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Siebenbürgen

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Im osteuropäischen Raum sind die Dinge, trotz des gegenrevolutionären Rückschlages in Ungarn, in ständiger Entwicklung. Aus Rumänien kommt uns nur selten Kunde. Aber wir dürfen dieses Land und sein Herzstück, Siebenbürgen, nicht aus dem Auge verlieren. Der Westen muß für die Zukunft mit konstruktiven Plänen gerüstet sein. Der Autor des nachfolgenden Artikels ist Siebenbürger Ungar und sieht die Zukunft seiner Heimat zunächst von diesem Standpunkt aus. Seine Gedanken scheinen uns aber so wichtig und positiv, daß wir ihnen im folgenden gern Raum geben. Die „Furche“

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Im osteuropäischen Raum sind die Dinge, trotz des gegenrevolutionären Rückschlages in Ungarn, in ständiger Entwicklung. Aus Rumänien kommt uns nur selten Kunde. Aber wir dürfen dieses Land und sein Herzstück, Siebenbürgen, nicht aus dem Auge verlieren. Der Westen muß für die Zukunft mit konstruktiven Plänen gerüstet sein. Der Autor des nachfolgenden Artikels ist Siebenbürger Ungar und sieht die Zukunft seiner Heimat zunächst von diesem Standpunkt aus. Seine Gedanken scheinen uns aber so wichtig und positiv, daß wir ihnen im folgenden gern Raum geben. Die „Furche“

Siebenbürgen ist ein Mikrokosmos, eine kleine Vollkommenheit. Auf kleinem Territorium ist dieses Gebiet sehr reich an Naturschönheiten und an Bodenschätzen. Siebenbürgen ist nur ein winziger Teil der Erde. Im Inneren ist es aber eine kleine Welt — eine ganz eigentümliche Welt. Siebenbürgen war immer ein selbstbewußtes Land, auch dann, als es ein selbständiges Fürstentum oder den ergänzenden Teil eines größeren Landes bildete. Die Einstellung der siebenbürgischen Völker: der Ungarn, Deutschen und Rumänen, war von jeher selbständig und autonomistisch. Je höher die politische Reife, die geistige und wirtschaftliche Bildung eines Volkes ist, um so größer ist das Volksbewußtsein und das Verlangen nach Freiheit.

Es gibt bei allen drei siebenbürgischen Völkern eine Einstellung, die man Transsylvanismus nennen könnte. Dies bemerkt der Fremde sogleich, wenn er nach Siebenbürgen kommt. Den Transsylvanismus könnte man als Kompromißsuchen bezeichnen. In den ständigen Kämpfen um ihr Bestehen lernten sich die siebenbürgischen Völker kennen und schätzen, und die Erfahrung zeigte ihnen, daß sie, über alle Gegensätze hinweg, besser die Kämpfe bestanden, wenn sie sich einigten und dem Feind gemeinsam die Stirne boten. Brüderliche Einigung war das Hauptmerkmal der Siebenbürger. Diese „Eini-, gung“ wird heute noch gegen den gemeinsamen Unterdrücker, den Bolschewismus, angewendet.

Unter Siebenbürgen verstehen wir kurz jene Gebiete, die nach dem ersten Weltkrieg vom ungarischen Staatskörper abgetrennt und durch den Trianoner Friedensvertrag an Rumänien übergeben wurden. Das Schicksal dieses Landes war wechselreich. Siebenbürgen wurde 1919, nach mehr als tausend Jahren ungarischen Besitzes, ohne daß es in einer Volksabstimmung befragt worden wäre, ein Bestandteil Rumäniens. In den Karlsburger Beschlüssen versprachen allerdings die Siebenbürger Rumänen den mitlebenden Völkern Rechte bis zur Autonomie, Rechte, deren Erfüllung genügt hätte, um im neuen staatlichen Rahmen ein Paradies der Gerechtigkeit zu schaffen. Leider wurden die Beschlüsse nie erfüllt.

Vielfältig waren die Angriffe des „staatsleitenden“ Volkes, der Rumänen, gegen die sogenannten Minderheiten, Ungarn und Deutsche, durch welche sie den Bestand dieser Völker zu schwächen, ihre Wirtschaft zu stören und ihre geistige Ueberlegenheit zu verringern suchten. Diese Angriffe wurden immer schärfer und dauerten bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges an.

