den eigenen Grundsätzen auch nur einen Deut abzuweichen. Zugegeben: ein Kirchengänger gilt dort nicht mehr a priori als Reaktionär oder als Faschist — aber das ist nicht nur herzlich wenig, das ist letzten Endes gar nichts. Besonders deutlich wird dies, wenn man eine der letzten Ausgaben der „Zukunft“, des theoretischen Organs der SPÖ, aufmerksam bis zu Ende liest. Da besteht dann kein Zweifel mehr, was der Sozialismus — auch die SPÖ — als Preis seiner Dia-logbereitschaift verlangt: den totalen Selbstverzicht, die bedingungslose Selbstaufgabe. An dieser harten Wahrheit vermag auch die Tatsache nichts zu ändern, daß der erwähnte Artikel im theoretischen Organ der SPÖ von Anton Pelinka gezeichnet ist, der sich zu den katholischen Journalisten zählt. Wörtlich steht da zu lesen:

„Dem neuen politischen Selbstverständnis der Kirche entspricht die Rolle des über den Parteien stehenden nationalen Gewissens. Die Kirche will, jenseits der Interessen und Ideologien, den nationalen Konsensus betonen, das allen Gemeinsame vertreten, im Widerstreit der Parteiungen den Zusammenhalt betonen. Dieses politische Rollenverständnis, so progressiv es vielleicht sein mag, muß aber unglaubwürdig bleiben, wenn die Kirche in ihren inneren Strukturen an einem Entwicklungsstand haltmachen will, den die Gesellschaft schon vor hundert Jahren überschritten hat, wenn sich die Kirche als Lehrmeisterin den Parteien gegenüber aufspielt, ohne innerlich, als Organisation, so weit zu sein, wie es die Parteien schon seit Jahrzehnten sind.“ Und damit jeder weiß, was damit wirklich gemeint ist, heißt es dann weiter ohne alle Schönfärberei: „Will die Kirche in Österreich in die Rolle eines .Gewissens der Nation' glaubwürdig hineinwachsen, dann muß sie mehr machen, als die Reste des alten Integralismus abstreifen; dann muß sie den Entwicklungsprozeß nachvollziehen, den die moderne Industriegesellschaft vor eineinhalb Jahrhunderten begonnen hat; dann muß die Kirche die Grund- und Freiheitsrechte im eigenen Bereich zu respektieren beginnen: Die Freiheit der Meinung auch für die innerkirchliche Opposition; die Freiheit der Presse auch für die innerkirchliche Kritik; die Freiheit der Wissenschaft auch für die theologischen Fakultäten.

Was soll der Dialog mit orthodoxen Patriarchen, wenn der innerkirchliche Dialog über den Zölibat nicht mehr stattfinden darf; was soll das Eintreten für die Freiheit in anderen Kontinenten, wenn innerhalb der Kirche die Meinungsfreiheit bei Fernsehfilmen endet, die der Amtskirche mißfallen; was soll die Aufforderung zu Toleranz, wenn auf die Regungen eines innerkirchlichen Pluralismus intolerant reagiert wird? Wenn die Kirche Gewissen der Gesellschaft sein will, dann hat sie zunächst von der Gesellschaft noch einiges zu lernen.“

Hat man nicht vieles von dem, was in der „Zukunft“ schwarz auf weiß abgedruckt ist, schon anderswo gelesen?

Ja, richtig! Und zwar im sogenannten „Blauheft“, der offiziellen Vorlage für die zweite Session der Wiener Synode, genauer im Kapitel über die Massenmedien. Damit schließt sich der Kreis. So manches von dem, was in der Kirche als „Reform“ verkauft werden soll, findet sich im theoretischen Organ der SPÖ als politische Forderung an die Kirche wieder.

