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Reservierte Liebesgrüße aus Moskau

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Das religiöse Leben in Rußland wächst wieder, die Skepsis der Orthodoxen gegenüber Ökumene auch. Osterreichische Journalisten konnten sich davon an Ort und Stelle überzeugen.

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Das religiöse Leben in Rußland wächst wieder, die Skepsis der Orthodoxen gegenüber Ökumene auch. Osterreichische Journalisten konnten sich davon an Ort und Stelle überzeugen.

Die Baustelle im Zentrum der Neun-Millionen-Stadt Moskau mit den hoch aufragenden Kränen ist unübersehbar: Das Gold der großen Kuppel und der Zwiebel -türme springt ins Auge und enthüllt, daß hier, unweit des Kreml, eine neue, riesengroße Kirche entsteht - die Christus-Erlöser-Kathedrale, die noch heuer eingeweiht werden soll.

Ob dieses Gebäude in dieser Größe und an diesem Ort wirklich nötig ist, mag man bezweifeln, die tiefere Begründung für das Bauvorhaben liegt in seiner Symbolkraft. Die Stadt Moskau und die russisch-orthodoxe Kirche wollen hier ein Denkmal für einen Neuaufbruch setzen, zu dessen vollem Verständnis man die russische Geschichte kennen muß. Die an der gleichen Stelle nach dem Sieg über Napoleon (1812) errichtete Kathedrale - der die neue möglichst ähneln soll - wurde von den Kommunisten gesprengt und an ihrer Stelle in den dreißiger Jahren ein Schwimmbad gebaut. Nun ist der Kommunismus baden gegangen, und die Beligion steigt wie ein Phönix aus der Asche.

Der Hunger nach Religion, der Zulauf zu Kirchen und größeren Glaubensgemeinschaften, aber auch zu Sekten und esoterischen Randgruppen ist in Rußland groß. Wie groß, das traut sich keiner in Zahlen zu formulieren. „Statistiken gehören in diesem Land in den Ofen”, meint Ernst Christoph Suttner, Ordinarius für Ostkirchenkunde und Patrologie an der Universität Wien, im Gespräch mit einer österreichischen Journalistengruppe, die kurz vor Ostern Moskau und St. Petersburg besuchte.

Suttner, der mehrere Monate im Jahr auch an orthodoxen und katholischen Bildungsanstalten in Moskau und St. Petersburg lehrt, ist voll der Bewunderung für die Aufbauarbeiten der russisch-orthodoxen Kirche. Nach 70 Jahren ärgster Christenverfolgung, in der es verfassungsmäßig verboten war, Kindern von Gott zu erzählen, habe sich die Zahl der Kirchen in Moskau, in denen regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden, in kurzer Zeit mindestens versiebenfacht. Alle diese Kirchen verfügen auch bereits wieder über das nötige Personal - Pfarrer,

Diakone, Kirchenchöre (letztere oft schon unter weiblicher Leitung).

Der bauliche Zustand der Kirchen und der theologische Ausbildungsstand der Geistlichen sind freilich ein anderes Kapitel. Bis das kirchliche Schulwesen einigermaßen ausgebaut ist, bis die Akademien, etwa die schon errichtete „Orthodoxe Universität”, ihre Bezeichnungen ganz verdienen, wird noch viel Wasser die Moskwa oder die Newa hinunterfließen. Und es dürfte auch noch eine Weile dauern, bis zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und den anderen christlichen Konfessionen im Land, insbesondere der römisch-katholischen Kirche, ein wirklich unverkrampftes Verhältnis entsteht.

Denn zur Aufbruchstimmung, zur Erneuerung, sind auch Ernüchterung und Mißtrauen gekommen. Hatten Kirchen und religiöse Gemeinschaften früher einen gemeinsamen Gegner, das atheistische Regime, so wird jetzt eine gewisse Konkurrenz erkennbar, die vor allem auch die aus dem Westen einsickernden Sekten und Prediger anheizen. Die neue Religionsfreiheit ermöglicht Gruppen schon ab zehn Mitgliedern staatliche Anerkennung. Es kämen „viele Leute mit schmutzigen Händen”, die in anderen Ländern verurteilt worden seien, nach Rußland, beklagt der russisch-orthodoxe Erzpriester Viktor Petlutschenko, Vizepräsident des Außenamtes im Moskauer Patriarchat, und spricht im gleichen Atemzug davon, daß allein in Moskau 300

Kirchen in koreanischer Hand seien, „obwohl es in Moskau kaum Koreaner gibt”.

Petlutschenko bringt das, was anscheinend viele im Land denken, auf den Punkt: „Rußland ist offen geworden, ich würde sagen: zu offen.” Die religiöse Öffnung empfinden vor allem Vertreter der russisch-orthodoxen Mehrheitskirche wie er als Bedrohung: „Das geistliche Leben war in unserem Volk immer da. Die Prediger aber kommen, als wäre hier geistliches Ödland. Sie sind sehr aggressiv, versuchen auf brutale Weise, orthodoxe Gläubige in ihre Sekten zu holen, und benehmen sich, als ob es hier keine goldenen Kreuze auf den Kirchen gebe, als ob nicht schon wieder 20.000 Kirchen und 300 Klöster Stätten lebendigen Glaubens wären.”