Im Jahre 1940 wurde Siebenbürgen durch den auf die Bitte Rumäniens gefällten Wiener Schiedsspruch, dessen Paten Hitler und Mussolini waren, in zwei Teile geteilt. Den nördlichen Teil bekam Ungarn, den südlichen Rumänien. Dieser Zustand dauerte, bis 1944 die russischen

Truppen vordrangen und das Land besetzten. Der damalige russische Außenminister Wy- schinsky erschien persönlich in Klausenburg, der Hauptstadt Siebenbürgens, wo er feierlich die „Befreiung“ des Landes und die „Rückgabe“ an Rumänien erklärte. Diese Rückgliederung wurde im Jahre 1946 durch das Pariser Friedensdiktat sanktioniert.

Nach der Rückgliederung kam die Dez 1 mierung der ungarischen -und besonders der deutschen Bevölke- f u n'' einige3 tausend ' tingarn unf fteuische flüchteten nach dem Westen. Die Masse blieb daheim. Im Jahre 1945 wurden alle deutschen Mädchen und Frauen Rumäniens zwischen dem 18. und 30. und alle Männer vom 17. bis 45. Lebensjahr, also der Kern des Volkes, nach Rußland weggeführt, von wo, nach fünfjähriger schwerer Fronarbeit, allerdings ein sehr großer Teil wieder in die Heimat zurückgekehrt ist. Bei den Ungarn wurde der Großteil der Intelligenz zum Tode verurteilt oder in den Kerker geworfen. Andere wurden zu Zwangsarbeit an dem berüchtigten Donau-Schwarzmeer-Kanal verschleppt. Unter ihnen war auch unter anderen der katholische Bischof von Temesvar, Augustin P a c h a, der schwerkrank entlassen wurde und kurz darauf in Temesvar starb. Man enteignete fast alle Bauern entschädigungslos. In ihre Höfe setzte man Fremde. In den Städten nahm der Staat die Fabriken und größeren Geschäfte an sich.

Das neue Regime brachte große Veränderungen in der Verwaltung des Landes. Man vertauschte die bisherige ungarische Gebietseinteilung des Landes in Komitaten gegen Provinzen (regiunea), deren Hauptstädte Arad, Nagybanya, Klausenburg, Deva, Großwardein, Kronstadt, Temesvar, Marosväsärhely und weitere zehn Städte im rumänischen Altreich sind. Paragraph 19 der neuen rumänischen Verfassung ermöglichte die Organisation der sogenannten „Autonomen ungarischen Provinz“ mit dem Sitz in Marosväsärhely. Diese Provinz umfaßt jene Gebiete im östlichen Teil Siebenbürgens, die hauptsächlich von Szeklern bewohnt werden.

Nach den statistischen Daten der amtlichen rumänischen Volkszählung aus dem Jahre 1948 hat das geschichtliche Siebenbürgen, das sogenannte Gebiet des Partium und das Banat, insgesamt 5,550.000 Einwohner, davon sind 57,7% Rumänen, 23% LInsarn, 12,2% Deutsche und 7% verschiedene Völker.

Siebenbürgens volkstümlicher katholischer Bischof Äron M ä r t o n schrieb in einem an Peter Grozsa, den damaligen rumänischen Ministerpräsidenten, gerichteten Brief:

„Das ungarische Volkstum in Siebenbürgen, das man gegen seinen Willen vom ungarischen Volkskörper abgetrennt hat, ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß es weder individuell noch alsVolksgruppe ein menschenwürdiges Dasein führen kann.“

Die Rumänen wollen Siebenbürgen nicht verlassen, aber auch die seit einem Jahrtausend dort lebenden Ungarn möchten Siebenbürgen nicht aufgeben.

