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„Rühr mich nicht an“

Die „Furche“ hat über die nationalen Verhältnisse in Kärnten zwei sehr bemerkenswerte Berichte veröffentlicht , zu denen ich einige Ergänzungen bringen möchte.

Unzukömmlichkeiten wird es immer und überall geben. Wo sie sichtbar werden, wird die Oeffentlichkeit darauf aufmerksam und sich bemühen, sie abzustellcn. Da siedelt aber in Kärnten ein Trennstück des großen slawischen Gebietes im Osten. Dieses Stück, dem man nicht anraten kann, sich zum Osten zu schlagen, hat keine parlamentarische Vertretung. Es hat schon seine Zeitungen, aber wer versteht schon die Sprache? Gerade noch der unmittelbare deutsche Nachbar. Und so kommt es, daß die Dinge in Kärnten wenig oder gar nicht bekannt sind. Wenn der deutsche Kenner der Dinge ersucht wird, zu berichten, wird er es ablehnen, weil er in einem solchen Berichte an die national empfindlichen Vertreter der Mehrheit rühren müßte und damit selbst zu Schaden käme. So ist hier in einem kleinen Winkel der Welt ein heikles Noli me tangere (Rühr mich nicht an!) entstanden.

Die Slowenen in Kärnten sind die Nachfolger der Kelten, sie siedelten hier noch vor den Deutschen. Gibt es Slowenen noch heute in Kärnten? Gewisse Schriftsteller haben die Behauptung aufgestellt, man habe nur die Deutschen slawisiert. Das ebene, fruchtbare Gebiet von Villach an über Klagenfurt nach Völkermarkt und Bleiburg ist slowenisches Gebiet. Die Gegner der Slowenen sagen, das Gebiet sei gemischtsprachig, weil fast die gesamte Beamtenschaft dem deutschen Volkstum zugehört und die ganze Schule auf dem deutschen Geleise steht. Aber eine Mischsprache gibt es nirgends auf der Welt, auch hier nicht. Die Gegner der Slowenen entlasten mit dieser Aufstellung ihr Gewissen auch nicht. Jedes Kulturvolk hat ein Recht auf die Schule. Man hätte eine „Mischsprachschule“ einrichten und Mischsprachbücher bzw. Literatur schaffen müssen.

Das Volk nennt sich selbst Slowene i, der deutsche Nachbar heißt sie — ohne Geringschätzigkeit — Windische, wie er die Italiener Wallische nennt. Wie sind nun diese Slowenen, daß man sich so bemüht, dieses Volk sprachlich und kulturell umzufärben? Als der Nationalsozialismus in Mitteleuropa alles drunter und drüber warf, sandte’ man aus Kärnten scharenweise die Lehrer nach Slowenien, damit sie dort deutschen Schulunterricht einführen. Aus Gurk wurde eine deutsche Lehrkraft nach Oberkrain beordert. Sie kehrte bei Gelegenheit auf Urlaub heim und erzählte dem einstigen Oberlehrer ihre Erlebnisse. Im Gasthause saß nebenan ein Fremder, der hörte zu: „Herr Oberlehrer, das sind gescheite Kinder! Das sind schöne Kinder.“ Und wenn besonnene Reisende Fahrten durch Slowenien machen, fragen sie sich nachträglich: „Hast du die schönen Frauen gesehen?“ In Slowenien herrscht eine Wohnkultur, wie sie sonst nur von Schweden oder Finnland berichtet wird. Der karge Boden wird mit Fleiß bearbeitet, die Organisation der Wirtschaft im Genossenschaftswesen kann nicht vollkommener sein. Bekannt ist die Tatsache, daß die slowenische Untersteiermark in der Monarchie für ihren Beamtenstab eine große Zahl von „sub auspiciis“ beförderten Herrn zur Verfügung stellte.

