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Revolution 1917: Bilder und Wirklichkeit

Vom reduzierten Gemäldebestand des Sozialistischen Realismus in der Moskauer Neuen Tretjakow-Galerie bleibt ein Bild im Gedächtnis: "Lenin im Smolny" von Isaak I. Brodski (1884-1939). Ein Sofa, zwei Fauteuils mit Schonbezügen, auf einem Lenin sitzend. Er schreibt nicht auf dem mit Zeitungen bedeckten Tischchen, sondern auf dem Knie mit einem Bleistift "zornige Zettel" (Trotzki) zum bewaffneten Aufstand. Das Smolny-Institut und das benachbarte gleichnamige Frauenkloster (von "smola" - Teer für den Schiffsbau) waren Gründungen der Zarinnen Elisabeth und Katharina II. Diese Bildungsanstalt für Adels-und Offizierstöchter war im Sommer 1917 zum Hauptquartier der Revolution geworden: Der Petrograder Sowjet, das Gesamtrussische Zentralexekutivkomitee der Sowjets und das bolschewistische Revolutionäre Militärkomitee hatten hier ihren Sitz.

Lenin drängte auf den gewaltsamen Sturz der provisorischen Regierung, welche die militärische und politische Kontrolle verloren hatte. Das Militärkomitee stützte sich auf die Konzentration von Truppen und Waffen in der Hauptstadt angesichts des deutschen Vorstoßes im Baltikum. Die Erhebung erfolgte nicht in Form von Barrikadenkämpfen mit fliegenden Fahnen, sondern, wie es Lenin und Trotzki durchsetzten und planten, als systematische Besetzung der Machtzentren.

"Übergang zur Macht"

Die Chronologie des 25. Oktober: 1.25 Uhr Hauptpostamt; 2 Uhr Bahnhöfe und Elektrizitätswerk; 3 Uhr Telephon-und Telegraphenamt; 3.30 Uhr geht der Panzerkreuzer "Aurora", begleitet von Torpedobooten, in der Newa vor Anker; 6 Uhr Staatsbank und Zeitungsredaktionen. Um 10 Uhr nahm der Aufruf des Revolutionären Militärkomitees den Sturz der provisorischen Regierung vorweg und legte die Staatsmacht in die Hände des Petrograder Sowjets. Das Programm lautete "sofortiger Frieden","Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer an Grund und Boden","Arbeiterkontrolle über die Produktion","Bildung einer Sowjetregierung". Im Festsaal des Smolny sprach Lenin von der "vollbrachten Revolution" und dem Beginn der "Weltrevolution" (13.35 Uhr). Um 22.40 Uhr wurde der II. Gesamtrussische Sowjetkongress eröffnet, in dem die Bolschewiki die Mehrheit hatten.

Den mitternächtigen "Sturm auf das Winterpalais" eröffnete ein Signalschuss der "Aurora". Als 1967, in der Breschnew-Ära, das 50-jährige Jubiläum der Oktoberrevolution gefeiert wurde, wiederholte ein angeblicher Artillerist von 1917 den historischen Schuss. Um 1.50 Uhr des 26. Oktober wurde die provisorische Regierung verhaftet; ihr Präsident Kerenski war zur Front gefahren, um Verstärkungen gegen die Revolution zu holen. Der Widerstand der Offiziersschüler und eines hilflosen Frauenbataillons im Winterpalais brach zusammen. Trotzkis Bericht: "In den Korridoren ereignen sich gespenstische Begegnungen und Zusammenstöße. Alle sind bis an die Zähne bewaffnet. In den erhobenen Händen Revolver. An den Gürteln Handgranaten. Niemand aber schießt, und niemand schleudert Granaten, denn Freund und Feind sind so vermengt, dass sie nicht voneinander loskommen können." Die Nacht forderte sechs Tote und zerbrochene Fensterscheiben; Plünderungen und die Leerung des Weinkellers wurden unterbunden. Nur mit Mühe findet der Besucher im Labyrinth der Eremitage das Zimmer des letzten bürgerlichen Ministerrats: Die Sessel um den Tisch sind zur Seite gerückt, die Uhr ist um 2.10 Uhr angehalten. In der Nacht der Entscheidung spielten Theater und Kinos, und die meisten Straßenbahnen fuhren. Um 21 Uhr verkündete Lenin vor dem Sowjetkongress die Dekrete über den Frieden und Grund und Boden. Die Revolutionsregierung, der Rat der Volkskommissare, sendete den Funkspruch "An alle! An alle! / Wsem, wsem" in die Welt (30. Oktober/12. November).

Den "Übergang zur Macht" erlebte selbst Lenin als "zu schroff", wie er (in deutscher Sprache!) zu Trotzki sagte: "Es schwindelt einem." Am 27. Oktober/9. November löste sich der Sowjetkongress auf -Trotzki bezeichnete die austretenden Menschewiken und Sozialrevolutionäre als "Bankrotteure", reif für den "Kehrichthaufen der Geschichte".