„Wir glauben“, schreibt Bischof Märton, „daß man die Siebenbürger Frage nicht in sich selbst betrachten, sondern die Lösung der Probleme, nach Anhörung der interessierten Teile, als einen ganz Europa interessierenden Fragenkomplex behandeln muß.“

Der englische .Publizist Seton Watsön kam, nach einer Studienreise durch Siebenbürgen, zu folgenden Schlüssen:

„Siebenbürgen kann man nicht als eine rumänische Provinz, die auch ungarische Bevölkerung hat, oder als ungarische Provinz, wo auch Rumänen leben, betrachten. Siebenbürgen ist die Ffeimat der Ungarn und Rumänen. Ebenso kann man es sich schwer vorstellen, daß dieses Gebiet hundertprozentig Rumänien oder Ungarn einverleibt werden soll, um eine Lösung zu finden, falls diese Länder sich weiterhin auf nationaler Basis organisieren. Bleibt die Möglichkeit der föderalistischen Lösung. Diese müßte es anerkennen, daß Siebenbürgen weder rumänisch noch ungarisch ist und eine ganz eigenartige Einheit bildet, deren Zustandekommen beiden Vö'kern zu verdanken ist. Siebenbürgen müßte eine autonome Einheit in einer Landesföderation bilden, welcher nicht nur Rumänien und Ungarn, sondern auch die anderen Nachbarvölker angehören würden. In Siebenbürgen sollten die Rumänen und Ungarn gleiche Rechte haben, die Staatsbeamten müßten aus beiden Völkern rekrutiert werden, die natürlich beide Sprachen sprechen.“

So schrieb der englische Publizist, der ein großer Freund Rumäniens war Er vergißt leider, auch die Sachsen und Schwaben zu erwähnen, die, unseres Erachtens, natürlich auch dieselben Rechte haben sollten wie die Ungarn und Rumänen.

”, Wir Ungarn wollen äuf Siebenbürgen nicht verzichten. Mit weitestgehender Sicherung der

Autonomie und des freien Sprachgebrauchs der anderen siebenbürgischen Völker wünscht ein jeder Ungar die Wiederherstellung der Selbständigkeit. Von diesem Verlangen wollen die jetzigen Herren, die Rumänen, nichts wissen. Um diese Streitfrage zu lösen, würde man wieder einen Schiedsspruch in Anspruch nehmen oder, sich auf das Selbstbestimmungsrecht berufend, eine Volksabstimmung abhalten müssen.

Keine von diesen Lösungen würde die Interessierten zufriedenstellen. Der Streit ginge weiter und würde, wie die Frage Kaschmir zwischen Indien und Pakistan oder wie die Triester Frage zwischen Italien und Jugoslawien es war, einen ständigen Gefahrenherd für den. Frieden bilden.

Wenn es also unmöglich wäre, eine Rückgliederung zu erreichen, müßte man aber doch eine Lösung finden, die ein „menschenwürdiges Dasein“ für alle siebenbürgischen Völker sichert.

Bei der Suche nach einer gerechten Lösung sollte man die Schweiz als Beispiel nehmen. Von der Schweizer Bevölkerung sind 80% Deutsche, 15% Franzosen, 4% Italiener und 1% Rätoromanen, die alle in friedlicher Eintracht Zusammenleben und ihre Rechte gegenseitig respektieren.

Das heutige Siebenbürgen könnte man nach dem Schweizer Muster in Gebietseinheiten, sogenannte Kantone, aufteilen. Diese Kantone zusammen würden ein selbständiges Land bilden, das ein Mitglied des Bundes der Donaustaaten sein sollte.

Die Schweizer Verfassung könnte als Muster für die Verfassung des selbständigen Sieben-

bürgens dienen. Die Regierung bestünde aus sieben Mitgliedern. Der Staatspräsident wäre aus den Reihen der Regierungsmitglieder, auf die Dauer von einem Jahr, zu wählen. Die Regierung würde für sieben Jahre von einem Parlament gewählt werden. Von den Regierungsmitgliedern würden vier der rumänischen, zwei der ungarischen und eines der deutschen Nationalität angehören. Das Parlament sollte auf dem Zweikammernsystem aufgebaut werden. Die Deputiertenkammer mit 200 Mitgliedern, die man in freien, direkten und geheimen Wahlen lä dėn gleichzahTigen Wahlbezirken'wählt. Die Mitglieder des Senates würde man, nach dem Schweizer "und amerikanischen Muster, nicht nach den zahlenmäßigen Verhältnissen der Völker, sondern so wählen, daß das rumänische Element nicht in Mehrheit sei. Das würde auch eine verfassungsmäßige Garantie dafür sein, daß die in zahlenmäßiger Ueberlegenheit befindlichen Rumänen keine nachträglichen Gesetze für die Ungarn und Deutschen erlassen. (So wie es vor einiger Zeit der Präsident der Paneuropa- bewegung, Coudenhove-Calergi, zum Schutze der türkischen Minderheit auf Zypern empfohlen hat.)