Da auch die nach der Perestroika ins Land gekommenen römisch-katholischen Priester in der Regel Ausländer sind, wird auch ihre Tätigkeit von vielen Orthodoxen als „expansionistisch” angesehen. Petlutschenko: „Wenn der Papst, den wir alle schätzen und lieben, die Orthodoxie als Schwester bezeichnet, so hätten wir von den Katholiken erwartet, wie Verwandte behandelt zu werden.” Tatsächlich habe man aber 1991 die Errichtung von katholischen Admini-straturen für Moskau und Nowosibirsk samt Einsetzung von Bischöfen erst aus den Medien erfahren.

Inzwischen sind die Wogen geglättet, seit 1994 treffen einander regelmäßig Vertreter der christlichen Konfessionen, eine Sprachregelung wurde gefunden. Die Orthodoxen gestehen den katholischen Priestern zu, sich um die traditionellen Angehörigen ihrer Kirche zu kümmern, und der katholische Erzbischof von Moskau, Ta-deusz Kondrusiewicz, versichert, nur dies, und nicht Missionierung unter den Orthodoxen, hätten die Katholiken im Sinn. Im katholischen Priesterseminar in St. Petersburg studieren derzeit 42 junge Männer. Mit dem ersten Absolventen dieses Seminars, dem am Palmsonntag in Moskau geweihten Russen Wadim Schatke-witsch, sind nun 103 Priester (aus 16 Ländern) und 104 Ordensfrauen (aus 17 Ländern) im europäischen Teil Rußlands tätig.

Erzbischof Kondrusiewicz schätzt die Zahl der Katholiken in diesem Gebiet auf zumindest 300.000, viele sind polnischer und litauischer Abstammung oder aus gemischten Ehen. Nicht nur, aber in besonderem Maß in Rußland gilt das nationale Element für die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft als prägend: Russen haben orthodox, Polen und Litauer katholisch, Armenier armenisch-apostolisch, Tataren muslimisch zu sein. Unter den Russen, der bei weitem größten Gruppe, sind freilich besonders viele areligiös aufgewachsen und stellen nun für alle Glaubensgemeinschaften, insbesondere auch für die Sekten, eine besondere Herausforderung dar. Bei jenen, die bisher keine Religion hatten, sei eine starke Tendenz zum Islam spürbar, behauptet Mufti Sheikh Ravil Gainutdin, ein 37jähriger Tatare und Chef der 20 Millionen Muslime in Rußland. Er vermittelt den zufriedenen Eindruck eines Mannes, dessen Aktien steigen, verweist auf seine guten Kontakte zu Kirchenmännern (gemeinsam mit dem orthodoxen Oberhaupt, Patriarch Aleksij IL, hat er einst eine Erklärung zum Tschetschenienkrieg abgegeben: kein „religiöser Krieg”, sondern Folge der Ambitionen von Politikern) und trägt den österreichischen Journalisten abschließend Grüße an den „Bruder Kondrusiewicz” auf.

Die kleine Reisegruppe nimmt aus Rußland, aus Moskau und St. Petersburg, neben zahlreichen die Politik, Wirtschaft und Kultur des Landes betreffenden Erkenntnissen, vielfältige Eindrücke über das Wirken und Zusammenwirken der Kirchen mit. An Ort und Stelle konnten mit Hilfe der österreichischen Caritas ausgesfattete, von der orthodoxen Kirche betriebene Bäckereien besichtigt werden, ferner eine von der r; besonders dynamischen und gastfreundlichen - armenisch-apostolischen Kirche in St. Petersburg geführte Bäckerei. Das Brot wird groß teils gratis oder verbilligt an Bedürftige abgegeben.

Zur Ökumenischen Versammlung in Graz (23. bis 29. Juni 1997) werden die Bussisch-Orthodoxen (aber vermutlich nicht mit Patriarch Aleksij, sondern Metropolit Kyrill an der Spitze) kommen, doch viel Wirkung auf Rußland darf man sich von dieser Veranstaltung nicht erwarten. Nur eine winzige Elite der russisch-orthodoxen Kirche ist derzeit an vertieften ökumenischen Kontakten interessiert, viele befürworten einen Austritt aus dem Weltkirchenrat. „Vize-Außenminister” Viktor Petlutschenko machte aus den Bedenken seiner Kirche wenig Hehl: „Was hat der Weltkirchenrat in 50 Jahren erreicht? Frauen werden geweiht, Feministinnen wollen die Bibel umschreiben, sexuelle Minderheiten werden aggressiver. Wir können mit vielem nicht einverstanden sein.”

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