Dramatisierte Erinnerung

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution wurde zum dramatisierten Erinnerungsort. Die "Aurora" etwa lieh zum Jahrhundertgedenken einem Sammelband von Erzählungen über Lenin den Titel "Am Steuer der Morgenröte". Der "Sturm auf das Winterpalais" wurde als Massenaktion zum dreijährigen Jahrestag inszeniert und fotografiert -Bilder, die kritiklos in viele Geschichtsbücher eingegangen sind. Gemälde, die Panzerwägen, Kanonen und rote Fahnen schwenkende Winterpalaisstürmer aufbieten, schmücken die Einbände von Geschichten der UdSSR und der KPdSU. Auf der Grundlage des enthusiastischen Erlebnisberichts "Zehn Tage, die die Welt erschütterten" des amerikanischen Journalisten John Reed schuf Sergej Eisenstein 1927/28, nach dem "Panzerkreuzer Potemkin" über die Revolution von 1905, den Stummfilm "Oktober" - die fiktive Erstürmung wird durch das Gittertor des gewaltigen Torbogens suggestiv gesteigert. Der Film, zu dem Schostakowitsch die Musik komponierte, unterschlug durch Stalins Zensur die Rolle Trotzkis.

Brodskis Gemälde "Lenin im Smolny" von 1930 -der hoch geachtete Künstler schuf damals das offizielle Stalin-Porträt in der Pose des Lehrers und Führers -zeigt an der altmeisterlich gemalten Tapetenwand eine Steckdose: ein Hinweis auf Lenins Definition des Kommunismus als "Sowjetmacht plus Elektrizität". Bei einer Schifffahrt auf dem Dnjepr hatte ich bei der Schleuse des seinerzeit (1932) größten Wasserkraftwerks der Welt stundenlang Gelegenheit, das Lenin-Denkmal der alten Kosakenund modernen Automobilstadt Saporoschje/Saporischschja zu betrachten. Das am Ende des zwölf Kilometer langen (ehemals Lenin-)Prospekts wirkungsvoll positionierte Lenin-Monument wies, 20 Meter hoch, in die Zukunft der politischen und technischen Revolutionierung des Sowjetreichs. Noch steht die Kommunismus-Definition auf dem Granitsockel, von dem der Bronze-Lenin im März 2016 niedergeholt wurde.

Der Platz vor dem Smolny-Institut wurde Ploschtschad Proletarskij Diktatury benannt. Diese Diktatur, von Lenin als höchste Form der Demokratie der "werktätigen Massen" mit dem Ziel der Abschaffung des Staates theoretisch entwickelt, geriet zur Diktatur der Partei. Die Hoffnung auf die Weltrevolution erfüllte sich nicht -der "Sozialismus in einem Land" verkehrte sich unter Stalins Despotie zur bürokratisch-polizeilich gesteuerten Industrialisierung und Kollektivierung, als "grausames Experiment"(Maxim Gorki).

In der Nacht der Entscheidung spielten Theater, Straßenbahnen fuhren. Um 21 Uhr verkündete Lenin die Dekrete über den Frieden und Grund und Boden.

War alles vergeblich gewesen?

Trotzki hatte rückblickend gemeint, es sei mit dem Oktober eine neue, wichtige Seite der Geschichte der Menschheit aufgeschlagen worden. Die Revolution setzte den alten julianischen Kalender der Kirche und des Zarenreichs, der die merkwürdigen Doppeldatierungen der Revolutionschronologie bestimmte, 1918 außer Kraft. Am Ende der Sowjetunion wurde auch das Gedenken der Oktoberrevolution getilgt. An seine Stelle trat, datumsnahe, der 4. November als "Tag der Einheit des Volkes". Welchen Volkes, muss gefragt werden - des russischen, der Völker der Russischen Föderation, gar eine Erinnerung an das "Sowjetvolk", die in der GUS mehr und mehr verblasst? Großrussischer Nationalismus trat an die Stelle des Internationalismus. Die Erinnerung gilt der Befreiung Moskaus von der Invasion polnischer Truppen in der Zeit der Wirren durch den Fürsten Poscharskij und den Stadtältesten Minin -im weit zurückliegenden Jahr 1612 (heroisches Denkmal von 1818 auf dem Roten Platz, den meisten der zahlreichen Moskau-Touristen unverständlich).

War alles vergeblich gewesen, die Revolution gescheitert? Mitten im Weltkrieg, da Lenin der Erste war, der im Krieg gegen den imperialistischen Krieg die Revolution forderte, veröffentlichte Rosa Luxemburg die Junius-Broschüre über die "Krise der Sozialdemokratie" (1916):"Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend -so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie." Mit Friedrich Engels meinte sie: "Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma: entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei". Angesichts des "Sieges" der russischen Oktoberrevolution bestand die große revolutionäre Sozialistin, die in der gescheiterten deutschen Revolution 1919 ermordet wurde, auf der Bewahrung der Demokratie in der und durch die Revolution, eine Haltung, die von DDR-Dogmatikern als "Luxemburgismus" verleumdet wurde. Rosa Luxemburgs Hoffnung steht über diesem Scheitern.

Lenin im Smolny

Das Smolny-Institut war Hauptquartier der Revolution. Im Gedächtnis bleibt das Bild "Lenin im Smolny" von Isaak I. Brodski .

Sturm auf Palais

Auf Grundlage des enthusiastischen Berichts des Journalisten John Reed drehte Sergej Eisenstein 1927/28 den Stummfilm "Oktober", der bis heute das Bild der Oktoberrevolution prägt.

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