Einen anderen verfassungsmäßigen Schutz würde die Zusammenstellung des Verfassungsund Verwaltungsgerichtshofes darstellen, dessen Mitglieder aus den Repräsentanten aller Völker gewählt werden müßten.

In der Schweiz hat der Senat, Ständerat genannt, 44 Mitglieder. So viele Mitglieder könnte auch der siebenbürgische Senat haben, in dem die verschiedenen Gebietseinheiten (Kantone) in folgendem Verhältnis die Senatoren wählen würden:

Nordsiebenbürgen: 3 rumänische, 1 ungarisches, 1 deutsches Mitglied.

Mittelsiebenbürgen: 4 rumänische, 4 ungarische,

1 deutsches Mitglied.

Ostsiebenbürgen: 2 rumänische, 4 ungarische, 1 deutsches Mitglied.

Südsiebenbürgen: 7 rumänische, 1 ungarisches, 1 deutsches Mitglied.

Banat und Arad: 2 rumänische, 2 ungarische, 1 deutsches und 1 slawisches Mitglied.

Partium: 3 rumänische, 3 ungarische, 1 deutsches Mitglied.

Insgesamt hätte der Senat 21 rumänische, 15 ungarische, 7 deutsche und 1 slawisches Mitglied. Diese Zahlen sind natürlich ungefähr und müßten sich nach den letzten Bevölkerungszahlen richten.

Die Verfassung und deren Einhaltung müßten die Großmächte bzw. die UNO sichern. In der Praxis würde die verfassungsmäßig gesicherte Autonomie der Gebietseinheiten (Kantone) die beste Garantie bieten. Nur die im Gesetz vorher bestimmten Angelegenheiten würden, nach Schweizer Muster, der zentralen Regierung überlassen bleiben. Polizeiwesen, Justiz, Volksgesundheit, Erziehung, Aufenthaltsbewilligung, Einbürgerung usw. sollten die kantonalen Behörden organisieren und lenken. Die Verwaltung der Kantone obliegt dem Kantonsrate,dessen Mitglieder im Verhältnis 9:7:5 gewählt werden. Die Frauen hätten passives und aktives Wahlrecht. Die Amtssprachen wären die ungarische, rumänische, deutsche, im Banat auch eine slawische Sprache. Die Beamten müßten wenigstens zwei Sprachen sprechen.

Alle Glaubensbekenntnisse könnten frei und ungehindert ihre Religion verkünden, konfessionelle Schulen gründen und leiten, die der Staat finanziert und unterstützt.

Der Philosoph Jaspers meint, daß Europa bezüglich der politischen Formen vor einem Scheideweg steht: Es muß zwischen Balkani- sieren oder Helvetisieren wählen, das heißt: es wird sich für den Balkan entscheiden und ein

Mosaikstück der ultranationalistischen Staaten bilden, oder aber das Beispiel der föderalistischen Schweiz nachahmen.

Wir müssen alles versuchen, damit in diesem Gebiet Europas, wo schon soviel Leid, Blut-, geistige und materielle Opfer dargebracht wurden, endlich der aufbauende Friede, Einigkeit und gegenseitige Wertschätzung einziehen sollen.

Mitte des vorigen Jahrhunderts schrieb der Franzose Proudhon: „Le XX-eme siede ouvrira I’ėre de la fėdėralisation ou l’humanitė re- commencera un purgatoire de mille ans.“ („Das 20. Jahrhundert wird die Epoche des Föderalismus eröffnen oder die Menschheit wird ein tausendjähriges Fegefeuer beginnen.“)

Das sind ernste Mahner. Wir Siebenbürger müssen nur den herrlichen Gedankengang des Heimatliedes der Siebenbürger Sachsen in unserer Erinnerung wachrufen, dessen zwei letzte Strophen die schöne Vergangenheit und einen zu beherzigenden Rat für die Gegenwart und Zukunft geben:

„Siebenbürgen, grüner Tempel Mit der Berge hohem Chor,

Wo der Andacht Huldigungen Steigen in so vielen Zungen Zu dem einen Gott empor I

Siebenbürgen, süße Heimat,

Unser teures Vaterland!

Sei gegrüßt in deiner Schöne,

Und um alle deine Söhne Schlinge sich der Eintracht Band!“

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