Die Schule der Slowenen in Kärnten

Der slowenischen Volksgruppe in Kärnten hat man den Gebrauch der Muttersprache in Volks- und Mittelschule verwehrt. Der Bildungsgang ist voll auf das deutsche Geleise gestellt. Mit entsprechender Wahlgeometrie hat man in Kärnten immer zu verhindern gewußt, daß die Slowenen eine entsprechende Zahl von Vertretern im Parlamente erhalten. Wenn der Slowene Grafenauer Beschwerden vorbrachte, nannten ihn D o b c r- n i k und Konsorten einen Märchenerzähler. (Uebrigens ist es eine kärntnerische Spezialität, daß hier vielfach der fanatische Deutsche einen slawischen Namen hat und der nationale Slowene Grafenauer heißt.)

Die Folgen dieses fremdsprachigen Unterrichtes sind unabsehbar. Der Unterricht wird schwierig, ja erfolglos. Den Lehrern im slowenischen Gebiete müssen Prämien dafür gegeben werden, daß sie in dieser Misere aus-

Vgl. „Südkärnten in slowenischer Sicht" von Borjat Zerjav, Straßburg, „Furche" Nr. 33, S. 5, und „Oesterreich und seine Slowenen” von Dozent Dr. Menninger-Lerchenthal, „Furche" Nr. 37, S. 3.

harren. Die Kinder sitzen stumpfsinnig in der Bank und gewöhnen es sich überhaupt an, den Lehrer — gar nicht anzuhören. Daraus wird der Schulbetrieb eine Taubstummenanstalt. Auf die Kinder wirkt die Masse mit ihren Roheiten, von einer Erziehung kann überhaupt die Rede kaum sein. Der Religionslehrer kann auf diesem Wege nicht mit, er bemüht sich, muttersprachlich auf die Kinder einzuwirken. Bischof Doktor Kahn bestand seinerzeit darauf und setzte sich im Landtage mit aller Liebe für den Gebrauch der Muttersprache im religiösen Unterrichte ein. Später hat sich auch beim deutschen Klerus die Meinung festgesetzt: das Eindeutschen der Kinder sei in Kärnten ein natürlicher Verlauf, je eher er zum Abschlüsse kommt, desto besser. Deutsche begabte Priester haben sich bemüht, auch das Slowenische zu erlernen. Einer dieser Herren erklärte in Gesellschaft: „Mit den Kindern spreche ich deutsch, mit den Alten slowenisch.“ Doch wir sprechen hier nicht von der Katechese, sondern von der Schulkultur. Lehrfräulein X. hat die slowenische Sprache gelernt. Sie wird in Nötsch angestellt, die Kinder sind zum großen Teil slowenisch. Da kommt Inspektor Y. Das Fräulein behandelt eben den Gegenstand in slowenischer Sprache

— und wird vom Inspektor in aller Schärfe zurechtgewiesen …

Wenn die Buben zur Aufnahmsprüfung in die Mittelschulen antreten, wird vielfach die Klage laut, daß die Slowenen schlecht vorgebildet seien. Hochbegabte Kinder fallen nicht selten durch: auch der spätere Professor an der Laibacher Universität, Doktor Lambert Ehrlich, ist bei der ersten Aufnahmsprüfung durchgefallen! Der Gedankenausdruck fehlt diesen Kindern zur Gänze. Auch die Absolventen hoch organisierter Volksschulen sind nicht fähig, einen Brief zu schreiben, einen einfachen Bericht zu verfassen. Die Absolventen dieser Schulen lesen nichts. Schon die Offiziere unserer alten Armee beklagten sich darüber. Sie lesen weder Zeitung noch Buch. Schuhmacherme i s t e r W. in Klagenfurt ist krank. Ein bekannter Priester bietet ihm ein Buch zum Lesen; und die Antwort des Meisters: „Wenn i a Buach sich, hab i schon gefressen.“

