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Terror bedroht uns alle

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Terror an Ferienstränden in Italien, in Spanien und in der Türkei, Anschläge in Israel und in den USA -eine Welle der Gewalt überrollt die Erde.

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Terror an Ferienstränden in Italien, in Spanien und in der Türkei, Anschläge in Israel und in den USA -eine Welle der Gewalt überrollt die Erde.

Von einer Blutspur, die sich durch mehrere Länder zieht, zu sprechen, wäre eine Verniedlichung -nein, eine Vielzahl blutgetränkter Netze spannt sich über den ganzen Erdball. Tag für Tag, Woche für Woche fordern Terrorakte in aller Welt ihre Opfer. Hat der Dritte Weltkrieg schon begonnen? Ist dieser Krieg kein großer militärischer Konflikt zwischen Staaten, sondern eine ständige Abfolge vieler kleiner und mittlerer Gewalttaten, mit denen radikale oppositionelle Gruppen oder von Aggressionen beherrschte Einzeltäter einem Gemeinwesen und seinen Repräsentanten den Kampf ansagen?

Die Gefahr lauert überall, unter Umständen auch in einem österreichischen Briefkasten, aber meist dort, wo viele Menschen zusammenkom-

men. Der Anschlag kann im Vergnügungspark der Olympiastadt Atlanta oder am Badestrand der Adria, in der Bahnhofshalle von Bologna oder in einem Bus in Israel, in einem amerikanischen Flugzeug oder in der U-Bahn von Tokio stattfinden. Weder in Kirchen, Schulen oder Kindergärten noch in der Nähe von Kulturschätzen, seien es die Uffizien in Florenz, der Schiefe Turm von Pisa oder die Alhambra in Granada, darf man sich sicher fühlen, schon gar nicht auf Brücken oder in der Umgebung von Strom- oder Sendemasten.

Es kann an der türkischen oder spanischen Küste, im Zentrum von Paris, in Peru oder Indien, im niederösterreichischen Ebergassing oder im burgenländischen Oberwart passieren. Es kann „nur" Sachschaden, aber auch viele Tote und Verletzte geben. Die Täter können Rechte oder Linke, verrückte Egozentriker oder fanatisch einer nationalen oder religiösen Bewegung hingegebene Kamikaze-Typen sein. Für sich selbst wird fast jeder von ihnen eine Rechtfertigung haben: daß er einer höheren Sache dient, daß er eine Art „Rächer der Unterdrückten"

ist, ein Robin Hood, ein Kämpfer für die Freiheit eines Volkes (so werden sich auch die jetzt amnestierten Südtiroler „Bumser" der sechziger Jahre sehen) oder einer gesellschaftlichen Gruppe, allein oder im Bund mit anderen. Albert Camus hat in seinem Drama „Die Gerechten" das Dilemma eines idealistischen russischen Terroristen aufgezeigt, der zunächst die Bombe nicht werfen will, weil sich im Wagen des Großfürsten, auf den er es abgesehen hat, auch Kinder befinden.

Man verwechsle Terrorismus nicht mit dem sittlich anders zu bewertenden Versuch des Tyrannenmordes, wie ihn Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 unternahm, der es dabei einzig und allein auf den „Führer" Adolf Hitler abgesehen hatte. Für die Bombenleger der irischen IBA, der baskischen ETA, der kurdischen PKK oder der palästinensischen Hamas gelten hingegen andere Maßstäbe. Sie führen mit den Mitteln des Terrors einen Krieg, den sie offen nie führen und gewinnen könnten. Terroristen wie sie sind in der Wahl ihrer Ziele nicht zimperlich, nehmen Tod und Verletzung von am Konflikt Unbeteiligten in Kauf, denn sie wollen ja allgemein „Terror", also Schrecken, verbreiten, wollen das System, gegen das sie agieren, destabilisieren.