Man muß es stets von neuem feststellen: Die Kirche soll durch den „Fortschritt“ der Infiltration durch die politische Linke schutzlos ausgeliefert werden. Aus eben diesem Grunde ist auch Universitätsprofessor Alexander Dordett dafür zu danken, daß er kürzlich in der „Furche“ (Nr. 13 vom 28. März 1970) die Intrigen aufgedeckt hat, die im Zusammenhang mit der Synodenvorlage, betreffend die pastoralen Leitungsgremien, gesponnen wurden. Eine klare Weisung der Synode wurde da vom kompetenten Arbeitsausschuß glattweg mißachtet. Der Text, der ebenfalls im „Blauheft“ enthalten ist, darf als typisch für die — freilich nicht offen ausgesprochenen — Absichten gelten, die von gewissen Kreisen verfolgt werden. Würde die Vorlage in der Form angenommen, in der sie jetzt vorliegt, dann würde es nicht mehr lange dauern, bis sich in den „Leitungsgremien“ auf Pfarr-, Dekanats- und Diözesanebene Nenning und Konsorten einnisten und den Kurs der Kirche bestimmen. Dann wären wir glücklich dort, wohin wir angeblich nicht kommen sollen: daß nämlich die Pfarrämter und die kirchlichen Dienststellen ausführende Organe einer Parteizentrale würden — diesmal freilich der sozialistischen.

Walter Raming hatte durchaus recht, als er in einer Artikelserie vor der Unterwanderung der Kirche durch die Linke warnte. Die Betroffenen hören's freilich nicht gerne, denn sie operieren lieber hinter einem dichten Nebelvorhang.

Glücklicherweise beginnen sich die Nebel zu lichten, Was anfangs manchen wie ein echtes Bemühen um eine Erneuerung der Kirche erschienen sein mag, entpuppt sich immer deutlicher als politisches Konzept. Je deutlicher jedoch die Absichten werden, desto entschiedener wird auch die Abwehr. Alexander Dordett hat es unmißverständlich formuliert und dabei vielen aus dem Herzen gesprochen: „Der Großteil der Synodalen muß es als peinlich empfinden, daß unter dem Deckmantel von Dialog, Pluralismus und Demokratie die Redlichkeit angetastet wird.“ Aber noch ist es nicht zu spät. Was wirklich gespielt wird, liegt jetzt klar zutage. Es heißt bei Gott nicht, gegen das Prinzip der Brüderlichkeit verstoßen, wenn man zu entschiedener Abwehr der Versuche aufruft, die Kirche unter dem Vorwand, sie der heutigen Zeit anzupassen, dem politischen Sozialismus auszuliefern. Ein solcher Mißbrauch zu politischen Zwecken wäre um keine Spur besser als das heute so verfemte Bündnis zwischen Thron und Altar. Es gibt genug Möglichkeiten, die Dinge wieder ins rechte Lot zu bringen. Vor allem ist es notwendig, daß all jene zusammenfinden und sich zusammenschließen, denen die Kirche und die Synode zu gut sind, als daß man sie zu einem der ungeheuerlichsten Täuschungsmanöver mißbrauchte.

Das Motto der Wiener Diözesan-synode lautet: „Daß die Gemeinschaft unseres Glaubens wirksam werde.“ ■

Davon ist in den Vorlagen und in den Debatten rund um die Synode allerdings weniger die Rede. Eines ist jedoch sicher: „Demokratisierungsversuche“ in der Kirche, mit ganz bestimmten politischen Absichten, sind nicht der richtige Weg zum angestrebten Ziel. Wer sie forciert, macht jenen die Mauer, welche die wirkliche Erneuerungsbewegung in der Gesamtkirche zu politischen Manipulationen größten Ausmaßes mißbrauchen möchten. An dieser Stelle stand bereits einmal zu lesen: Auch in Österreich ist die Kirche der Zukunft nicht eine Kirche mit Linksdrall. Man müßte diese Feststellung um eine weitere ergänzen: Die Kirche der Zukunft kann auch nicht eine Kirche sein, die wie ein Verein oder eine politische Parte organisiert ist. Käme es dazu, dann hätten jene ihr Ziel erreicht, die unter kirchlichen Reformen einen politischen Linksruck verstehen.

Das wäre der Anfang vom Ende.

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