Elternrecht und Kinderrecht

Die sprachlichen Rechte und Pflichten der Eltern sind erst in neuester Zeit von der Wissenschaft gründlich behandelt worden. Die Politiker hätten nie soviel Unheil anrichten können, wenn die Sache sachlich behandelt und nicht agitatorisch mißhandelt worden wäre. Der Steyler Gelehrte Grentrup SVD. hat sich mit dieser Arbeit große Verdienste erworben. Sein Buch Religion und Muttersprache ist in Deutschland preisgekrönt worden (Münster- Aschendorf 1932). Ein führender Mann der Sozialdemokratie in Kärnten hat das katholische Buch gelesen, Herren, deren Pflicht es gewesen wäre, das zu lesen, haben es nicht getan. In diesem Werk ist u. a. folgendes zu lesen (S. 62 ff.):

„Weil die Sprache das Wohl des einzelnen und der Gesamtheit fördert, hat das Kind ein Recht, in die Sprachgemeinschaft einzutreten. Damit ist aber noch nichts gesagt über das Recht auf eine bestimmte Sprache. Die kindlichen Sprachorgane passen sich allen möglichen Lauten an, doch darf der Einfluß der Vererbung nicht übersehen werden. Der Trieb zum Sprechen aber kann sich nur an der Umwelt entwickeln. Im Kinde zeigt sich frühzeitig die Hinordnung auf die Sprache der ersten Umgebung. Das Kind soll ferner durch Anschluß auf die Umgebung mittels der Sprache gewinnen und damit aus der Umgebung den Emporstieg gewinnen. Die Gemeinschaft, in welche das Kind gebettet ist, bestimmt seine Sprache. Im natürlichen Verlaufe legt sich die Familie als erster Gemeinschaftsring um den werdenden Menschen. Den zweiten Ring bildet das Volk, in dessen Organismus sich die Familie eingliedert. Daraus folgt, daß die naturbestimmte Entwicklung in die Sprache der Familie und des Volkstumes hineinwachsen läßt, der Staatssprache kommt nur eine ergänzende und vollendete Funktion zu. Wie es eine Umkehrung der Ordnung bedeutet, wenn der Staat die Kinder aus den Familien heraushebt, so ist es ein Schlag gegen die naturgemäße Ein richtung, wenn der Staat die Kinder aus der Familiengemeinschaft herausreißt. Rein pädagogische Gründe stärken das Recht des Kindes auf den muttersprachlichen Unterricht in der schulgemäßen Erziehung … Es ist eine Sünde gegen die Erziehung, wenn ohne zwingende Notwendigkeit den Kindern in der Schule ein Lehrer gegenübergestellt wird, der die Muttersprache der Kinder nicht anwendet." Grentrups Buch müßte von allen im fremdsprachigen Gebiete wirkenden Lehrern und Katecheten gelesen werden, die Pädagogikstunden in Priesterseminarien und Prä- parandien müßten sich damit befassen.

Wieviel Slowenen leben in Kärnten?

Darüber streiten sich die Leute. Die Sache ist noch verworrener geworden dadurch, daß man einen Unterschied zwischen slowenisch und windisch behauptet und die sogenannten Windischen nicht als Slowenen zählen will. Der Diözesanschematismus hat bei allen in Frage kommenden Pfarren Deutsche und Slowenen gezählt. Nach Bischof Kahn wurde diese Zählung — aufgelassen. Die Engländer zählten in Kärnten:

Der slowenische Genossenschaftsverband allein zählt 5000 zahlende Mitglieder — daraus allein darf schon auf eine viel höhere Anzahl der slowenischen Volksangehörigen geschlossen werden. Wenn die bäuerliche Familie mit Dienstboten und Kindern gezählt wird, wird sie das Zehnfache der besitzenden Genossenschafter übersteigen.

Eine „ehrliche“ Zählung täte dringend not und könnte viel zur Klärung des ethnographischen Situationsbildes beitragen. Von hier aus könnten sich aber auch Ansatzpunkte zu einer aufrichtig gemeinten Begegnung und damit zur Lösung des Gesamtproblems bieten, die im Interesse aller liegt.

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