Der Wahnsinn von Terroristen hat meist Methode. Ob dahinter in allen Fällen über das Ausleben von Aggression und persönliches Machtstreben hinaus echte politische Ziele stehen, lassen etliche Fälle der jüngsten Zeit bezweifeln. Daß ein Terroranschlag zu einem „Erfolg" für die Terroristen

führen kann, hätte zum mindesten zur Voraussetzung, daß die Absichten des Urhebers eindeutig erkennbar und nachvollziehbar sind. Weder bei der Rohrbombe im Olympiapark von Atlanta noch beim Absturz der TWA-Maschine (der auch andere Ursachen, zum Beispiel einen Versicherungsbetrug, haben könnte) ist dieser Punkt geklärt. Wenn aber niemand die Motive von Terroristen kennt (und ihre Methoden sowieso ablehnt), dann war ihr Handeln nur kontraproduktiv.

Und wer könnte Verständnis für Leute haben, die das World Trade Center in New York oder ein Hochhaus mit Kindern in die Luft jagen (wie in Oklahoma City) oder Gift-

gas in die U-Bahn leiten (wie in Tokio)? Es ist erschütternd, daß gerade religiöse Gruppen (Islamisten, Davidianer, Aum-Sekte), die moralische Werte hochhalten sollten, als Urheber solcher Terrorakte gelten und über ungeheure Waffenarsenale verfügen. Ob der Terrorismus eingedämmt werden kann, wird letztlich nämlich nicht nur von den Fähigkeiten der Exekutive abhängen, sondern weit mehr wahrscheinlich davon, wie weit moralische Werte wieder gepflegt werden und sich durchsetzen können.

Daß Österreichs Sicherheitsbehörden in Sachen Brief bomben offenbar wenig Fortschritte gemacht haben, ist ihnen weniger anzulasten als die

Nonchalance, mit der darüber hinweggegangen und der Eindruck zu vermitteln versucht wird: Wir wissen schon viel mehr, als wir der Öffentlichkeit sagen, und wir kriegen alles in den Griff.

Terrorismus läßt sich aber nicht so einfach kontrollieren und verhindern, weder der hausgemachte noch der international gesteuerte. Der anscheinend von Österreich gewählte Weg, internationale Terroristen in Österreich in Ruhe zu lassen, solange sie hierzulande Ruhe geben, ist eine zweischneidige Sache.

Terrorismus auf der rein kri -minellen Ebene läuft ja relativ einfach ab: Die Mafia (ob russische, chinesische oder italienische) oder eine ähnliche Gruppe terrorisiert Einzelpersonen und deren Familien und macht ihnen brutal klar, mit welchem „Schutzgeld" weitere Anschläge verhindert werden könnten. Wohl dem, der aus eigener Kraft oder mit Hilfe der Polizei, die aber womöglich schon unterwandert oder korrumpiert ist, mit dem Problem fertig werden kann! Die Todesopfer nach Mafia-Schießereien werden in Österreich jedenfalls mehr.

Da es aber seit Menschengedenken auch Kriminelle im politischen Mäntelchen oder politische Akteure mit verbrecherischen Methoden gibt, muß auch dieses die gesamte Gesellschaft bedrohende Problem bewältigt werden. Kein Gemeinwesen, das auf sich hält, kann auf Erpressungen eingehen, aber jedes wird gut daran tun, nicht nur die Terroristen zu bekämpfen, sondern auch die Ursachen ihrer Aktivitäten, die Wurzeln ihres Hasses zu analysieren und mög-

lichst auszuräumen.

Friedrich Schillers Stück „Die Räuber" endet mit der Einsicht der Hauptfigur Karl Moor, der zunächst dem Establishment den Kampf angesagt hat, daß zwei von seiner Sorte die sittliche Ordnung total zugrunderichten würden, worauf er sich der Justiz stellt.

Nur ein Funke dieser Einsicht wäre heutigen Terroristen zu wünschen.

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